LUDWIG
FEUERBACH IN
SEINEM
BRIEFWECHSEL
UND NACHLASS:...
Ludwig Feuerbach
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Ludwig reuerbach
in seineiD
Briefwechsel und Nachlass
aowk in seimr
I'Lilosopliisclieu Charaktereiitvv ickluug
daigosdeUt ron
Marl dran.
<• « •
Leipzig & Seidelberg.
C. F. Winter'sehe VerlagshandlnDg.
1874.
9
Ludwig Feuerbach's
Briefwechsel und Nachlaset
1850—1872.
Leipzig & Heidelberg.
C. F. Winler'sche VerlagshandUng.
1874.
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1:1E NEW YORK
PÜBLICLIBRA y
AITCNI, LSMOX ANO
IlLDCN FOur.OATlONa.
189a.
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4
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Inhalt des zweiten Bandes.
8«ite
IV. Periode, 1850—1860. Die Natar nnd Mensch gewordene Philosophie.
Die ,tTheogoiüe". Biographisches t •
M- Drossbach an L. Feuerbach 1849 S
Fenerbach an M. Drossbach 1850 —
Feaerbach au Friodrirh Kapp 1850 7
Fenerbach an Pfaut/> „für seine Schrift** 1850 8
Dr. Ed. Blockhaus an Fenerbach 1850 9
Feaerbach an Friedrich Kapp 1851 iO
Fenerbach an Boux (?) 1851 11
Fenerbach an Jos. Schibich 1851 12
Feuerbach an Fr. A. Brockliaus 1851 LS
Feuerbach an J. Schibich 1851 15
Derselbe an denselben 1852 18
V. Amonid a Feut-rbach 1852 19
Feaerbach an Fr. Kapp 1852 — ■
Sievers an Feaerbach 1S52 2tf
E. (t. V. Herder an Fenerbach 1852 21
Feuerbach an Schibich 1852 22
Feuerbach an Hcidcureich 1852 24
Derselbe an denselben 1852 2ft
Ff^iierbach an F. A. Brockhans 1852 2ft
Fenerbach an Fr. Kapp 1853 27
J Schibich an Feuerbach 1858 28
Fenerbach an E. G. v. Herder 1853 2ft
Feuerbach an Dr. J. Dnboc 1853 33
Feuerbach an 0. Vigand 1855 3$:
Derselbe an denselben J85t> 30'
Boge an Fenerbach 1857 4ft
Feaerbach an Roge 1857 41
Heinri' h Bt-necke an Feuerbach 1856 42
Feaerbach an H- Benecke 1856 43
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VI
H. Bpnecto an Fcnerbach 1658—1860 44
Fcnerbach an W. Bolin 1S57. 1858 46
W. Rnlin an Feücrha( h 1S5S 52
W. Rolin an Fen. rh.irh l^')«) 5.1
Feaerhach an W. Rolin IS.VJ 5Ä
Feaerbach an Direktor Dr. Kapp 1857 57
Feuerbach an Fr. Kapp 1859 58
Feaerbach an Direktor Dr. Kapp 1S59 59
Jakob Molcscbott an L. Fauerbach 1S50— l^^öS 60
T. TilliüH k Fenerbach 1858 II
Ans (l<-tn Vai'blass.
Die Naturwissenschaft und die Rerolütion . , . . . , , , , , , , , 73
Zar Theogonie:
"Ein- und Vielgötterei . . ' 92
l.fihnitz und die Wüni-fh ' . . . , . , . . . . . . , . . . . .
Das Herz . — ein Polythoi^t 94
Der Eid . . . . . . . . ^ . . . . . . . . , , , . . . . =
llnsterblichü Schattin . . . . , . . . . , . . . . . . . , , —
Spinozas Liebe zn Gott 95
Piaton und das Christcnthum —
Spiritualismus und Sensualismus. System der Rechtsphilosophie von Ludwig
Knapp 96
Dr. Fri» Mlnrh Wilhelm TToidcnrc iVb , . , . , . . , . , . . , , , Uli
V. Periode, 1872. Die Leidenszeit. Sittlicho Probleme, Moralphilo -
sophie, .»(iotthcit. Freiheit, Unsterblichkeit Das Fragment. Krankheit
nnd Tod. Piographisches , . lOQ
Friedrich Münch an L. Feuerbach 1860 116
E. Dedckind an L- Fi'iierbach \^f>() . .117
K. Vogt an Fencrbach 1860 118
W. Bolin an Feuerbach 1860 IIQ
Feuerbarh an W". Rolin 1860 —
. Ch. Dollfus ä Feaerbach IbiU» ... 122
Feuerbach an Dr. J. Duboc 1860 ' . . 123
Feuerbach an 0. Lunin;; lS6o • ... 126
Dr. J. Duboc an L. Feuerbach 1860 127
Feuerbarh an Dr. J. Duboc 1861 —
Jos. Schibich an L. Fencrbach 1<^»'.1 . 12R
Konrad Haag an Feuerbach 1861 129
Feuerbarh an W. Bolin 1861 135
W. Rolin an F>'nerbach IM'.l I.^R
Feuerbach an K. Haag 1^61 13^
Feuerbach an W. Bolin 1861 .139
K. Haag an Feaerbach 1861 140
y Google
. VII
Feuerbach an Trübner in London ISOl 144
Trü])n.-r an FtiUttrbacli ISOI . . . . . . . . . llÄ
Feiierbar.h an Dr. J. Dubüc lSf>2 . —
Feucrharh au W. «olin 1S62 — 64 14S
PriMP.ft dp. Khanilnff k Vmo. vha.rh \SiV,i . . ^ . . .. , , , .. , . . lÜÜ
F. Tjkssallß an FeuerbarJi 162
Mr. E. VaiHant ä Fencrbach isr»4 1611
Mr. Jos. Roy & Fenerbacli 1S64 164
T^. mi'ma an ni('mfi 1S65 . , .. .. .. , , .. , , , , , , , .. , IM
Fauerbach au Fr. Kapp 1605 167
Yaillant ä FcMUTbach 1S65 168
K. Blind an Fcucibach 1865 . . , .. .. = = = . = .. .. = = . . .. lüD
Feucrbach an W. Boliu lS(i5 —
Feutrbach an H. W i;::anJ 1865 171
Derst'.lhn an den selben ISO ö 172
FftPftrharTi an W. Bolir. lS6fi . - - 174
W. Rolin an Fftuerbar.h IStil', , . , . , , ., , , , , Hl
Vamant ä Fauerbach 1866 178
Mr. H. C. Brockmeyer to L. Fauerbach 1S66 —
Ludwig Pfau an Fencrbach 1866 —
/ Feuerbach an Dr. J. Duboc 1866 ISO
f Feuerbach an Fr. Kapp 1866 183
, Derselbe an denselben 1867 . . . , . , . . , . . . . . . . . . 184
Fencrbach au W. Boliu 1807 —
G. Bäuerlc an Fcuerbach lb67 186
Feuerbach an Bäucrlc 1807 187
L. Pfau an Feuerbach 1867 18«
Feuerbach an W. Bolin 1867. 189
Subprior P. üdeplious Müller an Feuerbach 1867 193
W. Bolin an Feuerbach 1867 194
Vaillant k Feuerbach 1867 195 •
Fencrbach an Fr. Kapp 1868 196
Molcschott an Feuerbach 1868 197
Feuerbach au W. Boliu 1868— 1&7Ü 19'J
Feuerbach an 0. Wigand 1868 208
Le Prince de Khanikoll' ä Feuerbaeh 1808 204
Vaillant ä Feuerbach 186i) 205
Feuerbach an Frau Mathilde Wcndt (Newyork) 1809 2Q6
Dersc-lbe au dieselbe 1870 207
Fetterbach an Spyeidel) in Wien 1870 —
Loigi Stefanoni a Feuerbach 1870 208
Leonore Feuerbach an Luigi Stefanoni 209
Mr Rachel an Feuerbach 1870 "21 0 •
Ottilie As^iug au Feuerbach 1871 211
Feuerbach an Hrn. Markus zu Hamburg 1871 213
Ottilie Asäing an Feuerbach 1871 —
K. (iruu au Feuerbach 187 1 -~
Phtlusuj^bi^cbeü Idyll uder Ludwig und Konrad 215
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VIII
Ans dem Nachlass. g^,^,
Zinzendorf und die Ilormhuter 230
Zar Moralphilosophie:
Die ünzertrennlichkeit von Wille pnd GlOckseligkeitstrieb 253
Der scheinbare Widci-simich des Selbstmordes mit dem Glticksciigkoitstrieb . . 256
Der Unterschied zwischen Kopf und Kopflosigkeit 260
Die Uebereinatinuiiung; ties Buddhismus mit dem (illu:k^>■ll^^k^lt^tt•iell . . . . 2G3
Die gemeinen W idersprüche mit dem GlUokselii^^keitstricb 2G8
Unverzeihliche Abschweifung vom Thema 272
Der moralische Glückseligkeitstrieb 275
Wesentliche Unterschiede der Glückseligkeit and der Selbstliebe 281
uNoth meistert alle Gesetze and hebt sie auf" 285
Der Einklang des Gewissens mit dem Gltlckseligkeitstrieb 29G
Zusätze aus zerstreuten Papieren 303
Nachgelassene Aphorismen :
1. Zar theoretischen Philosophie 305
2. Zar Rcligionsphilosophie 312
8. Moralphilosophie und Moralitäten 315
4. Politik
5. Natur 330
Seite 227 Zeile 3 von unten lies Fülak statt Pillak.
IV. Periode.
Von 1850 — 1860.
Die Natur und Mensch gewordene Philosophie. —
Die „Theogonie'^y fttr ihn selbst das Höchste.
Die Zeit von 1850 — 1860 lag schwer auf dem enropUischen
Kontinent, eine Schwefelatmosphäre nnter Bleidächern ! Es war die
Zeit der „schliminsteu Iteaktion", wie Feuerbach sa^te, in welcher
er seine schneidendsten Aphorismen niederschrieb. Nicht die
politische Bewegung sell)st, sondern die antediluvianischen Prämissen,
die Philosophie, den Gedanken, verfolgte und hetzte eine Meute
von desperater Mittelm'assigkeit. Dass die Kanonenschläge an der
Alma als het'reiende That empfunden werden konnten, seicbnet
wohl diese Periode am Besten.
Fenerbaeh bflsste selbst mit, und zwar als blosser Träger des
(Gedankens menschlicher Freiheit Die Freiheit gedacht zu haben,
war ein Verbrechen. Als er seine Heidelberger Vorlesungen znm
Dmck redigirt hatte, erklärte er im Vorworte: er sei blos „kritischer
Znschauer und Znhörer" von „kopflosen Unternehmnngen'^ der
„sog. Revolutionszeit" gewesen. Die Republikaner hatten sich
theoretisch gebärdet und an die „Schöpfung einer Republik aus
Nichts" geglaubt.
Und desshalb Räuber und Mörder — desshalb polizeiliche
Haossuchangen in der Wohnung eines Philosophen! desshalb Aus-
weisung aus Leipzig, wo er den Druck einer wissenschaftlichen
»Schrift Uberwacht und nach Reliquien seines Vaters forscht!
Otto Wigand konnte es in Deutschland nicht mehr aushalten,
er warf den Blick auf Amerika. Der Verleger will den Schriftsteller
persnadiren, die Hemisphäre zu weehsefai und auf der andern Seite
der Erde anter der Standarte des Pressbengels thätig zu sein!
Ort«, FMMrtadu Briefir«e1iMl a. NmUms. IL 1
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2
Auswandemog war die grosaei allgemeine Parole ; ganze Dörfer
im Schwarzwald wanderten in corpore, Kirchen wurden feilgeboten !
Die Baaemkneehte in Pranken lasen nnr noch Schriften tiber Amerikai
hatten kein Interesse mehr ak die Vereinigten Staaten.
Der schOne jugendliehe Fritz Kapp war auch mit seiner Brant
hinübergezogen , und als treuer Johannes lad er den Meister zn
Bich nach New- York, in «eine neue Heimstätte. Ach, wie verlangte
C8 den gequUltcn Denker hinllberzufliegen, die curopaiHchc MiHcre
liiiitcr Hicli zu treten I Al)cr ch f^in^ nicht. Da waren novh (ieilanken
auHzufUhren, Materialien in den Schinelztiegcl zu werfen, eine ;;aiizc
\'er^anj^enlicit zu ahsolviren und da war die Familie, da war
Weib und Kind! Aach der brave Dedekiod iiess vergebeutt seine
LockHtimme ertönen.
Interessant ist, wie der pldtsUeh so praktisch werdende Fritz
Kapp die Schattenseiten des nordamerikanischen Lebens henrorhehti
wlihrend Fenerbaeh, allerdings ans der FemCi y,aas Bttehem'', die
positive Bedeutung der föderativen Republik geltend macht, and
im Ganzen — so glauben wir — gerechter nrtheilt Nnr wo Kapp
den Hochmnth der Yankees ztlchtigt und die Verdienste der
DeiitHeheii um die anicrikaniHchc Freiheit Hcliildeit, da wallt dem
deutschen Feuerhaeli auch nein Ulut da sind die Freunde eini^.
Wie zerlahren lU)rigenH Hclhst der Gcibt der Htuninien ( »pjjositioii
in dem damaligen Deutnchiand war oder wenn man will, wie
wenig Konsistenz die Bewegung von lö4b gehabt hatte - das gellt
znr Genüge aus dem Zirkular hervor, wclchcH A. Kuge, Semper
redivivnSi im Frühjahr 1857 von Kngland aus in die Welt sandte,
nnd womit er die Gründung einer neuen Zeitschrift emzuleiten ge-
dachte. Man sehe sieh einmal die bunte Gesellschaft an, welche
der literarische Wallenstein damals unter Einer Fahne versammeln
wollte I
Dr. BenningHcu in Göttingen, Albert ßObme in New- York,
OherHt Hlulim in Konntantinopcl, J. Deyffel in London, ididolpli
DUlon in New- York, Wilhelm Dtlfler in i'ariH, Ludwig Feu(;rhaelj
in Bruckberg, Kuno FiHchcr in Jena, G. G, Gcrvinus in Heidel-
berg, Alexander Jlerzen in London, Dr. llettncr in Dresden, Ale-
xander V. Humboldt in Berlin, llinricbH d. J. in Halle, Theodor
Kareher in London, Prof. Köchly in Zürich, Prof. Kiillickcr in
Warsburg, G. F. Kolb io Zürich, Prof. Long in Brigbton, Prof.
Michelet in Berlin , Dn Wilhelm Meyer in Bremen, Prof. Pott io
Halle, Dr. Joh« Rösing d. J. in Bremen, Dr. Ludwig Hage in Berlin,
3
Friedrich Vischer in Zürich, Prof. Virchow in Berlin , Vamhagen
von Ense in Berlin, Gastav Wisliceniis in Zttricb, Prof. Zimmermanu
in Stnttgart —
Fenerbach fand nicht den mindesten Geschmack an dieser
011a podrida; er antwortete mit der Naehrieht, dass seine „Theo-
gonie** vollendet sei.
Um dieselbe Zeit, lö57, kam ein blutjiin«,^ci* Schwede nach
Bruckberg gepilgert, der bis zum letzten Augenblick in persön-
lichem und epistolarischem Verkehr mit Feuerbach blieb. Wilh.
Hol in, in Petersburg geboren, 8ohn eines Schweden und einer
Thüringerin, promo?irte später als Dr. phil., wurde 1865 Privat-
dozent, 1868 ausserordentlicher Professor an der Universität zn
Helsingfors in Finnland, und ist seit 1873 Bibliothekar daselbst.
Er schloss mit F. einen jener innigen Freondschaftsbttnde, wie sie -
ein bescheidner strebsamer Jtinger mit dem geliebten Meister zu
schliessen vermag. Von seinen schriftstellerischen Leistungen k((n-
nen leider hier nnr die Titel angefahrt werden: „Ueber die Familie"
(schwedisch); „Ueber die Willensfreiheit" (1861>); „Eur()pa.s Staats-
Icbeu und die politischen Lehren der lUiilosophie" (1871). Bolin,
wie man lesen wird, dcbütirte mit der Poesie ein wenig a la Parny ;
vernn'igc seiner eigentlichen, der [»liiltjsopliischcn Begabung, reprä-
seutirt er die Fenerbach sehe Kichtuug im skandinavischen 2tIordcu.
Er trägt sich gegenwärtig mit der Idee einer besondem Schrift
fiber nnsem Philosophen.
Zom Schloss bleibt ans no<^ ein Wort Uber die leidige Por-
zellanfabrik im Schlosse zn Bmckberg zn sagen flbrig. Was
nicht ans den nachfolgenden Briefen hervorgeht ^ das ergänzt eine
handschriftliche Anfzeichnnng Fenerbachs, der wir die Haupt])unkte
entnehmen.
Im Jahre 1808 erwarb der ^Schwiegervater Low, der seit 1800
Inspektor der Fabrik gewesen war, dieselbe käutlich unter lästigen
Bedingungen vom Staate. Der Kaufschilling, 20,000 fl., wurde
von einem Hrn. Späth vorgestreckt. Low hatte 4 Jahre Zeit zur
Üeim Zahlung. Die Fabrik hob sich.
Bis 1818 führten Low und Späth den Betrieb gemeinsam.
Dann schloss Low mit Späth einen Leibrentenvertrag ab, worin
er ihm ^lich 2600 fl. zusicherte (12 Vi Prozent!). Bereits im
Jahre 1820 war dieser Jahresbetrag nicht mehr za erschwingen.
1821 starb LOw. Die Begrilbnisskosten waren nicht zn decken.
Späth rieth znm Konknrse« — Es entstand ein Prozess wegen des
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Leibrentenvertrags. Man machte ein Konipromiss: Späth erbUlt ein
Kapital von 6000 H. und juhrlich 1200 fi. Alles wurde richtig
geleistet bis znm Jahre 1848.
In Bmckberg wurde die „BeTolation^' zur Revolntioii. Die
Produktion stand stille, positive Verloste traten ein. Dennooh
wnrde Sp&tb befriedigt, nnd zwar bis 1854. Jetzt fiel die Oste^
reiehiscbe Valuta — die Fabrik lieferte nur nach Triest ^ der
Holzpreis stieg, die Waarenpreise sanken. Späth wurde klagbar.
Der Ort lag möglichst iiiigUnstig llir tlie Konkurrenz mit jüngeren
Etablissements; die hoben Steuern drückten gewaUig.
Der Zusammensturz war unaufhaltsam ; trübselig und besorg
nissvoll schleppten sich die 50er Jahre hiu^ mit dem Ende des
Dezenniums war Alles vorbei. Feuerbach musste sein geliebtes
Bruckberg verlassen — für ihn hiess das, aus der Welt gehen.
Sein Studirzinuner im Schlosse war seit 1836, also seit H Jahren
seine Welt gewesen!
Es galt Jetzt ein anderes Asyl zu suchen, und zwar unter
druckenden Sorgen um Gegenwart und Zukunft. Freunde halfen,
wie sehr ihn auch die diskreteste Freundschaft drückte — er wollte
Gutes thun, nicht empfangen. Die Lebenden seien durch unser
Schweigen geehrt, nur der verstorbene 0. Lliniiig werde genannt.
Nicht Stadt, nicht Land — das war der fatale Kecheuberg
bei Nünil)er;;. f'euerbach schrieb in sein Tagebuch:
„Bruckberg war bei raeinen beschränkten Mitteln die Basis
meiner Oekonomie, aber die Oekonomie ist die Basis der Philosophie
und Moral.^'
Und weiter schrieb er:
„Meine Scheidung von Bruckberg ist eine Scheidung der Seele
vom Leibe. Ich habe heute meinen Miethkontrakt mit H. r. B.^
nnd damit yielleicht mein Todesurtheil unterzeichnet.'*
Briefe.
M. Drossbach an L- 'Fenerbach.
M&hrisch SchOnÜeig« den 15. Jani 1849.
Wohlgeborncr Herr! ludern ich mir die Freiheit nehme,
beiliegende Broschüre, betitelt: „Wiedergeburt oder Lösung der
Uusterblichkeitsfrage nach den bekannten Naturgesetzen", Euer
Wohlgeboren zu übersenden, erlaube ich mir zugleich die ergebenste
Bitte, Dieselben möchten sie einer DurohlesuDg wttrdigen and mir
das Urtheil gütigst mittheilen.
Es ist Bedttrfhiss für mich, das Urtheil der ansgezeichnetsten
Denker und besonders Männer von praktischer* Tendenz zu ver-
nehmen, nm meine Ansichten darnach zu yervollkonmmen.
Die Wichtigkeit des Oegenstandes gibt mir den Mnth, diese
Bitte zu wagen und auf eine geneigte Antwort zu hoffen.
Euer Wohlgeboren ergebenster M. Drossbach.
Faaerbacli au M. DiOüsbach
flber seiiie Scbiift «WiectoigebiirC**.
Bruckberg, ilen 5. Juli 1850.
... So sehr der Gegenstand Ihrer Schrift ein längst fttr mich
abgethaner, allseitig von mir erschöpfter ist, so habe ich sie doch
mit Vielem Interesse nnd Vergnfigen gelesen; denn sie ist mit Gebt
nnd Natnrfrische geschrieben, nicht mit theologischen Phantastereien
and Jämmerlichkeiten — mit Ausnahme Ton S. 8, die etwas nach
theologischen Hyperbeln klingt — ; sie ist geschöpft aus dem Heilig-
thnm vernünftiger Empirie. Aber trotzdem, oder viehiiebr eben
dess wegen, hat sie mich in ihren Resultaten nicht befriedigt; denn
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die Unsterblichkeit ist uud bleibt eine Idee oder Vorstellung der
Phantasie, der Versuch eines empirischen, nalmbej^rilndeteu, der
Wirklichkeit entsprechenden Hcwcises daher ein Widerspruch,
Das wiedergeborne Wesen ist in der Xatnr nur das andere
Individuuni. 80 wenig je das Jahr 1850 wiederkehrt — man
niiisste denn die Zeit rttekiäafig machen — so wenig kehre ich je
wieder.
Kec 4uae yifteteriit iteruin revocaliitur unda,
Kec qoae pneterüt, hora redirc potest.*)
Darin besteht eben das absolute Wesen der Individualität, dass
nie mehr znm zweiten Male dasselbe herauskommt , dass nur ein,
ntir dieses Mal die Stoffe, Bedingnisse, Verhftltnisse, Umstände
so sich gestalteten, dass sie grade dieses nnd kein anderes Dieses,
einzige und unvergleichliche Individuum erzeugen konnten und
mussten.
Sollten alle diese individuellen Bedingungen noch einmal
wiederkommen y Und wozuV Aller<lings ist Organisches nnd Un-
organisches nicht SU geschieden in der Natur, wie in unserer !>is-
herigen Natorwissenschatt ; aber gleichwohl ist doch zwischen einer
nur chemischen Verbindung und dem Ueben wenigstens ein solcher
Unterschied, dass nicht aus der Wiederberstellbarkeit jener auf
die Wiederfaerstellbarkeit von diesem geschlossen werden kann.
Die ehemischen Gnindstoffe verbinden sieh im Organismus auf eine
unbereehenbare, absolut individuelle, ausserdem nicht vorhandene,
originelle, unnaehahmbare, unwiederherstellbare Weise. Das Leben
ist ein Geniestreich der Natur. Der Organismus ist eine Monogamie
der Stoflfe, der Chemismus, um diesen Ausdruck beizubelialtcn, eine
Polygamie; die Stoffe in der Chemie oder ausser uns können ein-
ander ersetzen, gleichgültig- tritt ein Individuum — wenn anders
vom Individuum im engeren und eigentliclicu Sinne hier die Kedc
sein kann — an die Stelle des andern. Aber in uns knüpfen sie
innige Liebesbande, die dem Individuum unersetzlich werden.
Aus der Wiederberstellbarkeit des Wassers aus seiner Auflösung
in Wasser- nnd Sauerstoffgas die Unsterblichkeit des Individuums —
wenn auch nicht unmittelbar — folgern, kommt mir eben so* vor,
als wenn man ans der monotonen Leier eines Wasserfalles eine
Mozart* sehe Symphonie oder Ouvertüre ableiten wollte. L. F.
*) „\N'«'iin 'lir die W< llc v<:rriiiiit, so ruf:>t du sie niemals zurttcke.
Wenn dir die Stuude rernjmt, ist nie auf ewig vorbei."
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7
Fenerbacb an Friedrich Kapp.
Bmckbeif, den 3. Mifz 1850.
Lieber Freund! .... Du gehst nach Paris, und ich gehe
nach dem Interim einer Vorlesung auf ein deutsches Dorf; Da
beginnst ein neues Leben, und ich lange ganz im Einkhmg mit
der Geschichte der deutschen „Revohition wieder das alte Leben
an. Du gehst der Zukunft entgegen, und ich hinke wieder tief-
gebeugt in die Vergangenheit zurück ; Du Glücklicher ! segelst jetzt
selbst in das jugendliche Amerika hinüber, und ich sitze auf dem
Mist des alterfanlen £aropa. Und doch stehe ich Dir geifltig so
nahe, so gross auch der ri&nmliche and änsserliche Unterschied
zwischen Deinem und meinem Leben. Dein Brief traf mich gerade
ttber der Geschichte der Vereinigten Staaten ?on Nordamerika von
Bancroft. Wo Du bald leiblich sein wirst, da bin ich längst geistig.
Der Blick in die Zukunft der Menschheit ist bei mir der Blick
nach Amerika.
Ob ich aber auch sinnlic'i denselben Boden mit Dir theilen
werde ? Das ist ein Problem, dessen Lösung natürlich auf meiner
Üeite grosse Schwierigkeiten entgegenstehen.
in Ermanglung einer Aussiebt ins Jenseits kann ich im Dies-
seitB| im Jammerthal der deutschen, ja europäischen Politik über-
hanpty nnr dadurch mich bei Leben und Verstand erhalten, dass
ich die Gegenwart za emem Gegenstande aristophanischen Ge-
lächters, die Zukunft unter der Gestalt Amerikas zu einem Gegen-
stande meiner Phantasie und Hoffiiung, die Vergangenheit der
Menschheit namenfltch In Deutschland, Rom und Athen zum Gegen-
stande des Studiums niaclie. Nur durch Veränderung und Er-
weiterung meiner Studien kann und konnte ich den Rückfall in
das alte Leben ertragen. Nur in der Quelle des klassischen Alter-
thums habe ich wieder Lebenskraft gefunden. Nur in unausge-
aetztcr geistiger Thätigkeit kann ich es in dem Irren- und Schiir-
kenhaus der europäischen Welt aushalten. Ich bin daher fleissiger
nnd geistiger als je.
Im vorigen Sommer studirte ich die Politik des Aristoteles.
Wie viel mehr hab' ich daraus gelernt, als aus dem Parlaments-
geschwätz des vorangegangenen Jahres! Wie habe ich mich oft
später noch geschämt, diesen Schwätzern nur zugehOrt zu haben!
Dein L. Fenerbach.
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BrucJfberf, d«ii 15. JtiU 1%60.
OrganiHch und IJnorganiHcli, oder Natur und McuhcIi, int im
\Ve«eu idcntUch. VVilro die Natur ciu todter McchanisniUH, wie
könnte auK dem Meiuicbeu Leben entspringen? Aber während Sie
vom Menschen ausgelicn, den McnRchen zum Original Hiachen,
naeb demn Bilde Sie die Natur scbafTen, gebe ieb von der Nator
anSi und Uuue «ie ent im Menschen, nicht vor nnd annser dem-
selben, fttblend und denkend, d. b. Mensch werden. Ihnen ist die
Natur lebendig, weil Hie schon im Anorganischen Organisches er-
blicken; mir aber, well ich im Organischen auch da» Anorganische,
die Hog. phyhihcliL'ii und cliennHchcn KriU'te und llrHachen wirkHuni
iiude. Sie erblicken im WuH-er duH Hluf (der IMunetcu); aber ieb
erblicke im libite duK Wa8«er, und /war in looo 'l'beilen nicht
weniger uIh 7<»o Tbcile WasBer, purcK, blanken W'aHHcr. Ich lasHe
das WaMHcr WaHser Hciij/ab(M' ob es mir gleich nicht lebendig im
Hinne den Mennchen, nicht liiut ist, so int es mir desswegen doch
auch nichts TodtcH, Hondem ein H(dbHtüudig KU fasHendcB WeKcn.
Die unorganische Natur ist mir also nur insofern individuell
lebendig I als sie der wesentliche Qrund, Boden, RtofT, Gegenstand
der subjektiven oder organischen Natur ist, aber nicht, wie Ihnen,
unmittelbar selbst lebendig* AllerdingH hat der Planet Ulm und
Herz, aber er hat nur im Thiere oder Menschen Hirn und Herz.
Eh int duHKelbe auHHci" uuh wuh in uns, dieHciben Stolle dort wie
hier; aber erst in dci- ZuKamnicnjMt'SHiin«:; in daH organiKcbc Herz
und Hirn werden wie FUlilen uml Dridvcn in nuHcrrn Sinne.
Der ScbluHH, was Inieiligen/, wan iicben Hcliatlf, uhihk Hclhnt
Inteiligen/., neibst Leben Kein, ist nicht uaturbegrUndct. Denn hier
laMHe ich Anfang und Kndi^ unmittelbar /UHammen, laHHe un/ilhlige
Vermittlungen und Entwicklungen aus, als deren Resultat sich erat
Leben und Intelligenz ergeben. Die Bedingungen des Höheren nnd
Vollendeten sind nicht gleich von Anfang schon da; sie erzengen
sich erst allmfthlig im Laufe der Entwicklung. Mozart's Vater war
zwar Kapellmeister, aber um einen Mozart hervorzubringen, brauchte
er nicht selbst Mozart zu sein. Hchon die SeliolaKtiker hatten den
OrundHat/: Kntiu non chkc multiplicia inutiliter, die Dinge
nind nicht unndl/crweiHe viele Kh gibt nur Kiiicn Mozart. Dieser
Mozart der Natur, weuigHtens der Krdc, ist der Mensch. Woivi
9 :
also das Donnergepolter der Wolken, das Brausen der Wogen,
das Sausen der Winde zu mozartischeu Kompositionen machen?
L. F.
Dr. üdnard Broclfhans an Feuerbacb.
Leipzig, döu 2U. ^ov. 1S50.
Lassen Sie mich an vorstehenden, im Namen meines
Vaters geschriebenen gesch&fklichen Brief noch einige nngeschäft-
Hche Worte von mir selbst fügen. Dass es mich wirklich herzlich
gefreut hat, von Ihnen etwas, wenn auch durch dritte Ilanjl, für
unsere Blätter zu erhalten, und dadurch mit Ihnen in eine hoffent-
lich weiter fortgesetzte geschäi'tliclie Verbindung zu koninicu, werden
Sie mir wohl glauben, da Ihnen unser gemeinschaftlicher Freund
Fries gesagt haben wird, wie hoch ich Sie schätze. Ich kenne
Ihre Schril'ten erst seit zwei Jahren, seit Ihren Vorlesungen in
Heidelberg. Ich war damals noch unbedingter Anhänger der
Hegersehen nnd NachhegePschen Spekulation, ich ging in Ihre
Vorlesungen — ich darf das Jetzt wohl sagen — nur aus Neugierde,
um auch diese „einseitige, extreme" Richtung der neuen Philosophie
kennen zu 'lernen. Zugleich studirte ich Ihr „Wesen des Christen-
thums" und Anderes.
Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen! Ich
war früher gläubig und fromm, ich verheimliche Ihnen das nicht,
da ich weiss, dass auch Sie die wahre Fninunigkeit in ihrer Art
tlir vollkommen berechtigt halten und dem scheinheiligen rationa-
listischen Indiffereutismus vorziehen. Es kostete mich auch keinen
geringen Kampf, aber endlich siegte die Wahrheit, nnd ich zähle
mich seitdem zu Ihren aufrichtigsten Anhängern und Schillern. Es
wird Ihnen das nichts Neues sein, dass sich frtthere entschiedene
Gegner Ihrer Philosophie, sobald sie dieselbe erst wirklich kennen
gelernt, in Ihre entschiedensten Anhänger verwandelten. Ich sage
Ihnen dies auch nur, weil es mich bei dieser Gelegenheit drängte,
ihnen meine Verehrung auszusprechen.
Ich denke, dass sich mir in dem von mir gewählten buch-
händlerischen Berufe mannichfache fielegenheit bieten wird, auch
meinerseits den Ideen, deren Vertreter Sie sind, zu nützen und
Geltung zu verschaffen. Es soll mich herzlich freuen, wenn auch
»Sie mich dabei unterstützen wollen. Unser Haus wird es sich zu
grosser Ehre rechnen, Ihre Werke zu verlegen.
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Entschuldigen ►Sic diese Zeilen, die Sie vielleicht wenig inter-
essireu, und empfangen »Sie nochmals die aulrichtige Versicherung
meiner Hochachtung. Dr. Eduard ßrockhaus.
l'cuürbacli au Friedrich Kapp.
Bfackbng, den 14. IKBiz 1851.
Lieber Kapp! — Deine Schildening von Amerika ist sehr
interessant, aber nichts weniger als einladend. Aber gleichwohl,
was yst der Unterschied zwischen Europa und Amerika? Amerika
hat noch nicht die alten Vorurtheilc überwunden, und Europa sucht
sie mit aller Gewalt wieder herzustellen. A. hat keine geistige,
E. hat keine materielle existirende Freiheit — eine Freiheit nur
im Kopfe. Aber was hilft mir der freie Kopt, wenn der Leib ge-
fesselt ist? Als ich unlängst in Leipzig war, um den Druck meiner
Vorlesungen zn Überwachen, haben sie mich auf den eitelsten Vor-
wand hin, trotz meines nagehienen königL bairisehen Passes aus-
gewiesen. So sieht es bd nns ans. Europa ist ein Gefilogniss;
der Unterschied zwischen einem Freien und Gefangenen nur ein
quantitatiyer, nur der, dass jener ein etwas gerftumigerdB Geföng-
niss bat. Ich wenigstens habe stets das Geftthl eines Gefangenen,
habe mich nie zu jenem heroischen Supranaturalismus empor-
schwingen können, der sich auch in Ketten frei fühlt. Gleichwohl
verkenne ich nicht das Gute auch des Gelangnisslebens. Je weniger
man aussen hat, desto mehr sucht man sein Glück in geistiger
Tbätigkeit. Und je grösser der Druck von Aussen, desto grösser
der Gegendruck von Innen, desto stärker das Selbstgefühl. In
Amerika ist ein Mensch wie ich ein gleichgültiges Ding, ein Nichts ;
aber in Europa ist eine persona ingrata ein höchst bedeutendes
EtwaS) ein Dom im Auge der Regierungen, ein Pfahl im Fleische
der geistlichen und weltlichen Polizei, der ihr Tag und Nacht keine
Ruhe Iftssi Auf mich hat daher die Reaktion sehr wohlthätig
gewirkt: raeinen Fleiss verdoppelt, meinen Geist konzentrirt, meine
Gallenabsondcrung befördert. Ich sage mir oft: den Standpunkt,
den einmal der Mensch einnimmt, den soll er auch bis zum letzten
Hauch behaupten, das Thema das er einmal begonnen, auch hin
zum letzten Faden abhaspeln.
Ja das sage ich mir oft und ich werde auch so lange bleiben,
bis ich mir mit vollem Bewusstsein sagen darf: Du kannst nicht
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mehr bleiben, Dn musst fort, bis die moraliflobe Notbwendigkeit
SSO einer physischen geworden ist
Diess schreibe ich auch Dedekind, dessen Existenz in
Aincrika und Anerbieten mich höchst lilierrascht und erfreut liat.
Allerdings tauge ich zu Nichts als höchstens einem Farmer, wie
Du schreibst, aber zu diesem tauge ich noch, namentlich in der
Nähe oder unter den Augen eines so tüchtigen Ockonomen als D.
ist. Bin ich ja hier schon ein halber Bauer — doch genug hievon.
Unsere Staaten sind bereits moralisch todt. Sie können sieb
daher nur dadurch noch eine Zeit lang halten, wodnrch die Staaten
ttoihwendig zu Grande gehen.
' . . . Von Meran eilte ich naeb Venedig, nm von dort nnd
aof der Rückreise Yon der Tyroler Nator grossartige Eindrucke
zn nnanslöschlicber Erinnerung in mein einförmiges Dorfleben
zurückzubringen. Das Kelsen ist mir so in den Leib geluliren, ist
ein solches Bedtirl'niss für mich, gehört so nothwendig seihst zu
meiner „Philosophie", dass ich sogar den kühnen Gedanken einer
Reise nach Amerika, nur um aus eigner Anschauung es kennen zu
lernen, gefasst habe. Gleichzeitig mit Deinem Briefe erhielt ich
ans New -York einen, wenn ich anders richtig lese — der Name
ist etwas undeutlich — Theodor Kaufmann unterzeichneten Brief.
Ist dies Tb. Kaufmann aus Dresden, der, in dessen Quartier Du
einzogst, ein Künstler — so sage ihm, dass ich mich seiner noch
sehr gut und mit vielem Vergnügen erinnere, dass mir seine Be-
kanntschaft eine der angenehmsten nnd interessantesten, die ich in
dem schalen Frankfurt machte, und grüsse ihn in meinem Namen.
Dein L. Feuerbach.
Feuerbac]! an ? (walinclieinlich Roux).
Bruckberg, den 24. Juni J**5I.
Ich habe Ihnen eine Neuigkeit von höchster Wichtigkeit mit-
zntbeilen. „Es geht nun nächstens wieder los''; aber rathen Sie
wo? in Paris? in London? in Rom? Ei bewahre, in Bruckbei^
im Landgericht Ansbach. Sie werden lachen, aber durch dieses
Lachen nur beweisen, dass Sie auf dem Standpunkt des gemeinen
and bescbiilnkten Unterthanenverstandes stehen. So lacht auch
der gemeine Menschenverstand, wenn man ihm die teleskopischen
und mikroskopischen Entdeckungen der Naturwissenschaft mittheilt.
iSo ist es auch mit dieser meiner Nachricht; sie ist nichts Geringeres
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als eine polizciwifisenschaftliche Entdeckune; der hohen Regierung
in Ansbach. Die Regierung betrachtet, wie der Naturforscher, alle
Kleinigkeiten mit bewaffneten Augen. Gensdarmen und Polizei-
diener sind ihre Tele- und MikroBkope. Kein Wunder, dass sie
Alles anders. Vieles nnendlieb gritoser sieht, als unser Eins mit seinen
natOrlichen Augen; kein Wunder, dass sie in der Bruekberger Por-
zellanfiibrik den Industrie- Ausstellungs- Palast der Demokratie ans
allen fHnf Welttbeilen, in jedem Fremden,- der dort aus- und ein«
geht, die Londoner Propaganda, in jedem Paar Menschen einen
demokratischen Verein, iu jedem, wenn auch unter 4, oder hiiehstens
Ö Augen gesprochenen und nichtgesprochenen Worte — Reden an das
Volk, in jedem wenn auch noch so unpolitischen Liede antedilnvia-
nischer, d. h. vorniarzlicher Gesangvereine — Marseillaisen, in jedem
Türkenbecber einen Giftbecher, in jedem Kapselscberben ein Barri-
kadenfragment, in jedem Kaolinkörnchen ein Pulvermagazin —
kurz in Nichts Etwas, in Niemand Jemand, und zwar nicht nur
so ein unbestimmtes Substantiv, sondern ganz bestimmte, wahrhafte
Personen erbliekt
So hat erst vor Kurzem wieder die hohe Polizei, und zwiu*
mit solcher Bestimmtheit, Deutlichkeit und Gewissheit, dass sie den
Ortsvorsteber fast zwin^a^n wollte, ihre tele- und mikroskopischen
Phantasmen durch sein Vidi zu bestätigen, den „Redakteur L. und
den Professor 1). aus D." leil)haftig hier herumspaziren sehen, ob-
gleich hier selbst die beiden Herren von Niemanden erblickt
worden sind.
Doch genug fUr heute. Nächstens hoffe ich Ihnen den Ans-
bruch der Revolution oder doch wenigstens einstweilen die Ankunft
von Eossuth und Mazzini melden zu kOnnen.*)
Feuerbach an J. Schibich**) (Lecbwiz bei Xasim in Mähren)*
Brockberg, den- 15. Aug. 1851.
Mein lieber Herr Schibich! . . . Die einzige Titnlatnr, die
mir entspricht und die ich gern hörC; ist die, welche mir die Bauern
*) Ks handelte sieb um einen von der Polizei gehetzten Studenten, den F. beher-
bergt haben sollte. Man mag an jene infiune Zeit and die tiefe Erbännlicbkeit der
damaligen Regierangen laom znrllckdenken, ohne seine OaUe zn spüren. Wnrde doch,
wie man gelesen hat und nodi lesen wird, der „gefiihrliche** Feaerbach aas Leipzig
aasgewiesen, wohin er sich za rein literarischen Zwecken begeben hatte!
**) Damals Pidagog, später Oekonomleverwalter.
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io hiesiger Gegend geben, die mich schlecht und recht Ilr. Fener-
bach nennen, gewiss das Wenigste, was mau verlangen kann; deuu
das deutsche „Herr'' hat nichts mit einem französischen Seigueur
gemein, ist ein sehr populäres Ding. Eben so unrichtig sind Ihre
Vorstellungen tlber meine äusseren Verhältnisse. Ich bemerke
hierüber jedoch auch nur dies Eine. Wäre ich, was Sie nicht
bezweifehn, auch nnr in einem sehr mittelmttssigen Grade, dann,
mein Lieber! hätte ich, wenigstens der Quantität nach, aneh
nnendlieh mehr geleistet, dann wäre ich längst auf einer Beise um
die Welt oder im Schreiben einer Universalgeschichte der Religion
und Menschheit begriflfen. Aber so! — doch ich spreche Uber ge
wisse Dinge mich nicht aus
In Wien können Sie mich allerdings sehen, aber nur in effigie,
bei meinem Fieunde, dem Professor und Maler Ixahl. welcher
voriges Jahr bei meiner Abreise von München, aber in aller Eile —
mit allen Tugenden, aber auch allen Mängeln, die das Periculum
in mora mit sich bringt, mich abkonterfeit hat"^) Ausserdem
existirt nach dem Oelgemälde eines andern Freundes, des Malers
Fries aus Heidelbeig, eine in Franlifurt gemachte Lithographie
▼on mir, die aber besser Ihnen unbekannt bleibt, denn es ist das
Bild eines Todten, aber keines Lebenden ....
Gegenwärtig bin ich wohl mit der Herausgabe eines Werkes
beschäftigt, das aber nicht mich und meine Gedanken betrifft, mit
der Herausgabe des literarischen Nachlasses meines Vaters, eines,
wie »Sie wissen werden, berühmten Juristen und Staatsmannes.
Diesen Winter gehe ich zu einer neuen Schritt : entweder eine neue
Ubersichtliche Darstellung des Ganzen meiner Gedanken, oder einer
Entwicklung besonderer Punkte, die ich noch nicht genügend behan-
delt babe^ oder eine blosse Samndung von historischen ßelegen und
Aignmenten ad hominem, oder vielmehr ad asmum ... Ihr L. F.
Feoerbach an Fr. A. BrockhaiiB.
Bniclibcrg, den lU/22. August 1851.
Herrn P. A. Brockhaus in Leipzig Wohlgeboren!
Schon in den ersten Tagen dieses Jahres habe ich in einem freund-
BchafUichen Schreiben an Ihren Herrn Sohn Dr. Eduard ein Werk
von oder iber meinen Vater als den ersten Gegenstand euier mOg-
Dioses etvas hypergenuü au^sefasste Bild befindet sieb j«:(zt im Besitz des
«»fteieD deutschen Hocbstifb** zu Fn&lLfiirt a. H.
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- - u
lichcQ Verbiudung zwischen Ihrem I lause und dem Geiste Feuer-
bachs in Aussicht gestellt. Endlich bin ich nach vieler anstrengen-
den Arbeit und oft hitohst peinlicher Muhe im .Stande^ mein damals
noch ganz anbestunrntes Anerbieten in dn fbrndiehee zn verwandeln.
In der Erwägung, dass der Mensch in seiner Totalität unendlich
mehr ist als der Rechtsphilosoph oder gar der Kriminalist, dass
die Darstellung von jenem auch diese beiden in sich begreife, aher
nicht umgekehrt, dass namentlich mir als Sohn es mehr obliegt,
den Menschen , als den Gelehrten in abstracto darzustellen , habe
ich vor Allein die Herausgabe des bi()grai)liischcn Nachlasses mir
zur Autgabe gemacht - aber des biographischen Nachlasses im
weitesten, umlassendsten Sinne. Meine Absicht war, ein vollständiges
und allseitiges Bild von meinem Vater zu geben, jedoch ein rein
objektives, nur von seinen cigenhändfgen Pinselstrichen zusammen-
gesetztes. Meine eigene Thätigkeit bestand nur in der kritischen
Auswahl der einzelnen Bruchstttcke^ der chronologischen Zusammen-
setzung derselben zu einem Ganzen, und der Beifügung erklibrender,
ergänzender oder berichtigender Anmerkungen. Das Werk, das
ich Ihnen anbiete, ist daher nichts Anderes als eine — indirekte —
Autobiographie — ein Wort, das mir auch fHr den Titel als das
geeignetste erscheint, obgleich der Gcbraiicli dieses Wortes t'tir eine
Schritt, die- nur zum allergeringsten Theile aus Selbstschilderungen
besteht, die nur eine hauptsächlich aus Rrielcn, Vortragen, Gut-
achten, Gesuchen u. s. vv. zusammengesetzte Lebensbeschreibung
enthält, eines kurzen Vorwortes zu seiner Bechtierügung be-
dürlite
Nebenzweck meines Aut'entbaltes in Leipzig im verflossenen
Winter war eben so, wie Sie zu besuchen und einen TheU des
väterlichen Nachlasses, den ich eben desswegen im Koffer mitge-
schleppt hatte, Ihnen zur Ansicht zu ttberreichen, auch persönlich
noch nach vielleicht vorhandenen, der Veröffentlichung werthen
Briefen zu fahnden. Aber gerade an dem Tage, >Vo ich, fertig mit
den nachträglichen Veränderungen im Maiiuskrii)tc meiner Vor-
lesungen, einen Blick Uber die Grunzen meiner nächsten Aufgabe
und Umgebung hinausrichten und aus meinem Incognito heraus-
treten wollte, wurde ich von der gränzeulosen Unverschämt-
heit der Polizei ausgewiesen — und so war nicht nur mein
Hauptzweck nur zur Hälfte erreicht, sondern auch alle meine anderen
Nebenzwecke vereitelt. Aber trotzdem ist der Mangel an Briefen
an seine kriminalistischen Freunde und Feinde kein wesentlicher.
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Feuerbach als Kriminalist ist, wenn auch nicht als Kriniinal-Keclits-
iebrer, doch als Kriminal-Gesetzgeber, also in seiner bobereu, das
allgemeine Publikam ioteressirendeü KoUe, hiDlänglich repräsen-
tirt
Euer Woblgeboren ergebeimter Ludwig Feaerbacb.
Fenerbach an /. Schibich.
Brackberg, den 21. Okt 1851.
Mein lieber Freund! ... Sie wollen von dem Menseben
Feiierbacb wissen. Wo soll ich aber da anfangen V bei meinen
Kinder- und Studienjahren? Das wäre zu weit gegriffen. Ich be-
ginne mit der Zeit, worin ich jetzt lebe, und dem Orte, worauf
ich jetzt stehe und gehe. Brackberg ist ein kleines, in einem an-
mathigen aber beschränkten, von Wäldern und Aeckern umgränzten
Wiesenthal gelegenes Dörfchen, das aber den grossen Vortheil hat,
dass hier kein Pfarrer und keine Kirche ist Die hiesige Kirche
oder Kirchlein hat zn Ende des vorigen Jahrhunderts der Blitz
vernichtet. Das Gebände, worin ich lebe und sehaffis, ist ein ehe-
maliges markgräfliches Jagdscbloss, seit Ende des vorigen Jahr-
hunderts aber und noch jetzt eine Porzcllanlubrik , deren Besitzer
drei noch lebende Schwestern sind, wovon die eine meine Frau,
deren oberster Lenker und Leiter mein Schwager ist. Diese Fabrik
ist leider! höchst ungünstig gelegen und schwer belastet, ihr Be-
trieb höchst kostspielig, ihr Ertrag äusserst geringfügig, ihre
Existenz, namentlich in Folge der verhängnissvollen Ereignisse von
1848, der österreichischen Bankrotte, der österreichischen Geld-
p^ierlampenwirthschaft, wodurch noch jetzt die Fabrik an jeden
100 fl. 20 — 30 Prozent verliert — und leider! steht sie nur mit
Triest in Verkehr — sehr prekär. Den fast einzigen Vortheil daher,
den ich von ihr habe, ist Holz nnd freie, weil eigene Wohnung.
Diene schöne und geräumige, zum Studiren und Denken trefflich
geeignete Wohnung ist es auch, die mich hauptsächlich an B.
fesselt.
Meine, selbstgeschaffene, Familie ist sehr klein, besteht nur
aus dem Minimum, was zum Begriff einer Familie gehört: einem
Manu, nämlich mii*, einem Eheweib und einem Kinde, einem
Mädchen von 12 vollendeten Jahren, das ich unendlich Hebe, aber
Mcb den einfachsten Grundsätzen endehe, nämlich vor Allem sich
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benlich seines ländlichen Lebens nnd Siniies erfreuen, aber auch
ernstlich lernen und in den weiblichen Künsten sich Üben lasse.
Drei meiner Brtider sind leider! nnd zwar in den besten Jahren
gestorben: der eine ein erfinderischer spekulativer Mathematiker,
der andere ein gelehrter Jurist, der dritte, der iilteste, der erst
vor Kurzem starb, Dichter und Art hUolog, ausgezeichneter Kenner
der bildenden Künste, Verfasser des „Apoll von TJelvedere", ein
Mann, dessen Umgang, welchen ich aber wegen der Entfernung
der Orte — er war Professor an der Universität Freiburg im
Breisgan — leider! nur selten genoss, besonders desswegeu für
mich interessant war, weü er die Prinzipien meiner Anschauung
in ihrer Anwendung auf die Kunst vollständig bestätigt fand, nnd
obwohl oder weil eine reme Eflnstlerseele, auch mit meiner Re-
ligionsphilosophie im Wesentlichen harmonirte.
Mein Vater war auch keineswegs nur Jurist oder Kriminalist,
sondern ein legislatorischer und rechtsphiiosophiscber Kopf, im
universellsten Sinne des Wortes. Seine engeren kriminalrecbtlichen
Prinzipien verwerfe ich, wenigstens so weit^ als sich in ihnen nicht
der Psychologi sondern der Jurist ausspricht — denn sie bestehen
aus zwei einander ganz widersprechenden Seelen; aber in seinen
allgememen rechtsgeschichtlichen und rechtsphilosophischen Ideen,
die freilich nur in nnedirten Fragmenten bestehen, stimmen wir.
auf eine merkwürdige Weise iiberein. Daher es Sie nicht wundern
wird, dass ich, abgesehen von früherem sporadischen Zeitaufwand,
fast ein ganzes ungetliciltes Jabr auf seinen Nacblass, dessen
biographiscben Tbeil icli bereits fertig und dem 13ucbbändler au-
geboten habCi verwenden konnte. leb halte aber diesen Zeitauf-
wand auch schon aus dem Grunde für keinen Verlust, weil ich
erkannt habe, wie wichtig das Kriminalreeht oder vielmehr die
Geschichte desselben iUr den Denker und Schriftsteller in meinem
Sinne ist
Meine Lebensweise ist höchst einfach, regelmässig und natur-
gemäss — alle meine Werke sind Früchte des Tages, des uatttr-
liehen, nicht des künstlichen Lichtes, der gesunden Nüchternheit,
nicht der Aufregung und Ueberreizuug durch Genüsse. Nur zwei
Tassen nicht besonders starken schwarzen Kaffees ohne Milch und
Zucker trmke ich täglich, eine Morgens, die andere nach Tiseb,
aber jeder geht voran und folgt nach noch eüi Glas kalten Wassers.
Erst am Abend, nach gethaner Arbeit, ungefähr nach 8 oder um 9 Uhr,
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trinke ich Hier, wobei icb eine Pfeife Mehinaucbei niieb unterbalte
«ider Zeitungen n. dergl. lese.
AriH (lifHer diätetischen Lehensordniing komme ich nur, wenn
icb Überhaupt durch fieMondcrc \'ernnhi»Hungen ao0 meiner Ordnung,
meiner Lebens- und Tbätigkeitsweise beraaskomme. Da }iaae ich
allerdiogt oll ttichtig Uber die Schnur, sowobl an« Jnttinkt als
CkmndiatXi mii doreh ewiges ßinerlei den KOrper nicht zn verwohnen
and rerweiehliehen, den Qelat nicht ftbznstnmpfeii, knn um in daa
Hyttem der Ruhe und Ordnung zeitweise eine wohlthätige Revolntion
hineinaithringen.
Von jeher habe ich das T.ehen alH einen Fehlzug betrachtet,
nnd daher darauf Bedacht genommen, mich auf alle Falle zu rliHten,
mich jeder Witterung anngcHctzt, mich Htetn 8o leicht als mriglich
gekleidet, ho viel aln mö^^Üch den Schwachen meiner Natur nicht
nacligegebeDy sondern getrotzt, mich daran gewöhnt, alles geniessen,
alba aoebi wenn es sein mass, entbehren %u liönnen.
Ansser Katarrh und Hchnopfeni EhenmatismeOi Ohrensaasen —
nmnaotlieh seit den ietsten Jahren, aber auch rhenrnstischer Natnr —
bal mir in meinem Lehen nie etwas gefehlt Eigentlieh Jirank,
bettiigerig kranli bin ich nie gewesen. Gleichwohl hin ich nicht
rotnister, aber auch nicht schwilchlicher Katar, gleicliwie ich auch
nir-ht ^^rriHser, aber aach nicht kleiner Btator, nicht dick, aber auch
nicht grade mager hin.
Wein liehe ich «ehr, er ist das meiner Natur entsprechende
(betrank; aber ich trinke ihn Helten. Was meine Tracht hetriflf't, so
hasse ich in dieser Üeziehung alles Hchlampigc, Nachlässige,
Schmutzige, I'bilisterhafte, eben so wie alles Gezierte, Geckenhafte,
Modische. Der Frack ist mir nnansstehlich, ich trage nur (Jeher
fOeke, am Uehsten karz, oben geschlossen. Wie meine Bchreib-
mateiiaHmi, namentlich Federn beschaffen sind, kOnnen Sie aas
den Zflgen meiner Hand selbst ersehen. Ich Hebe das Schon- oder
wenigstens nicht garstig and widerlich Schreiben, aber dieser gute
Wille wird meist za Schanden an dem sehteehten Zustand meiner
Federn, mit denen Niemand aln ich schreiben kann . . .
Danmer war viele Jahre lang mein persönlicher Freund, trotz
unserer geistigen und wiHHcnHchaftliehen Differenz. Mit dem W.
d. Chr. aber und einer Rezension von mir Uber seinen Marien-
kultnn, die ich im reinsten iSinne der Freondsebaft, aber freilich
aaeb der Wahrhaftigkeit schrieb, er aber missverstand nnd ndss-
destete, warde diese gefotige Differenz seinerseits eine persOnlkbe.
•
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Seit der Zeit (1844) wo er Heine »Schrift p:e^(!n iiiicli im Niirn
l>er^er KorreMj». v. u. f. DeutKclilaiHl" uiit eiiM- liöchnt l>eki(li{.^<'iHle
VVeiHc ankllndi^te, liube ieli ihn niciit mehr hesuclit noch ^espivx lim,
ob ich ^'leicb ihm nicht böHc bin; denn er int un/.ureehnungMiähi^,
unfrei, Sklave seiner krankhaitou Einbildungen , ein pietistiiKiher
NatoraÜBt
Htranss habe ieh nur einmal (bei iieiisbronn) bc8ncbt| ieb
glanbe 1842. Viieher habe ieb aueb nnr einmal obenhin in Prank-
furt K^^pi'oehen.
lieben Sie wohl! Ibr L. Fenerbacb.
Dortelbe »n dAnselbeo.
Rni' khr^rjf, den 27. .Tan. l«ir»2.
Li eher Sühibieii! . . . Ich gehe damit um, noch eine tiber-
zen^end oder vielmehr beHchUmcnd klare, mit bistoriHehcn Heinpielen
und Entwicklungen belegte Darstellung meiner ntheiHtiHchen Re-
ligionsprinnjrien zu geben. Hie sehen hieraus, dass das keine
Arbeit fUr Sie und mieh, sondern nur fUr Andere, dgentlieb nor
eine Gselsbrtteke ist Gestehen mnss ieb aueb, dass mir schon oft
vor Scham die Feder aus der Hand und alle Lust aus dem Herzen
entfiel, wenn ich daran dachte, daHB ich noch einmal Uber Dinj^c
»chreÜK'n .soll, die Kir dtu (JeiHt, der ei;;eittli(li allein zn beriirk
Hichtigen int, |jln;;st (MHriiöjilt und ali;;ctliaii wind. Freilicli rr
miithigt njicli dann doch wieder der (Icdaiikf . dieser (ieirtt int doeii
ein /.Ii vornehmer, ariHtokratiHclier (ieint, nanicntlieli in Dingen, die
nicht nur den Denker, den Geist in abniraeto, sondern den Menschen
Überhaupt interesHlrcn ; der wahre Geist ist zugleich ein praktischer
Geist, aber der praktische Geist ist ein unermttdlieber, langmttthiger,
barmheraiger Geist.
Damit haben Sie zugleich Ihre Fraget warum ich so vid aitlre?
beantwortet. Wie wenige Mensehen gibt es, die einen Gedanken
fUr sich selbst, ohne Unterlage eines Zitats denken und als wahr,
als objektiv begründet begreifen können? Gleichwohl zitire ieh
immer nur pars pro t<»fo, weil cm nur zu laugneilifc int luielizu-
Hcldatreii, (»der ieli im Aii^inddicke, dan Andere, olt «lan iJeste \rr
geisHcn lial>e. Duhh ich aljer so olf Anti(juitiifen , He|l»Ht aus dem
Zopfzeitalter zitire, iiat darin seineu (trund, daHs unnere Gross* und
Urgrossväter bei aller Zeremonialität und Formalität ihrer reltgüHieD
- - Ii»
Gedauken und Enipfindun![>:eii , weit offener uud naiver sind, als
die moderiieu Galanteriegeister. Adieu! L. F.
Mr. V. Arnonld i Fenerbach.
Bruxelles, la IS. F/vri^r 1h52.
Monsieur Louis Feuerbaelil Nous avons bien rerii en leur
tenips les 12 francs que vous nous avez envoyes jjoiir renouveUenient
de votre abonnement 41aLiberte. C'est avee au v^ritable bonhenr
qne doqb royons notre oetivre encourag^e par un bomme pour qui
nous ^pronvons tous, avec le plus profond respect, la plus grande
admiration, et dont nous sommes fiers de nous dire les disoiples.
II 7 a longtemps qne j'anrais vonln tous accuser röception de
votre- enyoi, mais j'eas dösirö, Honsieury ne pas yons torire, sans
▼OOS donner des nonvelles d'un monvement qni se fait ici pour
offrir au grand Fenerbach un temoignage de Tadmiration r|ue res-
seutent pour lui uos uinis de l>elgi([ue. J'espere, dans peu, Otre
a meme de mc faire an})res de vous Tinterprete de ce grand et
unaninie sentinient, aiissi Uouorable pour riiomuie, qu'il est couso-
laot pour le pbilosophe.
AgröeZi Monsieur, l'assurance de la baute eonsidf^ratioi], avec
laquelle je suis Votre disciple dävouö. V. A rn o u 1 d.
Bi-d. en clicf de la Lib«rt(S.
Beuerbach an Fr. K;ii4j.
Bruckbtifg-. «Ion 22. Febr. Jh.") 2.
Mein lieber Ka])))! — Wigand drängt mich, nocb dieses
Jahr mit ibm nach Amerika zu reisen. £r will sieb dort erst um-
sehen, ehe er an eine förmliche Answandemng denkt Aber ich
mnner Teufel , wie l&ann ich das wagen, bei diesem sehlecbten
Stande des Bactihandels! bei diesen schlechten Aussichten in die
Zukttttill Ja, wenn noch die Zeit wäre wie frtther! aber jetzt! Ich
kann nicht naeh Amerika, ohne doi-t zu ideibcn. Und wie kann
ich lort, ebe icb den gclebiien Un- und Vonatb auxgesc bilden,
ehe ich lueiuen Willen — uud ieb bin teuax propositi — aiisge- '
führt habe?
Aber Ireiliib, was sind Tläne und Vorsätze? Notb bliebt Kisen.
Es ist so weit bei uns gekommen, dass man bel'Urebten uiuss,
deportirt zn werden, wenn man nicht l'reiwUlig gebt. En iät Jetzt
kein Krieg mehr gegen die Konsequenzen, sondern gegen die
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aiitediluvianischen Prämissen der Revolution — gegen die Philo-
sophie, gegen die lutelligeDz. Nicht das FrUlyahr 1848, Jahr-
hunderte sollen ausgestrichen werben. Es ist nur noch der Wahn-
sinn: Facta infeota facere volle, Geschehenes ungeschehen
machen zu wollen, der bei uns regiert und herrseht Mein Ab-
sehen , mein Grausen vor diesen Zuständen, vor diesen erbärm-
lichen Persönlichkeiten, ist gränzenlos. Wer weiss also was ge-
schieht, ob ich Dieh doch nicht selbst dieses Jahr in Amerika
sehe? Lebe wohl und grüsse herzlich Deine Frau und Freund
Kauimaiiu von Deinem Lud. Feucrhach.
Siereis in Gotlia an Feueibach.
(Jotha, den 28. Februar 1852.
Hochgeehrter Herr! Auf den Kesultaten Ihrer Forschung
stehend und mit dem Drauge, von dem durch Sie gewonnenen
Standpunkte am das menschliche Wesen tiefer zu verstehen, habe
ich mich dem Shakespeare zugewandt, denjenigen unter allen
Dichtem, der dem spezifisch Christlichen am Fernsten steht, und
der Quelle der Erkenntniss, die selbst reiner als das Leben und
die Geschichte uns den Menschen vorführt. Ich habe mehr in ihm
gefunden, als ich dachte. Nicht nur den Menschen als solchen,
oder, weil das ein Unsinn ist, nicht nur den bestimmten Menschen
seiner Zeit hab' ich in ihm gefunden, sondern den Menschen der
verschiedensten Entwicklungsstufen, von den Römern herab bis in
seine Zeit. Das Prinzip wenigstens der verschiedenen Epochen
ist jedes Mal in seinen Dramen ausgeprägt.
Ich gehe, hochgeehrter Herr, in meiner Anschauung der Ge-
schichte von dem Hegerschen Standpunkte aus, msofem nämlich,
als ich an dem Fortschritte des Menschengeistes, wenn auch nicht
dem unendlichen, festhalte. Aber ich meine, es inttsste noch erst
Ernst gemacht werden mit diesem Grundgedanken; derselbe mtlsse
ganz bestimmt als eine fortschreitende Umwandlung des 15 e -
wusstseius bezeichnet werden, das sich stets ein neues Höchstes,
einen n e u e n G o tt erzeugt j die Geschichte müsse psychologisch
behandelt werden.
Ihnen sage ich damit freilich nichts Neues, denn eben Ihr
Ausspruch, die Religion sei Anthropologie, hat sich i'ür mich in das
Obige umgesetzt, die Geschichte sei PhUnomenologie des mensch-
heitlichen fiewnsstseins. Aber mit dieser Umsetzung ist dann eben
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auch die JReligion in den aUgemeinen Flosa hineingezogen nnd
mma aneh historiseh-psychologiscli behandelt werden.
In meinem Romeo nnd Jolie'', hochgeehrter Herr, habe ieh
das Prinzip der mittelalterlichen Religion, das zugleich das des
gesammten Lebens dieses Zeitalters ist, dargelegt, obgleich treilich
seine Wirksamkeit auf dem religiösen Gebiete nur angedeutet ist.
Ihnen traue ich die grösstc Unbefangenheit fremden Ansichten
gegentiber zu, ja ich meine sogar, Ihnen mit der meinigen in die
Hi&nde za arbeiten und zum Ausbau Ihres Werkes mit dem dort Gege-
benen beizutragen, obwohl ich auch nicht übersehe, was uns trennt.
Wenn Sie aber meine Schrift der Durchsicht wttrdigen nnd die
Anifassnng des Mittelalters, die in ihr niedergelegt ist, fUr mehr als
ein blosses Paradozon erkennen, werth ansgeftlhrt zn werden: dann,
hochgeehrter Herr, hoffe ich anf einige Zeilen der Ermanternng, in
denen ich anch freudig den Rath nnd Hinweis, auf die schwachen
SeitQD dieser Theorien von Seiten eines ftlteren, gelehrteren Mannes
finden würde, den ich seit meinen Htudcntenjahren hoch verehrte.
Jedenfalls sehen Sie diese Zusendung als ein Zeichen meiner
Verehrung für Sie an. Ihr Sievers.
r. Herder an Fenerbitc]!.*)
Erlangen, den 15. Hirz 52.
Geliebter Freund! Wo böte der scheussliche Zustand,
worin sich die arme Menschheit in Deutschland und ganz Europa
gegenwärtig befindet, auch nur einen Ast, der sicher genug wäre,
um sich daran aufrichten zu können — der leidige Trost der
Doktrinären, dass das Elend bald seinen äassersten Grad erreicht
haben werde, von dem an der Pendelschwnng seinen Rücklauf
nehmen mflsste, dieser Gemeinplatz ist eben so unwahr, als ann-
selig. Denn bis zn welchem Ungrunde der Erschlaffung nnd Ver-
thiernng die Völker versinken können, lehrt nur zn allseitig nnd
allzeitig die Geschichte!
Bei der mir bewnssten Uebereinstimmung unserer Ansichten
über diesen Punkt war mir daher die mir vor einigen Wochen in
Nürnberg zugekommene Nachricht, dass Du beschlossen habest,
nach Amerika zu gehen nnd dass dieses schon im Laufe dieses
JSommers ausgeführt werde, — nichts weniger als befremdend;
denn Du magst die Ki\jonade, mit der mau Dich allseitig verfolgt»
•) Siehe L 968.
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dicksatt genug bekommen haben, und da Du das von der Natur
Dir verliehene grosse Pinnd nicht vergraben, noch weniger ver-
Bauern lassen dari'st, da Dir der deutsche Boden Deine Wirksamkeit
verwehrt, so bleibt Dir wohl nichts anderes tlbrig, als den deutschen
staub von den Ftlssen zu schtitteln, anf so wenig Befriedigung Du
aiu'h in dcni mehrseitig boniirten Vankeelande wenigstens anfangs
wirst reebnen dllrfen, und so sehnierzlich Dir selbst die Trennung
fallen niaic.
Mein K^uisnius iiat indessen hiebt ohne HetViedigung aus Deinem
Briefe entnommen, dass Deine Keise nach Amerika noch nicht so
fest und nalie zu stehen scheint, als man mir gesagt hatte, und das
nehme ich dankbar an. Denn lUr mich hier Zurttckbleibenmflssenden
wird der Verlust Deines, wenn auch leider noch zu selten genossenen
Umganges eine schmerzliche Wunde zurücklassen. Solange es uns
daher noch vergönnt ist, einander zu erreichen, sollten wir nmso*
mehr anf — sei es noch so kurze — Zusammenkünfte denken.
Zu dem Denkmal, welches Du Deinem edlen Vater gesetzt hast,
bringe ich Dir meinen freudigsten (llüekwunsch. Das gegenwärtige
Hrscheinen dieses Denkmals erachte ieh in hohem Grade zeitge-
mäss; denn wohl keine Zeit, als die jetzige sehauervolle , liat es
mehr bedurft, dass ihr der Spiegel eines Itir Kecht, Wahrheit und
Freiheit so hochgiühenden, gediegenen Geistes, wie Deines grossen
Vaters, vorgehalten werde. Mit Dank zur Vorsehung denke ich an
das Jahr 1813 zurUck, wo ich das Glück hatte, öfters mit Deinem
Vater bei Jakobi zusammenzusem und mich an seinem Glühen tHr
Deutschlands Freiheit zu erheben. Mit grosser Begierde sehe ich
Deiner Schrift entgegen. Dass Du eine Stelle in der Vorrede zu
meinem Opus, das so schmählich Üasco gemacht hat, ftlr würdig
gefunden hast, Dich darauf zu beziehen, freut mich ungemein, und
ich fühle mich hoehgcehrl, dass Du mich otlciitlich als Deinen
Freund aufführst. leb weiss in der Welt keinen lebenden Mann,
auf dessen Freundschaft ieh stolzer wäre, als auf die Deinige, mein
lieber Ludwig. Sei treulich umarmt von Deinem Herder.
Feuerbach an J. Srhibi. Ii.
firockberg, dcu 22. März 1652.
Mein lieber Schibich! Endlich bin ich dazu gekommen,
einige Kardinalpunkte religionsphilosophisch durchzufUhren, wenig-
stens so weit zu treiben, als es meine beschränkten pekuniären und
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litfiribnacheii Mittel erlaaben. Diese Arbeit erfordert nicht nur
pbiiosopliiBehey sondern anch philologische Th&tigkeit Man mmw
das Original selbst lesen , nnd zn diesem Zwecke es nicht ver-
flobmihen, sein Leben von Vorne» d. h. von der Bchnle — Leben
und Lernen ist ja bei uns eins — wieder anzufangen. Dn bist
Erde und sollst zur Erde werden, heisst der Fluch des Alten
Testaments. Du bist Bttcherstaub nnd sollst wieder zu iScbulbtaub
werden, heisst der Fluch des Kcuen Testaments.
Doch ich tröste mich damit, dass ich mit diesem Staube nur
den Boden dttn'ge, ans dem einst Blumen und Frttcbte des Lebens
spriessen.
Gegenwärtig bin ich über der Homerischen Theologie, nm zn
beweisen, dass schon der blinde Homer vollständig, . nnr poetisch
es aasgesprochen hat, dass das Geheimniss der Theologie die An-
thrapologte ist. In dieser meiner Rttckkehr znr Kindheit der
Mensebheit und meiner eigenen haben Sie einen zureichenden Grund
von meiner BrietTaulheit, und zugleich ein Bild von mir, vielleicht
ein richtifj:ercs als Sie von Wien mitgenommen haben. Denn in
den Urstiitten der Anthropologie, der Iliade und Otlyssee, sieht man
nicht nur Blut, sondern auch ThrUnen fliesseu, hört man nicht
nur den polemischen Ares brüllen, sondern auch Helden schluchzen
und seufzen.
Gleichwohl kann ich Ihnen nicht die fleischliche Ansicht von
mhr silassen, wenn Sie es zn einer richtigen Einsicht in mich nnd
mehw Philosophie brmgen wollen; denn erst dann werden Sie sich
ftbenengen, welch' ein unendlicher Unterschied ist zwischm dem
gemalten oder gedachten nnd dem wirklichen F., aber zugleich
auch iiberzengen, dass an mir nichts zu sehen ist, was nicht an
jedem Andern, wenn man ihn nur seiner, sei's nun weltlichen oder
geistlichen Montur und Dressur entkleidet.
\on der sog. philosophisehen Literatur nehme ich gar keine
Xotiz. Was mir von dieser noch unter die Hände gekommen, ist
unter dem L
Von Danmer weiss ich gar nichts, von Vischer auch nichts;
von Bayerhoffer nur dass er in Wisconsin Farmer nnd neulich das
Malheur gehabt hat, dass ihm seine Kuh davon gelanfini; von
m^em Bruder, dass er sich mit den Sprichwörtern, hauptsächlich
Earopas, beschäftigt, was er Übrigens schon seit mehreren Jahren
treibt Sie sehen, ich weiss nicht viel mehr als Sie, ob ich gleich
Theoretiker bin und :5ic Praktiker sind.
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Sie wollen sich auch aktiv bctlieiligcn, und ich wünschte, Sie
könnten es. Aber lohnt es sich der Mdlic, jetzt wenigstens, auch
nur noch ein vernünftiges Wort zu sprechen? Ist es nicht Weisheit
zn schweigen^ wo die Tborheit, wenn auch im Gewände jesuitucber
Versobmitstbeit, das grosse Wort führt?
Lassen Sie getrost der Zeit den Glanben, dass nun anf einmal
auf alleitOebsten Befebl der menscbliebe Geist still steht; lassen
Sie nur darttber niebt Ibie eigene Mtlble ins Stocken geratben!
Leben Sie wobl! F.
Fenerbach »ii Heidenreioh.
Bnickberg, den 26. Mai 1852.
Lieber Heidenreich! liier erhältst Du Moleschotts Schritten.
yiDie Physiologie des Stoffwechsels'' wird natürlich vor allem Deine
Augen ant sich ziehen. Lass Dich aber nicht abhalten durch den
Titel „t^r das Volk'', nnd dnreh den ongeschiokten, weniger er-
leichternden als venpnrrenden Gebranch emiger dentscher Wörter
statt der chemischen Knnstansdrttcke, anob in die Lehre der
„Nahrungsmittel'' Deine Blicke hineinsvwerfen. Es wftre mir sehr
lieb, Dein Urtbeil zn vernehmen. Moleschott ist sehr hänfig mit
Liebig und Mulder im Kampfe, kein Wiederkäuer, sondern selb-
ständiger Forscher und Denker zugleich. Er ist auf diesem Gebiete
der einzige (mir bekannte) radikale und prinzipielle Naturforscher.
Nur aus diesem Grunde und aus diesem Gesichtspunkte habe ich
auch die Anzeige jener Schrift, die gar nichts anderes sein sollte
als eine prosaische Satyre auf unsere bisherige Philosophie, über-
nommen. Um Dir aber eine kurze Uebereicht ttber Moleschotts
Lehre mitzntbeUen, aus der Dn zugleich ermessen kannst, ob Du
diese selbst des weiteren Lesens für werth hältst, lege ich zngleich
bei einen, wahrscheinlich für eine Ensyklopüdie oder Zeitschrift
geschriebenen Artikel ttber diese Lehre, den ich vor Kurzem emt
von ihm erhielt, nnd erst diesen Morgen las. Nur kommen einige
selbst mir widerliche Popularisationen und Trivialitäten vor, die
Du eben überlesen musst. Die Chemie bleibt ewig, wie die Astro-
nomie, eine unpopuläre Wissenschaft. Die Waffe der Analyse wird
durch deutsche Namen den Menschen, die Alles nur en gros be-
trachten, nicht befreundet, nicht näher gelegt Doch sich' selbst
und liesi oder wirf es w^!
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Am Sonntag Morgen bedauerte ich sehr die Einladung Deiner
Frau zum FrUhstUckc aul dem Meinberge nicht angenommen zu
haben; aber Mittags beider schrecklichen Hitze war ich doch sehr
iroh, dass ich die kühle Nacht zum Nachhausegeheu benatzt hatte,
80 müde ich auch war.
Das Geld bitte ich Dich, bis auf passende Gelegenheit» bei Dir
noch zn beherbeigen. Dein L. Fenerbach.
Derselbe an denselbeo.
Brackbfiif, den 24. Juni 1852.
Lieber Heidenreich! Ich bedauere, dass Du eine goldene
Morgenstunde tllr mich verwandt hast und zwar zur Widerlegung
einer Annahme, die mir nie in den Sinn gekommen ist, da es ja
gerade Deine differentia specitica^ um diesen scholastischen Terminus
zn gebrauchen, dass Du die Medizin, wenigstens theoretisch, auf
die Physik und Chemie gründest, und die Lehre der Nahnmgsmittei
▼on Moleechott .dem Materiale nach nichts anderes enthält, als die
Resultate der nenen Chemie über diesen Gegenstand. Fttr mich,
der ieh in der organischen Chemie bis anf Holeschott ein Ignorant
gewesen bin, war aneb seinem Stoffe nach das Bneh eine Noviült;
aber obgleich der Mensch das ftlr ihn Wichtige nur zu leicht und
gerne zu einer Wichtigkeit auch für Andere macht, so ist es mir
doch nie im Traume eingefallen. Dir, den ich noch aus unseren
alten geologischen Zeiten her als einen fixen Chemiker kenne, Dir,
dem Vertasser der „medizinischen Physik'', meine eigene Unwissen-
heit aufzubürden, auch nur eine irgendwie wichtige chemische
Thatsache als Dir anbekannt anzunehmen. Aber diese Tbatsachen
bat doch Moleschott so zusammen- und dargestellt, dass die Schrift,
obgleich eine rem empirische, doch zugleich eine Schrift von ächt •
pbilosophiseber Bedeutung ist Du wirst Dich erinnern, wie Du
mir selbst eine Ärztliche Rezension vorgelesen, die ein durchaus
absprechendes Urtheil Aber die Schrift als eine pure materialistische
enthielt. Und der junge Mtlller, den ich hier nur als einen Refrain
der neuen Prager Schule l)ctia('litc und antühre, sprach sich gleich-
falls geringschätzig, wenigstens über den praktischen Nutzen der
physiologischen Chemie für die Medizin aus. Ich glaube auch in
der That, dass zwischen dem Standpunkte des Arztes, der den
Or^ranismus als solchen, als lebendiges Wesen vor sich hat, and
dem Standpunkte des organischen Chemikers zur Zeit noch eine
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nothwendigc und ungelöste Differenz besteht und so lange bestehen
wird, als nicht der Organismus vollständig in die Chemie, oder
diese in jenen anfgeldst, kurz der Organismns rollständig erklärt
ist. Was ist denn die Nerventhfttigkeit nnd wie verhält sie sieh
zu dem ^^Stofifweehsel'') der das Lehen ausmacht? Darauf finde ich
keine Antwort in Moleseholt Aus diesem allgemeinen Gesichts-
punkte wUnschte ich auch ron Dir die Moleschotf sehe Schrift ge>
lesen. Doch lassen wir die „Nahrungsmittel". Es freut mich, dass
Dir wenigstens die Physiologie des 8totl\vcchsels gemundet hat,
und ich Dir so auch einmal mit etwas Wohlselimeekendem aufge-
wartet habe. Die Parallelstellen zu Moleschott in Deiner iSchrift
habe ich nachgelesen.
Sie sag^n allerdings dasselbe, nur dass der grosse kritische
Zeitraum von 1836 — 1851, in dem der Menschengeist eine gaoi
entschiedene Wendung und Schwenkung gemacht, dazwischen liegt
Doch ich hoffe morgen das Gespräch mttudlich fortsusetseD,
wenn nicht wieder, wie vergangenen Samstag, der Regen mich an
die keupermerglige Scholle fesselt. Dein L. Feuerbach.
Kcucrbach an Fr. A. Brockhauä.
11. Juni 1852.
Sie erhalten hier, verehrter Herr, die .Vrtikel über meinen
Vater und meine Brüder zurück, aber leider nur mit den nnth-
dUrl'tigsten Verbesserungen und Zusätzen, namentlich zu den Artikeln
über meine Brüder. Aber wo der Vater schon so viel Platz ein-
nimmt, da bleibt wenig ftlr die Söhne übrig. Zudem habe ich alle
auf meinen ältesten jflngstverstorbenen Bruder sich besiehenden
Papiere und Notizen weggegeben, so dass ich mich selbst erst zum
Behufe eines ausführlichen Artikels in der Ferne nach genauen
Angaben hätte umsehen müssen ; aber dazu fehlte es bei dem von
ihnen so kurz gestellten Termine nnd bei meiner mehrmaligen
Entfernung von hier an Zeit. Musste ich aber bei dem ältesten
Hiiuler mich so beschränken, so konute ich auch bei den Anderen,
auch bei mir nicht, der S\ innictrie wegen, mich austiihrlicher aus-
sprechen. Bei mir kommt noch der Grund dazu, dass die gegen-
wärtige Zeit gar nicht geeigensehaftet ist, zu einem freien und
tiefer eingehenden Ui theil über mein eigenes geistiges Wesen und
Prinzip. Es ist das Beste, sich hier nur auf ein ganz allgemeines
Urtfaeil und die blosse Angabe der Schriften zu beschränken . . . .
V L. F. '
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Feuer bach an Fr. Kapp.
Bmdtbeig, den 28. Jan. 1853.
Lieber, thenrer Prennd! Ich mnss auf Deine fVeundsohaffr-
liehe, höchst vcrtührerischc Einladung, nach Newyork zu Dir zu
konnnen, wenigstens vor der Hand mit Nein antworten. Ich hahe
die letzten Jahre, namentlich das Ictztvcrflossene, zum Zweck meiner
Arbeit für alte und neue Bücher so enorme Summen ausgegeben,
nicht minder bedeutende Summen der hiesigen Fabrik vorgestreckt^
ohne Aussieht, sie wieder zu bekommen, wenn nicht der Tod ihres
pekuniären Vampyrs sie endlich ans ihrem Todeskampf erlöst,
• ttberdem gerade zu der Zeit, wo die Lebensmittel bei uns einen
nngewOhnlich hohen Preis hatten, ttber ein Jahr lang einen riesen-
grossen Hofmeister, der sich dbrigens in diesem Sommer — auch
ein Beispiel von nnsern löblichen Zustanden — einer der ersten
nnd Ireiesten Köpfe der süddeutschen, nach Emanzipation von der
Kirche strebenden Hchullehrer - auf eine schauderhafte Weise in
unserer Nilhe um das Leben gebracht hat, zu crnUhren gehabt;
ich habe endlich für meine fast schon zur Jungfrau herangewachsene
Tochter, welche sich gegenwärtig mit meiner Frau in Nürnberg
befindet und dort, ausser Englisch und andern Stunden — horribile
dietn — Konfirmationsunterricht — auch wieder ein Beispiel der
deutschen Freiheit in religiösen Dingen — fttr schweres Geld em-
pfängt — : ich habe, sage ich, dieses Jahr so grosse Ausgaben,
dass ich anf die Befriedigung der kldnsten, bescheidensten Wttnsche,
wie viel mehr meines höchsten Wunsches, Amerika aus eigener
Anschauung kennen zu lernen, verzichten muss . . .
Die glücklichen Amerikaner, bei denen Time ^foney ist I Wie
zeitgeizig bin ich, und doch hal)C ich es zu Nichts gebra<'ht ! Kein
Wunder freilich, da nach dem deutschen Idealismus, der uns noch
tief im Fleische steckt, die Zeit Ja nichts Reelles ist! — Auch in
diesem verflossenen Jahr ereignete sich ein Todesfall in unserer
Familie. Meine gute treue Mutter starb in einem Alter von nicht
ganz 7d Jahren, aber einen Tod, wie ihn nur der Mensch sich in
seinem Leben wttnschen kann, euien gänzlich schmerz- und kampf-
losen Tod, nnd zwar ohne vorausgegangene Krankheit nnd Altera-
beeehwerde • . .
Der AuBwanderungstrieb ist bei uns nicht im Abnehmen; im
G^gentheil, selbst die jungen Haucinbuben wollen schon hinüber-
fliegen, ehe sie flügge sind. Ein benachbarter gcscheidtcr Bauer
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will alle seine riint* Söliiio, so wie sie jxrösser sind, nach Amerika
sehicken. Das einzige Gespräeh in den abgelegensten Hanernwinkcin
ist Amerika, das einzige Riicli, das Dn zn Deiner Verwund ernnj:::
in einem Wirthsliaus in der Hand eines Hauernknechts oder Herrn
siehst, ist ein Buch über Amerika. Ich selbst habe kein andere«
firsiehnngsprinzip als Amerika . . .
Empfange noeb den Dank fttr Deine Einladung, die mir ein
höehst woUthfttiges Zeichen treuer Freundaehafti und die Versiehe-
rang, dasB ioh an Deinem und Deiner FamUie Woblergeben den
innigsten Antbeil nehme, und diesen Dir noch persönlich bezeugen
zu können hoffe. Mit dieser Hoifnung Dein L. Feuerbach.
Jos. Schibioh an Fenerbacli.
LiM-hwiz in Mähren, den 6. März 1853.
Ich kam auf meiner Rüekreise aus Ungarn in Wien an.
l^achdeni ich mich von dem Keiseschmutz gereinigt und um-
gekleidet hatte, miethete ich mir am Kohlmarkt, gegentlber vom
Mandarin, einen Comfortable, und trat so dne Entdeckungsreise an.
Zuerst begab ich mich in die „Akademie der bildenden Ktlnste''
und fragte dort nach der Adresse des Herrn Professors Kahl , nnd
erhielt zum Unglück, wie sich bald ergab, eine falsche nnd wieder
eine falsche, und so fort, bis ich nach zweistündigem Herumfahren
vor einem llausc in der Feldgasse lialten Hess. Dort erl'ubr ieh
von einem kleinen Manne mit ungeheuer langem Barte dem
Famulus Hahl's dass Letzterer nicht zu Hause sei und erst
spät Abends kommen dürfte. Meine Betrlibniss war gränzenlosi
Ich ersuchte den Diener, mir ein Stück Papier zu geben, worauf
ich einige Zeilen — die Ursache meines Kommens und das Leid
bei meinem Geben enthaltend — an Rabl schrieb, und während ich
den offenen Zettel dem Diener übergab, verdoUmetsohte ich ihm
einen dort gebrauchten Ausdruck: „mein theurer, lieber, guter
Ludwig" damit, dass ich sagte, es betreffe dies den grdssten Philo-
sophen, Feuerbach. „Also F. wollen Sie sehen? Ich werde
Ihnen das Portrait zeigen." leb bat ihn, aber schnell, mich F.
seihst suchen zu lassen; ich habe ihn zwar weder einmal im Hilde
noch in Wirklichkeit gesehen, aber ich werde ihn an seinem Kopfe
erkennen. — Wir traten in den grossen Saal des Ateliers, es waren
nebst anderep Stücken 30 bis 40 Portraits da. — „Der ist's nicht"
.]|8gte ich, „der auch nicht'' — „Ach entschuldigen Sie, ebep
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erinnere ich miob^ dass ihn drtt]»ett die Sohole kopirt'' — So war
anch dieser Reiz, dieses SeelenvergnUgen des Selberfindcns verloren.
Famulus trat bald mit dem lleiligthume ein ( — das Wort kommt
aus dem Innersten meines Herzens! M'eun's ein Heiligthum gibt,
so ist's nur ein solches und stellte es auf eine Staffelei. Mein
Feuer b ach! Wenn ich ein Wort weiter sagen könnte über das,
was in diesem Augenblicke in mir war, so wäre dies ein Zeichen,
daas ich doch noch Besinnung hatte — aber ich hatte keine! Nor
▼on den ersten £indrttelLen ist mir soviel erinnerlieh: Die Angen
zeigen Sparen eines unendlichen, aber schon ttberlebten Schmerzes;
ich las es denselben ab, dass sie schon Spott, Hohn, Unterdrückung,
Verfolgung getroffen, dass sie die finsteren Labyrinthe der Menschen-
ge schichte dnrch wandelt, dass sie das Elend des Menschengeschlechtes
geschaut! Ob sie, ob diese Augen wohl auch schon eine ThrUue
netzte? - Der ganze Ausdruck des Gesichtes hatte nichts, was '
man geheimnissvoll nennen könnte, alles ist klar, alles offen —
alles licht!
Ich verliess das Haus, sprang in meinen Wagen und fuhr in
meine Wohnung, ins Hotel London (dasselbe, wo Blum wohnte
und gefangen genommen wurde). Ich war ganz erschöpft; die
steyriseben Gebirge hatten mir einen Schnupfen mit seiner ganzen
Suite angehängt, das Wetter in Wien war trttbe und regnerisch,.
Typhuskranke in jedem Hause; ich war zu sehr aufgeregt yon dem
Besuche bei Rah1, mir war unheimlich. — Ich Hess warm heizen,
las Zeitungen, um Feuerbach und Typhus zu vergessen, ass ein
Kotelett und trank eine Bouteille Rothwein auf meinem Zimmer
und ging zu Bette. Am folgenden Tage trat ich die Reise nach
Znaim an. Von Znaim kam ich hieher nach Lechwiz und hofl'te
eine Antwort auf meinen Brief aus der letzten Hälfte des Dezembers
hier zu finden. ~ Ich fand sie nicht, ward traurig — und schrieb
diese Zeilen ! KUsse Sie und die ihrigen herzlichst. ~
J. Schibich.
Fonorbach an £. G. v. Uerdor.
Nürnberg, den 1. Juni 18&3.
Th eurer Freund! . . . Ich hoffte gestern, heute vielleicht
fra Stande zu sein, nach Erlangen zu fahren, um Deinen siehe nz ig-
jührigeu Geburtstag in Person mitzufeiern. Allein meine Hoffnung
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erfüllte sich nicht Mein Katarrh ist im G^gentbeil nur noch
schlimmer geworden, so dass ich heute gar uicht ausgehen will.
Sü sehe ich iiiiidi denn genöthigt, Dir, statt aus einem fröhlichen
und geselligen Glas Wein, aus dem tristen, misauthropiächen Tinten-
t'ass meine Glückwünsche darzubringen.
So wie sidi mein Katarrh gebessert hat, gehe ich nach Bruck-
berg, um mein Lorchen in der Periode der Wiedergenesnng und
Auferstehnng vom Bette mit Uberwachen zu können. Bei meiner
Rttekknnft boffe ich Dich hier oder in Erlangen wiederzusehen.
Dann werde ich Dir auch die Geschichte des englischen Deinnas
zurückgeben, die ich bereits hier durchgelesen nnd als ein sehr
gutes und interessantes Bneh befanden habe, fUr dessen Mittheilnng
ich Dir innigst verbunden bin.
Mit der ßilte, mich Deiner verehrten Fräulein Schwägerin,
Fräulein Adele und Don Fernando*) zu empfehlen, von Herzen
Dein L. Feuerbach.
Derselbe an denselben.
Brockberp, den 13. Jan. 1854.
Mein lieber h oc h v ere h rtcr Freun d ! . . . Ich war fort-
während, bin es noch jetzt, so sehr in meine Studien verloren,
dass ich nicht einmal die Zeit oder vielmehr die Freiheit und Müsse
auch nur zu einem Hrietc fand. Nur dieses Buch, dachte ich bei
mir, mnsst Da noch fertig machen, dann kannst Du mit gutem
Gewissen and gntem Mathe an deinen Herder schreiben. Aber
anf dieses Bach folgte sogleich wieder ein anderes dieses, anf das
zweite ein drittes, nnd so nnaafhörlich fort bis in die sehleehte
Hegel sche „Unendlichkeit''. Noch bin ich mitten in dieser schlechten
Unendlichkeit, oder, wenn Du lieber willst, in dieser unendlichen
Schlechtigkeit; aber es rei;t sich nun doch bii mir ein ganz anderes
Gewissen, als das szicutivische oder literärische - das Gewissen
des Menschen, des Freundes, das stärker drückt als die Last
uueutleerter Folianten . . .
*) Die Scbwigerin var die TerolimngswQidige Therese Forster, Tochter Qeorg
Försters, damals 67 Jahre alt. Schwester der st^hon verstorbenen Louise r. Herder,
geb. Huber, welche Mutterstelle bei l[«'nI<Tb Kindern vertrat. Adele, die Tochter
E. G. V. Her>lr i-s. h< iratht>U'! noch 1S5H den bayrischen Arzt Dr. Knby. Don Fernando
iüt der Petersburger BibliutheLar.
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— ai —
Es ist zwar an sich oder vom astronomischen Standpunkt kein
Unterschied zwischen dem alten und neuen Jahre, aber auf unserem
armen menschlichen und bürgerlichen Standpunkt ist es doch ein
gewaltiger Unterschied) ob Nr. 53 oder 54 auf nnserer Stirn ge-
sebrieben steht, namentlich wenn man bereits so weit yorgerttckt
ist wie D»! verehrter Freund! Ich „gratnlire" Niemanden mm
neuen Jahre, es wttrde mir bei jedem Andern als eme leere Formel
erseheinen ; aber bei Dir drängt sich mur unwillktthrlich und herzlich
der Wunsch auf, dass es Dein unverkttmmertes Eigenthnm werden
möge. Namentlich wlinsche ich Dir, dass Dir die Irennung von
Deinen Kindern durch erfrcnlichcNachriclitcn von ihnen erleichtert,*)
die Anwesenheit und Gesellschalt aber Deiner verehrten Schwägerin
Dir und ihr nicht durch kürperUche Leiden verbittert werde. Lebe
wohl! Herzlich Dein L. Feuerbach«
Derselbe an densuibun
16. Juni 1854.
Mein lieber hochverehrter Herder. Erschrick nicht^
wenn Du diese Hand erblickst, im Gedanken, dass aueh die übrigen
zu ihr gehörigen Körpertheile, die Fitsse, die Gurgel, der Kopf,
kurz der ganze Kerl schon wieder zu Dir in das Haus komme,
k'li will nur ein wenig aus der Ferne mich darnach umsehen, ob
die \\'nn(ien, die ich Deinem ruhegewöhnten Herzen im Hause
geseblagen, die Lücken, die ich in Deinen Weinkeller gebracht,
die Lache, die ich in meiner Schlafstube durch das Verschütten —
ich weiss selbst nicht ob des Wasserglases oder eines andern Ge-
schirres — yerursacht, kurs ob alle die unsaubern Bier- und Wem-
geister, die ein sensualistiscber blasphemischer Philosoph in einem
gerroanisch-ehristtichen Hause zurttcklttsst, bereits exorzirt und yer-
seliwnnden sind. Ich fürchte, Du selbst bist diesmal endlich zum
Kreuz gekrochen; ich fHrchte, das erste und letzte Kreuz, das Du
iD Deinem Leben gemacht, hat mir gegolten.
Ich verliess F^ruckberg in der grössten kör])erlicben und geistigen
VerutimmuDg, in einer üeberartigen Aufregung . . . Aber gleichwohl
*) Adele war ihi'cin .Manne nach rimiasuns gefolgt; Don Fernando aber wtgcn
seines Ja politischer B«ziuhaug betliiitigtcu Yurhaltena, im Intorosse der Uiiivorsitäüi-
stoAnadeii'* aus Eriangon und dem Vaterhause ausgewiesen. Er stadiric Botanik
itiKl Girtnerei in Zarich, nachdem man ihn, den geprüften Kochttdiaiididatcn, von der
Aoitspfaii]! ausgoschlossen I So rcrfilgt von Pascha Beigensberg. —
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ist mir die Partie, trotz oder vielleiciit eben wegen ihrer krassen
Widersprüche mit meinen Lebensgewohnheiten, vortreft'lich bekom-
men. Ist es bei Dir ebenso , denn durch mich bist Du doch aus
dem gewohnten Mass gerissen worden, so bin ich zufrieden.
Für Deinen Lukrez bin ich Dir schon jetsty wo ich ausser der
Einleitung nur einige hundert Verse gelesen, hOehst dankbar. Es
ist dies eine Uebersetzung sans {»areille; der Text ist aber nieht
von Greeeh, den leb in Nflmberg gekauft, sondern ein sp&terer,
viel kritiseberer, wie leb bei dem wenigen Gelesenen miob ttber-
zeugt habe, ron Wakefield.
Vergiss nicht, dass ich nur Dir zu Liebe, oder richtiger nur
zu Dir, zu Deiner iStudirstube, als einer heiligen Kapeile aus der
alten guten Zeit der deutscheu Literatur, nach Erlangen gewall-
fabrtet bin, vergiss also nicht Uber dem Erlanger Feuerbach
Deinen Bmckberger L. Feaerbacb.
Derselbe an denselben.
Bmckbftrg, den 3. Januar 1855.
Hoehverehrter Freund Seit ich das letzte Mal bei
Dir war, bin ieb, unTermeidliobe Gänge nach Ansbach abgerecbnet,
nicbt Ton hier fortgekommen, stets beschäftigt mit meiner neuen
Schrift, die gleichwohl nichts wesentlich Neues bringen wird, sondern
nur Beweise, ansfabrliche, historisob und philosophisch erörterte
Beweise des längst in Jugendfrische Gesagten. Aber was Anderes
könnte man der jetzigen abergläubischen und aberwitzigen Mensch-
heit bringen wollen V Gegen die Geistlosigkeit, die sich als Geist,
als Geist der Wahrheit und Menschheit gebärdet, kann dieser Geist
nur in der Form anspruchsloser Geistlosigkeit zu Felde ziehen.
BUchernoth treibt mich nun aber doch bald vielleicht von hier
fort, und dann werde ich nicht unterlassen, mich persönlich nach
Dir umzuschauen. Ein Sporn zu diesem für einen Landmanu
ritterlichen Unternehmen ist mir auch Moleschott's treffliehe Sehritl:
Georg Förster. Ich will seine wttrdige Tochter, ich will Dich, den
Geistes- und Blutsrerwandten unserer ehrwürdigen Menschen- —
nicht Kirchenyäter, wieder sehen. Dein L. Feuer b ach.*)
*) Im letzton llriofe an HcrJtT (22. Vehr. I>«ö5) biett-t IVia ibach »loiii l'reuiitl«'.
der zu üeiuer Tochter iu likeiubayeni zu zicho gedachte, seine Uulfe bei Vcritussc-
rang der Bibltothek «n. Oer Brief traf den Kremul auC dem Todesbette, anf velcbom
er den 26. Febr. veisclited.
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dd
Feuerbach an Dr. J. Duboc.''')
Bmokbeig, dea 20. Mai 1853.
Verehrter Herr! Der Gegenstand, den Sie in Ihrem mir
trotz seiner irrigen Ortsbezeichnnng richtig nnd rechtzeitig zn-
gelLommenen Briefe zur Sprache bringen — ein Gegenstand , der
mir niehi nttr als Denicer nnd Mensch dberhanpt^ sondern auch
insbesondere als Sohn eines Hanptkriminalisten , dessen sämmt-
licher gedruckter und schriitlicher Nachla^s in meinen Händen
ist, unendlich nahe lieä2:t — würde längst von mir zum (legen-
standc einer «elb.ständi<;en Al)haiulhing gemacht worden sein, wenn
ich Zeit und Raum dafUr gefunden hätte. Aber seit mehreren
Jahren besehättigt mich, wenn auch nicht gerade eine förmliche
Religionsgeschichte, doch eine religionsgcschichtliche Darstellung
und DurchiÜhrnng einiger im Wesen der natürlichen und christlichen
Beligion ausgesprochenen Gedanken, welche alle meine Zeit nnd
Kraft in Ansprach nimmt, so dass ich alles Andere, was sieh nicht
anmittelbar anf diese Arbeit bezieht, nicht nnr äusserlich, sondern
auch in meinem Kopfe bei Seite legen mnss. Gleichwohl ist aber
dieser Gegenstand nicht nnr indirekt nnd implieite, sondern auch
ausdrücklich bei verschiedenen Gelegenheiten von mir bedacht und
licsprochen worden, ausser in den Schriften, die Sie kennen, be-
sonders, obwohl kurz, in meinen Gedanken über Tod und Unsterb-
lichkeit, in der letzten Abhandlung vom Jahre 184(>. Desgleichen,
wenn auch nicht namentlich, doch dem Wesen nach, in meinen
Aphorismen wider den Dualif>nius des Leibes und der Seele, im
II. Bande meiner Gesammtschriften. Der Punkt, den Sie in dieser
Frage besonders hervorheben, scheint mir ttbrigens erbebliche
Schwierigkeiten nicht darzubieten. Ich erinnere an ein berühmtes
Beispiel ans der Creschiehte der Philosophie, nämlich an den Magnet,
der, wenn er Bewnsstsein oder GeiUhl hätte, auch glauben würde,
dass er von selbst oder mit Freiheit sich stets nach dem Korden
richte, weil diese Richtung eben seiner Natur entspricht, er Iteine
derselben entgegengesetzte Kichtung oder Neigung habe, also sich
nicht genöthigt oder gezwungen fühle. Der Mensch fühlt sich frei,
weil jede Bestimmung, die ihn zu dieser oder jener Handlung,
dieser oder jener Unterlassung bewegt, selbst eine durch seine
individuelle Natur bestimmte ist.
Der letzte Ponlit in der Reihe der aui' mich einwirkenden
*) Dies}« Briefe sind, mit Ausnalmie eines einzigen, ron dem Hrn. Einpränger itt
d«r Wigaad'sdien „Deatsche Warte** zum Abdrack gebracht vorden.
ttrii, FeitibMlu Briefwecksd v. NmMbm. IL 3
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34
Ursachen ist doch oft'eubar der Punkt meiner Erzeugung und (ieburt.
Ich bin dieser Mensch nur als erzeugt von diesen Eltern, iu dieser
Zeit, an diesem Orte n. 8. w. Ich wäre ein ganz Anderer, Ton
anderen Eltern, unter anderen Umständen u. s. w. erzeugt. Ich
bin mit Kothwendigkeit so, wie nnd der icb eben bin. Aber diese
Notbwendigkeit ist ja Eins mit mir selbsti meiner Individualität,
meinem Wesen, folglicb fttr mein Gefühl Freiheit; denn nur das
von mir Unterschiedene, vielmehr das mir Widersprechende, das
mich Beeinträchtigende gibt mir das GeiDhl der Unfreiheit. So
ffilden wir uns unfrei in einer Gesellschaft, die unserem Wesen,
unseren Neigungen, Gewobnlieiten u. s. w. wider. sj) rieht, in der wir
uns in einem fremdartigen Elemente befinden, in der uns folglich
nicht wohl ist. Freiheit ist die Heimat des Menschen, oder richtiger
umgekehrt: die Heimat des Menschen ist seine Freiheit; da, wo
ich zu Hause bin, eigentlich und bildlich, da bin und lUhle ich
mich frei. Nun sind aber die Bestimmungen oder Antriebe zu
meinen Handlungen, selbst wenn sie in äusseren Ursachen ihren
Grund haben, heimische — es ist kein fremdes, anderes Wesen in
nnd bei mir zu Gaste, der Treiber und der Getriebene sind nicht
zwei verschiedene Wesen — wie sollte ich mich also unfrei ffiblen?
Wenn ich in der Wahl oder Kollision zwischen zwei Dingen mich
befinde, ich zuerst schwanke, welches von beiden ich ergreifen soll,
so werde icb mich schliesslich doch immer liir ila.s entscheiden,
was meinen vorherrschenden Xcigun^ani, meinen cljaniktcristischcn,
• mein individuelles Wesen ausmaihcndcn Eigenschuften am meisten
entspricht, und folglich mich frei füblen, obgleich (oder vielmehr
vielleicht gerade desswegen weil) ich uothwendig mich so entscheide.
Hinterdrein (vielleicht selbst im Moment der Entscheidung) kann
. ich mir freilich aiuli einbilden, dass ich anders handeln kann oder
anders hätte handeln können, als icb gehandelt habe, und diese
Einbildung, diese Vorstellung, dass man das Gcgentheil von dem
thnn kOnne, was man wirklich und nothwendig thut, ist es auch,
worin die gewöhnliche Vorstellung der Freiheit wurzelt. Das wiilL-
liehe GefHbl der Freiheit ist nichts Anderes als das Gef&hl der
Gesundheit, des Wohlseins, d. h. der Harmonie irgend einer He
stimnmng, Handlung, iMitschcidung oder Zustiuides mit meinen»
individuellen Wesen. Bei der Freiheitsfrage muss mau vor Allem
nicht von dem einseitigen Gesichtspunkte der MoralitUt oder nio-
ralist hen Freiheit ausgehen, und ebensowenig die Notbwendigkeit
auf eine mechanische, gleichi'drmige, abstrakte reduziren.
36
Die äusseren Ursachen, denen ich mein Leben und Wesen
verdauke, sind meiner Indinduaiität entsprechende; es haben mich
nicht andere Menschen überhaupt^ sondern diese Menschen, die ich
eben desswegen als meine Eltern von Anderen unterscheide und
berorzoge, gezeugt; ^s hat mich nicht die Sonne oder Natur Uber-
haapt, nicht die afrikanische Sonne, sondern die in Deutsehland
seheinende Sonne, die in Deutschland herrschende Natur, vom ersten
Ponkte meiuer Existenz an uml'angcn, es sind also nicht dcspotiscbe,
fremdartige, gegen micli feindselige, sondern vertraute, meiner
lii(li\i(lualität zusagende, ja mit ihr identische Wesen oder Mächte,
die auf mich einwirken. Kurz, das Geflihl der Freiheit, dessen
Gegenstand nicht die phantastische Chimäre des Allesthunkönnens,
sondern etwas Wirkliches ist, ist nichts Anderes als das Gefühl
der Harmonie des Menschen mit der Natur, des Menschen mit dem
Mensehen, des Menschen mit sich selbst. Frei t'tlhlt sich und ist
der Mensch nur da, wo er gern ist und in dem, was er gern thut
Dieses Thun, dieses Sein ist üreies, weil mit meinem Wesen har-
monisches7 desswegen aber auch innerlich nothwendiges. Nichts
ist trHglicher und willkttrlicher als die Auslegung der Menschen
von ihren Gefühlen! Und wie Vieles bilden sie sich ein zu
lüblen, was sie nicht fühlen, gar nicht fühlen können. Wer die
rnsterblichkeit glaubt, fühlt sie. Aber wer kann wirklich fühlen,
was irar nicht oder wenigstens noch nicht ist. — Entschuldigen
Sic diese wenigen und ungenügenden Zeilen mit meiner Arbeit,
Ergebeust Ibr L. Feuerbaeb.
DerBvlbc au (IüiisicDm u.
Bruckberg, Ueu 2U. Juui ]bö3.
VerehrterHerr! Unangenehme Vorfälle haben mich 14 Tage
lang nicht nur von meiner Arbeit, sondern auch von meiner hiesigen
WobnstUtte entfernt gehalten und nöthigen mich, nächstens wieder
anf einige Tage mich von hier zu eutleiiien, so duss ich erst bei
meiner Rückkehr meine Arbeit wieder vornehmen kann und mittler-
weile Zeit zur Fortsetzung des mit Ihnen begonnenen Tiicmas habe.
— Die Kothwendigkeit der menschlichen Handlungen erstreckt
sieb keineswegs auf Alles ohne Unterschied. Die Nothweudigkeit
erstreckt sich nur auf das Nothwendige, Wesentliche, HauptsUch-
Hebe, nieht auf das Gleichgültige, Unwesen.tiiche, Zufällige, leb
3*
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r
i
36
wähle znm Beispiel die niedrigste, alltäglichste Nothweodigkeit,
die Nothwendigkeit der Nabrnng. Diese Nothwendigkeit erstreckt |
sieb Qor auf die Speise überhaupt , aber nicht gerade diese oder
jene Speise, so lange icb wenigstens gesnnd bin; aber die Gesundheit
ist doeh offenbar der normale Gesichtspunkt, 'von dem man überall
ausgehen muss. Ob diese oder jene Speise, ist mir gleichgttltig,
ich verlange nichts weiter als die generelle Eigenschaft, dass sie
fOr den Gaumen und Magen eines Knltnrmenschen geniessbar ist
Wenn mir in einer Kestaiiration die Speisekarte gereielit wird , so
werde ich mir allordinfrs die Siieisc aiiswiihlen, die mir am liebsten
ist; ist diese aber l)ereits vcrgrilVen, so werde ieh mir üljer den
Verlust kein |j;ra lies Haar \vaebsen lassen, sondern irgend ein anderes
Gericht auswählen. Wer sieb so zur Speise verhält, ist frei, wenig-
stens in dieser lieziehung. Wer aber nur auf gewisse ausgesuchte
Speisen versessen ist, wer ausser sich und unglücklich ist, weBO
er diese nicht hat, wer dieser einseitigen Kichtung und Neigung
sein Verm($gen, seine Gesundheit, seinen Verstand u. s. w. aufopfert
der ist unfrei, aber fühlt sich unfrei nur so lange noch andere
Neigungen und Interessen in ihm rege sind und, wenn auch er-
folglos, gegen die Herrschsucht seines Leckermaules sieh aufleimen.
Wenn aber wirklich der Press* oder Sauffcrieb zur „charakteristischen,
sein individuelles Wesen ausmachenden KigenschatV eines Menseben
geworden ist, dann zweifle ieb, dass er sieb als Sklave'^ seiner
Leidenschaft fühlt", dann bebaupte icb vielmehr, dass er sieh nur
frei fühlt, wenn er Irisst und säuft, unliei und unglücklich, wenn
er Nichts zum Fressen und Saufen hat. Ein Mensch, dessen Wesen
wirklich im Säulen aufgeht, dessen wesentliches Prädikat: der
Säufer ist, hat auch längst seine Vernunft versotten — er ist bei
sich, bei Geist, bei Kraft und Leben nur beim Trunk • er kann
nicht sein ohne zu trinken — er ist „toujonrs besoffen". So ge-
stand ein Wüstling und Liebling Karl's II. von England auf seinem
Todtenbette, dass er fünf Jahre lang toigonrs besoffen gewesen sei
Es ist nicht selten, dass Menschen eine mit ihrem übrigen Wesen gar
nicht zusammenstimmende Neigung zu einem Laster haben, von der
sie sich eben desswcgen als Sklaven lublen, weil sie sich mit ihrem
sonstigen Wesen, ihren anderen Neii;ungen und Triel)eu im Wider-
sjjrucbe fühlen. Solche sind aber aueb, wenn auch nicht von (irund
aus zu heilen, ducb zu massigen, wenn zur gelniri^^en Zeit die
richtigen Heilmittel angewendet werden; denn die Lehre von der
menschlichen Freiheit gehört zur Arzeneimitteilehre. Der wahre
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Sklave dagegen fühlt sich nicht sih bltlave, wie im Politischeu
im Moralischen.
5. Juli.
Diese schon vor einigen Tageu hingeworfenen, aber durch
meine abermalige Entferaang unterbrochenen, dann ans Missfalien
an dem Niedergeschriebenen nnd der Ueberzeognng, dass solche
Gegenstände sich nicht fttr Briefe eignen, ad acta gelegten Zeilen
sobieke ich Ihnen nan doch, nm Ihnen wenigstens meinen gnten
Willen zn zeigen. Ich füge denselben nur noch den Satz bei : wer
sich als Sklave fühlt, fühlt sich unglücklich, ärgert, empört sich
Uber seine Herrscbuft, bestrebt sich das lästige Joch abzuschütteln
und beweist eben durch diesen Widerwillen, dieses revolutionaire
llestreben, dass diese oder jene Neigung oder I^eidenschaft nicht
seine cbarakteristisctfe oder wesentliche, mit ihm in Eins verschmol-
zene Eigenschaft ist. Und tiberlasse die Folgerungen daraus und
Ergänzungen, vielleicht anch Berichtigungen dazu Ihrem eigenen
Verstände. Ergebenst Ihr L. Fenerbach.
Dertielbe an denselben.
Bmckberf, den 22. JoU 1853.
Verehrter Herr! Erst gestern and nach langen und verschie-
denartigen Unterbrechungen zum Gegenstande meiner Arbeit zurück-
gekehrt, und von der bei mir so äusserst seltenen und schnell
vcrirchendcn Lust zur eigentlichen schriftstellerischen Behandlung
eines Themas ergriffen, bescliräiike ich mich, um diesen glinstigen
Moment nicht zu verlieren und doch zugleich 8ie nicht lange warten
zu lassen, auf eine kurze Erwiderung der Hauptpunkte ihres Briefes.
Ich bemerke zunächst, dass Ihre Ausstellung au dem von mir ge-
brauchten Beispiele mit dem Säufer richtig ist, dass ich dasselbe
nicht imverkrOppelt nnd nnbescbädiget ans dem Kopfe aufs Papier
gebracht habe, dass aber meme Beschr&nknng der Nothweirdigkeit
auf das Wesentliche keineswegs im Widerspruche mit meinem
froheren Briefe steht, weil, wenn wir anch Alles ans Nothwendigkeit
thuD, wir doch nicht Alles mit gleicher Nothwendigkeit thnn,
dass wir verschiedene Grade der Nothwendigkeit zn unterscheiden
hallen Nothwendigkeit hängt ja mit Noth, ßedlirfniss, Vcrlaii-cu
zusaninien und Xotli bricht Eisen — dass gegen die dringendere
Nnth, das mehr Nothwcndige, das minder Nothvvendige vcrsi h\vin<h !,
dass selbst in der äusseren Natur schon die niedere Nothwendigkeit
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von der sUlrkercn aurgehoben wird, /. H. von der cheniisclieQ
Wablverwandtschatt, von der AdhUsion z. B. des Wassers am Glas,
die Nothwendigkeit, mit der es ausserdem mit sich zusammenhängt
und sich im Gleichgewichte erhult; dass aber eben in der Unter-
ordnung des im minderen Grade Notbwendigen unter das Kotlh
wendigere nnd Nothwendigste die Oesnndheit, Weisheit nnd Freiheit
des Menschen besteht. Doch betrachten Sie diese flüchtige Bemer-
kung als nngeschrieben oder doch, da sie nun einmal geschrieben
ist, als nicht nennen»- nnd dankenswerth.
Von der cigcntlichoii i)hilosoi)bisc'ben I^iteratur der Gegenwart,
nach der Sie sich erkundigen, nehme ich nur sehr wenig Notiz,
weil ich nur wenig Bücher lese, aus denen icb Etwas lerne oder
l'Ur meine Arbeiten brauehe, zu diesen Büchern al)er nicht die un-
serer jetzigen „Philosophie'' gehören. Das Beste, was jedoch noch
in dieser Literatur geleistet wird, betrifft die Geschichte der Philo-
sophie. Hieruber, namentlieh Uber die Geschichte der Philosophie
seit Kant, sind mehrere Schriften erschienen, so von Chalybftas in
Kiel, Fortlage in Jena (erst dieses Jahr, glaub' ich). Schaller, Ge-
schichte der Naturphilosophie, IL Band, worin natfirlich aber auch
auf das ganze System eines Philosophen Rücksicht genommen wnd.
Nun zn Ihrer «weiten Frage .... Bruckberg hat allerdings
Wirthshäuser, aber das i'llr Sie geeignete Wirthshaus ist allein
mein Wohnhaus, wo Sie mir und meiner kleinen, aus meiner Frau
nnd meiner 14 Jährigen Tochter bestehenden Familie herzlich wiU-
kommen^sein werden. Ergebenst L. Feuerbacb.
l''i'iH5rba«-h ait ntto Wigand.
Kriickbei'g, Uüu 30. Juli 1S55.
Lieb er F r eu nd! Ich benutze die Absendnng der musikalischen
Werke meines Freundes Maier in Ansbach an Sie, um meine
mündliche Empfehlung desselben schrüUieh zu erneuern, um Sie
um Ihre Verwendung fttr ein Ihrer Verwendung vollkommen würdiges,
musikalisches Talent, oder vornehm gesprochen, Genie zu ersuchen.
Sie thun mit der Erfüllung dieser Bitte nicht nur ein Freundeswerk,
sondern zugleich auch ein christliches, biblisches Werk. Es beissf
Ja in der Schrift: Ihr sollt das Licht nicht unter den Scheffel
stellen. Maier ist aber ein unter den Scheffel gestelltes, an einen
obskuren Ort versetztes Licht, ein Menscb, der ebensowenig nach
Ansbach gehört als Musiker, wie ich nach Bruckberg als Denker.
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Macben 8ie alno, mein lieber Wigand, dass dieses Licht auf den
Scbe£fel einer Leipziger Buch- und Mosikalienbandlnng gestellt
werde und so aller Welt in die Augen leuchte, in die Herzen
brenne. Maier ist ein Sehfller Spobr's, ein Bekannter Liszt'Si ein
Mann von dem reinsten, nnverdorbensten, muB&aliBchen Gesehmack,
inniger Verehrer der alten, klasslBehen Meister, namenflioh Mozarf s,
gleichwohl kein Nachahmer derselben, sondern durchdrongen von
der Nothwendigkeit einer Neugestaltung der Musik aus eigener,
nur durch die alten Meister gebildeten Brust und Kehle.
.... Doch eines grossen Bockes bekenne ich mich schuldig :
ich habe dem Kelibocke noch nicht Ihren Frcundschal'tsgruss aus-
gerichtet, werde aber ibni diesen noch beute Abend unter der
Gestalt eines Salats oder Klees zu Herzen, oder was hier eins, zu
Magen bringen. Vorgestern war mein 5L Geburtstag. Ich wurde
reich beschenkt; ich erhielt von K (in stierbänden eine schäme Tyrolcr
Landschaft. In dem letzten Aphorismus von mir in Ihrer Zeit-
schrift habe ich zum Schrecken der gelehrten Pedanten einen
Erinnerungsbock erkannt Es war nicht Pendope, sondern die
Enrykleia, die Haushälterin, die den Ulysses an dem Barte erkannte.
Wählen Sie einmal aus meinen Xenien einige bittere PiUen aus,
wenn diese anders die Polizei passiren. Ihr Feuerbach.
Derselbe an denselbes.
Bmcicberg, den 12. Dezember 1856.
Lieber Wigand! Sie müssen wenigstens das noch einmal
hören, dass ich für meine neue Schrift keinen andern Verleger als
Sic im Munde und in petto gehabt habe. Was die Honorari'orderung
betrifft, so warten Sie, bis die Stunde der Entscheidung gekommen;
denn es ist ein selbst in meinen Schriften, ich glaube im Gurri-
oolum vitae, ausgesprochener Grundsatz und mehr, Charakterzug
ron mir, dass ich mich nicht eher über etwas entscheide, als bis
der Zeitpunkt und mit ihm die Nothwendigkeit der Entscheidung
gekommen ist. Dass diese Stande aber auch nach „18 Monaten^'
noch nicht gekommen, ist kein Wunder, wenn Sie meine Isolirtbeit
nnd verzweifelte BUchernoth bedenken, bedenken, das« ich z. R.
die zur gründlichen sprachlichen Kenntniss Homers unerlasslichcn
sog. Venetianischen Scholien, horribile dictu erst dieses Frühjahr,
wie ich, glaube ich, Ihnen selbst schon i,^esch rieben, crlialten halx*,
nicht zu erwähnen, dass mir viele andere ÜUlfsmittel, wie z. Ii.
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dio Aiimerkinig'cii Nitscli's y.nv 0<lyRscc, auf (lein Aiiti(|uaiicn-Wc«^c
- leider iiiuss icli die w oliUeilsten aber iaii^sninstcn Wej^e anl-
8UüIien — erst diesen Sommer und Ilcr))st in die ilünde gekommen
sind. Ist das nicht zum DcRperatweidonV Mubs man nicht alle
Lust verlieren, wenn alle Aogenhlicke hloss aus Manj^el an Brenn-
material die Maschine stille stehen mussV Doch die Stunde der
Entscheidnng naht, d. b. die »Stunde der Vollendung. Also warten
Sie noch so lange, ehe Sie nichts mehr von meiner Schrift hOren
wollen. Ich sage nur soviel im Voraus : Ich habe in memem Kopfe
fUr das Ckinze nie mehr verlangt, als die Kosten für die Bücher-
ausgaben der (> auf meine Schrift verwandten Jahre, um die Kosten
nir eine ebeuKoviele .laiire entbehrte lieisc heranszuscblagcn. Oewins
eine sehr bcsclieidene licclinung ! Docli wie gesn;j:t, ich kann und
mag nicht reehncn und fordern in endgültiger Weise, als bis ich
anis Ende, ans letzte Punktum meiner Schrift gekommen.
Ihre Bitte kann ich leider nicht erfüllen, da ich weder Daguerro-
typCi noch eine Photographie von mir besitze. Ihr F e n e r b a c h.
Kiigu au Kuiici'bacli.
Brigliton, fingUad, FrUl^abr 1857.
Lieber Freundl Verschiedene jüngere Leute tragen sich
schon seit 48 mit dem Plane einer Revue. Sie sollte erst in
Berlin mit der „Reform'' vereinigt werden. Die Ereignisse vom
November 1848 vereitelten dies. Dann ist es unterl)lieben , weil
die Urheber des Planes zu sehr an die Zii^( liauerrollc gewcihnt
sind. So hab' ich es endlicli selbst imternommcii und hoffe, dass
die Sache gelingt. Wahrse heinlich lesen Sie wenig von dem elen-
den Zeuge, welches die 'J'agespresse zu Wege bringt. Wenn man
es aber auch gelegentllt h liest, so spürt man einen empfindlichen
Aerger, dass man ein Zeitgenosse dieser Menschen ist Wir brauchen
unsere eigene Zeit, unsere eigene Erscheinung, und mtlssen die
wahre Aristokratie gegen diese Lumperei geltend machen; sonst
scheint es, dass sie uns begraben hat, wie sie es denn fortdauernd
unternimmt zu thun.
Ich habe seit 48 nichts von Ihnen gehfjrt oder gesehen. Hier
ist man leicht zum Aiiachoreten gemacht, wenn man nicht besondere
Ausgaben für die Theilnahme an dem Treiben der Deutsehen
machen will. Erst in der letzten Zeit hab' ich dies getlian. und
dies bat mich zu dem Entöchlusse gebracht, den ich ihnen hier
41
mittheile. Ln^;!=!cn Sie mich bald von sich h<>ren. Hoffentlich sind
Sie und die IbrigeB woblauf! Empfehlen Sie mieh allen freund-
lich! Sie baben biet einen Verehrer in Prof. Long, der Ihre Bttoher
in London gefanden nnd sie mit dem grössten Entbnsiasmns ge-
lesen hat Er ist ein gelehrter Philologe nnd nieht leieht zu be-
friedigen, da er gleich strenge gegen den Inhalt nnd gegen die
Form ist. leh hahe sehr bei ihm gewonnen, dass ich Sie kenne
und ihm einen Brief an Sie versprochen, wenn er mal des Weges
käme. Von ganzem Herzen der Ihrige Arnold Kuge,
Feiieil»ach au Kugc.
10. April Ibol.
Lieber Freund! Ihr Rundschreiben traf hier gerade an
demselben Tage ein, an dem ich das Manuskript eines neuen
Werkes, betitelt: „Theogonie, nach den Quellen des klassischen,
hebrftiscben nnd christlichen Alterthnms", die Frucht sechsjähriger
Studien, dem Wigand zum Verlage und Drucke ttberschiekt hatte.
In diesem seligen Momente des Fertig- und Ledigseins von einer
vieljährigen Gewissenslast, erfreut /Aigleich, dass meiner auch noch
in der Feme als eines Lebenden gedacht wird, sagte ich in
Gedanken Ihrer Einladung unbedenklich zu; nachdem aber an die
Ötelle dieses seligen FreiheitsgefUhles das Gefühl jener Leere und
Unbestimmtheit getreten war, die man nach Beendigung einer
koozentrirenden Arbeit empfindet, war ich lange unentschlossen,
was ich thnn, ob ich mit Ja oder Nein auf Ihre Anfrage antworten
sollte. Endlich bin ich, um Sie nicht länger warten zu lassen,
entschlossen, n. zw. zu einem, wenigstens provisorischen, Nein.
Ich sage: provisorischen, weil ich zu einer Sache, die noch nicht
ist, die ich nicht vor Augen habe, weder Nein, nocb Ja entschieden
sagen kann Von jeher war ich (Iberdem zwar ein sehr fleissiger
und immerwährender Student, aber ein sehr fauler und nur momen-
taner Skribent, hin es aber jetzt, aus sehr begreiflichen Gründen,
in bei weitem hidicren Grade, so dass nur die Freude an den
Leistungen Anderer mich zu thätiger Tlicihinhme bestimmen und
/u enfsprechender Thiitigkeit verleiten könnte ete. Kurz, ich kann
micb keiner Zeitschrift versprechen, ehe ich sie gesehen nnd lieb
gewonnen habe. Homo sum, sensualistischer Mensch. Von der
Differenz zwischen nns erwähnte ieb nichts, weil sie ohne Einfluss
anf mein provisorisches Nein, da wir, wenn auch in den Wegen
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and Ausgangspunkton verschieden — ich gehe wesentlich von der
Naturwissenscbaft ans — doch in Ziel und Zweck nnaeres Lebens
nnd Strebena einig sind. L. F.
Ucinricb Benecke an Feuerbacli.*)
Varzin, den 11. Norember 1856.
Ilochgcclu'ter Herr Doktor! (lümien Sie mir nur das
VcrguMgen, für dieses Mal meinen Brief direkt «m Sie zu richten,
und wenn ich Sie mit meinem werthlosen Geschwiltze aucli immer-
hin auf Augenblicke stilre, so soll mich dies doch weniger be-
kllmmcrn, als wenn ich Sie Uberhaupt nicht mehr stören könnte,
loh bin ja der b(')se Mensch, der Sie todt sagte ; doch glauben Sie
mir, geehrter Herr Doktor, dass ich Sie mit Freuden wieder unter
den Lebendigen begrttsBe. Nach dem Erfolge beurtheilt, erscbeine
ich natürlich als ein grftnzenloser Narr; aber Sie sollen selbst ent-
scheiden, ob ich, wie jeder Andere, der die Nnmmer 129 der
„Literatur des Anslandes" gelesen, zn einem anderen, als dem be-
wussten Ueaultate kommen konnte. Ein Franzose, St. Ren4-Taillan-
dier, hat ein Huch geschrieben Uber die Geschichte der deutschen
Literatur der Gegenwart; in diesem sagt er, auf die neueste Philo-
sophie kommend: „Ludwig Feuerbach hat sich zurückgezogen".
Hierauf bezieht sich dann eine Anmerkung des Redacteurs
J. Lehmann in Berlin: „Herr T. scheint nicht zu wissen, dass
Tjudwig Feuerbach vom Schauplatze dieser Welt durch einen höheren
Kiohter abberufen worden!" Lässt diese Redeweise auch nnr den
geringsten Zweifel Uber die Mittbeilnng zn? Ueberdies ist mir von
Berlin her bekannt, wie wohlanterriebtet sonst dieses Jonmal ist;
auch kenne ich Joseph Lehmann persönlich als einen dnrobans
vorsichtigen nnd ernsten Mann. — Darauf hin schrieb ich nach
Bruckberg und, weil ich an Bruckberg durch grosse Lebenser-
innerungen gefesselt, so war die lebhafteste und Ijerzlii-hste Theil-
nahme ganz natürlich. Hiezu kommt ausserdem, dass ich, nach
Hinterpommern verschlagen, von der lauten und intelligenten Welt
*) Dr. 11. Bcncfkc. o.'mrv icncr „jiliigcni Ficuiid«''* l'"cucil>aclis im Norr1«yi,
hat sich iluri'li srino trinic uiiil lii'l)cuswürdi}?c Aiihännliclikcit an Minrn ^aussen
Lehrer, bis uIht «lits (iiab, au.sgczcichnct. Er vcrfnäbte ciu hcriiichca Icuiilctun l'Ur
dio Wiener .JM csse" (14. Doz. 71), und ein zweites in demseibon Blatte beim Tode
Feneilwclw (Sept. 1872). Seine Briefe ans dem Dezennium 1850'— flO folgen Ucr
hintereinander.
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weitiib liege; ich mussto glauben, eher llir einen NacbxUgler, als
flir einen faUehen Propheten gehalten sn werden.
HochachtnngSYoll Heinrich Benecke.
Feuerbacb au H. Beuecke.
Bruckberg« den 28. Norember ]&6tt.
Verehrter Freund! Es ist kein Wunder, dass ich bereits
zu den Todten gerechnet werde. Ich bin j.a schon lilngst von den
deutschen Theologen und riiiloKoj)hcii widerlegt", das heisst auf
deutsch geistig todt gesciilagcn; nun hängt aber bekanntlich in
Deutschland das Leben, die Physik, sanimt allen ihren Kräften und
StoffcDy nur vom Geiste, scilieet den deutschen Kanzel- und Katheder-
gelehrten ab; also bin ich natttrlich oder vielmehr logisch noth-
wendig auch physisch todt. Todt nennen die Menschen den, der
kein Lebenszeichen mehr von sieb gibt — die gemeinen Menschen
den, der nichts mehr von sich sehen und hOren Iftsst, den sie nicht
mehr handeln sehen, sprechen bnren; die Gelehrten, namentlich
in Deutschland, wo der Sensualismus eine Chinülre, den, der nichts
mehr schreibt, den sie sich folglich nicht mehr niit der Feder
thätig denken können.
Nun habe ich aber seit vielen .Jahren nichts mehr geschrieben ;
ein Mensch, der aber keinen Tropfen Tinte mehr verspritzt, der
hat auch keinen Tropfen Blut mehr ftir Gott, K()nig und Vaterland
zu verspritzen, also oder anders und spekulativ ausgedrückt:
„Die Identität von Denken und Sein ist das innerste und höchste
Wesen der deutschen Philosophie, des deutschen Geistes über-
haupt" Was das Gebet der Gerechten nicht vermag, das vennag
der Gedanke der Philosophen. Die deutschen Frommen haben
mich längst „todt gebetet leider ohne Erfolg; nun haben aber
die spekulativen l*hiIosophen mich todt gemacht, ergo bin ich auch
todt. Sie sehen, dass ich die Nothwendigkeit meines Todes selbst
a priori deduzire und dass ich daher über Ihren Nekrolog nicht im
Geringsten mich verwundern oder gar entsetzen konnte. Wie
wünschte ich auch anderen Todten, dass sie so noch nach ihrem
Tode lebten, wie ich, so noch Uber die Theilnahme der ihnen
i\achfllhlenden Ueberlebenden sich erfreuten, so noch an den Blättern
und Blumen ihrer Gräber sich ergötzten! Wie gern wttrden sie
fllr solchen Tod das Leben hingeben, das ihnen einst von der
Kanzel vorgepredigt, vom Katheder vordemonstrirt worden ist!
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Meine Frau und Tochter grUssen Sic durch mich freaadlicbst
nnd wünschen nebst den ttbiigen äcblossbewohnern , Sie einmal
wieder hier persönlich begrtlssen zu kOnnen. Auch ich schUesse
mich diesem Wunsche an nnd bezeuge Ihnen zugleich nnter der
Versiehemng meiner Verehrung mit dem einzigen in Deutschland
privilegirten und authentischen Lebensorgan und Lebenszeichen,
der Feder, dass ich mich schreibe L. Feuerbach.
NB. Ein deutscher Gelehrter kann .selbst nicht seinen Namen
unterzeichnen, ohne eine Anmerkung darunter zu setzen. Ich be-
merke daher, dass ich noch nie mit solchem Schwünge meinen
Namen geschrieben habe. Aber es galt ja auch nicht mein Todes-,
sondern mein Lebensurtbeil zu unterzeichnen .... L. F.
H. Beneck« an Feuorbach.
liOndou, don 15. Mai 1S5S.
Hochgeehrter Herr Doktorl Die von jiämmtlichcn
Feuerbachs l)islicr erschienenen Bücher finden sich hier vor; mit
besonderem Interesse aber verglich ich die Esscnces of Chri-
stianity, translatcd by Mr. £van8, in Chapmann's Quartcrly
Series, No. 6, mit dem Bruckberger Originale H. B.
Leipzig', (Ich 24. Niivcmlx r l^öS
Hochgeehrter Herr Doktor! .... Erinnern Sie sich noch
eines gewissen K. Lfideking? Er hat im „Jahrhundert'', einer
Hamburger Zeitschrift, eine Reiseskizze Aber „Ludwig Fenerbach''
veröffentlicht, die zuerst in einem in St. Louis erscheinenden
Jonmale erschien. Ich nehme an, dass Ihnen das „Jahrhundert"
nicht zugehen wird und werde mir demzufolge erlauben, Ihnen
morgen j)er Kreuzband die betreffende Nummer zuzuschicken. Ich
könnte viel darüber sagen, aber nur das Eine: nach Lüdeking
haben Sie Ihre schriftstellerische Tliätigkeit nut der „Theogonic**
abgeschlossen. Ist dies mit so absoluter Bestimmtheit vorauszusagen,
verehrter Herr Doktor? Ich wollte, ich wäre bei Ihnen in Bruck-
berg, um diesen Ihren Entschluss mit lebendigen Worten zu be-
kämpfen; denn ~ erst vor Wochen kamen mir zum ersten Male,
nachdem ich die „Gedanken Uber Tod und Unsterblichkeit^* durch-
gemacht, die Triarier in die Hände, ein Schriftchen, dessen Ver-
fasser ich gerne durch Sie erftlhre. Durch ihn wurde mir von
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Keueuj klar, wa.s ich hoühI bei mir KelljHt gedacht hatte: es fehlt
■iebty als Eraatz 1(1 r da^ viele, da« diin li Sie der Welt ahhanden
gekommeii bt, an den herrlichsten eUiisehen Gedanken in Ihren
Werken; aber es fehlt noeb eine anthropologische Ethik , als ein
Ganzes fDr sieb. Verehrter Herr Doktor, Sie sollten schweigen
wollen? Wer will da reden V Ludwig Feaerbaeb, wie ich ihn
ans seinen Hehriften erkenne, ist nicht bloss der beredte nnd
lebarfe Kritiker, - er wird und naisH auch, ho lange noch ein
HlntKtropren in ilnii ist, den 'rcnipel zu erijaiicn suchen, in dem
ijat h seinem Kvangelium die Mennchen nicli erhaiieii. Die Hai;-
Ktcine lie;,a ii niaüflCMweine zertttreut, aber uur der Mmtcr kann »iu
ziUMiiimicnlUgeu .... Ihr Ii. B. *
I.cipitig, tl:u 17. Dczeioix-r l'ja^.
Sehr geehrter Herr Dokt(»r! .... Noch mnss ich Sie
frageUi ob Sie „Arnold ituge n Briefe ilhcr die Theogonle'' zoiaillig
gelesen haben, die sich gletcblalls im „Deutschen Museum'' vor-
linden. Wenn nicht, so werde ich sie Ihnen bereitwillig schicken,
da ich im Besitze der Nummern bin; ich habe sie nur nicht augeu-
blieklieb zur Hand. Sonst ist mir eine KriHk der „Theogonie"
nicht vorgekommen.
In London haben Sie in der Person des Kev'^ Dr. Cappel,
meine« dorti;?en liesehUtzerH , eini n wannen und treuen i'reimd.
Kommen Sir jemals dorthin, so he^rlMcken Sie den Mann mit einem
HcKUchc; er wohnt Daihton Kise. «.pjiosite Ii) and 1(>. Ich stehe
mit Dr. Loui» Cappel, einem irisclien, trettüeben Mennchen noch
in KorrcKpondenz; er hat mir, wenngleich persönlich ihnen nicht
bekannt, einen Gruss an Sic autgctra^^en. Sie wie ganz Bruck-
berg berzlicb grtfssend, verbleibe ich in Hochachtung und Ergeben-
heit Ihr Hie verehrender H. B.
Jkriia, den 26. iMptoiaber 1%59.
Hochverehrter Herr Doktor! ... Das „Gift" Ihrer
Philosophie, einziger Herr Doktor, hat sich vielleicht in Prenssen
am allenneiKten durchgetrc8Hcn und manchen klaren Kopf gcmaeht,
waM jetzt Hchon Früchte trägt; ich habe darin manche intercKsaute
Erl'abrung gemacht Ihr 11. b.
46
BeiUo, den 24. Jani 1860.
Hochverehrter Herr Duktor! .... Die Welt sollte end-
lich einmal wieder ein Novum von Ihnen zn sehen hekonunen; es
will mir g;anz so vorkoninien, als seien Ihre ideeu von Gott imd
Unsterbliehkeit , von Himmel imd Hölle, in den Köpfen der so-
genannten Gebildeten leidlich verarbeitet worden. Ein Jeder liat
nur noch nicht den Muth, damit hervorzutreten; unter ?ier Augen
geben die Herren Pastores gerade so viel zu, als die Mediziner
und Juristen. — £2s wird mich ungemein interessiren, von Ihren
literarischen Absichten etwas zu erfahren ... Ihr H. B.
Pnuerbach an W. ßolin.*)
Bruckbi-rg, di-n IC. Nuv.
Mein lieber j ugendlicher Freund! Sie wollen von mir
wissen, ob der bewusste ^^Gegenstand, eine gründliche Ueberarbeitung
vorausgesetzt, an die Oeffentlichkeit zu treten verdiene''. Unter
„Gegenstand'' kann ich nichts andres verstehen und werden auch Sie
nichts andres verstehen als die Fabula, den so zu sagen geschieht-
lichen oder mythischen, in dürren Worten erzfthlbaren Inhalt, —
die griechischen €MJtter versammeln sich zu einem Diner, invitiren
dazu den Jehovah, dieser erscheint, verliebt sich etc. Mir gelallt
umi aber der Gegenstand, wie ich schon in meinem letzten Brief
andeutete, nur bis zu diesem Punkte, wo Jch. mit der \'enus in
Berührung konmit, — die Sache lediglich vom poetischen Gesichts-
punkte aus betrachtet. Dieser Bund des abstrakten Denkwesens
mit dem Geschlechtswesen ist der eigentliche Knoten des Stttckes;
aber gerade die Lösung, die Entwickelung dieses Knotens, stellt
fnr mein Geftthl nur einen Konflict der Poesie und Historie dar.
Statt frei poetisch diesen Knoten zu lösen, nehmen Sie zu der
dogmatischen Finte der Beschattung im Geiste Ihre Zuflucht und
lassen neben der Macht der Liebe zugleich die Macht des Ehr-
geizes, des monotheistischen Antokratismus, bestimmt von historischen
Keminiszenzen, eine Rolle im Jeh. spielen, während doch Jeh. schon
*) Wilh. Bolin Um ab 22j8]iiiger junger Mann im tiept. 1S57 snoKt nach
Bruckbeiy, wo er seinen Besach im felgoiden Jaliie zweimal erneuerte. Ancli auf
dem Becheubeige war er in den 60er Jahren dreimal Feuerbach» willkommnec (Säst.
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aulgehört hat, Jeh. zu sein, nachdem ihn der „Veuusschiuati*' ^e-
brandmarkt bat. Ein Franzose, wie z. B. Paruy, der bckaimtUch iu
seiDer „Guerre des Dieux^' die Maria in eine ähnliebe Berührung mit
Apollo, wenn ich mich recht erinnere — es sind vielleicht )}8 Jahre
her, dass ich diese Schrift gelesen — gebracht hat, würde den
Knoten auf obszdne Weise gelöst haben. Sie haben diese Klippe
rermieden, sind aber dafür anf eine andere ^erathen. Kurz, der
Gegenstand von dem bezeichneten Wendepunkte an gefUllt mir
nicht und erscheint mir daher nicht für die Veröffentlichung geeignet.
Ich spreche aber dieses ürtheil nur als ein s ii 1j j e kt i ves aus,
und zwar aus den schon in meinem früheren Briel' ausgesprochenen
Gründen. Ich wiederhole aber den einen, damit 8io ihn in Zukunlt
nicht ausser Acht lassen, obgleich er an sich ein höchst gleich-
gültiger, nichts desto weniger für den Leser und Kritiker erheb-
licher Punkt ist. Ich meine die Beschaffenheit Ihres Manuskrij)ts,
das durch die prosaischen Schwierigkeiten des Lesens oder yielmehr
Zusammenlesens der einzehien Worte und Verse dem Leser den
poetischen Genuss verbittert. Ein Werk, namentlieh ein poetisches,
muss aber schon äusserlich den Stempel der letzten Iland, der
Vollendung an sieh tragen, wenn es nicht verstimmen soll Sollte
aber mein Urtheil mcht nur ein subjektives sein, sondern anf objektive
Gültigkeit Anspruch machen, so werden Sie sich hoffentlich dcs»-
wegen nicht ein graues Haar wachsen lassen. Die ernten
Aeusseruugen unserer Talente sind stets zugleich nur die Knt-
äusseruDgen unserer Fehler. Wer nicht den .Muth bat, seine Kehler
zu erkennen, nnd auch nicht die Kralt über sie sich zu ärgern
und betrüben, der hat auch kein Keeht und keine Ansciebty sich
über seine einstigen Tugenden zu frenen. Wer sich namentlich
als JUngling nicht Kiehts sein kann, der wird sicberlieh ak Mmmb
nie Anderen Etwas adn. Und wer nicht über den, waa er erat
zn machen liat, das was er berats gemacht hat mit leichtem mmI
frohem Sinn vogiast, der gehSrt in eine Petrelakteasammiiiog, aber
nicht in daa Bcieh der lebcadigcB Wesen. Daram vorwärts^ mkU
rttekw&rts ge^ehaot! Zam Tenfel mit der Ver;rarigeribeit, zwtn
Himmel mit der Zukunft! .-.rl*:h werde ^Al. <itr ^Än w^rrd^r,"**
,,Ja wohl: ich werde sein wa« ich •eiij »ni- /m *^,tii ^hii*^.i,f, -
dieser hoffnungsreiche W-m-^jh i-t der ein/J;re e^ii^*: Oo« d#?r
Mciiiichhcit", «agt p. ^ der utn/tMü Istt^jf^obtt
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ßrii. kl)<:ix, »U li '.». Kebr. 11*5^».
Mein lieber Herr Hol in. Man bat mir oft vorgeworfen,
dass ich ein aphoristischer Schriftsteller sei, mag sein; aber ich
bin wenigstens kein aphoristischer Mensch , Denker und »Stndirer.
Im Gegentheil: ich treibe und stadire Alles in absatzlosem, un-
unterbrochenem Zusammenhang; ich kann nichts Neues anfangen,
als bis Ich das Alte — wenn auch nur bis zu einer mir vorgesetzten
Grilnze — vollendet babc. Zu dicBcr Ki^^enscliuii ;:,esellt hIcIi nun
nocb als lUindus^cnosHin die Kiiilormii^keit des i.aiidh'ljciis, d.Ms
keinen Weclisel kennt alH den de.s Wetters und der .Inlireszciten.
Kein Wunder dalici-, dass icli so ilusserBt sebwer zum Scbreiben,
nameuthcb aber zum Hriet'st lireiben komme; denn was sind liriefc
anders als aus dem Zusauimbangc des Lebens und Denkens heraus-
gerissene A|diorismenV Nun giebt es l'reilicli kein Leben, sei es
auch ein noch so abgeschiedenes und uniformes, wo nicht der
Mensch gewaltsam aus seinen Planen, Studien und Gedanken heraus-
gerissen wird; aber diese Risse sind die unvermeidliche Folge von
der Kette der Nothwendigkeit, die Eins mit dem Anderen verbindet,
und mit der Nothwendigkeit kämpfen selbst nicht die Götter, wie
viel wenif^er die Menscbcn. Und ho ist denn aueb bei mir eij^ent-
lieb nur diis JJand der N<>tbwendigkeit das liaiid meiner Korres)M»n-
(Jenzen. leh selireitK' nur, wo und wann icb sclireihen niuss. Dabcr
liabc icb aueli Ibre Irillieren Briele ^Heieb beuntwortet, weil bier
Antwort Notbwendigkeit war, wenn aueb nur moraiisclie, iiicbt
aber Ihren letzten, obglcieb so innigen und anziehenden Brief, weil
kein bestimmtes Objekt zur Antwort nötbigte.
Allerdings anerkenne und befolge ich, auch im Briefschreiben,
die Empfindung als eine Nothwendigkeit, und diese drängte mich
zur Beantwortung desselben; aber sie wurde durch eine stärkere
Empfindung vefdrängt In derselben Woche nämlich, in welcher
ich Ihren Brief erhalten, verlor ich durch den Tod meinen besten
und ältesten Freund, den als Arzt, Nattirforacber und Mensch gleieb
ausgezeiebneten Dr. lleidenreidi in An,>baeb. Seit seinem Tode
babc icb micb nur mit süineni (ieiste, seinen medizinisclien Und
naturwissenscbaltliclien Sebril'tcn neljst den dazu eriorderliebcn
Studien besebUl'tigt, und so Uber dem Todten die Lel)endi;;en ver-
gessen. Auch jetzt ergreife ich nur die Feder, um ibueu zu sagen,
warum ich so lange nicht geseb rieben, warum icb so wenig Hebr( i])e,
damit Sie meinem längem Stillschweigen nicht falsche GrUnde
unterlegen.
4l>
Hoffentlich treffen diese Zeilen Sie noch au Ort und Stelle.
Wenn Sie mir wieder einmal schreiben, so bitte ich Sie nur schlecht
und recht ohne weitere Prädikate auf der Adresse meinen Namen
%u netzen.
Mit dem Wunsche, dass ihre Plane und Entwürfe gedeihen
mögen, Ihr L. F.
Bruckberg, den 20. März 1858.
Mein lieber Herr Bolin. Ihr letzter Brief war Wasser
auf meine Müble, detnn er dreht sich um einen Gegenstand, nm
den sieh jetst die gesammte Kleinwelt oder Kleinstadt der gegen*
wärtigen deutschen Philosophie (sit venia verbo) dreht; aber nieht
wie diese philosophischen Petit-Maltres, nämlich wie jenes bekanute
,,Thier auf dürrer Haide", — sondern wie ein junges Pferd, das
von der dürren Haide weg: seine gesunden Glieder und Sinne der
schönen grtlneu Weide" ziistreckt. Sie haben vollkommen Recht,
wenn Sie die Halbheit verwerten, die das idealistische Genie Ficbtes
meistern und der Verirrung zeihen will. Die Kantische Philosophie
führt mit unTcrmeidücher Noth wendigkeit auf den Fiohte'schen
Idealismus oder — so sonderbar es auf den ersten Blick scheint,
aber die Kantische Philosophie ist ein Widerspruch — auf den
Sensualismus. Die erste Konsequenz gehört der Vergangenheit,
der Historie an — aber die meisten Gelehrten und Philosophen
haben nur vergangene Gedanken im Kopf —y die zwdte Konsequenz
gehört der Gegenwart und Zukunft an, wenn wir anders, wie wir
nun einmal in allen Stticken gewohnt sind, an eine historische
Erscheinung, die nicht nur aus der Tinte und- Schule, woraus die
;^elehrten Schulmeister Alles erklären und ableiten, sondern auch
aus der Natur, dem F.eben, dem Hinte stammende Kntwickelung
der Geister anknüpfen wollen. Und allerdings ist Kant vor Allen
dieser Ehre würdig, denn Hegel und Schölling sind zuletzt doch
nur mystifizirte, durch den Absolutismus der Idee des einseitigen
Idealismus scheinbar entkleidete Kantianer. Ich nannte Ihren Brief
aber auch desswegen Wasser auf meine Mtthle, weil ich im Spät-
herbst des verflossenen Jahres selbst mit dem Gedanken einer Schrift
Ober Kant mich beschäftigte und dessw^n diese alte Bekannt-
sehaft meiner Jugend und Mannheit erneuerte. Ich wurde aber in
diesen Gedanken unterbrochen, theils durch den erwähnten Tod
meines Freundes H., theils durch das Studium der neuesten physio-
ürün, Ffuerliachs Uriet'wechüel u. Narlilu!».'«. II. 4k
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logischen Werke über die Sinne. Ol) ich von da wieder zu Kant
zurückkehren werde — wahrlich ein grosser KUckschiitt — steht
noeh dahin.
So sehr mich aber Ihr Brie! interessirt und erfreut hat, so
bätle ich doch beinahe wieder — ans den bekannten, obgleich
noch lange nicht genng bekannten und entwickelten anti-epiato-
lariscben Gründen — mit meiner Antwort den rechten Zeitpunkt
versäumt und Sie von Berlin abreisen lassen, ohne Ihnen Gltick
auf Ihre Reise zu wünschen nnd als die wohl ftlr beide Theile
schicklichste und sicherste Zeit Ihrer Ilierherkunft die Zeit Ihrer
Rückkehr zu bestimmen. Doch alle Vorausbestimmungen aus weiter
Ferne sind im mcnscblicben Leben gewagt und unsicher, nament-
lich t'lir einen lieisenden wie Sie. Ich Überlasse daher die näheren
Bestimmungen Ihnen. Lehen Sie wohl! L. Fh.
Hruckberjf, den 1. Juni ls."»s.
Ihrem Wunsche gemäss, lieber Freund, melde ich Ihnen nach
Hamburg, dass ich Sie um Mitte Juli — gleichgültig oh einige
Tage früher oder später — hier erwarte. Ich habe zwar selbst,
jedoch nur meiner Tochter zu Liehe, eine kleine Reise vor; aber
ich werde sie entweder vor oder nach dieser Zeit machen. Wenn
Sie von München ans ohne Umschweife hieber kommen wollen,
so fahren Sie mit der Eisenbahn bis Günzenhausen, von da mit
der Post oder dem Omnibus bis Ansbach, von wo aus nur noch
3 Poststunden ])is hieher sind. Ich bedauere nur, dass Sie nicht
schon jetzt hieher kommen können, jetzt, wo die BlUthentUllc und
das tlj)])ige Wiesengrlln die Hhissen des menschlichen Eigennutzes
verdecken, die zur Zeit der Cictrcidereile so sehr in die Augen
stechen. Doch mir und den Meinigeu sind 8ie jederzeit herzlich
willkommen. L. Fb.
Bnicltbeig« den 30. Kor. 1858.
Mein lieber Herr Bolin. Es ist bereits über ein \'icrtel-
jalir, dass Sie mir von Hamburg aus geschrieben, und gewiss
werden Sie längst einer Antwort von mir mit Ungeduld entgegen-
gesehen haben. Aber was fflr Sic spät und lange, ist Idr mich
sehr l'rllli und kurz; denn ich ])flege Briefe, die nicht eine augen-
blicklich zu erledigende Angelegenheit bctrclfen, die nur einen
geistigen Zusammenbang fortsetzen, nur ein Surrogat der Konver-
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sation sein sollen, nur von Jahr zu Jahr oder höchstens von einer
Jahreshälfte bis zur andern zu schreiben.
Ich bin nicht nnr, wie ich Ihnen, glaube ich, schon schrieb,
an ein . nnnnterbrochenes und zasammenhängendes, sondern auch
an ein znittckgesogenes Denken nnd Leben so sehr gewöhnt, dass
mir der Aphorismus emes Briefs ausserordentlich schwer fiUlt.
Meme Gesinnung ist zwar human und gesellig ^ aber meine Feder
höchst widerspenstiger und ungeselliger Natur. Es gibt genug
Leute, bei denen Lernen und Lehren, Empfinden und Sprechen,
Denken und Schreiben identisch ist. Ich geliiiie aber nicht zu
diesen Glücklichen, ich niuss erst genöthigt oder in Affekt ver-
setzt werden, um meiner Feder eine Zeile, meinem Munde ein
Wort zu entlocken. Die alten Pliilosophen und Physiker hatten
einen Horror vor dem Vacuum Uberhaupt, ich habe einen Horror vor
dem leeren Papier. Schreiben ist wohl für den Leser ein (Gewinn
nnd Bedttrfniss, aber für den Schreiber selbst ein Luxus und Ver«
lost; denn was er schreibt, das weiss er ja schön, das hat er in
sich selbst „Kurz ist aber das Leben und lang die Kunst" Man
kann daher nicht viel genug lernen, aber nicht wenig genug schreiben.
So denke ich als Schriftsteller, so als Briefsteller. So müssen auch Sie
von mir denken und nach diesen Gedanken Ihre Erwartungen ein-
richten, wenn es gleicli an sich eine unbillige Forderung ist, dass
Sic, ein junger Mann, mit mir, der ich den grössten und wichtigsten
Theii des Lebens, den Sie erst vor sich haben, bereits hinter mir
habe, dieselben rigorosen, kurzen, resignatorischcn Gedanken
haben sollen.
Allein ich verlange sie ja auch nur in l^eziehung auf mich
selbst Vergessen Sie vor Allem nicht, um Ihre Erwartungen auf
das Minimum herabzustimmen — ich selbst hätte eigentlich damit
beginnen sollen — , dass ich ein Landmann bin, wenn auch nicht
de jure, doch de facto, wenn auch nicht der Beschäftigung ^ aber
doch dem Orte und Status quo nach. Aber der Landmann bringt
nur Früchte hervor, die langer Zeit zu ihrer Reite bedürfen. Aul
und vom Lande kann man zur Noth wohl BUcher, aber keine
Hriele schreiben. Zum Hricfschreiben fehlt der Kelz des Wechsels
der Novitäten und Animositäten des Stadtlcl)ens. Die Städter
machen sich gegenseitig Visiten in ihren Häusern — und was sind
Briefe anders als schriftliche Visiten V — der Landmann aber hat
sein Haus nur für sich selbst; was er fUr Andere ist nnd hervor-
bringt, was Andere interessirt von ihm zu wissen und zu haben,
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das bringt er auf den öffentlichen Marktplatz. So ist es aneh mit
mir, nnr dass mein Markt, den ich ttbrigens auch nur selten betrete,
die Literatur ist Weil ich nun aber doch, im Widerspruch mit
meiner Denk- und Lebensweise, eine Visite Ihnen abstatte, so sei
auch Einiges erwähnt, was zu einer solchen sich eignet. Seit Sie
von hier fort sind, bin ich nirf^ends hingekommen als zweimal
nach Nürnberg:, einmal Geschatte halber, das andere Mal, um mit
meiner Frau und Tochter einer hoehi^a^schätzteu Freundin und ihrer
Tochter, die aus Amerika zum Wiedersehen ihrer leidenden Mutter
herübergekommen war, einen licsuch zu niaehen. Das war im
August, und im nächsten Monat darauf, am 13. September, ist auf
ihrer Rückkehr nach Amerika diese liebenswürdige junge Freundin
nebst ihrem reizenden 5jährigen Kinde bei dem verhängnissvollcn
Brande der Austria — man weiss es nicht — vom Feuer verzehrt
oder vom Meere versohlungen worden. Wenige Wochen nach der
Kunde von diesem Ereigniss folgte die unglückliche Mutter — eine
nicht nur persönliche, sondern auch geistige Freundin von mir ~
der ungUlckUchen Tochter und Enkelin ins Grab nach. Bei diesem
Brande verunglückte auch noch ein anderer jüngerer Freuml und
ZuhJirer von mir, der Dr. Friedländer, weiland Privatdozeut in
Heidelberg. Dieses schreckliche Ereigniss, so fern von hier vor-
gefallen, ist doch mir und den Mcini^^en so nahe, so zu Herzen
gegangen, dass es jetzt noch alles Andere aus den Gedanken und
aus der Feder mir verdrängt. Und so sei denn auch nur Dieses
erwähnt! Leben Sic wohll Und schreiben Sie mir von Ihrem
Leben, Ihren Beschäftigungen, Ihren Planen und Aussichten fhr
die Zukunft. Ihr freundschaftlich ergebener L. F.
W. Boliu au Feuerbach.
Hebiogfois, Freitag den 17. Deaemb. ]S5^.
Mehr denn einmal, mein thcuerer väterlicher Freund,
habe ich während der vier Monate meines Hierseins Ihnen sehroiben
wollen. Doch i)lieb es immer nur l)eim Gelüste, beim \'orsatz, der
heute erst seine Erledigung lindet, und zwar durch Ihr liebevolles
Schreiben vom 30. November veranlasst, wofUr ich hiemit meinen
herzlichsten Dank abstatte.
Anfang September hier angekommen, widmete ich mieh ganx
Ihnen. Auf Ihre Anregung hin las ich Knapp 's meisterhafte
Rechtsphilosophie, sodann weihte ich mich mit neuer Liebe Ihren
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— 53
Werken. Sclion laiijjjc hatte ich mich auf die Wiederaulnahmc
dieses Studiums gelreut, jetzt eben bin ich bei Ihrem Bayle. Mitt^u
in dieser Besch Uftigung wurde mir durch die in No. 43 des „Jabr-
baoderts" mitgetheilte Reiseskizze von LUdeking unser erstes Zu-
sammentreffen äusserst lebhaft ins Gedächtoiss gerufen, so dass
ich im Geiste meinen Besuch bei Ihnen wiederholte und somit
Ihnen noch näher kam, als ich's Überhaupt diese Zeit hindureh
gewesen. — Mit nächstem Jahre denke ich eine gute Uebersicht
der Naturwissenschaften sn gewinnen, von denen ich bisher nur
genascht und genippt, obwohl auch diese erneute Bekanntsc halt
bei mir, als Mittel zur besseren Einsicht in ihre Schriften, nur
sekundäre Bedeutung hat . . .
Wir werden noch ninnchen Hriel' wechseln, ehe ich von Ansbach
aus den aumuthigen Weg zu Ihrem gastlichen Hause wieder ein-
schlagen kann. Hier liegt mir oi), den Doktorhut zu erwerben.
Um diese ^eschmBcklose Kopfbedeckung ist mir's wahrhaftig ebenso
wenig, als um den abgeschmackten Titel zu thun. Doch heischen
das meine Verhältnisse, denen ein abhängiger Mensch wie ich
Rechnung tragen muss. Zu meinem Spezimen habe ich mich noch
nicht entschlossen, natürlich muss es aber so neutral im Wesen,
als massig im Umfange sein, und wird wahrscheinlich z. B. Börne's
Aussagen über und gegen Geithe betreffen ; doch habe ich , wie
gesagt, noch keinen festen Kutscliluss gefasst, obwohl es mein
nächstes Ziel angeht.
Behalten Sie lieb ihren Wilhelm Boiin.
\V. Bolin an Foui iba« h.
Ilulsingfors, Mittwoch duu ;iU. März
Mein lieber, hochgeehrter Freund! Als ich Ihnen im
vorigen Dezember auf Ihr freundliches Letztes dankend antwortete,
äusserte ich rieUeicht, dass ich abermals von Schopenhauer Notiz
genommen, eigentlich nur, um dem Manne gerecht zu werden. An
der Quelle selbst zu schöpfen, gebrach es mir an Zeit; ich begniigtc
mich daher mit Frauenstiidt's begeisterter Darstellung. So klar
mir diese originelle Anschauung ward , so bin ich doch nicht be-
kehrt , und werde mich an die Hchriften des Meisters selbst erst
dann wagen, wenn ich überhaupt einsehe, dass icli mehr zum
Philosophen, als zum Dichter tauge; - denn natürlich gehe i( h
in dieses „Theben mit hundert Thoren*' (wie er seine Philosophie
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nennt) mit eben den Absichten hinein, wie des Odysseos Uokpi'erd
naoh nion.
Mit ganzem Herzen stimme ich Ihrer Anssage ttber Schopen-
haner bei: er ist ein ganzer, gesunder, kräftiger Denker, „ein
triseher Qnell'', wie Sie ihn nannten. Aber was soll uns der Bnd-
dhismns, was der enieute Zwiespalt von Erkenntnis» (Vorstellung)
nnd Ding an sich (Willen)? Unwillkürlich treibt es mich zum
Protest, namentlich liegen die nur theilw eise Anerkennung von Raum,
Zeit, KausalitUt, (beschichte n. s. f. Ich würde mir die Sache über-
aus leicht macheu, wenn ich es hier nicht mit einem ehrliehen
Denker zu thun hätte, der keine feigen Konzessionen macht, sondern
lUr die Wissenschatit und aus Liebe zu ihr forscht und wirkt. Mit
seinem Buddhismus halte ich ihn für den mit Fichte und Schölling
auf gleicher Stnfe stehenden wissenschaftlichen Interpreten der
romantischen Schate. Dieser war das Mittelalter nicht gemflthlich
genug, und so begab sie sieh in den Orient Da und wir so kann
ich mir SehopenlmQers geschichtlichen Znsammenhang mit sdner
Zeit und Bildung denken, und so rRclit sich denn auch an ihm
der von ihm verläugnctc, zum blossen llirngespinnst herabgewürdigte
Zusatz von Raum und Zeit. Und nun bin ich beim Nervus meines
Schreibens: ich möchte Ihnen meine Hedenken gegen Schdpenhaner's
und Kaufs Beweise, dass Haum und Zeit nur unserer Erkenntuiss-
weise zukommen, zur geneigten Begutachtung vorlegen.
Die thcologisirendeu Denksiinden unserer Vorfahren werden
an den Nachkommen schwer heimgesucht Gewohnt, eine andere
Welt, ein Etwas über der zudringlichen sinnlichen Realität zu denken,
kann man, auch als entschiedener Atheist, wie Schopenhauer, die
Spuren dieser verkehrten Denkweise nicht los werden, nnd kon-
struirt sich eine transzendentale Welt oder auch nur ein solches
Prinzip. Ich kann mir und ihm nicht helfen und muss den Willen
für das seiner PersJinliclikeit beraubte, naturalisirtc, kosmologisirte
Ich des von Scho])enhauer verspotteten Fichte erklären.*) Auch
er ist ein Kantianer, auch er arbeitet mit vergangenen Gedanken.
Wohl aber bildet er durch seine genaue «Stellung zur Natur den
Uebergang von Kant zu Ihnen, wohin auch die anderen Ve^
zweigungen der Philosophie ttihren, die Ihnen durch die Geschichte
nahestehen. Aber sie bleiben Kantianer, weil undankbar gegen
*) A'oitroUlicli, iit bereits nacligcwicicii wonlt u um! sull abcmiulä lüv üuituug
gebracht ireideiL D. H.
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die Sinne. Im Schopenhauer kommt die ganze sinnliche Wirk-
lichkeit auf dem Wege der reinsten Erfahrung zur Geltung ; aber
dennoch ist sie ihm nicht Realität, welche er nur dem dahinter
spukenden Ding an sicli = Willen vindizift. Der ganze Idealis-
mus von Cartesius bis auf unsere Tage scheint mir als positives
Resultat den Beweis zu liefern, dass wir, um über die Welt zu
denken, sehr gut ohne Ai-istoteles und den lieben Gott fertig werden
können. Indem man erklärt, die änssere Welt sei nur Produkt der
Sinne, erkUlrt man indirekt, dass nur die Sinne uns die äussere
Welt zugänglich machen.
In einem Ihrer früheren Briefe bezeichneten Sie den Uebergang
von Kant zu Fichte u. s. w. als historisch und gewesen; den Weg
von Kant zum Sensualismus als Aufgabe der Gegenwart und Zu-
kunft. Sollte dieser Uebergang einfach in der Gewissheit beruhen,
dass die uns durch Erfahrung offen liegende Welt, die sinnliche
Natur selbst, das Ding an sich seiV Während dieses bei Kant un-
erforschlich blieb, wird es in Sc]io})cnhauer's W^illen eine materielle,
wenigstens durchaus empirische Emphndung und sinnliclie W^ahr-
nehmuug. Jedenfalls muss dieser Wille — Ding an sich — die
Form der Vorstellung annehmen,'*') in die Erscheinungswelt sich
herablassen, um sich als seiend zu behaupten und zum Selbsthe-
wnsstsein zu gelangen. Wenn ich mir diesen Zwiespalt genau be-
trachte, so erscheint mur das mysteriöse, undefinirbare Ding an sich
als die letzte theologisurende Täuschung des Denkens. Der Kantia-
nismns sei denn der Erlöser, der die ErbsOnde auf sich genommen —
trotzdem verdanken wir ihm die wiederhergestellte reine Er-
fahrung Wilhelm B.
Feuerbach an W. Bolin.
Bruckberg, <lcii 13. Juiii 1859.
Mein lieber Herr Bolin. — Es sind diese Zeilen vielleicht
die letzten, die Sie von mir erhalten. Sie wissen, ich bin kein Misan-
throp, aber ein Misograph. U est nöcessaure de penser, aber es ist
nieht nothwendig, neun, es ist ttberflttssig zu schreiben, insbesondere
Briete zu schreiben, namentlich wenn man ein Denker ist, und
noch dazu senie wesentlichen Gedanken, die man der Menschheit
schildert^ bereits ausgesprochen hat. Die Welt bat mich eben so
*) liat ihm scliou! U.
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wohl als Mcuscli von rrUhcster Jugend an, wie als Schriftsteller
von den ersten Zeilen an , die von der Zensur gestrichen oder, be-
reits ü:o(lnii'kt, kontiszirt wurden, nur auf mich selbst zuriU'k«:e-
wiesen, nieineiu von Unuse aus freien und rllcksichtsloscn Geiste
widernatürliche Schranken auferlegt und dadurch mich zu einem
epistolarischen und literarischen Pessimisten gemacht In diesem
Jahre habe ich noch dazu in Folge meines unseligen ZuBammen-
banges mit der hiesigen Fabrik , auf der, wie das Volk sagt, ein
roarkgrftflicher Fluch, in Wirklichkeit ein romanhaftes Ungltlck
lastet, so viel Tranriges and Störendes, ja meine ganze materielle
und geistige Existenz Oeflhrdendes erlebt, dass mein Hang und
Wunsch nur nooh gnostische Sr/i', ist. Wie passt aber zu solcher
Stimmung der tlu' dansant cini^s Hriefwechscls? — Dooh ich hin,
sage ich mir selbst opponirend, nicht Orientalist, sondern (uMinanist,
nicht Spiritualist, sondern Sensualist, und der Sensualist hat iu( ht
nur Nerven zum Kmplinden und Leiden, sondern aucli Nerven zur
Bewegung und Muskeln zur Tliatkralt, zur Ifeberwindung nieder-
beugender Lasten. Im Hewnsstsein und Besitze dieser Widerstands-
kräfte habe ich denn auch trotz und mitten in den traurigen Rrleb-
nissen nnd erschttttemden politischen Ereignissen dieses Jahres die
Vorbereitungen nnd Anfünge zu einer neuen schriftstellerischen Arbeit
getroffen, desswegen auch diese Zeilen an Sie nicht als mein kate-
gorisches, sondern nur als mein mögliches Ultimatumbezeichnet.
Dem was Sie in Ihrem Brief tiber Raum nnd Zeit sagen,
stimiiie ioh vollkommmen hei. Mir sind übrigens die philosophischen
Vexirfragen Uber Kaum und Zeit so in abstracto betrachtet, wie
von Kant und anderen, todtzuwider, todtzuwider meinem
realistischen Sinn, statt vom Häumlichsein des IMenschen seine Vor-
stellung oder Anschauung, umgekehrt von dieser jenes abzuleiten.
Aber das ist eben das aoMTur vfväo^ der modernen Philosophie,
dass sie beim BcwusstHcin das Wissen allein hervorbebt und zum
Primitiven macht, das Sein zum Abgeleiteten,* oder gar wie Cartesins
mit dem Denken und Wissen fttr ein nnd dasselbe h<, als wäre
nicht das Denken eben die Thfttigkeit eines seienden, eines leben-
digen, eines individuell sinnlichen Wesens. Doch ich beseitige,
was ich im Briefeingang gesagt. Wie tlherflllssig ist es in einem
Brief, d. h. im Stillen, zu .sagen, was mau schon laut und öffent-
lich gedacht und gesagt hat!
Von Schopenhauer habe ich seitdem weiter nichts gelesen als
ein paar »SUtze, die in einem Schriftcheu Uber Goethes Faust von ihm
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angeführt wurden, die mieh aber gar nicht Itlr ihn einnahmen, die
vollkommen bestätigen, was Sie von ihm nrtheilen, die ganz orien-
talischen oder vielmehr mimchischen Geist athmen. Sie handelten
von der CTeschleclitsliebe, der Menschenzeiij^ung, der poenit prini.
coitus. Aber er hat Uber dieser nirmchischen Piinitenz des alten,
baroken, eben so lrci;j:ei8tiHchcii wie superstitifisen Plinius, von dem
er diesen Satz zur Bestätigung seiner AusicUt ant'ülu't, vergessen den
andern, ich glaube aristotelischen Satz: omnc an i mal post coitum
triste, — ein Satz, der ihm eine physiologische, sehr natürliche Er-
klämng von der Stimmnng des Mensehen nach dem Begattnngsakt
an die Hand gegeben hätte. Fürwahr eine traurige Philosophie, fUr
welche die Schöpfung des Menschen keine Ursache der Lnst and
Freude, sondern der Rene und Trauer ist Uebrigens ist Niemand
mehr als ich davon entternt, die unendliche Misere des menschlichen
Lebens zu verkennen nnd die Wahrheit der poenitentia coitus in
unzähligen Fällen zu Uiugnen. - Ich glaube, dass in unserer Zeit der
Weltgcist nicht auf Seiten der Poesie, sondern der Philosophie, ver
steht sich der empirischen, naturwissenschaftlichen steht, und dass
das Individuum sich darnach zu richten und zu bilden hat. Die
Meinigen, die wie ich wohl sind, denken Ihrer freundlichst: Treben
Sie wohl! L. Fb.
Feuerbacli au (iymnasialdirektor Dr. Fr. Kapp (Vater).
Bnickberg, den 24. Okt 1857.
Verehrter Freund! tun kyio (hiktkl Wie gross ist bei
mir die Kluft zwischen Denken und Sehreiben! Schwieriger als
Odysseus seinen Leib aus der Meerfluth ans Land, bringe ich ans
dem Innern meine Gedanken aufs Papier. Wie oft und wie innig
habe ich seit meiner Piickkunft von Hamm an Dich, an Ida und
Deine Enkel gedacht! Wie treu Jeden Zug Deiner aufopfernden,
liebenswürdigen Gastfreundlichkeit, jedes interessante Gespräch, jede
Spaa&ierfahrt, jedes Glas köstlichen W eines in dankbarer ßrinnerung
mir yergegenwärtigt! Und wie ansfuhrlioh diese Erinnerung in Worte
gefasst! Aber leider! immer nur in meinem Kopfe, nur immer in
mir, ftlr mieh selbst, nicht fttr Dich. Und doch ist es mit den
Gedanken, namentlich brieflichen, wie mit gewissen Speisen; sie
müssen, wenn sie nicht ihren Werth nnd Geschmack verlieren sollen,
auf der Stelle gegessen werden, d. h. an den Ort ihrer Bestimmung
kommen, so wie sie an dem Ort ihrer Zubereitung fertig sind.
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Dies gilt auch von den Brieten, die ich Dir Hingst in fredanken
geschrieben, und zwar um so mehr, als die angcuclinien Eindrücke
gänzlich vcrdrihigt worden sind durch die letzten traurigen Nach-
richten aus Hanmj, so dass ich Jetzt die Feder ergreitc, um statt
IVcudigen Dankes nur mein tiefstes Bedauern über den jamnior-
vollcn Zustand Deines verebi-ten Schwiegersohnes auszudrlleken
und Dir so zu bezeugen , dass ich nicht nur im Guten und Ange-
nehmen Dein mitgeniessendery sondern auch im Sehiimmen and
Traurigen bin Dein mitleidender Freund L. Feuerbach.
Fcoerback au FrieUrich Kapp.
Brackberg, den 20. Ukt 1S59.
Lieber Ka])p! . . . Für jetzt nur ein Wort, nicht ein Werk
herzlichen Dankes für Deinen vortretTlichen Stcuben! Ich habe
zwar bis jetzt nur die ersten und letzten Kapitel gelesen , aber
doch genug gelesen, um zu erkennen, dass Du Deinen Heiden nicht als
Genre-, sondern als Historienmaler aufgefasst und dargestellt, dass
Du Deinen Gegenstand mit eben so grosser saehlieher Gründlichkeit
und OlQektivität, als styltstischer Angemessenheit behandelt hast
Es ist ein grosses, ein, wie die Zukunft beweisen wird, geschicht-
liches Verdienst von Dir, dass Du den hochmttthigen Amerikanern
auf eine so wUrdige Weise die Verdienste der Deutschen um ihre
Unabhängigkeit zu Verstand und Gemdthe bringst, und so ihnen
Respekt vor ihren ältern liriidcrn einlliisscst — eine Wirkung, die,
wenn sie auch nicht bis zum amerikanischen VnheX unmittelbar
durchdringt, doch nicht verfehlen wird, indirekt wohlthUtigere Folgen
zu haben itir die deutsehen Auswanderer, als etwaige Massregeln
yorsorglicher und vormäuliger Kegierungcn
Die Fabrik füllt in die Hände ihrer Gläubiger, und zwar ihres
schlimmsten Gläubigers, eines 85 jährigen — Ehrenmannes, der seit
40 Jahren durch einen, meinem längst 7erstorbenen Schwiegervater
in einer schwachen Stunde abgelockten, objektiv gänzlich unbe-
rechtigten Leibrentenvertrag der Fabrik allen Kahrungsstoff ausge-
sogen hat, und nun, nachdem er sie zu Tode gehungert, die Wuth
seiner Habsucht an den von diesem Todesfall Hetroflfenen auslässt.
l-'nd so bin denn auch ich, dessen Frau schon seit 18'1H nicht cin-
nml die Zinsen von ihrem mtitterlichen Voraus bezogen, der ich
selbst nie etwas von der Fabrik genossen, ja sie durch bedeutende
GeldvorschUsse, die nun auch alle zum Teufel sind, unterstützt habe.
— 59
in die Noth und »Schmach eines Banqiierottes hineingezogen. Ob
dieser Nürnberger Shylock an mich and meine Sachen sioti halten
kann, darttber sprechen sieh die Juristen widersprechend ans. Ich
kann es mit meinen Rechtsbegriffen nicht zusammenreimen , denn
ich gehdre zu den Erben des PrSs. v. Fenerbaeh, nicht zu den Erben
L^'s, anf deren Immobilien nnd Mobilten er rechtlich Ansprache
machen kann. Sollte aber die Bchmutzigste und rechtloseste Hab-
sucht so viel licclil haben, auch mein vom Vater ererbtes, grüsstcn-
theils aber selbsterworbeues Eigenthum anzugreiten, so appellire
ich au die Oetlentlichkeit, so maolic ich in einer eigenen Sclirilt
rtlcksiehtsh)s diese unheilvolle Gescliichte bekannt, und will dann
sehen wer Hecht hat, ol) ich, der Vertreter der Rechtlichkeit und
Uneigennützigkeit, oder die Bechtsanwälte der Hab- und Selbst-
sucht
Was die deutsche Politik betrifft, so heisst es hier bekanntlich:
quot capita, tot sensus. Und doch wird Deutschland nie unter
Einen Hut kommen, kommt es nicht unter Einen Kopf — aber
wohl nie unter Einen Kopf kommen, als bis Einer das Herz hat,
nnt dem Schwert in der Hand zu behaupten: Ich bin das Haupt
Deutschlands! Aber wo ist dieser Bund von Herz und KopiV
Preussen hat wohl den Kopl", aber nicht das Herz; Oesterreich
wohl das Herz, aber nicht den Kopf. . .
Dein Freund L. Feuerbacb.
Küucrbacli an Direktor hai»ii (Vater).
Verehrter Freund! Längst habe ich Dir geschrieben, aber
leider nur im Kopf, nicht mit der Hand, die doch das einzige Organ
ist, womit der Kopf sich in die Feme erstreckt. Es ist diese
österreichische Langsamkeit der Hand in diesem Falle um so un-
verzeihlicher, als Du meinem Ko])fc die Ehre eines geistigen Marschall
Vorwärts angethau, und so den mächtigsten Hebel im Menschen,
den Egoismus, in Hewegung gesetzt hast. Und zwar nicht den
schlechten, verwerflichen, sondern den nothwendigeu, gerechtfer-
tigten Egoismus; denn wer sollte nicht berechtigt sem sich zu freuen,
wenn er, bisher entweder gänzlich ignorirt, oder, was noch schlimmer
Ist, yerurtheiit vom Unverstand oder UebelwoUen, endlich das Ur-
theil eines Kenners vernimmt? Und das Ist Dein Urtheil Uber meine
Theogonie.
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Die Bedeutang zwar, die Du mir auf Grand dieser Sehrift im
Verhältniss zd Andern gibst, lasse ich dahin gestellt, weil ich nicht
gewohnt bin, mich mit Andern zn vergleichen, also hierttber kein
Urtheil habe, wenigstens kein solches, welches im eigenen Ego das
Wort des Alter ego bestätigt findet. Aber was Du über die Jie-
deutung meiner Schritt im Verliältniss zu meinen t'riiliern Schriften,
namentlich zum Wesen des Christenthums, Uber ibren Unterschied,
ihren Vorzug vor demselben aussagst, das nehme ich mit Freuden
und ohne Beselnänkungen au und auf; denn es fällt hier das Ur-
theil des Sclbstbewusstscins, der eigenen kritischen Seibsterkennt-
niss, mit Deinem Urtheil zusammen. Meine Theogonie verhält sich
zum W. d. Chr., wie der Mann zum Jüngling, der Meister zum
Schüler, wie das: Bs ist Tag, zu dem: Es wird Tag, wie die
faktische Gewissheit nnd Abgemachtheit (s. v. v.) der Poesie zur
Beweisvermittlung der Philosophie.
Und doch versetzen die Leute, selbst angebliche Freunde, wie
z. H. Kugc in seinen mich gänzlich verkennenden Briefen im
Prutz'schen Museum, diese Schritt zurück auf den Standpunkt von
1811, erblicken in ihr nichts als „Variationen eines im W. d. Chr.
abgedroschenen Thema's^'. Wie kann man aber auch diese Sehrift
beurtheilen, wenn man von den Quellen absieht, woraus sie ge-
schöpft ist, und nicht wie Du mit den gehörigen Saoh- und Fach-
kenntnissen aasgestattet ist! ... .
Lebe wohl! Dein ergehener Freund L. Fenerbach.
Moleschott an Fenerbach.*)
Mainz, den 30. Man 1850.
Ilocligcclirter Herr! Sie werden in diesen Tagen durch
meinen Verleger, Herrn Enke in Erlangen, ein Exemplar meiner
„Lehre der Nahrungsmittel, für das Volk'^ erhalten oder erhalten
haben. Wenn ich diese Gelegenheit benatze, nm daran meinen
anirichtigen, hochachtungsvoUen Grass za knttpfen, so geschieht
es nicht, nm meui Bttohelchen zu bevorworten. Denn ich bin ehr-
lich genug, Ihnen die Hoffhnng aaszaspreohen, dass Sie meine
Schrift als eine von den Blttthen werden gelten lassen, in denen
sich die alle neuere Wissenschaft drängende, schwellende Knospe
Die tulaciKiiiii k(.>rii^i'(li' ,i;L-iieii und eben so lierzinuigeii Briefe Molcschottü
werden dem J.eäer eine gaiiz besondere Freude beroitcu.
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— 61
Ihres Prinzips entlalttt. l iitl ich scliiueicble mir, einen praktischen
Griff gethan zu haben, indem ich dazu einen Gegenstand benutzte,
der 80 vielfach und innig mit den mächtigsten Interessen der Zeit
verwebt ist
Ihren omfaBsenden Arbeiten gegenüber kann ich es nicht wagen,
mieh mit der Bitte nm eine Rezension an Sie zn wenden. Dessen-
ungeachtet erlaube ich mir anszosprechen , wie nnendlieh es mich
frenen würde, Wenn Sie Lust und Gelegenheit finden sollten, das
Verbältniss meiner Arbeit zu den allgemeinen ethischen Fragen
öffentlich zu besprechen. Die negative Kritik, die in Ihrem Wesen
des ('hristenthums so gewaltig Bahn gebrochen hat, wii d erst dann
ihre allgemeine Anerkennung finden , wenn an die Stelle der \ er-
aheten Satzungen ein positives Wissen getreten ist, das, wie alles
wahre Wissen, zugleich frei macht und den Forderungen des Ge-
fühles genügt. Ich hoffe dazu durch meine Darstellung einen kleineu
Beitrag geliefert zu haben, den ich als einen ersten kleineren ^'er•
sueb zur Anthropologie Uberhaupt betrachtet wissen möchte. Gerade
dessbalb schien mir das Vehikel so passend, weil es mir möglich
macht, die kitzlichsten Fragen so organisch mit tSgUehen Bedllrf-
nisden zn verbinden, dass man mich beim ersten Male wenigstens
unbefangen lesen wird.
Genehmigen Sie die herzliche und aufrichtige Versicherung der
vollkommensten Hochachtung und freundschaftlichen Oesinnung
ihres ergebensten J a k. M o 1 e s c h <> 1 1.
1*. S. Ich schreibe ans Mainz, wo ich Imü ui. iiK'in S( li\vir^-, rvater, Dr. Strccicr,
lUc Ferien zabriuge. Am 1(1. April kehre ich nach Ueidclberg zurack.
Heidelberg;, den 11. KoTember 1S5Ü.
Mein lieber, hochverehrter Freund! — Denn, wie kann
ich Sie noch anders nennen, seitdem mir Freund Hettner in Gegen-
wart unserer Frauen Ihren Aufsatz: „Die ReTolution und die Natur-
wissenschaften" vorgelesen bat? Glauben Sie aber nicht, dass dieser
Aufsatz in meiner Hrust das Freundschaftsgefühl erst erweckt hat.
Das Geftihl erfüllte micli schon, als ich kaum die Hchnle ver-
lassen, gepflegt von meinem Vater und Moritz Fleischer in Cleve,
den Sie aus den „Hallischeu Jahrbüchern" kennen — unbedingt
einem Ihrer wärmsten Verehrer. Als mir die Sehnsucht vieler Jahre
endlich befriedigt wurde, als ich Sic zum ersten Male im Kapp'schcn
(harten von Angesicht zu Augesicht sah, da kannten Sie mich noch
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(>2 —
nicht. Ich traf Sie das erste Mal gerade nicht in g:esprächigor
Laune und hatte zu viel Ehrfurcht vor dem Manne, der die alte
Welt, die his zur Mitte des Iii. .Jahrhunderts reichende, vernichtet,
um mich mit vorlauter l'cizeisterunji: hinanzudrängen. Nachher sah
ieh Sie selten. Mein llandhuch der Diätetik sperrte mich in raein
Zimmer, and wenn ich mich erholen wollte , eilte ieh nach Mainz
zn meiner Braut, bei der ieh Ihnen nicht untren zu werden brauchte.
Und dennoch blieb der Augenblick nicht aus, in dem auch Sie
meine Verwandtschaft mit Ihnen fühlten. Ihnen ist er vielleicht
entschwunden — mir mnsste er unendlich viel wichtiger, er wird
mir ewig unvcrgesslich sein. Es war an einem Ahende hei Kapp.
Heim Nachtessen sass ich Ihnen gegenüher und hatte lange —
indem ich andere (icspräche führen niusste, — mit halbem Ohre
Ihrer Disputation mit Ihrem Nachbar, dem Studi(»sus Hirsch, j;-e-
lauscht. Hirsch machte Ihnen physiologische Einwürfe, — es waren
Fetzen aus Henic's Anthropologie. Henle, ein umgekehrter Ketzer,
tiUignet den grössten Gedanken, den wir bisher aus unserem positiven
Wissen abstrahiren können — er läugnet, dass die Funktion wie
die Form unabänderlich bedingt werde durch die Mischung. „Die
Knochenzähne der Raubthiere und die Hombarten des Wallfisches
hätten ja beide die Aufgabe, die Speisen zu zerkleinern.''!!! Was
Wunder, dass ein trotzdem so geistreicher Führer den begabten
Jüngling irregeleitet und diesen zu der Meinung verführt hatte, er
krmnc Ihnen einige materielle Tliatsaclicn entgegenhalten. Ich
zeigte dem Hirsch, wie er die Tliatsachen zum Theil vereinzelt,
zum Theil in falschem Zusammenhange aufgefasst habe. — Den
anderen Tag sagten Sic der Johanna Kapp, Sie mUssten mich be-
suchen und mich öfters sehen. Leider reiste ich wenige Tage
später ab, und ich bin darum gekommen.
Ist es nicht, als hätten Sie mich dafttr entschädigen wollen,
dass ich es aus ihrem Munde nicht mehr hören konnte, wie anch
Sie mich als Ihren Freund anerkennen? Ich weiss es, Sie erwarten
keinen gewöhnlichen Dank von mir. Aber Sie wissen, wie Alles
in mir jauchzt, dass Hie das Beste, was ich gehen kann, in dieser
Weise gelten lassen. Sie wissen , wie es mich erheben und be-
geistern muss , mich so verstanden zu fühlen; denn ich bin unbe-
fangen genug, mit stolzem Bewusstsein zu gestehen, dass ieh weiss,
wie Sie Aehnlichcs fühlten, als »Sie mein Buch zum ersten Male
gelesen. Ohne dieses Bewusstsein gäbe es ja keine siegende Pro-
duktivität. »Sie haben mir in Ihrem Aui'satze, den Uettner wie ich
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— 63
zu Ihren charakteristischsten Arbeiten zählen, einen Zanberspiegel
vorgehalten, der alle Strahlen, welche ich zu einem Büschel ver-
einigt hatte, noch tausendfach konzentrirt. Bisher war mein Buch
wiederholt von praktischer Seite besprochen — die Würdigung
der inneren Tendenz konnte ich nur bei Ihnen finden. Sie kennen
ans eigenen Studien die Naturgesetze und die Philosophie — und
gewiss bat Niemand auch mit so yielem historischen Rechte den
ganzen spekulativ-dogmatischen Plunder von sich geworten, um es
mit lauter Stimme zu verkünden, dass die einzigen Ideen Natur-
gesetze sind. Und unsere Natur besteht nicht aus Gemälden,
Bäumen, ^Menschen, Sternen — sie ist die Welt.
Auch Humboldt und die Fanny Lewald schrieben mir entzUckt
über das Buch — allein das weiss ich, einen zweiten Leser wie
Sie kann ich nicht finden. Die Stellen, die Sie aus meinem Buche
henrorgehohen, sind gerade Diejenigen, welche ich Freunden speziell
bezeichne, bei denen ich mhr eine solche Führung erlauben kann.
Knrz, ich habe das Beste erreicht, was ich 'erreichen konnte, den
Beifall des Mannes, der uns die Bahn geebnet hat, um in
der Naturwissenschaft die Menschwerdung der Philo-
sophie zu bewirken. Sie haben zuerst das knechtische Ver-
hältniss aufgehoben, in dem man die Knii)iric an dns zweil'eihalte
Licht einer spckuhitiven rhilosophie hinanhielt. Sie haben es zuerst
verkündet, dass die bcgritrene Natur Eins ist mit dem Keiehe der
Ideen — Sie haben nicht bloss den theologischen — Sic haben
auch den philosophischen, den wissenschaftlichen,
kurz allen Dogmatismus vernichtet.
Die Naturwissenschaft umfasst für uns auch die Aesthetik.
Das wahre Kunstwerk gehorcht denselben Gesetzen innerer Natnr-
notbwendigkeit, wie jede Naturerscheinung« Damm enthält auch
QBsere Naturwissenschaft die höchste und reinste Moral. Sie schafft
nicht nur den freien, den sittlichen, sie schafft auch den schönen
Menschen. Ihre Frucht ist die vollendete y.alox aycn'tia.
Ich hielt es bewusst ittr meine Aufgabe, ein Werk zu liefern,
in welchem das Naturgesetz als Idee, als sittliche r>estinmiung, als
bruhste Hedinj^ung der Schönheit erschiene. Sie erklären mit der
genialsten Kühnheit meinen Versuch iUr gelungen — ich habe mein
b^hstes Ziel erreicht.
Jetzt darf ich Ihnen im Geiste die lland drücken, lieber, ver-
ehrter Fenerbach, — leb weiss jetzt, Sie erkennen mieh als Ihren
in begeisterter Hochachtung ergebenen Freund Jak. Molesohott.
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(54
P. S. llettner griisst Sie herzlichst. Er versprach mir, mir
durch Hrot khaus ein paar Abdrücke von Ihrem AiUsatze zu ver-
schatl'en. Ich wdiische vor allen Dingen, dass mein Vater Ihreu
Aufsatz liest, da in HoUaud die „Blätter t. litt. Lnt.'' nicht aut'zu-
treiben sind. Es ist sehr anzuerkennen, dass Brockbaus den Auf-
satz gedruckt hat. J. M.
Heidelbefg, im Juni 1952.
Hoch geeinter Freund! Kmllich hin ich so glücklich,
ihnen meine Arbeit vorlegen zu können, in der ich den Kreis-
lauf des Lehens mit allen seinen Folgen, Gedanken und Willeus-
Uusserungen auf naturwissenschat'tlichcni Hoden, für Alle verständ-
lich, zu schiidem versucht. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichniss
wird Ihnen zeigen, wie tief ich mich in ein Feld hineingewagt habe,
das eigentlich erst durch Ihre Kritik urbar wird.
Ich bitte Sie nicht um eine Anzeige meines Buches. Sollten
Sie sich jedoch angeregt iUhlen, irgendwo ein Öffentliches Wort
darüber zu sagen, so bitte ich, mir das Organ, welches Sie dazn
wählen, zu bezeichnen, damit ich die Anerbietnngen minder Be-
fugter mit dei' Hinweisung auf das von Ihnen zu Frwartende be-
antworten kann. An stürmischem Tadel wird es nicht fehlen, und
i lerr R u d o 1 f W a g n e r nebst Freunden haben dafür gesorgt, dass
nuch beim Sclireiben der Gedanke nicht verliess, dass Lautredeu
noththut. Ihr herzlich ergebener Jak. Moleschott.
Heidelberg, «Ifii 12. Juli Isö2.
Mein lieber, innig hochverehrter Freund! Seit einigen
Tagen habe ich Ihr werthvoUes, Ihr herrliches Geschenk bis zu
Ende genossen, und ich passte nur auf diese Stunde, um Ihnen
meinen wärmsten Dank zu sagen.
Ich danke zunächst im Namen des Herzens. Denn wahrlieh,
es war mir eine Herzensfreude, einen so tiefen Blick werfen zu
dlirfen in die gemttthlichen Ursachen so gewaltiger geistiger Be-
wegungen. In diesem Sinne habe ich von den Briefen Hires vor-
tretflichen \'arcrs einen Eindruck genommen, der nur für's Lebeu
bleiben wird, und Sie, mein verehrtcster Freund, haben diesem Ein-
druck durch Ihr \'orwort mit seiner tiefen Wärme und seiner kör-
nigen Sehlagfertigkeit einen Grundstein gelegt, der sich selbst zu
einem logischen Denlunal erhebt.
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Nun aber habe ich Ihnen auch im Namen des Kopfes eine
Klarheit zu verdanken Uber Dinge, die bei mir noch im allertiefsten
Dinikel verhUUt lagen. Die Memoiren und Vorü'äge Bind, wie immer
die Arbeiten eines genialen Kopfes, eines ganzen Mannes, durch
die unwiderstehliche Deutlichkeit ausgezeichnet, durch welche sie
angesucht den höchsten Grad von Popularität gewinnen. Ich finde
in dem Nachlasse Ihres Vaters alle Materialien zu einer yortreff-
liehen Rechtslehre fttr das Volk. Daher verdanke ich Ihrer freund-
liehen Vermittlung die ersten Aufschltlsse über das konkrete Wesen
des Rechtes, Über die eigenthilmlich neuen Gedanken des Code
Napoleon, Uber den Unterschied zwischen Recht und Zucht, über
das eij^entliche Wesen der Polizei — wo sollte ich aulhöreny
Zu allem diesem ha!)e ich in dem Werke Uber Kaspar Hauser
die wichtigsten Tliatsachen gefunden, nüt denen ich zu j^chru-iger
Zeit zu wuchern hoflfe, und die ich schon jetzt für meine anthro-
pologischen Vorlesungen ausbeuten konnte. Ich kenne Niemanden,
der wärmer als Sie die Freude des Lernens rerherrlicht hätte.
Niemand wird besser als Sie die herzinnige Freude wOrdigen
können, -welche Sie durch Ihr Geschenk bereitet haben Ihrem dank-
baren Frennde Jak. Moleschott.
P. S. Ihre Sendung bat eine Ueincru von mir gekreuzt. Mein Brief war lHii<:-st
ror Empfang Ihrer Gabe geschrieben. Leben Sie recht wehl. 3. Moleschott.
ffcidclhcrir. (lau 9. Oktober fS.-iM.
Verehrtester Freundl öchon hundertmal habe ich Ibneu
aus vollem Herzen gedankt für Ihr werthvolles Geschenk, das mich
seitdem bereits so oft erbaut hat. Und ich entschuldige mich weiter
nicht, dass ich diesem DankgefUhle nicht frUher mit der Feder
Worte lieh, weil meine Empfindungen und Gedanken Ihnen in
diesem Punkte so bekannt sind, dass es keiner Worte bedarf. Nur
das Eine kann ich nicht unterdrttcken, dass es mich mit rflhrendem
Stolze erfüllt, aus Ihrem Exemplare lernen «u dürfen, und ich spreche
ilas mit iVeicm Geniiithc aus, weil ich mich fest darauf verlasse,
(Inss hic sich für den Au^^cnblick keine Verlegenheit durch Ihre
l'VeiirclM^^keit bereitet lial)en.
iMit i^^rosser Freude haben wir in jüngster Zeit die Erscheinung
des Nachlasses Ihres Bruder» begrUsst. Ich habe sein Leben meiner
Frau vorgelesen. So innig und vom reichsten Verständnisse milde
tjegeistert, und so wahr zugleich, wird selten eine Frau das Leben
OrBBt FrawbMht Btlefwech«»! n. NacblMs. H. 5
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Ihres Mannes geschrieben haben oder sohreiben. Wie schön ist
die Stelle von der „tr(>tzenden Kraft" nnd dem ,,he2:ehrenden
Selbstbewusstsein"! 8. 2. In den Italienischen Brieten habe ich
geschwelgt in der künstlerischen Fülle, mit der sich ein edles Ge-
mtttb entfaltet Warum müssen wir Anderen von ihm so viel, und
wamm mnsste er selbst verhultnissmässig so wenig gemessen!
Ich habe die Ferien hier in gedeihlichem Fleisse Yerlebt, in
der Mikroskopie viel Neues gelernt. Aber Mensehenracen stndirt,
nnd mich in der Mathematik gettbt. Wegen des letzteren Faebes
mnss ich es oft beklagen, dass ich nicht in der Schule die Einsicht
besass, die ich jetzt habe. Indess verzweifle ich nicht, wenn ich
beharrlich torttahre, das Ziel zu erreichen, das ich liir uuerlässlich
halte. Ich muss aber mit den Stunden geizen.
Viel Freude macht mir meine Untersuchung über den F.inflnss
des Lichtes auf den thierischen Organismus, indem sich aus den
jetzt vor mir liegenden Zahlen deutlich herausstellt, dass der £in-
fluss des Lichtes die Menge der ausgeschiedenen Kohlensäure ver-
mehrt
Wie gerne würde ich einmal in Ihre Werkstatt schauen. Aber
auch daran vejrzweifle ich nicht, wenn auch die nächste Zeit dazu
noch so wenig Aussicht bietet Es werden sicll doch einmal die
Verhältnisse so gestalten lassen, dass ich eine freie Reise machen
kann, und dann geht es auf einmal zu Ihnen, zu Hettner, zu meinem
Schwager Ule, und meine Frau bringe ich thiiin mit, die sieh ge-
wiss mit der Ihrigen und Ihrer Tochter ebensu leicht verständigen
wird, als sie sich mit Ihrem Wesen l)creits verständigt hat.
Kennen Sie eine Familie Sattler aut der Mainburg bei Schweiu-
fiirtV Dort lebt eine Frau, die über (50 Jahre alt ist und selbst
auf dem Krankenlager Trost aus Ihren iSchrifteu schöpft. Eine
solche Frau lässt auf ihren Mann schliessen. Mit herzlicher Ve^
ehrnng Ihr Jak. Moleschott
Mainz, den 19. MAiz l!>&4.
Mein hochverehrter Freund! Seit vier Tagen bin ich
mit Frau nnd Kindern in Mainz bei meinen Schwiegereltern, nm
mich von den iihermässigen Anstrengungen des Semesters zu er-
holen. Jetzt endlich konnuc ich dazu, den in meinem Herzen nie-
mals verahenden und desshall), wie ich Intfte, auch in Ihren Augen
nicht verspäteten Dank für ihr wertbvoUes Geschenk abzustatten.
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- 67 . -
Wenn ich Ihre Schritten lese und wieder lese, dann beherrscht mich
auch der Gedanke, wie all' das ])1iilosophisohe Geschwätz der Nach-
könimliDge einer darch Sie überwuudeuen Periode so jämmerlich
ist, dass man gar keine Lanze mehr dagegen breeben mag. Was
icb davon höre nnd sehe, nötbigt mir immer ein nnbebaglicbes
Acbselzacken ab. Nacb meiner Meinung kann es sieb nur noeb
nm gescbicbfHcbe Aufgaben bandeln, wenn von reiner Pbilosopbie
die Rede ist. Am empfindlichsten entbehre icb eine veigldehende
Geschichte der Religionen nnd Philosophien, die sich nicht blos in
den Gräuzen unserer Kultur bewegt, sondern die Entwicklung aller
Hacen umf'asst Eine solche Arbeit wird nothwcndig gefordert durch
den anthropologischen Standpunkt, auf den Sie unser Jahrhundert
zu vollem Hewusstsein hingefllhrt haben. Hätten wir nur viele
Reisende wie Georg Forster gehabt, die mit so viel Tiefe als Un-
befangenheit das Menschlichei wie es sich in den allgemeinsten
Ansehaanngen nnd doch so konkret enthaltet, aufzufassen ver-
mochten; nachher wtirden die von Ihnen geöffneten Angen nicht
fehlen, nm in den reinen Baustoffen die gewaltige und doeh so
einfach fortschreitende Entwicklung zu erblicken, die wir jetzt nur
ahnen können. Mir scheint es, dass die Anthropologie nicht zu
ihrem Abschlüsse gelangen wird, so lange nicht die vergleichende
Religionsgeschichtc, vergleichende Sprachwissenschaft, vergleichende
Ethik u. s, f. uns von all' den engherzigen Vorstellungen befreien
werden, in denen wir gefangen sind, wenn wir jenseits des Ganges,
Aegyptens und des atlantischen Meeres keine geschichtlich merk-
würdige Menschheit mehr sehen wollen. Wir brauchen al)er wohl
noch hundert Forster und hundert Kötli, um dieses Ziel zu erreiclien.
Einstweilen bleibt es belohnend genug, die zerstreuten Thatsachen,
die wir kennen, zu einem Bilde zu gestalten, dessen ZUge fttr sieh
selbst sprechen. Ich bin dem Engländer Prichard zu dem wärmsten
Dank verpachtet für die nttchteme Zusammenstellung des liate-
rials, aus dem sich schon so wichtige Gesetze herauslesen hissen.
Allein zur Erkenntniss solcher Gesetze hat sich der rücksichtsvolle
Engländer fast nie herausgearbeitet.
Wissen Sie, dass eine englische Uebersetzung Ihrer Werke an-
gekündigt isty Ich sah es neulich in der Westminstcr Review.
Ich l)aue gute Floffnungen darauf; denn ich weiss aus Erfahrung,
dass e» Engländer gibt, die Sie verstehen. — Auf Ihre neue Arbeit
hin ich ausserordentlich gespannt, und ich hadere mit dem Schick-
sale, das mir nicht erUubt, mit Ihnen mündlich zu verkehren, ich
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08
lÜR'lite, (las (lauert so lange, bis meine Anthropologie in der Welt
ist; dann niuss es niüglicli gemacht werden, und ich trete daiiii
gelehrig vor die Schranken Ihres Gerichtes. — Noch einmal sage
ich ihueu den berzlichsteu Dauk Ihres Molcschott.
Heidelberg, den 2U. Korcmber lbj4.
Mein hochverehrter Freund! Von ganzem Herzen frene
ich mich, dass meine Arbeit ttber Forster mir eine bestimmte Ver-
anlassHug gibt, Ihnen zn sagen, mit wie dankbarem Herzen ich
Ihrer gedenke, nnd noch inniger wttrde ich mich frenen, wenn ich
Sie dadurch bewegen könnte, mir wieder einmal Nachrieht von
Ihnen zu geben. Wenn Sie wlissten, wie Jeder Stricli Ilircr Feder,
jeder Gedanke Ihres Hirns, jeder Schritt Ihres Lebens mich inte res-
sirt, dann würden Sic mich vielleicht etwas weniger karg lialten.
Mir geht es gut, sehr gut. Zwar kann ich nicht leugnen, dass
der Abschied von meiner Lelirthätigkeit und von einigen guten
»Schülern anfangs mit grosser Aulregung iür mich verbunden war,
da ich dem Lehren mit Leib und Seele anhing. Allein der Ab-
schiedsschmerz wnrde bald Überwunden von der Freude ttber die
Ablösung von einem so feigen, charakterlosen, geistesträgen Lehr-
körper, wie sie jetzt an unseren Hochschulen ein im Zimmer ein-
gesperrtes Pflanzenleben fahren. Man kann aus einer solchen
»Scheidung nur geläutert hervorgehen. —
Ich werde vor der Hand hier bleiben, in meinem Laboratorium
lortarbeiten, meine Untersuchungen veröffentlichen, meine Anthro-
pologie schreiben, und vor allen Dingen viel zu lernen suchen.
Bin ich iu etwa drei Jahren mit meinen nächsten Aufgaben fertig,
dann widme ich mich nicht mehr ausschliesslich der Wissenschall,
sondern dem werkthätigen Berufe des Arztes, den ich schon früher
mit Liebe pflegte, vor Jahren aber aufgab, weil ich mich nicht
genug erstarkt ftthlte, um in beiden Richtungen selbständig zn
arbeiten. Jetzt hoflb ich, es zwingen zu kOnnen, zumal in einer
grossen Stadt. Gegen das Universitätsleben hatte ich schon lange
einen grossen Ekel und ftlr jetzt sogar einen unüberwindlichen.
Ich bin indess durch Erfahrung genug gewitzigt, um zu wissen,
dass man desshalb nicht gut für sieh sagen kann, dass man nie
wieder dazu zurückkehrt, und ich kann mir eine rnigcstaltun'r
unserer Hochschulen denken, nach der es wieder wlinschenswerth
wird, auch innerhalb der Marken des Staates ein Lehramt zu be-
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kleiden. Jetzt preise ich mich glücklich, wie Sie, der Charakter*
losen Kaste nicht mehr anzugehören.
Die Darstellung meines Forster, desjenigen Schriftstellers, bei
dem ieh seit dem Jahre 1845 am meisten Anregung, Trost nnd Er-
baaong gesncbt habe, bildete einen sehr wohlthätigen Uebergang
m meinem neuen Leben. Ich bin fest ttberzengt, dass Sie meine
Vorliebe fttr diesen Mann theilen. Ihr aufrichtiges Urtheil darüber,
ob Sie finden, dass ich ihn richtig gefasst habe oder nicht, wird
liir mich den allerhöchsten Werth haben, das wissen Sie. Schreiben
Sie niir's gelegentlich. Aber vor allen Dingen, liebster Freund,-
rjageii Sie mir, wie Sie leben, was Sie arbeiten? — In herzlichster
Verehrung Ihr getreuer Jak. Moleschptt.
Züridi, den 27. Mai 1858.
Hochverehrter Freund! Durch allerlei Weehselfälle bin
ieh bis auf den heutigen Tag verhindert worden, Ihnen den Dank,
den ich fttr Ihre „Theogonie" ün Herzen hege, auch sehriftlich
auszusprechen. Zunächst hielt mich sehr wider Wüten eine Ueber-
last der Arbeit davon ab, Ihr lehrreiches Buch zu studiren, und
ich wollte nicht schreiben, bevor ich es durchgearbeitet hatte.
Dann war ich lange im Zweifel, ob meine Zuschrift Sie auch wie
l)ishcr in Bruckberg finden würde. Mir wurde nändieh erzählt,
dass Sie entschlossen seien, in New- York Ihren Wohnsitz aufzu-
schlagen. Und als endlich, trotzdem meine Zweifel nicht beseitigt
waren, die dritte Auflage meines „Kreislaufes" auf dem Tische lag,
um mit einigen Worten des Dankes an Sie abzugehen, hatte ich,
in der Mitte des Herbstes vorigen Jahres, das UnglUck, meinen
innig verehrten Vater zu verlieren und in ihm den Freund und
Führer meiner Jugend und meiner reiferen Jahre, der mir Ihr
„Wesen des Gbristentbums^' zuerst in die Hand gegeben.
Dieser Schlag hat mich tief niedergebeugt; den ganzen Winter
über war ich froh, wenn ich der vielen Arbeit gegenüber, die jeder
Tag von mir verlangte, Widerstandskraft genug ])esass, um wenig-
stens in meinem Berufe keine Pflicht zu versäumen. Kurz, ich
konnte durchaus keine Stimmung finden, um einen freundschaft-
lichen Brief zu schreiben. Wenn ich in dieser Abspannung und
Niedergeschlagenheit, hochverehrter Freund und Lehrer, eine Nach-
lässigkeit gegen Sie beging, die oft meinem Herzen drückend war,
so hoffe ich dadurch allein emigermassen Ihre Absolution verdient
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zu haben, daas ich stete mit vollem Vertrauen auf Ihr menschliches
Verzeihen rechnete.
Also mein Dank kommt spät, so splU, dass ich bekennen muss,
nicht mehr unter dem frischen Eindrucke Ihres Buohes zu stehen,
za spät^ um Sie noch in der ersten Entbindungsfreude zu begrfissen.
Allein es war mir eine erquickende und doch auch eine aufregende
Arbeit, Ihr Werk zu studiren, und ich habe dicssmal besonders viel
für den täglichen Hausgebrauch in meinem geistigen Leben daraus
gelernt. Ich habe meine rechte Freude daran, zu hedenkeu, wie
unbequem dieses Buch Ihren Feinden sein muss, da Sie in so kon-
kreter Weise und mit so fester Hand die Entwicklungsgeschichte
ihrer heilig gehalteneu Wahnvorstellungen gezeichnet haben, nnd
wenn mir auch der eine und der andere blasirte Freund Ihrer
Richtung begegnet ist, der bei aller Anerkennung Ihres Baches
meinte, auf diesem Felde kenne er Sie schon, so bin ich docb fest
überzeugt, dass Hie mit dieser konkreten Ausbildung und ins Ein-
zelne gehenden Durchführung Ihrer Anschauung einen praktischen,
höchst wirksamen MeistergritT gcthan haben, dass Ihr Buch einen
klassischen Platz behaupten wird in der Schatzkammer, mit welcher
Sie die anthropologische Philosophie begründet und bereichert haben.
Möge Ihnen Lust und Kraft gegeben sein, recht bald mit einem
ähnliehen Werke vom Stapel zu gehen.
Mit wahrer Spannung erwarte ich die bestimmte Nachricht,
dass Sie nach wie vor in Deutsehland weilen. Der Gedanke, dass
Sie in Amerika weilen könnten, Sie, itlr den Deutschland kanm
deutsch genug ist, um Ihr Schaffen zu begreifen, ist mir geradezu
unerträglich. Lassen Sie bald von sich hören.
Leider trete ich so gut wie mit leeren Händen vor Sie, indem
ich Ihnen nur Altes in erneuerter Form bringe. Ich erlaube es mir
in der Erwägung, dass es Ihnen bei Ihren inhaltsschweren und
umiangreichen Studien vielleicht mUhsam ist, die naturwissenschaft-
liche Literatur in allen Zweigen zu verfolgen, so dass die eine oder
die andere Erweiterung fSr Sie Interesse hat Als Freund wage
ich es sogar, Sie darum zu bitten, das neue Vorwort an Lieb ig
im „Kreislaufe" zu lesen. Es ist gewiss nicht unnütz, wenn wir
von einander wissen, wie wir uns wehren gegen die Schmähungen
derer, die die Welt tlir mächtig hält und die doch mit so stumpfen
Waffen, wie Schimpf und Schmähung, kUnipf'en. In unwandelbarer
Verehrung Ihr Jak. Moleschott
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Mr. L. Tilliard ii Feuerbach.
Heidelberg, le 14 Jauvicr IboS.
Monsieur, J'ai des exeases ä tous faire , d'avoir attendn
d longtciupä, pour voas remercier de Tenvoi graotenx qne vons
m'avez fait de votre livre. Heureiisement les honimes de votre
treiiipc nnissent toiijoms riiulul^^ciice et la bontc dans les rapports
au\ nobles qualites de l'esprit (jui les disÜDguent. Soyez assnrc,
ccpcndant, que j'ai senti tont le prix de votre don et que cc vo-
liinie qiii vous a coüt^ an long et penible ti'avail, m'est devenu
doublcment precieux. Mon temps a ätö pris par les premiöres pa-
blieaSons de la Bevne germanique, vous savez mietix qne per-
sonne de combien de soins il fant entoarer ces nonveanx-n^ de
la pensöe. G'est la premiöre fois d'aillenrs qne votre AUemagne
se tronve en possession d'nn organe pnblic en France, et, ä la
honte de mon pays, je suis oblig6 de dire que nous sommes con-
dannies, noiis Ics iondateurs, ä une foule de reservcs et de nicnagc-
uiciis. La tcrre de Voltaire, de Diderot, de Jean-Jacques, n'cst plus
le pays de la vraie libertc. La pensee, la litterature, la pbilosophie,
y sont devenues esclaves aussi bleu que les moeurs et les insti-
tations. Ce qn'il y a de fi^re hardiesse dans le g^nie allemand,
Ini- semble Strange et lui fait penr.
II nons fant attönner avec prndence l'^lat de rintelUgence
de Kant, de Flehte, de Hegel; et ponrqnoi vous le dissimnleri de
la v6tre snrtont, Monsieur, pour qne les yeux de nos Argas n'en
soient poiut offcnses. La oü la parole devrait suffire, il est nöces-
saire de recourir avec precaution a« savoir faire, a la ruse niemc.
C'est une douleur pour nioi d'avoir a enqiloyer vis-ä-vis de vous
des excuses de ce genre; mais vous les eoniprendrez.
Je vous remercie donc avec une effusion plus vive encore,
maintenant qne vons savez les canses de mon retard. Je ferai
mes efforts ponr conserver, dans mon appr^ciation, le caraetöi'e qne
vons avez donnö k votre oeuvre. La critiqne, senle digne de ce
nom, est celle qni sait maintenir son ind^pendance, sa sineörit^ et
sa justice. Elle ne doit priter attention ni anx petits usages, ni
aux nie8(iuine.s hyprocrisies, ni aux pauvres convenances que notre
socicte ainie taut ii respecter. La vcritc et l'art, voila scs unifpies
preoccupations. Api)elee A. surveiller les ocuvrcs de Tcsprit buniain,
eile doit remplir sa niission en philosophc, cn artiste, en Soldat,
et, s'il en est besoin, en martyr, et suppose qn'uue divergente
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d'opioiuu vienue noos separer a certainä momeuB^ je &ma cunvamca
qae sons ce rapport nous resterons tonjonrs nnis.
J'ai le bonheor de voir sonvent M"^* TOtre belle-soear, et now
pjuloiw de Y0I18. II est des peroonnes ineoimnes qni int^ressent
davantage qae bieD des gens de eonnaissance, et quand il exlste
tine Sympathie d'iDtelligeiice, on ressent nn charme rM ä s'eotre-
tcnir d'elles. Je me trouve clans cette position a votre cgard, Mon-
sieur, et si je dois ä ina bonne tortiine de vous rencontrer quelqoe
jour, j'espere vous couvaincre de la veritc de nies paroles.
Adieu, Monsieur, et nierci de nouveau. Puissiez vous vivre
heureux comme je vous le souhaite. Croyez aux sentimeDs de
baate eonsid^ation de L. Tilliard.
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Aus dem Nachlass.
II
Die NatnrwUHsenscliafl and die Revolatioii.*)
Der selige IGnister Eichhoni gab einmal der Königsberger
Unirersiföt die gnädige Versieheruug: dass die königliehe Regierung
zwar keine mit ihren Gmndsäteen in Widerspruch stehenden
Religions- und Staatslehren dulden könne, dass sie aber nicht im
entferntesten daran denke, mit dieser Beschränkung der philo-
sophischen Wissenschaltcn auch die Naturwissenschalten beschränken
zu wollen. Wenn uns ein anderer preussischer Minister mit dem
beschränkten Unterthanenverstand bekannt gemacht, so hat dagegen
der Herr Minister Eichhorn bei dieser Gelegenheit — freilich nicht
bei dieser allein — den Beweis geliefert, dass es auch einen sehr
beschrilnkten Kegierungsverstand gibt. Wie? die Regierung masst
sich die Herrschaft Uber unsere Gedanken und Gesinnungen an,
sie schreibt uns vor, was wir denken und glauben sollen, und
dennoch erlaubt sie uns den Gebrauch unserer flinf Sinne? Die
Ke^'ieruug steckt ihre Nase in Alles, sie durchstöbert jeden Winkel
in unserm Schreibtisch, jeden Wisch in unserni Papierkorb, um
selbst noch in den ad piom usum bestimmten Papieren Spuren von
HochTcrrath auszuwittern, und doch untersucht sie nicht den Inhalt
unserer Herbarien, unserer Steinsammlungen, unserer ausgestopften
Thiere?**) Die Regierung nimmt dem Bürger seüie Waffen, dem
^) Bluter filr litenridche Unterlialtattg, Nr. 2tt8, 8. Kor. 1850.
**) Die Kcgiemngen uiaclicii Ricscnfortsohiitte. Wenige Wochen nachdem Dieses
Jiiedeigescliliebcii war, brachten die Zeitiugcn die Nachricht, dass die preussische
Regieran"^ in d<jui Ivopfe eines Hirsches nach dem Entwurf eines furchtbaren Knni-
plob geraucht habe. So rtirwirklicheu unsoic Kegieruugen selbst dio tollsten Träume
der PhaAtasie! F.
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Schritt8tcllcr seine spitzige Feder, dem Dracker seinen PrcssbcDgel,
und doch lässt 8ie dem Geologen seinen Hammer, dem Anatomen
sein Sezirmesser, dem Chemiker sein Seheidewasser? Ist das nicht
ein ungeheuerer Widersprach? Was ist aher der Grund dieser
liberalen Gesinnung gegen die Naturwissenschaften? Nur der be-
schränkte Kegicrungsvci'Htand, der Nichts weiss von dem geheimen
staatsgetahrlichcn HuihIc der Naturwissenschaft mit Keligion, Philo-
sophie und Politik. Aul' den ersten ohertlUclilichen Blick erscheint
allerdings die Beschäftigung mit der Natur als die allcrunsehiid-
lichste, Ja unschuldigste, die es nur immer geben kann ; denn was
steht dem Getriebe der politischen Welt ferner als die Natur?
Was ist fltr ein Znsammenhang zwischen den C^etzen der Natur
und den Intriguenspielen unserer Politik, zwischen den Bedttrfnissen
des Lebens und den Luxusartikeln unserer .Staaten , zwischen den
Kräften der Materie und den Phrasen unserer Minister und Depu-
tirtenV Was kümmern sich die NaturmUchte um unsere Gross-
und Klcinniäelite, unsere Fürsten und Deniokraten V Unterscheidet
der Floh zwischen fürstlichem und bürgerlichem Blut, der Blitz
zwischen einem i^ekninten und ungekrönten Haupte? Aber wie
das Objekt so das Subjekt, wie die Ursache so die Wirkung.
Gleichgültigkeit gegen die politischen Parteien und Händel ist daher
die erste Wirkung der Naturwissenschaft. Diese Wirkung paaat
nun allerdings insofern in den Kram unserer reaktionauren Re-
gierungen, als der Naturforscher nicht gegen sie ist; aber er ist
auch nicht für sie, und Das allein macht ihn schon zu einem
höchst verdächtigen Menschen ; denn unsere Staaten sind ja „gut
christlich", sie stützen sich, wenn auch nur mit Ba} onnetten, auf
die Heilige Schrift, und in ihr steht gesehrie!)en : „Wer nicht für
mich ist, ist wider mich'^ Die politische Indiiferenz ist übrigens
auch nur eine yorflbergebende Wirkung der Naturwissenschaft; denn
die Natur kttmmert sieh nicht nur Nichts um Politik, sie ist aoeh
das direkte Gegentheil der Politik. Wo Natur, ist keine Politik,
wenigstens im Sinne der Dynasten, und wo Politik, nur Unnatur:
wie könnte also der Naturforscher bei diesem augenfälligen Kon-
traste zwischen dem Wesen der Natur und dem Unwesen der
Politik glciehgültig bleiben? Der Naturforseher sieht, wie die
Natur in einem ewigen Fortschritte begritfen ist, wie sie nie mehr
auf eine einmal überschrittene Stufe zurückfällt, nie mehr aus
einem Mann ein Knabe, einem Weibe ein Mädchen, einer Frucht
eine Blttthe, einer Blttthe ein Blatt wird, wie in der Natur immer
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das Alte abstirbt, und zwar nur dazu, um den Dünger itir eine
bessere Zukonft abzugeben; wie tbdrioht, wie lächerlich iLommen
ihm dagegen die reaktionairen Thanmatnigen vor, welche sieh ein-
bilden, inhaltsvolle Jahre aus der Geschichte streichen, die Menschen
auf einen verlassenen Standpunkt zurückversetzen, Männer zu
Kindern wieder machen zu können! Der Naturiorscher sieht, wie
CS in der Natur nichts Isolirtes, niclits Vereinzeltes gibt, wie Alles
vielmehr in ihr in einem uuthwondigcn und grossartigen Zusammen-
hang steht, wie die Naturwesen sich zwar in verschiedene Klassen
abtheilen, aber nur nach begründeten Unterschieden, und wie selbst
diese wieder zuletzt in die Einheit des Ganzen sich auflösen; er
gewöhnt sich dadurch unwillktfhrlieh, alle Dinge von einem uni-
versellen Standpunkte aus zu betrachten, folglich auch an die
Politik den grossen Massstab der Natur anzulegen. Wenn er daher
einen Blick in die deutsche Politik wirft, ach ! wie winzig erscheinen
ihm da unsere „grossen Staatsmlinner^S wie unerheblich die Spiel-
arten der „achtunddreissig deutschen Nationen", die sich auf dem
3Iiste des historischen Kechtsbodens erzeugt haben, wie komisch
die zwieträchtige Eintracht der deutschen Fürsten, wie unwürdig
das chorburschenschaftliche Wesen und Treiben unserer Partikula-
rieten, wie ungeheuer die Beschränktheit der Politiker, welche einen
Staat wie Preussen als emen Grossstaat betrachten und bezeichnen!
Oer Naturforseher verkennt zwar nicht, dass Preussen in dem kleinen
Baden gross gethan ; aber wie klein, wie unendlieh klein erseheint
ihm Preussen und sein Benehmen im Grossen und Ganzen der
deutschen Politik! Der Naturforscher ist Grossdeutscher im wahrsten
und eminentesten Sinne des Worts. Für ihn existirt kein Lichten-
und Lobensteiu, aber auch kein Preussen, kein Oestreich, kein
Bayern. Der Naturforscher weiss ans der Erfahrung, dass die Farbe
das allerwesenloseste Unterschiedsmerkmal. Was anders nnter-
seheidet denn aber zuletzt z. B. den Preussen und Bayern, als die
Farben: schwarzweiss und blauweiss? Wie kann also der Natur-
forscher seinen universellen Sinn und Blick durch diese wesenlosen,
willkürlichen, kleinlichen Unterschiede beschränken, wie preussisch
oder bayrisch gesinnt sein? Wenn man aber nicht mehr preussisch
oder bayrisch denkt, kann man dann noch eine königlich preussische
oder königlich bayrische, oder gar fürstlich loben- und lichten-
steinische Gesinnung haben y Unmöglich ! Der Naturforscher wirft
daher mit Cicero's Ausruf über die Politik seiner Zeit : „Sunt omnia
omnium miseriamm plenissima^', Alles ist aller Erbärmlichkeiten
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voll, (»ebiisacbtsvoll seine Blicke über die blanweissen und schwarz-
weiflsen Scbiagbänme der deatsebeo Politik bintiber in die freien
Urwälder NordamerikaSi vor dessen räumlicher GrOsse allein sebon
die kleinlichen Hassstftbe der europäischen Kabinetspolitik in Nichts
verschwinden und findet das Heil nur in der Demokratie.*)
Aber nicht mir Demokrat, selbst auch Sozialist und Kommnnfsf;
freilich nur im vernünftigen und allgciiicincn Sinne dieses Worts,
wird nothwendi/^ der XaturlVn'scher; denn die Natur weiss nicht«
von den AumasHungeo und Fiktiimeii, durch die der Mensch im
Rechte die Existenz seines Nchennicnschen bescbrünkt und ver-
kümmert bat. Die Luft gebort von Natur Jedem und eben damit
Niemanden, sie ist das Gemeingut aller Lebenden; aber die Recht-
haberei hat selbst die Luft zu einem Regale gemach t, „der Wind
geh5rt der Herrschaft^'. Die Natur kennt allerdings das Eigenthum,
aber nur das nothwendigc, vom Leben unabsonderlicbe; sie gibt
jedem Wesen, was es braucht; sie hat keines zum Verhungern
geschalfen. Die N<ithwen(li;^keit der Verhuii«;erung verdankt ihre
Existenz nur der Willkübr des Staats, dessen Wesen der „Staat'*',
die Liiilorm, der Schein, der Tand Ist. Der Blick in die Natur
erbebt darum den Menschen über die engherzigen »Schranken des
peinlicben Rechts, sie macht den Mensehen kommunistisch, d« h.
freisinnig und freigebig. Helbst schon der beilige Anselmns sagt
seinem Lebensbescbreiber Oadmerus zufolge, ganz im Widerspruch
mit der weltbekannten geistlichen Habsucht, dass nach dem Natur-
*) l)'u'^-u l'cl)<;rv':uiir /III D' Uiulrati«; hat i< Ikm» >\>.i Ij' iuliint'r l'hyniolu^^ Ilallcr
ilcü jetzig<:ü Natuiiui-a<;h«,ni zur rili< lit jjeujaclit Hall>:i- »i^brioli drei jjojiliach': lio-
maoe. Her errfo hudelt von der DeifiKrtic oder absolaten Monarcbie, der zweite roti
der koDütitotioneUeD Monarchie, d«ir dritte von der ari&ti*kratiKcheu Kepublik. Was
hätte nun nothvendig foli^tcn MllenV „I<c taldeau d'nnc d<*niocratie parfaitc**, wb:
tt-hoa Condorcet in iksinem ««^fe de M. d«: If aller** iHiUierkt Aber dietie Kon-
»eqaenz scheiterte an der bemer Aristokratie, d'^rcn Mitiplied UaUer sclUt war. Der
i' t/.itre Katurforvlier ist jedoch aii diese Lokalsclirank'; nirhf mehr gebunden. Er hal
den Felil«;r llall<;r'ii ^utzuniarlien. L'clirig«:us la'»ü<: irh iii<:lit umsonst den Naturfor'
scher nadi Auj'.riiui liiuülj'-ildi' Ivu, und woui<ijrIi<:ij vrllj-t liiiiub';r;:':li'.ii ; d<;nii i-.t
noch »ehr in I ra^r»*, ob Europa, weni'z-.t'.ns in cin<:Mi \oraii--i' |itli< jn-n Zeitraum. eiri< r
waliPM) \ ii\'^'--.t:i\vu\i' und Verjiiiij.Mjfi^f f.ilii</ yji. (». wuhnf' s l'elj-I i-t dein Meii-eli- u
liel*' r aU unj^ewohnlea Neuw, wenn^lei' h ft-i ein '<iit i » I el>' rdi',- erfordert ein«*
neue Zeit auch einen neuen Ifauni. OrtJiverän<leruic'^ gehört /.ur Siiinenanderun][r. Auf
dem alten Boden liaftea auch die alten Sünden. DeuüschJand, (nler wam Ein» Iti,
Europa in eine Bepubllk venrandehi «rollen, kommt mir oft gerade so vor, aUi wenn
man eine Dirne, die schon allen Potentaten gedient, in eine /nngfran venrandeln
wollte. Es gibt keine leligtüseB, aber noch keine moralischen und polithfchen Wunder. F.
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gesetz (secundum naturalem legem) Nichts dem Einen mehr als
dem Andern angehr)i'e, und dass alle Schätze der Welt zum all-
gemeinen Besten der Menschen erschaffen seien. Das ,,gute alte
Rechf' hat die Menschheit in Noblesse nnd Canaille, Adel und
Pöbel geschieden und zur Rechtfertigung dieser Iignrie gegen das
Menschengeschlecht den unsinnigen Satz aufgestellt: y^Veuter nobi-
litat".*) Aber die Naturwissenschaft kennt keinen Unterschied
zwischen einem atlelip^en und bürgerlichen Baucli, sie weiss nur
von einem allen Menschen gemeinen und gleichen Ursprung. Als
einst der Anatom Jodocus Lucius die Lage der Gebärmutter zeigte,
sagte er: ,,Iiier lasset uns bespiegeln, wir Menschen, die wir mit
unserer adeligen Ankunft prangen und memen, wir seien besser
als Andere, hier ist unsere erste Wohnung zwischen Harn und
Koth/' Solche kommunistische, Staats- und rechtswidrige Gesin-
nungen fldsst die Natur ein! Und doch gibt der beschränkte
Regiemngsyerstand die Naturwissenschaft frei nnd stellt nur die
Philosophie unter polizeiliche Aufsicht. Nur die rhilosophie! Wie
thörichtl Wie unschädlich ist sie, wie arm, wie wehrlos im Vergleich
zu den Xaturwissenschaltenl Wie leiclit kann man ihre genUuiiclien
Wirkungen auf das Publikum verhindern! Was gehört dazu, einen
Philosophen zu widerlegen? Nichts weiter als ein Professor der
Philosophie, und was ist leichter zu haben als ein solcher 1 Wenn
daher ein revolutionairer Philosoph auftritt,. so braucht man nur
einen Professor der Philosophie gegen ihn schreiben zu lassen, und
der arme Philosoph ist, wenigstens in den Augen des Publikums
— aber darauf kommt es allein an, Schein regiert die Welt —
mausetodt. Dem Philosophen, dem mir das treulose nnd vieldeutige •
Wort zum Organ dient, kann man ja ohne Mühe auch den sonnen-
klarsten Satz, den unwidersprcchlichsten ßeweis zuniclite machen:
man darf nur ein Wort verdrehen, oft selbst nur eine Partikel
auslassen, und der ganze Satz löst sich in Unsinn auf. Was sind
gegen die festbestimmten und innigen Verbindungen der chemischen
Stoffe die losen, flflchtigen Wortverbindungen, die der Gedanke
eingeht? Was gegen den soliden Körperbau der naturgeschicht-
lichen Wesen der pap lerne Periodenbau^ worauf sich der Philosoph
stutzt ! Was gegen die Platinadichte des Natursystems das luftige
*) Da icli hier die Schnuiken des bistorisclien Bechts zerbiodie, so mögen mir
Oft die Ilerran Juristen« iMmentlich die christlich •germanisclien, nicht Tcnigen, dass
h \i hier auch dem Yenter eine kommunistische, ebensowohl minnliche als weibliche
Bedeatung fcebe. F.
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■ -
S})iimeu^c\vtln' der Sprache, worin der Deiikei- sein Wesen ent-
l'altetl Spinne ncjcli s«» sor^fjilti«::, noch so logisch zusannneuhänjjeud
Faden au Faden : du vermagst jNichts gegen die Natur der Sprache,
dn reihst nur Lücke an Lücke, und jede Lücke ist ein Tummelplatz
fttr den Unsinn kritischer Bosheit nnd Dummheit. Der Philosoph
spricht steh ferner nnr in allgemeinen nnd ehei^desswegen abstrakten
Sfttaen ans. Sind diese gleich nnr Ton einaelnen wirklichen Füllen
abgezogen, so scheinen sie doch nnr ans der Lnft gcgrifflm m
sein, wenn man nicht durch den Schein hindurch auf den Orund
Idicken, das Abstrakte mit dem Konkreten, das Geistige mit dem
Sinnlichen verknüplVu kann. Aber wie Wenige vermögen Dieses I
Lud wie maciitlos sind ül)erhaupt abstrakte Wahrheiten! Wie ganz
anders ist es dagegen mit der ^iaturwissenschatt, deren Grundsätze
anschauliche Thatsacheni deren Beweismittel sinnliche Instrumente
sind. Doch wozn sagen, was schon Andere besser gesagt haben!
Condorcet in seinem y,Eloge de Mariotte'' sagt:
Les th^ries nonvelles, les mienx pronvöes, ibnt pen de progr^s,
tant qu'elles ne sont apiuiyöes qne snr des principes abstraits;
meme los meillcurs esprits, accoutumes a ccrtaiues idees abstraites,
aciiuises dans la jeuncsse, rejettent tontes cclles (|ui ne sc lient pas
aisement avec les preini«"'res, et toutes les verites sj)cculatives dont
ou ne peut ieur donner des preuves sensibles, sont absolaiueut
perdnes ponr eux. Ainsi toutes les fois qu'un homroe de gtoie
propose des v^rit^ nouvelles, il n'a ponr partisan qne ses öganz,
et qnelqnes jennes gens ölev6i loin despr^jngtodes^colespnbliqnes;
le reste ne Tentend point, on Tentend mal, le persöcnte on le
tonme en ridicnle.
Allerdings greift der Naturforscher nicht direkt, wie der PhiKv
soph, die rcligiitsen und politisciicn Vorurtheilc an, aber man kann
kein Glied aus der lieilie der menscldiclien Vorstellungen heraiis-
reissen oder verändern, ohne danut die ganze Reihe zu verändern.
So lange die Phantasie des religiösen Glaubens die Menschen
beherrschte, so lange war auch die natürliche Welt eine Fabcl-
nnd Märchenwelt Wer an Wunder in der Bibel glaubt, der glaubt
auch an Wunder ausser der Bibel, der hat überall Wunder im
Kopfe. Und umgekehrt: wer an keine natttrlichen Wunder mehr
glaubt, der glaubt auch keine religiösen mehr. Wie wSre es auch
anders mJjglichV Der Hoden aller Wunder ist ja die Natur. Freilieh
kann sich der Mensch nut der Ausrede helfen , dass er nur auf
dem Gebiete der Natur, nicht der iicligiou und Theologie, das
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Wunder aufhebe, aber nur eine Zeit lang, endlieh siegt doch im
Menschen der Einbeitsdrang und Wahrheitssinn Uber den Zwiespalt
zwischen einer verntinftigen natürlichen und einer unvernünftigen
übernatürlichen Welt. Der erste Revolutionair der neuern Zeit
war daher — merkwürdigerweise ein Pole*) — der Verfasser der
Schrift „De revolutionibus orbium coelestium", Nikolaus Kopernicus.
Kopcrnicus hat den allgemeinsten, den ältesten, den heiligsten
Glauben der Menschheit, den Glauben an die Unbeweglichkeit der
Erde unigestossen, und mit diesem Ötosse das ganze Glaubens-
system der alten Welt erschüttert. Er hat als ein echter „Umsturz-
mann" das Unterste zu oberst und das Oberste zu unterst gekehrt,
die brachste Sphäre des ptolemUischen Systems, das Primum mobile
(die Ursache der täglichen llimmelsbewegung) zum Parterre der
Astronomie gemacht, der Erde die Initiative der Bewegung zuge-
eignet und dadurch allen ferneren und anderweitigen Revolutionen
der Erde Thür und Thor geöffnet; er hat dem phantastisch -de-
spotischen Dominium mundi des Mittelalters, welches sich die Erde
Uber die Himmelskörper, der Papst Uber die Geister, der Kaiser
über die Fürsten und Völker, der Mensch Uber die Menschen an-
gemasst hatte, für immer den Garaus gemacht; er hat den mensch-
lichen Geist aus den epizyklischen Zauberkreisen des verworrenen,
widerspiTichsvollen Unsinns einer eingebildeten Welt erlöst und zur
Anschauung der wirklichen Welt, zur Einfachheit der Natur zurück-
geführt; er hat mit frecher Hand die bis auf ihn verschlossene,
mit Ausnahme einiger ketzerischer Denker selbst den grössten
Geistern des Alterthums undurchdringliche, nur zur lirustwehr der
menschlichen Beschränktheit, Gedankenlosigkeit und Gläubigkeit
dienende Himmelsveste aufgesprengt, und dadurch den Blick des
Menschen bis in die Unendlichkeit des Universums erweitert und
dem gesunden Menschenverstand Eingang selbst in den Himmel
verschalet. Der Himmel galt sonst in der Religion Itlr den Thron
und Sitz der Gottheit, den Wohnort der Seligen, in der Philosophie
für das fünfte Element, wo keine Negation, keine Veränderung,
kein Entstehen und Vergehen wie auf der plebejischen Erde statt-
finden sollte, kurz: für ein heiliges, göttliches Wesen. Aber alle
diese süssen, heiligen Vorstellungen und Aussichten, die sich sonst
an den Himmel knüpften, hat die moderne Astronomie, deren Ur-
heber oder Anfänger Kopernicus, schonungslos vernichtet. Sie hat
*) Voll «leutsclu.'ii TAU'Tii in 'i'lioni ücboreii. D. H.
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zwar die Erde in den Himmel emporgehoben, aber eben tladnicb
auch den Himmel profanirt, die Uimmeisgestirne auf gleichen Fuss
mit der Erde gesetzt. Kopernions ist es^ der die Menschheit um
ihren Himmel gebracht hat Wo kein sinnlicher Himmel mehr,
verschwindet auch bald der Himmel des Glanbens; denn nnr an
dem sinnlichen Himmel hatte ja auch der religiöse seinen Grund
und Haltpiuikt. Mit vollem Kochte wurde das Kopernicanisehe
Weltsvsteiu von den Katholiken als ein ketzerisches tV>nnlich ver-
dammt, von den Protestanten wenigstens theoretisch verworien,
denn es widerspricht der Heiligen Schrift. „Du gründest das
Erdreich^', heisst es im Psalm, „auf seinen Boden (super stabilitatem
suam, wie es in der Vnlgata heisst), dass es bleibt immer und
ewiglich." „Die Erde bleibet ewiglich", sagt der Frediger Salomo,
„die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort." Diese
und noch einige andere Sprüche der Bibel hielt man den Koperni-
kanern entgegen. Was aber in der Bibel steht, muss auch in der
Xatur stehen. Hat man doch selbst in den Sternbildern die he-
bräischen Buchstaben gefunden I „Alles, was die Heilige Schrift
behauptet'% heisst es z. B. in „Theodorici Winsheraii noyae
quaestiones sphaerae'^ vom J. 1564, „ist unbezweifelbar gewiss.
' Die Heilige Schrift behauptet aber, dass die Erde fest und nu-
beweglich sei. Also ruht die Erde in der Mitte der Welt und
bewegt sich nicht" Welch eine glückliche Zeit, wo man noch
mit Bibelsprüchen den menschliehen Geist bannen, mit Bibelsprüchen
den Revolutionen der Erde Stillstand gebieten konnte! Was sind
irciren diese Wirkuniicn des todten biblischen Bnclistabens die
oratorischen Machtsprüche, womit unsere politischen Schlangen-
beschwörer die „lernäische Schlange*^ der Revolution bezwingen
wollen. Und gleichwohl sieht der beschränkte Regierungsverstand
nicht ein, dass nicht erst die gottlose Philosophie, sondern schon
Meister Kopemicus der Bibel ihre reaktionaire Zaubermacht ge*
nommen. Kopemicus hat das körperliche Zentrum der Welt, die
Erde, in die Reihe der Irrsterne eingei^lhrt; Kopemicus hat auch
das geistige Zentrum der christlichen Welt, die Bibel, in die Klasse
der irrenden menscblichen Bücher versetzt. Schwach sind die
Gründe, womit die Kopernikancr die göttliche Ehre der Bibel zu
retten suchten. Die Geschichte^ hat sie längst widerlegt, „Der
Heilige Geist lässt sich nicht trennen, noch theilen, dass er ein
»Stllck sollte wahrhaftig und das andere falsch lehren oder glauben
lassen." Wo die Bibel keine Stimme mehr in der Astronomie hat|
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I
— öl —
da hat sie bald auch keine mehr iu andern Dingen. Wie verträgt
sich denn auch mit einer talsehen Astronomie eine wahre Anthro-
pologie oder Psychologie ^ Wie kann man den Menschen im wahren
Liebte betrachten, wenn man die Weit, zu der er gehört, nur nach
ihrem Scheine beurtheüt? Doch wozn versteige ich mich bis in
den fernen Himmel der Astronomie, um die Natnrwissenschaiten
wegen ihrer revolntionairen Tendenz bei nnsem Regierungen zu
dennnziren? Einen uns weit' näher liegenden, eindringlichem und
zeitgemUssern Beweis von der universellen revolntionairen Be-
deutung der Naturwisscuschalt iiaben wir an vorliegender neuer
Schrift :
Lehre der Nahrungsmittel. Für das Volk, von
Jakob Mo lese hott. Erlangen, Enkc. Ls5(). Gr. 6. 1 Thlr.
Diese Schrift theilt uns mit in volks- oder, was Eins ist,
menschenfrenndlicher Absicht und Sprache die Besültate der mo-
dernen Chemie Uber die Nahrungsmittel, ihre Bestandthelle, ihre
Beschaffenheiten, Wirkungen und Veränderungen in unserm Leibe ;
sie hat also eigentlich nur einen gastronomischen Zweck und
Gegenstand, und doch ist sie eine und zwar im höchsten Grade
Kopf und Herz aufregende , eine , sowohl in philosophischer als
ethischer und selbst politischer Beziehung hüchstwichtige, ja revo-
iationaire SchriiL
Ich beginne meine Denunziation mit der Philosophie und be^
hanptCy dass diese Schritt, obgleich sie nur von Essen nnd Trinken
handelt y den in den Augen unserer supranaturalistischen Schein-
kultnr niedrigsten Akten, doch von der höchsten philosophischen
Hedentnng und Wichtigkeit ist. Ja ich gehe weiter nnd behaupte,
dass nur sie die wahren „Grundsätze der Philosophie der Zukunft"
und Gegenwart enthält, dass wir in ihr die schwierigsten Probleme
der Philosophie gelöst finden. Was haben sich nicht sonst die
Philosophen den Kopf zerbrochen mit der Frage von dem Bande
zwischen dem Leib und der Seele! Jetzt wissen wir aus wissen-
whaftlichen Gründen, was längst das Volk aus der Eri'ahning
WQsste, dass Essen und Trinken Leib und äeele zusammenhält,
dass das gesuchte Band also die Nahrung ist. Wie hat man sich
nicht sonst ttber eingeborene oder von aussen gekommene Ideen
geiankt und wie yerächtlieh auf Die herabgeblickt, welche den
Ursprung der Ideen aus den Sinnen ableiteten! Jetzt ist es uns
eben so unmöglich von eingeborenen Ideen zu reden, als von ein-
gebt)renen Speisen oder von eingeborener Wärme, die auch sonst
Orao, FeuMbachs Briefwechsel u. NachlMS. IL 6
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unter dem Nanieu calor innatns eine Hauptrolle in der Natur-
wiAseiiflcbaft spielte. Jetzt wissen wir, dass die Respiration die
banptsilobliebBte Quelle der Wärme, dass die Lnft ein wesentlicher
Theil nnseror selbst ist, dass wir Alles von aussen pumpen, dass
wir Nicbts zu eigen haben, dass wir als reine Lumpen und Kom-
munisten auf die Welt kommen, dass gar Nicbts in uns ist, was
nicht auch ausser uns cxistirt, dass wir am Endo nur aus Saucr-
stotV, StickstotV, KuldeuKtidl' und WasserstolV, diesen wenigen, ein-
lachen und doch so unendlich verschiedenartiger Verbindung fUhigen,
diesen geisterhaften, unmittelbar un- und UbersiDüliclieu und dennoch
an sich und mittelbar sinnlichen IStoffcn zusammengeflickt Bind.
Wie stimmt aber diese Anschauung des Menschen mit der cbrist-
Hohen Welt- und Mensehenanschauung? Denn was ist der eigent-
liehe Keri^ der christlichen, wenigstens dogmatisch-christliehen Lehre?
Der: „dass wir existiren konnten aUein mit Gott, auch wenn kein
Raum, keine Materie wäre, weil unser Wesen niclit den HegritV
der Existenz der äussern Dinge in sich schliesst", dass der Mensch
ein Bihl Gottes, d. h. das Wesen ist, welches nur aus sieh und in
sich, d. h. nur aus und iu Gcdaukeu besteht, welches keiuer Welt,
keiner Natur, keiner Materie zu seiner Existenz bcd:irf, dass also
der Mensch noch existirt, aneh wenn sein Leib und die materielle
Welt ttberbaupt zugrundegeht. Und dennoch dulden unsere gut-
christlichen Eegierungen im ehristliohen Staate die Naturwissen-
schaften, insbesondere die allerradikalste, korrosivste und destruk-
tivste Wissenschaft, die Chemie, die längst in ihrem Scheidewasser
die Mysterien der christliehen Weltanschauung aufgelöst V Welch'
ein ungeheurer Widerspruch! I)(>eh kehren wir wieder von den
Thorhcitcn der Tolitik zur Thilosophic zurück. Wie hat nicht der
Begriff der Substanz die Philosophie vexirt! Was ist sieV Ich
oder Nicht-Ich, Geist oder Natur, oder die Einheit von beiden?
Ja, die Einheit. Aber was ist denn damit gesagt? Die Nahrung
nur ist die Substanz; die Nahrang die Identität von Geist and
Natur; wo kein Fett, ist kein Fleisch, aber wo kein Fett, da ist
aneh kein Hirn, kein Geist, und das Fett kommt nur aus der
Nahrung, die Nahrung ist das »Spinozistische Lv y.ni nur, (ias Alles-
unifassendc, das Wesen der Wesen. Alles hängt vom Essen inid
Trinken ab. Die Verschiedenheit (ks Wesens ist nur Versehicdenbeit
der Nahrung, bchon in der „Otfenbarung der Natur und natUr*
liehen Dinge . . . durch den li^)cligelehrten llieronymutn Cardanum''
beisst es übrigens ganz im Widerspruch mit der Offenbarung der
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* 83
Bibel, wo dem Edite bibite nur eine frivole Bedeutung gegeben,
das Wesen des Menseben als ein vom Essen nnd Trinken unab-
hängiges vorgestellt wird: „die Nabmng mögend in alle Natnren
die Menschen verenderen. WOllicbe nnn vil Wildbret nnd GewHns
in der Rpeiss braueben, werden alle grimm nnd zornig Icutb,
wöl liehe kraut essend, werdend milt und zahm." Welche dornen-
volle l'ntersuchnngen hat nicht das Sein den l*hilosophen ver*
nrsacht! Ist es Eines oder Vieles, Eins mit dem Denker oder
verschieden von dem Nichts des Gedankens? Unntitze Fragen!
Das Sein ist Eins mit dem Essen ; Sein heisst Essen ; was ist, isst
nnd wird gegessen. Essen ist die subjektive, tbätige, gegessen
werden die objektive, leidende Form des Seins, aber Beides nn-
sertrennlich. Erst im Essen erfallt sich daher der hoble Begriff
des Seins nnd offenbart sich die Unsinnigkeit der Frage: ob Sem
nnd Nichtsein identisch, d. h. ob Essen nnd Hungern identisch ist ?
Was haben sich nicht <lic PhiloHophcn mit der Fra{j,c ge(|ualt:
was ist der Anfang der J'hiloHopliic V Ich oder Nicht-Ich, Hewusst-
sein oder .Sein? O ihr Thoren, die ilir vor lauter Verwunderung
über das Käthsel des Anfangs den Mund aufsperrt und doch nicht
seht, dass der offene Mund der Eingang ins Inncrc der Natur ist,
dass die Zähne schon längst die NUsse geknackt haben, worttber
ihr noch heute euch vergeblich den Kopf zerbrecht.! Damit mnss
man anfangen zu denken, womit man anfängt zu existiren. Das
Principium essendi ist anch das Principinm eognoscendi. Der An-
fang der Existenz ist aber die Ernährnnp:; die Nahrung also der
Anfanji: der Weisheit. Die erste licdin^ung, (hiss du Etwas in dein
Herz und deinen Kopl bringst, ist: dass du Etwas in deinen Ma^^en
bringst. ,,A Jove principiun»'* hicss es sonst, aber jetzt heisst es:
„a vcntrc principium". Die alte Weit stellte den Leib auf den
Kopf, die nene seist den Kopt auf den Leib; die alte Welt Hess
die Materie ans dem Geiste, die nene iässt den Geist ans der
Materie entspringen. Die alte Weltordnnng war eine phantastische
nnd verkehrte , die neue ist eine natnr- nnd eben dessw^gen eine
vemanflgemässe. Die alte Philosophie begann mit dem Denken,
sie „wusste nur die Geister zu vergnügen und Hess darum die
Menschen ohne J^rod", die neue beginnt mit Essen und Trinken;
die alte Philosojjliie hatte daher nichts im Kopie — „Sein und
^sichts ist identisch", das Nichts ist das iniinitum et indctermi-
natum negans, Dieu est oppose au ncant ~ , denn wo Nichts im
Ifagen, ist auch Hiebt» im Kopfe. Der Kopf ist das Vermögen,
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zn schliesseo, aber die Vordersätze, die Elemeute zu diesen
Scblfissen liegen ii) den Speisen und Getränken. Der Geiet ist
Lieht, yerzehrendes Feuer, aber der Brennstoff ist der Nahrungsstoff.
Plenns venter non stndet libenter, richtig; aber so lange der
Bauch voll ist, so lange hat der Kopf auch Nichts yom Inhalte
des Bauchs, Hirn werden die Speisen erst, wenn sie verdaut, wenn
sie Blut geworden sind. Der plenns venter ist also ein alberner
Einwand. Es bleibt dabei: der Nnlninii^sstotf ist Gedankenstoff.
Das Gehirn kann ohne phosphorhaltiires Fett nicht bestehen. . . .
An das phosphorhaltip:c Fett ist die Entstehung, folglich auch die
Tbätigkeit des Hirns gekutiptit. . . . Ohne Phosphor kein Gedanke
(„Lehre der Nahrungsmittel", S. 115 fg.).
Wo hat je ein spekulativer Philosoph daran gedacht? Haben
sie nicht alle das Denken aus sich selbst erklärt, den Greist zu
einem selbständigen, stofflosen, von aller Materie abgesonderten
Wesen gemacht? Haben sie nicht ihr Nichtwissen von den ma-
teriellen Grundlagen des Geistes in ein Nichtsein derselben ver-
wandelt? Ist es nun ein Wunder, dass es noch so dunkel in der
Welt aussieht, da scll)st unsere grössten Denker keinen Phosphor
im Kopfe hatten? Ist es ein Wunder, das» die unsinnigste Vor-
stellung, die Schöpfung aus Nichts sogar zu einem heiligen Glaubens-
artikel und zum „höchsten Problem der spekulativen Philosophie'*
wurde? Was heisst denn aber: Die Welt ist geschaffen aus Nichts!
anders als: sie ist geschaffen ich weiss nicht woraus? Was heisst
also, an eine Schöpfung oder Überhaupt Entstehung aus Nichts
glauben? Es heisst an die Heiligkeit und Göttlichkeit der Ignoranz
glauben, es heisst die Ignoranz an die Spitze der Welt, der Religion
und Wissenschalt stellen. Ein Beispiel hiervon haben wir eben
an dem ErnHhrungsi)rozess. Dass die Speisen Fleisch und Blut
werden, wusste man; aber wie? Das wusste man nicht. Wie löste
man nun den Widerspruch zwischen dem bekannten Etwas und
dem unbekannten Nichts oder dem Nichts der Unwissenheit? Man
schrieb dem Leibe unter dem Namen der Lebenskraft ohne Weiteres
die Kraft zu, die Speisen in Blut zu verwandeln, d. h. man dichtete
dem Organismus, wenn auch nicht mit Worten, doch der That
nach, eine aus Nichts schaffende Kraft an, um so die Wunder der
christlichen Dogmatik in succum et sMUguinem zu vertiren. Aber
in der Wirklichkeit verhält es sich ganz anders. Hören wir wie.
Ehe wir aber dieses Wie verstehen, müssen wir wissen, warum
wir essen und was wir essen oder vielmehr uns aneignen. „Das
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Leben ist Stoffwechsel*' (8. 66;. Wir empfangen von der Aussen-
weit Stoffe und geben sie wieder zurttck, nur in anderer Gestalt,
scheiden sie ans. Und je mehr oder weniger wir von nns geben,
desto mehr oder weniger müssen wir anch zn nns nehmen. Leider
ist aber nicht mit der verminderten Annahme von Nabrnngsmitteln
anch eine verhftltnissmSssige Abnahme der Ansscheidongen ver-
banden. Wenn wir Nichts zu verzehren haben, verzehren wir uns
selbst. Es heisst (S. 62):
Auch wenn wir uns aller Sjicise und alles Tranks enthalten,
hauchen \vir Kohlensäure uiul Wasser aus, die Ausloerungcn von
Harn und Koth erfolgen nach wie vor, die Haare wachsen, die
Nägel verlängern sich, und Scbweiss und Schleim entziehen dem
Körper von Stunde zu Stunde seine wesentlichsten Bestandtheile.
Und wenn die Enthaltsamkeit fortdauert, dann verrfltb sie sich nur
za bald durch eine beträchtliche Abnahme des Gewichts unseres
Körpers.
Ferner S. 63:
Wenn der Ersatz aufhiirt, während die Ausgaben fortdauern,
dann ändert sich alsbald die Zusammensetzung der Gewebe, und
das Blut, das nicht nur für die Gewebe, sondern auch für sich
selbst einkauft, macht in einigen Tagen oder, wenn es hoch kommt,
in wenigen Wochen Bankrott. Denn der Sauerstoff, den wir ein-
athmen, zehrt vom Blut, dessen Einnahmen stocken.
Und S. 49:
Allen Stoffen unseres Körpers wird nämlich Sauerstoff der Luft
zngefitthrt, den wir unablässig einathmen. Kein Stoff aber greift
mäihtiger als der Sauerstoff in das Werden und Vergehen der
organischen Verbindungen ein. Vor der anbaltenden Wirkung des
Sauerstoffs hat keine organische Verbindung unsers Kcirpers Bestand.
Am ersten schwinden unter dem verzehrenden Kintluss des
Sauerstoffs die Fette, dann die Muskeln, das Uerz, Milz und Leber,
am spätesten die Nerven und das Hirn — eine merkwttrdige Er-
scheinung, da sie aus den wandelbarsten Stoffen unsers Körpers,
ans Fett und Eiweiss bestehen, eine bis jetzt noch unerklärte Er-
scheinung, .die aber trotzdem das späte Absterben der geistigen
Thätigkeit erklärt. Doch die Folgen des Büngerns oder Fastens
erstrecken sich noch weiter. Wo die Menge und Mischung des
Stoffs, verändert sich auch die Form der Verrichtung.
Denn ein gemeinsames Band hält Stoff und Form und Ver-
hchtong umsclüungen . . . Der leichtere Mudkel, dessen Fett und
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Eiwciss gCHcliu uiulcu ist, erHcheiiit al« welk«'« Fleisch, das sich
laui^sam zusanuncnzicht. Das Herz ist trä^^e, die Zahl der Pulse
in der Minute beträchtlich veriniudert... Kleine Keize haben grosfie
Wirkung. Das Licht thut welie, ein stärkerer Schall wird nner-
t]%lich, eine BertlbrnDg erweckt Zoro ... In schlaf loser Nacht quält
den Hnngernden die Gier, der mächtige Hebel so vieler Leiden-
schaften. Wer zu Aas und Leichen, zum Fleisob seiner Freunde
oder zu seinem eigenen Körper greift, der beweist mehr als die
Einbildungskraft der Dichter sich vorstellen kann . . . Von keinem
Triebe wird die flacht des Geistes trauriger besiegt. Der Hunger
vcrr»det Kopf und Herz . . . Der Hungernde fühlt Jiden Druck mit
Zcnlncrscbwere, darum hat der Hunger mehr Empörungen verur-
sacht als der Ehrgeiz unzufriedener Köpfe... Kalt und starr, die
Muskeln zackend in gelähmten Gliedern, seufzend, mit trübem Auge,
abgestumpfter Empfindung, bethörtem Urtheil kämpft der Gepeinigte
den Todeskampf, dem häufig eine Ohnmacht sein Ziel steckt, bis-
weilen aber rasendes Irrereden vorausgeht. (S. 66-68.)
Dies das Gemälde von den schrecklichen Folgen des unbe-
friedigten Hungers, Dies der Grund des Nahrungsbcdlirfnisses, Dies
auch der (»rund, warum die neue Weltweishcit nicht mehr das
Nichts im Kopfe, sondern das Nichts im Magen — ein sehr reelles,
weil empliüdliches Nicht« — zu ihrem und der Welt Prinzip macht
Wenden wir uns nun zu den a|>petitlichen Gegenständen, womit
wir vamxn Hunger stillen. Die Natur hat reichlich ttir uns gesorgt.
Alle drei Reiche der Natur liefern uns Nahrangsmittel oder viel-
mehr Nahrungsstoffe, wie der Verfasser die Bestandtheile derselben
nennt. Dieselben bestehen nämlich: 1) aus anorganischen, 2) or-
ganischen stickstoffTreien und 3) organischen stickstoffhaltigen
NahrungsstofTen. Die ehemischen (irundstorte oder Elemente der
Nahruugsstotfe aber sind — wenigstens die wichtigeren — : Kalium,
Natrium, Calcium, Magnesium, Aluminium, Silicium, Eisen, Maugan,
Fluor, Chlor, welche zehn Grundstotfe vorzugsweise dem Mineral-
reiche angehören; ferner: Phosphor, Schwefel, Sanerstoif, welche
ungefähr gleich oft in der oiganisohen und unorganischen Welt
vorkommen; endlich: Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, welche in
allen lebenden Wesen vorkommen, während sie in sehr vielen
Mineralien fehlen, und daher im engern Sinne als organische Ele-
mente bezeichnet werden können. Die anorganischen Nahrungs-
stotio sind näher: Clihiruatrium, welches unser Koch- oder Steinsalz
ist, Chlurkalium, eiue dem Kochsalz sehr ähnliche Verbindung, ferner
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äalze der Alkalien d. h. Salze im ehemiscben Siniiey Verbindungen
von Säuren: hier die Sehwefelsänre, Kohlensäure und Phosphoisänre;
mit Basen: hier den Alkalien, nämlich dem Kali und Natron; dann
Erdsalze, z. B. schwefelsaurer Kalk, schwefelsaure Thonerde; end*
lieh ein Metallsalz, das phoHplKjrsiiuic Kiscnoxyd.
Die or«;anis('lieii stickstofffreien Nahriingsstoffc, Verbiiulungeu
von KolileiKstofi", Wasserstoff und Sauerstoff, sind theils Stoffe die
sich in Fett verwandeln können, und die desshalb der Verfasser
Fettbildner ueunt, theils schon gebildete Fette. Die wichtigsten
Fctthildner sind das Amyluni oder Stärkemehl (wie z. B. die Kar-
toffelstärke, ans der man den Kleister macht), das Gummi (das in
sehr vielen Pflanzen vorkommt, aus manchen von selbst ausfliesst,
und an dem arabischen Gummi sein Musterbild hat), und der Zucker,
sllf^eraein bekannt, aber auch als Rohrzucker, was wir hier sogleich
bemerken, mit Unrecht allgemein verschrieen, als ob er die Zähne
verderbe, da er \iehnchr die Hildung der Knoehen und Zilhne
fördert Die Fette sind : der Oelstoff (Olein oder FJain genannt),
der am schwersten in der Kälte erstarrende Hauptbestandtheil aller
Oele; das Perlmutterfett, ein leicht erstarrendes Fett, das man in
perlmutterglänzenden Krystallen erhalten kann, daher sein Name;
der Talgstoff oder das Stearm, das festeste aller Fette, hauptsäch-
lich in Hammel- und Oehsenfett vorkommend.
Die organischen stickstoffhaltigen Kahmngsstoffe bestehen ans
mehr Elementen als die ebengenannten, nämlieh aus Stickstoff,
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Schwefel und meistens auch
uoch aus Phosphor. Von diesen konnneu hier blos die ciwciss-
arti^cn Körper in Betracht, also genannt wegen dor Aeliulichkcit
ihrer Eigenschatten und der üebereinstimmung in ihrer Zusammen-
setzung mit dem Iltihnereiweiss, keineswegs aber nur, wie der Name
den Laien glauben machen könnte, auf die thierische Welt be-
schränkt, sondern auch in der Pflanzenwelt enthalten unter dem
Namen: (lösliches und geronnenes) Pflanzeneiweiss, das sich in
sehr vielen Pflanzensamen zeigt, und in allen in der Hitze ge-
rinnenden Pflanzensäften, Pflanzcnleim, der sieh besonders in den
Getreidesamen findet und KJcber (Gluten) heisst, weil er, so lange
er feucht, ein klebriger Stotf ist, und I^egmnin oder (nach des Ver-
fassers Ausdruck) Erbsenstoff, welcher in allen Hülsenfrüchten als
Bohnen, Erbson, Linsen zu Hause ist, und den wichtigsten Kahrungs-
atoff derselben ausmacht.
Das sind also die Stoffe, die in den Nahrungsmitteln von uns
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aurgenoninicn werden. Wie ist es min aber ni<ij;lieh, dass sie Blnt
werden?*) Diese Fra^e beantwortet sich, wenn wir wissen was
Blut ist, und woraus es besteht.
Das Blut ist eine alkalische Flüssigkeit, eine Lösung von
Salzen, eiweissartigen Körpern, Fett und Seiten^ d. h. Verbindungen
der obengenannten Fette mit den Alkalien. Tansend Thette
Menschenblnt enthalten zwei Theile FaBerstoff (ein eiweissarfciger
Körper, dessen Eigenschaft ist dass er gerinnt, sowie das Blnt dem
lebenden Körper entzogen wird), 131 Theile sogenannte Blutkör-
))ercheu ( welche als I^läseheii mit rotbem Inhalt und weisse körnige
Körpereben im Blute bernmseliwimmen , und in larbip:e , den Bhit-
farbcstotf enthaltende und farblose Blutkörperchen unterschieden
werden, welche beide aber eiweissartige Körper sind), 71 Theile
Eiweiss (im engern Sinne), fünf Theile Chlorverbindungen und
Salate, womnter das Kochsalz das Uebergewicht hat, zwei Theile
Fett, 789 Theile Wasser. Die Speisen werden also zn Blnt, weil
sie aus denselben Bestandtheilen als das Blnt bestehen , weil im
Blnt niehts Anderes ist als was in den Speisen, nnd umgekehrt**)
Dies gilt aber nur absolut oder abstrakt gesprochen. In der
Wirklichkeit sind die Speisen, sehr undelikat und inhuman, mit
nicht oder höchst schwer assimilirbaren StotTen vermengt, wie es
der Zellstoff der ptianzlieheu , die elastische Faser der thierischen
Speisen ist, ihre Bestandtheile entweder zwar nicht verschieden von
den Bestandtheilen des Bluts, aber doch in einer solchen Fora
nnd Verbindung, in welcher sie nicht assimilirbar sind, nnd daher
erst aufgelöst werden mflssen, oder verschieden von denselben, in
welchem Falle sie nicht nur erst gelöst werden, sondern auch dne
Reibe von Vermittelungen und Verwandlungen durchlaufen müssen,
ehe sie den Bestandtheilen des Bluts i;leichgcmaeht , und folglich
Blut werden können. So wird z. B. das Stärkemehl durch die
Einwirkung des MundspeiclieLs und Baucbspeiebels zuerst in Gunmii
verwandelt, der Gununi in Zucker, der Zacker aber durch die Galle
in Milchsäure, die Milchsäure in Buttersäure, welche das erste Glied
in der Reihe der thieriscben Fette ist Hieranf eben bemht der
*) Ich beschränke mich liii r \>\oa auf dio Blutbilduiig, obgleich die Eruährun!:
im ei»!?orii Sinuc erst nach *lersclben beginnt. Aber ans dem Blut entsteht ja Alles.
Haben wir Blut im Leibe, so fehlt üw» üichtti mehr, (iib loir einen Biatstiopfen und
ich schafie Menschen. F.
**) Der Satz der alten Philosophen: „Simile simili uutrlrii nou ili» aliijiiibaii cott"
stamuä*\ i:>t demnach ganz richti|f. h\
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Verdanangsprosess and die Versohiedcuheit der Speisen oder
Nahnmgsmittel hinstehflieh ihrer Löslichkeit, Yerdaalichkeit nnd
Nahrhaftigkeit. So heisst es S. 81:
Je leichter die Kahmngsstoffe in den Verdanungsflttssigkeiten
gelöst und in Blutbestandtheile umgewandelt werden können, um
80 gröHser ist ihre Verdaulichkeit, doiiii die Verdauung besteht
nicht nur in der Auflösung, sondern in der Umwandlung in die
wesentlichen Stotfe des Bluts. Beide Bedingungen sind gleich-
wichtig. Wenn also zwei Stoffe mit gleicher Leichtigkeit gelöst
werdeni dann wird derjenige der verdaalicberc sein, der mit irgend
einem Bestandtheile des Bluts die grossere Aehnlichkeit hat Ist
aber bei zwei Kahrangsstoffen die Uebereinstunmnng mit Bestand- ,
theilen des Blnts gleich gross, dann ist der lOsliehere der ver-
danlichere.
Femer 8. 83:
Unter den Nalinnigsmitteln sind diejenigen am verdaulichsten,
welche am meisten leicht löslich und leicht in Blutstoff Ubergehende
Nahrnngsstoffe enthalten . . . Nur was als wesentlicher Bestnndthcil
m das Blut übergeht, ist überhaupt als NahrnngsstoiT zu betrachten,
darum ein Nahrungsmittel um so nahrhafter, je verdaulicher es ist.
Und S. 76:
In der Sprache des Volks heisst jeder Stoff ein Nahrungsmittel,
der Hnnger und Durst zu stillen vermag. Die wissenschaftliche
Bestimmung des Begriffs der Nahrungsmittel ergibt sich aus der
Ursache Jener Empfindung. Was dem Blute seine verlorenge-
gangenen wesentlichen Bestandtheile ersetzt, und vom Blute aus den
Kreislauf durch die Gewebe beginnt, das ist im weitesten Sinne
als Nahrungsmittel zu betrachten. Nahrungsmittel, die dem Blute
die Chlorverbindungen und Salze, Fett und Eiweiss wiederersetzen,
stillen den Hunger. Der Durst wird gelöscht, wenn dem Blut das
fehlende Wasser wieder zugeftlhrt wird.
Nur die Nahrungsmittel, welche aus allen dreien oben ange-
riebenen Gruppen Nahrungsstoffe enthalten, sind daher geeignet,
(las nienschliche Leben in der normalen, gesetzmässigen , dem
iiienschlichen Blut und Wesen gemässen Weise zu erhalten. ^Xir
>«ehen hieraus, in welchem grasslichen, das menschliche Blut em-
pörenden Widerspruch mit der Ordnung der Natur unsere angebliche
sittliche Welt- oder Staatsordnung steht. Die Natur hat verordnet,
dass der Mensch stickstoffhaltige KOrper verzehre, denn der 8tick-
itoff ist ein wesentlicher Bestandtheil des Bluts, aber [die Staats-
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— oo •
Ordnung vertlainnit riizUlili^a' /n Xahningsmittelii, die dic;SL& wescut-
lieben Blutstoflfü eutbchrcii. Ein solches uumen^rhlichcs uud uaUur-
widriges Nahninj^sniittel ist vor Allem die Kartoflfel, wenn sie, wie
es bei ttmern Voiksklassen der Fall, das einssige oder doch baopl'
säcblielie Nabmngsmittel ist In seiner gereehten Indignation ntft
der Verfasser aas (8. 124 %.)•
Was soll man von einem Nahrungsmittel halten, in dem Eiwetss
und Fettbildner gerade im umgekelirteu VerhUltnissc von deu Ei-
Weisskörpern und dem Fott des Bluts vorhanden sindV Mit Fct!
kann es das Blut und die Oewehe iihert'iillenj aber wie es das Blut
nur ärmlich mit Kiweiss versorgt, so kann es den Muskeln keinen
Faserstoff und keine Kraft, dem (uliirn weder Eiweiss noeh phos-
phorhaltiges Fett zuführen . . . Trilges Kartoft'elblut, soll es den
Muskeln Kraft znr Arbeit, dem Hirn den belebenden Sohwnng der
Hoffnung ertheilen? Armes Irland! Du kannst nicht siegen in dem
Kampfe gegen den stehen Nachbar, dessen ilpi)ige Heerden die
Macht seiner Söldner ei*zcngen! Du kannst nieht siegen, denn deine
Nalirung kann nur ohnmaehtige Verzweiflung, nieht Begreisternn^
erwecken, und nur Boireisternn«: verniai: es den Kiesen abi^uwebren,
dem mit reicliem Blute Thutkralt dureli die Adern rollt.
Wir sehen zugleich hieraus, von weklier wichtigen ethischen
sowohl als politischen Bedeutung die Lehre von den Nahrungs-
mitteln fttr das Volk ist. Die Speisen werden xu Blut, das Blut
zu Hen und Hirn, su Gedanken und Gksinnnngsstoff. Menschliche
Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung. Wollt
ihr das Volk bessern , so gebt ihm statt Deklamationen gegen die
J^iinde bessere Speisen. Der Menseli ist was er isst. AVer mir
rtlanzenkost geniesst, ist auch nur ein vcgetireudes Wesen, hat
keine Thatkratl. (S. 101):
Wer kennt nicht die Vorzüge des englischen Arbeiters, den
sein Boastbeet' krUftigt, vor dem italienischen Lazzaronc, dessen
vorherrschende Pflansenkost einen grossen Theil seines Hanges sor
Faulheit erklärt.
S. 119:
Bei ausschliesslichem Genuss von Kiüutem wird nicht nur
die Mnskel kraftlos, sondern auch dem Gehirn wird wenig 8tofl
zugelilhrt. Daher ein unentsehl(»ssener Wille und feiges Aufgeben
der Selbständigkeit bei den Hindus und andern Tropen bcwohnero,
die sich fast nur von (Tcmfisepflanzen ernähren.
Daher auch bei ans der Sieg der Beaktion, der schmähliche
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Yeriuul' und Ausgang unserer sogenannten Märzrevolutiun, denn
auch bei ans besteht der grösste Theil des Volks aar durch oad
aus Kartoflblstopfem* Sollen wir aber desswegen yerzweifeln? Gibt
es keinen Stoff, der die Kartoffel auch bei der ärmem Volksklasse
ersetzen, der zugleich dem Volk männliche Gesinnung und Thatkrait
einflössen kann? Jal es gibt einen solchen Stoff, einen Stoff also,
der der Bürge einer bessern Zukunft ist, den Keim zu einer neuen,
wenn auch langsamen und allmähligen, aber um so solidem Re-
volution enthält: es ist der Erbsenstotl'. Er zeichnet sich durch
seinen R6icbthnm an Phosphor aus, das Gehirn aber kann, wie
wir bereits wissen, ohne phosphorhaltiges Fett nicht bestehen; er
ist aberdem em eiweissartiger Körper, und zwar ein solcher der
nicht nur den Klebergehalt des Brodes, sondern auch den im Fleisch
enthaltenen Faserstoff bedeutend ttbertrifffc. — Indess ist es nicht
genug, dass wir unter dem Volk, welches ja längst vor der Ent-
deckung der thierisch -vegetabilischen Substanz der Hülsenfrüchte
aus der Emphndung die Wichtigkeit derselben, besonders der Einsen
erkannt hat, Propaganda lür den Erbsenstotl" machen, um durch
die Salze und phosphorsauren Alkalien, die in den lliüsenl'rUchtcn
in so reichlicher Menge enthalten sind, das faule Kartoffelblut des
deutsehen Volks wieder in Bewegung zu setzen. Auch wir, die
WUT nnverdienterweise so glücklich sind, nicht aliein von Kartoffeln
zu leben, mttssen die Lehre der Nahrungsmittel zu unserer Richt-
schnur nehmen, wenn wir einen guten Grund zu einer neuen He-
volution legen wollen. Die Diät ist die Basis der Weisheit und
Tugend, der männlichen, muskelkrät'tigen, nervenslarken Tugend;
aber ohne Weisheit und Tugend gedeiht keine Revolution. Lassen
wir uns daher vor Allem durch die Rolitik, so niederschlagend und
ekelerregend sie auch jetzt ist , nicht den Appetit zum Essen und
Trinken verderben, aber mässigen wir den Genuss durch die Kennt-
oiss der Nahrungsstoffe, wie sie uns hier der Verfasser mittheilt,
wenngleich uns die Empfindung von ihren Wirkungen längst gesagt
bat, was uns die Chemie lehrt. Aber die Aufgabe des Menschen
ist eben, den Grund der Empfindung zu entdecken, den Gegenstand
der Empfindung zu einem Gegenstand des Wissens zu erheben.
Nicht nut Gebet, mit Erkenntniss zu geniesscn, ist menschlich.
Doch wir können dem Verfasser nicht bis in seine Diätetik und
Zergliederung der einzelnen Speisen, Getränke und GevvUrze hinein-
l'ojgen, empfehlen aber jedem Gelehrten, dem der Mensch mehr ist
als das Buch, jedem Kttnstler, jedem Handwerker, jedem Lehrer,
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jedem Vater, Jeder lIuuHl'ran dieses Buch als ein uneutbehrliches,
als ein Buch, welches alle die Bedingungen ertittllty welche ku einer
gesunden, ihrem BegriiTe entsprechenden, sowohl leiblichen als
geistigen Nahrung erfordert worden.
Zur „Theogoule*^
Ein- II ml Viol^ iHtrroi.
Den Polytheismus aus dem Monotheismus ableiteui ist eben so
viel| als wenn man den Menschen vom Abstrakten zum Konkreten,
von dem Begriffe der Blume zu der Vorstellung der vielen Blumen
kommen lassen wollte. Wenn der Mensch Hein Land fUr die Erde,
seinen Bcrp; i'Wv den einzigen oder hWchstcn Her^, den IJcr^; der
Hrr^T, Hi'iiuMi Fliiss l'llr das l'rvvasHer halten kann, so kann er aiicli
einen (le^enstand der Nafnr, etwa die Sonne, auHscliliesslicii als
das Fact(>tuin der Welt betrachten, so von dem Kindruck <lerscll)eii,
der Macht derselben eingenommen 8ein, dass allen Andere daneben
nichts ist, dass er nur diesem Einen seine Opfer, Gebete und son-
stigen Huldigungen darbringt. Aber dieser Monotheismus fUllt selbst
in das Gebiet des Toi} thelsmus, weil dieser Eine Gott nur Einer
neben anderen ist, dem daher andere Wesen, wenn der Mcnncli
zur Hinsicht kommt, dass auch Hie ein gcwielitigeH Wort mit drein
roden, dass jener lOine nicht Alles thne, sich beigesellen können.
Der eigentliche Monotheismus setzt d(Mi rnlytheismus voran«.
lÜHtoriHeh selbst sehen wir dicMCS an den Uebrücrn, den Cbrlätcn, den
Muhamedanem, welche zuerst . den J'ol^ theiBmuH hatten, und diesem
dann den Monotheismus entgegensetzten. Die Hebräer sind nur dess-
halb so oft vom Monotheismus abgefallen, weil sie ursprünglich
Polytheisten waren, und der Mensch immer zu dem Alten zurück-
kehrt, wenn er zu etwas Anderem, Neuem herangezogen wird.
WHrc dagegen der MonotheiHmus das lirsprtingliehc, so würde der
Mensch vom l'olythcismns in den Monotheismus zurllckgefallen sein;
denn das Recht der Anti(|uität, das Hecht der Krstgehurt geht tihcr
Alles, namentlich iu der alten Welt. Es gibt keine Abfälle, die
nicht RUekrjllle sind — auHscr freilich ip der Theologie, in der
Alles möglich ist, die die Welt auH Nichts macht, und nun nattirlicb
auch einen Abfall aus Nichts zu Nichts. - • Der Mensch iUUt ab
vom Angelernten zum Angebornen, vom Neuen zum Alten. Wenn
der Mensch vom Alten zum Neuen ttbergeht, so goschieht es nur,
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weil jene« sieb abgelebt, weil es keine Maebt mehr Uber den
KeDBchen hat; sein Abfall ist nur Rückkehr zu einer seiner Natur
entsprechenden Vorstellung. Am deutlichsten sehen wir aus der
Polemik der Kirchenväter gegen die Heiden, wie sich der Mono-
tlicisimis mit Noth wendigkeit aus dem Polytheismus ergibt, in Folfj:c
derselljcii ( Jesctze der Logik, mit denen sich aus irgend einer Menge
gleichartiger Individuen der Begriff' der Gattung bildet
Wo der Mensch viele Wünsche hat, nur in der Befriedigung
dieser Vielheit sein Glück tindet, wenn er gleich diese vielen Wlinseho
einem obersten Wunsche unterordnet, da hat er auch viele Götter,
wenn gleich mit einem Oberhaupte. Wo dagegen der Mensch nur
Emen Wunsch hat, und diesem Einen die vielen Wttnsche des
menschlichen Wesens nicht nur unterordnet, sondern auch aufopfert,
da verwirklicht er diesen absolut monarchischen Wunsch auch in
einem absolut monarchischen, monotheistischen Wesen.
„Der Glaube an hfdierc Uber der Natur stehende, oder iu den
KrUlten derselben hausende und sie nach Willkür lenkende Wesen
wurselt in der Tiefe des menschlichen Gemüths."
Ja wohil aber diese höheren, über der Natur stehenden Wesen
sind nur und gar nichts anderes als die Wünsche.
Je grosser die Gefahr, je dringender die Noth, desto stärker,
desto konzentrirter der Wunsch« In der Todesgefahr hat der
Mensch nur noch den einzigen höchsten Wunsch, sein s))litter-
nacktes Leben zu retten, „das reine Sein" der Philosophen. Dens
nudus est, sagt Seneea, ein nacktes AV^esen, bcraiU)t des sinnver-
blcudenden Schmuckes und Embonpoiuts der iiuiteriellen Wesen.
Trotz ihrer Vielgötterei rufen die Chinesen doch in grossen
Gefahren: Lac — Tien-Öche (0 grosser Herr, hilf uns!). Revue
de l'Orient, Ausland, August 1844.
Leibnitz und die WUnsclie.
Was Leibnitz von dem metaphysischen Gott sagt, dass er
gleichsam der Ort der Ideen sei, die Grundlage, das Subjekt, in
dem die metaphysischen Begritfe oder Möglichkeiten, die ausserdem
nur P]inbildungen wären, Existenz haben, realisentur, dasselbe ^ilt
von dem physischen oder lebendigen Gott, dem Gott der mensch-
lichen Wunsche and Begierden. Die Götter sind die Repositorien,
die Sammelorte, die Ruhesitze der menschlichen Wttnsche, die
msserdem von jedem Windhauch des Zufalls verweht, und m alle
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vier Weltgegenden zerstrent, spnrios vereehwinden würden. Die
Zauberin setzt Himmel ond Hölle in Bewegung, greift zu den
schauerlichsten Mitteln der Verzweiflung, nm das treulose Herz
ihreR Geliebten zu durchbohren oder wieder an sich zu fesseln.
Die ThörinI sie will eine Wirkung: ohne die Ursachi', eine Fol^e
ohne ihr I'rinzip, eine Frueht, aber ohne die FruchthUnnie. Wie
^nnz anders niaeht es die Venusglänhi^e, die sich in ihrer Noth
an ein Wesen wemlet, das alle Herzen in Händen bat, alle »Schmerzeu
der Liebe mit Leiebtigkeit heilen kann und vvirklieb heilt , wenn
gie nur will, an ein Wesen , das die „prttstabilirte Harmonie'^ der
Geschlechter in Person, das von Natur schon der erfüllte Wunsch
der Liebe ist, und daher auch jedem Liebeskranken die BrftUInng
seiner Wtlnsche verspricht und verbtirgt.
Dan llerz — ein Polytheitst.
Das menschliche Herz ist ein Polytheist, es hat unendlieh viele
Wtinsehe und folj;lich unendlich viele Götter. Aber wie viele Wlinsebe.
so viele FHicbe; wie viele Gr>ttcr, so viele Tenfel; wie viele \ ivats,
s(» viele, oder eigentlieb noeb mehr Fereats. ,, Diese sollen stehen
auf dem Berge (irisini, zu se}:;iien das Volk. Unil diese sollen
stehen auf dem Berge Ebal zu Iluchen.'' 5. Mose 27, 12. 13.
Der Eid.
Der £id ist eine geistliche Tortur, denn ich will durch
die Furcht vor dem Uebcl, die ich ihm drohe oder anhexe, wenn
er falsch schwört, dem Eidleister eine Wahrheit oder Leistung ab-
zwingen; ich will sein von mir unabhängiges Wissen und Handebi
in den Kreis meines Wissens und Handelns hineinzaubem. Was
die Zauberei, die Maf,ae, der Natur gegenüber, das ist der Eid dem
Menschen gegenUl)C'r. Durch die Zaul)erei macht der Mensch n<»th-
wendige Handlungen oder Wirkungen zu willkfirlichen, freien;
durch den Kid treic Handlungen zu notliwcudigcn. Durch die
Magie will der Mensch die Gesetze, durch den Eid die Freiheit|
die Ungesetzlichkeit der Natur aufheben.
U Ii s t r r Ii I i c h c S <: h a 1 1 0 ii.
Ein Neuseeländer antwortete auf die Frage: wslh er unter einem
Atua verstehe; — einen unsterblichen iSchatten. Ein anderer,
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ein alter Häuptling, stellte einem Missionär gegenüber die originelle,
kttfane Behauptung auf, dass „der Gott des Donners in seiner
Stirn sitze." (Die Neuseeländer. Nach dem Englischen, Leipz. 1833.)
So sind aber die G5tter, weil hier ein Wunsch nach Glttck nur die
unbe^ninzte Furcbt vor Unglück, der wirkliche Wuiiscb mir ein
flik'litiges Tagesj;-escbö])f ist, das Uber den Ocmiss eines Hratens
siidi sell)st vergisst, niclit an die Zukiinl'l denkt und erst wieder
mit dem Nagen des Hungers zum iSelbstbewusstseiD erwacht.
Spiuoza's Liebe zu Gott.
Wenn Spinoza von dem h(»cbsten Wesen seiner Philosophie,
das er niissbräuchlich „Gott^' nennt, sagt, dass der Mensch es liebe,
aber nicht von ihm wieder geliebt werde, so ist diese Liebe ohne
Gegenliebe eine unglfickliche, aber gleichwohl die Unnmgttnglichkeit
und Wahrheit der Selbstliebe darin bestätigt, dass dieses Wesen,
welches in den Augen Anderer ein schaudererregendes Unwesen ist,
in seinen Augen ein liebenswerthes ist, weil ein seinem Verstände
nnd Wesen entsprechendes, Spinoza also in seinem Gotte wenig-
stens sich selbst liebt, wenn er auch nicht von ihm geliebt wird —
ireihch eine trostlose Einseitigkeit, die nicht verfehlen konnte, die
Selbstliebe des Menschen aufs beltigste gegen den spinozistischen
(Witt zu enipiiren. Die YoUkommene, dieeriUUte, glückliche Selbst-
liebe ist die Liebe zu einem Wesen, von dem man wieder geliebt
wird. Will man daher die Selbstliebe verwerfen, so muss man auch
die Gegenliebe und überhaupt die Nächstenliebe verwerfen, und wie
Nero den Menschen sammt und sonders nur einen Kopf wflnsehen,
um mit einem gelungenen Streiche fttr immer der Selbstliebe den
Garaus zu machen.
Platoii und das Christciithum.
Hefar lehrreich ist, wie Plate im 10. Buch der „Gesetze'' ver-
lährt, um gegen die Atheisten und Materialisten seiner Zeit die
Götter zu vertheidigen. Kr zeigt diesen Thilosophen, wenn mau
anders Menschen dieses Gelichters mit dem Xamen Philosophen
lieehren will, die Unwifeisenheit in lietrell" der Seele und ihrer Eigen-
scbafllen. Sie haben nicht eingesehen, dass die Seele ihrem Ur-
sprünge nach eines der ersten Wesen, dass sie vor den Körpern
existirt; wenn aber diese dem Körper vorangeht, muss nicht Alles,
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wa» mit der Seele verwandt ist, frlilier Bciu, als das Krirpcrlicbey
Folglich mnfls die Meinung und die Voraussicht und die Erkenot-
niss und die Kansi and das Gesetz vorher existirt liaben, und die
ersten Operationen und Werke gehören der Kunst Die ProdnktioneD
der Natnr nnd diese selbst sind also s|^ter nnd nntergeordnet der
Knnst und Intelligenz. Der linterHchied zwinchen dem PlatoniftmnH
nnd dem CliriHtentliinn int mir, (Ijish whh dort Sache der Spekii-
liitioii, der AnHeinand('rs(*tznii^, hier Saclie des (ilauhens, d. h.
zweileUoHer, unljedeul^lieher (iewi»Hhcit , da88 wa.s dort genetiseh
der rhil(»H(»ph am Mich und Heiner Seele herau.SKpinnt, daher nur
als Gedanke erscheint, in der Religion nnd Tlicologie nnmittelhar
als ein existirendes, ansgemacfates, absolutes Wesen, welches eben
Gott beissti vorausgesetzt ist; dass das, was bei dem Philosophen,
weil ein im Gegensatz gegen den Materialismus ausgesprochener
(icdanke, als eine bcHtrcit- nnd bezwcif'elbare Meinung erHcheiut,
hier dienen Schein verliert, weil dieser Gegen«atz gar nicht vor
liauden int
^ipirilllalismuK und ^ensuailsmuK. * j
Sytttem der Reehtspjiilofopble ran T^dvig Knapp. £rlaoseJi l%37.
Der ge|;('iiwiirti;;e Streit /winehen (ieni SpiritualisninR nnd Ma-
tcrialiHmUH wird ans einem lalschcii (irsichtspiinkt betrachtet, wenn
man «ie »ich ais al>H(»hite (tcgenHätze vorstellt. Der iMaterialisinuB
ist so alt nnd weit verbreitet, ain die Menschheit, ho einleuchtend,
wie das Licht, so nothwendig, wie Wasser und Hrod, so unentbehr-
lich, so zudringlich nnd unabweisbar, wie die Luft. Oer Spiritua-
lismus ist nichts andres, als der spiritualistische Materialismus.
„Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleuch
ist der Mengchen, ein andere» de« Vichc». Und ch »ind himmÜHche
Kiirj)cr und irdinehe Körper." Aher gleichwohl ist allen Fleiwch,
wenn auch nicht einerlei FleiHch, docli iiimierliiii Meise h, nnd aller
Körjjer, auch der liinindiHche, der (iattiing nach ehen ho f^'ut K'nper,
als der irdische. Nicht ist also aller MaterialiHniUH einerlei Mate-
rialisninH, Hondem ein anderer der, welcher den (U'\Ht oder die
Seele als ein von dem K<)rper ^ versteht sich dem Körper, wie
er auf diesem Standpunkte bekannt ist und vorgestellt wird —
nnterschiedenes, ein anderer der, welcher die Seele als ein mit dem
,<lalirhiioderf% 2. Semester m*i, Nr. 2S, 8. 410 — 412.
*
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Körper identisches Wesen betrachtet; aber gleichwohl ist die Seele,
welche sich im Leben logisch vorn Leibe unterscheidet, um sich im
Tode lörmlich, d. i. leiblich von ihm zu trennen und in himmlische
^ Kcgionen emporzuschwingen, auch ein materialistisches, nur phan-
^ tastisch materialistisches Wesen. Selbst der philosophische Geist
der Modernen, wie der Geist des Cartesius, welcher sein Wesen
nur iu's Denken setzt, ist ein solches phantastisch und versteckt
materielles Wesen, da er, obzwar ein dem Gedanken nach vom
Leibe unterschiedenes und unabhängiges, doch zugleich der Erfah-
rung nach ein „mit dem Leibe innig verbundenes, ja gleichsam
vermischtes" Wesen ist; denn wer kann mit dem Leibe verbinden,
was nicht leiblichen oder doch „gleichsam" leiblichen Wesens ist;
wer in Zusammenhang bringen, was niclit an und für sich seiner
Natur nach zusammengehört; wer Ungereimtes zusammenreimen,
wenn nicht anders die Verbindung von Leib und Seele, Körper
und G^ist ein Ausdruck der reinsten Verrlicktlieit, Ja Tollheit sein
soll? Der gegenwärtige Kampf zwischen Spiritualismus und Mate-
rialismus ist daher nur der Kampf zwischen dem alten und neuen,
d. h. dem himmlischen und dem irdischen, dem phantastischen und
dem realistischen, dem gemtithlichen und dem gesetzlichen, dem
willktirlichen und dem konsequenten, dem versteckten und dem
offenen, dem unwissenden und dem bewussten, wissenschaftlichen
Materialismus. Es ist hier nicht der Ort, diese paradoxe Behaup-
tung allseitig durchzuführen; es werde daher nur ein flüchtiger
Blick In das Gebiet geworfen, dem die vorstehende Schrift angehört.
Der Verfasser derselben gründet das Recht, und zwar in allem
Ernste und mit schonungsloser Strenge, auf „den naturwissen-
schaftlichen Materialismus".
Das Recht, das heilige, hochgeborne, allerdurchlauchtigste Recht
auf de» pöbelhaften Materialismus gründen — welche Verrücktheit
und zugleich welche Frivolität! 0 ihr Herren und Damen von
Gottes Gnaden, ihr geistliche und weltliche Herren sammt und
sonders, ja selbst auch ihr Handels-, Bürger- und Bauersleute —
denn auch ihr habt ja einige, wenn auch nicht wohlgcborne, doch
wohlerworbene Rechte — seht, wie hier eure Rechte in den Koth
getreten werden; aber seht: das ist das saubere Resultat, das die
reifste, aber gottlob auch letzte Frucht des modernen Materialismus,
denn jetzt hat er den äussersten Grad des Frevels und Unsinns
erreicht. Djss er uns Gott und unsere unsterbliche Seele nimmt,
das kann man sich wohl noch gefallen lassen; ohne Gott
UtAb, Feuerba<-h!* Briofwüchaul u. Narlilass. U. 7
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und Seele kann man in diesem zeitlichen Leben anskonimen; wir
bran«hen sie ja so nur als Bürgschaft ilUr ein zukünftiges Leben.
Ueberdies sind beide nngewiss, wenigstens bestreitbar; aber wer
nns nnser einzig Gewisses und Unbestreitbares, unser Jus certmn
iiimint, unser allertlicuerHtes, herzallerliebstes Hecht an die profane
Materie oiitiiiisscit , der ninnnt uns unsere Kxisten/ nelbst F(»ri
also mit dem Frevler au den Galgou oder doch wcuighlcub an den
l*ranj;'er!
Mit H<dcliein Zctcr-Mordio-GcHchrci vcrkUndelc ein Artikel der
löblichen Au;;sl)Urgcr All-crneinen Zeitung die Erscheinung dieser
Schrift und zeigte zugleich als Corpus delicti zur Rechtfertigung
dieses Geschreis ein Paar aus der Mitte herausgerissene, krass-
klingende Stellen dem entsetzten Publikum vor. Die Hauptstelle
war diese: „Die sitttieh zwingenden Affekte bilden das Gewissen,
die Hittlicli zwingenden Handlungen Idlden den KeelilKzwauf^, der,
j;attunirsiiiässif^ j^e;;liedert, als St;iaf Sf;-e\valt i'rsclieinl. Anstatt nls«
das («ewissen als unsirlithares Kloiil^espenst, und den Staat unter
irgend einem Ideale anzuseliauen wie üiü sich von dem Hieneu-
korb Iiis zu dem (iottesreieh stulen f)der, anmasslich nichts*
sagend, ihn mit der naturwissenschaftlich als Erkiärungsgrund längst
abgelegten Redensart des Organismus abzutbun/ fassen wir beide
Begriflfe an den wirkenden leiblichen Gebilden ihrer konkreten
Träger und Produzenten an und suchen das Gewissen unter den
Leistungen der unbewussten und den Staat unter denen der be
wussten Muskelerregungeii auf. .la, da es uns erlaubt, sein muss,
einen spii ilualistiHt'li jdianlasliseb so vielbeleekliii (ie^^enstand not
den sehrotlsten Ausdrücken der sinnlichen Krkenntniss zu Uber-
Stacheln, HO dUrlen wir sagen, dass die glatteu, blassen, weichen,
ntis strukturlosen Fasern zusammengesetzten und die das Ilerz bil-
denden Muskeln des vegetativen Systems, indem sie vorherrschend
den Affekten dienen (S. 42), vorherrschend die Moral, — und dass
die quergestreiilen, rothen, in PrimitivbUndel gefaserten Muskeln
des animalen Systems, indem nur sie die Handlungen verniittclD
und auch, im (JegenHatz der ersten, :ilkiii /u (Jericlitslolge, Land-
sturm u. dgl. verknüpt bar sind, das llvchl V(dlzieben/' (S. l^JJ.)
Welch' ein (juerköpliger rotlier Materialismus? Wer hat je so waü
gehört oder gelesen V Was bedarl es mehr als diese eine btelle,
um den Schult <dine VV^eitere» dein Henker zu (IhcrgehenV
Gleichwohl hat schon im siebenzebnten Jahrhundert — habt
Respekt! — ein Comes palat. eaes. und Professor primarius et
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Ordinarius, Herr S. Strykins eine latetnisehe Schrift von dem
Rechte der Sinne, de jure sensuum geschrieben, worin er Alles,
was sich im Kriminal- und Zivilrecht über die Sinne zerstreut und
gelegentlich vortindet, zusammenstellt und erläutert, zuerst die jtiri-
stisehe Bedeutung der Sinne im All^-emeincn besprichtj hier die Noth-
wendigkeit der sinnlichen Erkeuntniss, die necessitateni
Seientiae Sensualis besonders für den Richter hervorhebt, dann
die Rechte der einzelnen Sinne, des Auges, des Gehörs, des Getastes,
des Grescbmaclcs, des Geruchs abbandelt. Was bedeutet aber das
,,Recht der Sinne^', der „leiblichen Sinae'^, wie es in einer Kotariats-
Verordnung des Kaisers Maximilian heisst, anders, als die Sinn-
lichkeit und Leiblichkeit des Rechtes? Wenn z.B. der Gesclimack
und Geruch vor Gericht die Aechthcit oder Unin htheit, die Iden-
tität oder Verschiedenheit eines Weines, eines l»Jilsnms oder sonst
eine« kostbaren StotVes bezeuj^-en und so den Streit zwischen Mein
nnd Dein entscheiden, was sagen sie anders aus, als dass es nicht
nur überhaupt dingliche, sondern selbst auch sclnncck- und riech-
bare Rechte gibt? Ist aber nicht damit zugleich ausgesprochen
und juristisch bewiesen, dass das Subjekt des Rechtis, das berech-
tigte Wesen zwar allerdings ein wollendes nnd inrissendesy aber
wesentlich zugleich auch fUhlendes, sehendes, schmeckendes, kurz
sinnliches, leibliches, materielles Wesen ist?
„Ich will, also habe ich'^, Volo er^o habeo (Gundling, von
Krlang. des Eigenth. ohne Bcrlüirung und kruj). Bewahr.); aber ich
habe nur, weil dieser mein Wille schon das antizipirte Ilaben ist,
weil ich mit dem Willen, in Gedanken schon voraus in Händen
habe, was ich nachher wirklich, leiblich in Händen habe oder haben
kann. Wo kein körperliches haben Können, ist auch kein reebt-
liehes haben Wollen, sonst könnte ich auch das Eigentliumsreeht
von Sonne, Mond und Sternen beanspruchen. „Was an körper-
liebem Besitz abgeht, ergilnzt der Wille, die Absicht, der Geist'',
aber nur weil umgekehrt, was dem gewollten oder geistigen Besitz
mangelt, der körperliche ergänzt. So ergänzt auch der Galgen in
der Vorstellung, was demselben in der Wirklichkeit Ichlt — näm-
lich das Dasein an Jedem Orte; aber dennocli vertritt dieser ideale
Galgen nur die Stelle des materiellen; ausserdem wäre es wider-
sinnig und widerreehtlicb, den Dieb anders als in der blossen Furcht
und Idee des Galgens zu erhftngen. Kurz, das blosse Wollen nnd
Denken reicht nicht hin zur Begründung des Rechts, auch nicht
des Kigcnthnmsrechtes oder Besitzes. Animo et oorpore possessio
7*
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ac^ointar, heisst es nach dem Römischen Recht im Rechte der
Sinne (de effecta tactns in eiiii.). Und im Natorrechle heiast ea
schon seit Christ Thomasias, dem jflngern Zeitgenossen and Geistea-
verwandten vom Verfasser des Sinnenrechts, wenn aneh nicht mit
derselben Bestimmtheit ausgesprochen, wie bei Kant: ,,da8 Reeht
ist mit der Belugniss zu zwingen verbunden". Dieser Satz sagt
aber nichts anderes aus als: das Recht ist nicht nur mit dem Wollen
und der Intelligenz, sondern auch mit dem Corjnis, mit dem Leibe
in nothvvendiger und wesentlicher Verbindung zu denken; das Hecht
ist das Beeht| nicht durch Worte und Grflnde, durch Beweise von
Intelligenz nnd gutem Willen, sondern durch physische Gewalt sieh
geltend zn machen, d. h. das Zwangsrecht ist der liandgreifliehe
Beweis von der groben MaterialitSU nnd Körperiichkeit des Rechts;
Zwangsrecht ist Fanstrecht — nur mit dem Unterschied von
dem gewöhnlich so genannten geschichtlichen Faustreeht,*} dass
hier die Faust das Hecht, dort aber das Recht die Faust macht
Was ist aber die Faust, womit der Mensch seine Zwangsrechte
geltend macht, selbst das Jus gladii, das Recht über Leben und
Tod handhabt, olme Muskeln? Worin besteht also das Verbrechen
UDsers Yert'assers ? Kur darin, dass er an die Stelle der populären
Faust den anatomischen Muskel, d. h. an die Stelle des popnlftren
nnd empirischen Materialismus des positiven Rechts den nnpopn-
lären, naturwissenschaftlidien, an die Stelle des im Begriffe des
Zwangsrechts versteckten, heimtückischen Materialismus des Katar-
rechts den bewussten freimlithigen Materialismus geset/-t hat. Wenn
man freilich die angeführte Stelle so für sich liest, wie sie der
löbliche Rezensent pertider Weise hingestellt, losgerissen von
den vorausgegangenen, höchst beaehtungswerthen physiologisch-
psychologischen Erörterungen des V^erfassers, wo es z. B. von der
Muskelthätigkeit heisst: „jede geistige Mittheilnng und Bethätignng
ist, in der bewussten, wie unbewussten Form, an die Muskelfaser
geknttpil, ohne deren Zusammenziehung es keinen Blick der Liebe,
kein Bmdenvort der Freundschaft, kein Werk der Kunst und der
Wissenschaft gibt'' (S. 63), so erscheint diese unmittelbare Verbin-
dung des Gewissens und des Keehts mit dem Muskel als der Aus-
druck eines krassen, ja fast verrückten Materialismus. So erschien
sie auch mir, dem Schreiber dieses, und da der Mensch immer
gleich vom Kinzeiucn auf das Allgemeine, vom Theil auf das Ganze
*) S. ÄDsebn v. Peaerliadi ,,BeTisioa** etc. IL III.
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-- 101
schlicsst, 80 vcrurtheiltc ich kurzweg auf den Eindruck dieser Stelle
hin die Schrift, ohne sie noch «n Gesichte bekommen zu haben.
Als ioh aber zufälliger Weise gerade einige Tage nach jenem Zeter-
Mordio-Gesehrei die Schrift \on meinem Buchhändler zhgeschickt
erhalten hatte, und nun nicht nur die einzelne losgerissene Stelle/
sondern dss Ganze von Anfang an durchlas, wie bat ich noch
während des Lesens den Verfasser um Verzeihung wegen des Un-
rechts, das ich in meinem Geiste ihm aiifj^ethan hatte! Wie war
ich erstaunt tiber die Besonnenheit, die Gründlichkeit, die Scliärfe,
die Originalität, den leider nur in einer zu abstrakten und schwcr-
Terständ lieben Sprache niedergelegten Gedanken- und Bilderrcich-
thum des Verfassers; aber auch wie erstaunt Aber das Elend des
deutschen Spiritualismus, welcher bedeutungsvolle Worte dadurch
zu widerlegen glaubt, dass er sie entweder ignorirt oder bei dem
allgemeinen Publikum verQchreit
Dr. Frledrieh Wilhelm Heidenreieh,
praktischer Arzt, gcboicu 179S, gestorben fi. Dezember 1857 zu Ansbach.*)
Obwohl die . heilige Schritt mit klaren Worten sagt: „der
Arbeiter ist seines Lohnes werth", so steht doch die Praxis unserer,
der Theorie nach so exakt christlichen Staaten oft genug im
sebreiendsten Widerspruch mit diesem Bibelspruch — freilich wohl
nur aus dem orthodoxen Grunde, weil dieser Ausspruch, wie die
inspirationsgläubigen Theologen selbst ausdrücklich bemerken, nicht
dem heiligen Geiste, sondern nur dem gesunden d. h. gemeinen
Menschenverstand seinen Ursprung verdankt, der christliche Staat
aber dem kommnnen Rechtsbewusstsein widersprecben, das Credo
qoia absurdum in ein VoIq quia absurdum verwandeln muss. Was
aber der Staat dem Menschen versagt, das gewähre ihm die Wissen-
scbaft, die freie selbständige Wissenschaft, und kann sie auch
nicht mehr dem Lebenden den Lohn geben, dessen er werth, so
gebe sie wenigstens dem Todten die ihm gebührende Ehre. Möge
es daher „das Jahrhundert'' einem seiner Leser verstatten, in seinen
Räumen den Manen eines solchen unbelohnten, obgleich rastlosen
Arbeiters im Dienste der leidenden Menschheit und Wissenschaft
ein kleines Denkmal zu setzen — ein Denkmal, das zwar der
Ausdruck inniger Freundschaft ist, aber einer Freundschaft, die
«) ^ahilNiiiderr* 1858, Nr. 27, S. 421—425.
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102
weiss, (lass sie den Freund nur ehrt, wenn sie ihn in seineiu
Geiste und Sinne ehrt und daher von allem l)los Persrniliehen ah-
sicbt, nur hervorhebt, was vom Freunde nicht dem Freunde allein,
sundein der Menschheit Uberhau[)t angehört. Zwar bedarf derselbe
keines Deukmals von fremder Hand, deon er hat sich selbst genüg
Denkmale in seinen Schrii'ten gesetzt Aber da die Aufgabe seines
Lebens, die Ueilkonst, auch die wesentliche Aufgabe seiner sehriA-
stellerisehen Thätigkeit war, da er bei aller Vielseitigkeit seines
Wesens und Wissens Alles, was er schrieb nnd trieb, anf die
Medizin als seinen Endzweck bezog, so ist sein Name nur dem
ärztlichen rublikiini ehrenvoll bekannt. L'nd doch verdient Heiden-
reich jedem Ficunde der Naturwissenschart bekannt zu werden;
denn so sehr er nur lür seinen ärztlichen Beruf lebte und dachte,
SO seht er Arzt mit Leib und Öeele war, gebomer, nicht nur ge-
machter Arzt, Arzt nicht nur von Kopf, sondern auch von Herzen,
ans nnd mit inniger Theilnahme an der leidenden Menschheit; so
war doch seine medizinische Richtung selbst eine universelle, und
zwar nicht insofern, als sich sein Wissen, wenn auch nicht, was
sich von selbst versteht, seine technische Fertigkeit Uber alle Zweige
der Medizin erstreckte, sondern desswe-^cn, weil die Vereinigung
der Physik und Medizin, die Ijcziehung und Anwendung; der all-
gemeinen Nalurlehre auf die lleilkunst, mit einem AN'urte: die
medizinische oder therape utische i*bysik — eine neue, noch
im Werden begriifene Wissenscbat't — der wesentliche und charak-
teristische Gegenstand seines Geistes war.
„Längst, sagt Heidenreich (Elem. d. therap. Phys. S. 6.), kennt
man den Druck der Luft, die Temperatur und FenchtigkeitssSttigung
der Atmosphäre, man berechnet die Erzeugung and Konsumtion
von Sauerstoffgas in einer gegc])enen Gegend, man kennt die
gcognostische Formaiion, Elevation u. s. w., lauter Dinjrc, die ii herall
und zu jeder Zeit uns umgehen und wie wenig sind solche \'erlialt-
nisse, die Klemente unsers Lel>ei»s, unser pahulum vitae ( Lchensfutter)
zur und l'lir die Therapie benutzt.' Wie viel Hesse sicii durch Hegu-
lirung der Temperatur der uus zunächst umgebenden Atmosphäre,
durch \'crmehrung, Verminderung des T.nftdrucks, durch Hersteilung
oder Ableitung der Elektrizität, durch künstliches Klima für unsere
Kranken leisten, und wie wenig ist geleistet und geschehen, so dass
wir kaum budimentc, Versuche, Andeutungen kennen! Dennoch
scheint die Zeit gekommen, dass die physikalischen Momente,
welche die erste llulitc dos Jahrhunderts ^elunden und entwickelt
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- ~ 103
bftly om (IcMHcii Mitte und in der zweiten Hälfte naeh und nach
za tberapentbcher HedetttaDg and Wirksamkeit gelangen. Es wird
die Zeit nicht mehr ferne liegen, in welcher eine sieh seihst be-
wmte pli>8ikalisehe Therapie eine grosse Rolle in der Heilknnst
flhemebmen wird. . . Dazu beizntraf^cn, dieses Hewnsstsein zn er-
wecken, die Xoth wcndi^koit ein er pli ysikaliHclicn Therapie
*Iar/ntfnin und ihre M «i ^ 1 i c h k i t aus den vo r h Ji iid e ii e n
I» II d i III (• Ii t c II / II h(i w (■ i H (' II , ist die Anfgahc * .seines Lehens und
OenkenH, die Aulgabü seiner interessantesten and bedeutungsvollsten
•Sebril'ten gewesen. Diese sind seine K 1 c m e n t c e i n e r m e d i z i -
nitchen Physik. Erste« Heft Das Leben der unorganischen
Nator'', Leipzig; 0. Wigand, 1843; ferner: ,,die physiologisehe
Indoktion, ein Beitrag zur medizinischen nnd Nerven-Physik'', Ans-
bach, Gomtni, 1846; endlich die soeben an^^eftthrten Elemente
der T he r;i]) e u t i HC h e II l'hysik'*, Leipzi^,^, 0. Wigand, —
die Krone seiner Seliriiten, ebenso lebrreieh dem Inhalt, als geist-
reieli der Form nach.
Einheit des MeiiHehen mit der Natur, Einheit der Natur mit
Hieb selbst bei aller Verschieden artigkeit ihrer Wirkungen und
Erscheinungen ^ diese Idee, ,ydie Idee von der Einheit alles
Lebens^' ist es, die Heidenreich beseelte, in seinen medizinischen
ond natarwissensehafUlchen Anschauungen und Bestrebungen leitete
ood bestimmte. Erfilllt von diesem Oedanken, konnte er die bis-
beripifC oder vielmehr damalige, die Njitiir in eine Menge besonderer,
iiocli dazu grosscntlieÜH erdirhfeter Stolle und iüiilte zersplitternde
l'hvsik nicht ohm-. Weiteres zum lösten der Tlierapie verwenden;
er niusste seihst erst in ein therapeutisches, ein kritiselies Vcrhidt-
niss zn ihr treten. Dies gesebiebt in seinen Elementen der niedizi-
nisehen Physik; sie enthalten eine „positive Kritik der bisherigen
Natarwissensehaft^' — eine positive, weil er die Phy«ik nicht nur
„von der sie noch belastenden Menge selbstgesehaiTener, hypoihe-
taseber .StolTe nnd Kräfte zu befreien", sondern zugleich auch, voll-
ständig mäehtig des reichen thatsäcbtichen Stoffes , eine wirkliche
Anschauung „von der Natur der Dinge iu ihrer Einheit und Wahr-
heit'' zu g(!hen sueht, Tud er lindct diese Einheit der versehiedencn
Naturerscheinungen oder NaturkrUt'tc , nainentlieh der Elektrizität,
des Magnetismus, der chemischen Verwandtschalt, der Krystallisation,
der hwere selbst, in Licht und Wärme. ,.Fort mit der Attraktion
and Repulsion als eigenen für sich bestehenden Kräften! Der
Physiker nimmt nur besondere Kräfte an, wo er sich nicht anders
zu hellen weiss.*' Wärme, als das Alles Ausdehnende, Auflösende,
Schmelzende, VerHUchtijjeude, ist das „generalisirende Prinzip der
Natur", ist Repulsion; sie hält die Atome, wie die Körper ans-
eioander; Lieht ist die Ursache ihres Zusammentretens, Liebt ist
Attraktion, Licht ist „kosmisches Individaalisirangsprinsip''. Aber
Licht und Wärme, jenes die Ursache des Magp^tismos, diese die
Ursache der Elektrizität, sind von einander nnabsonderlieh, weeii
sie gleich nicht immer zng:leich erscheinen; sie verhalten sich za
einander, rufen sich gegensciti«: hervor, wie Aktion und IJeaktion —
Licht ist Keaktion ge^'cn die Wärme, Wärme «regen das Liehr* —
aber beide rcduzirm sith aul' Sclnvinguugen des Aethers und l»e-
stätigen so auf eine ebenso den Kopf erleuchtende, als das Herz
erwärmende Weise die „Idee von der Einheit im Leben der Xatiir**.
Mit demselben Lichte und derselben Wärme, womit der Ver-
fasser der Elemente einer medizinischen Physik die Einheit der
Qnoiig;anischen Natar hervorhebt, erfasst nnd beleuchtet er auch die
erhabendste Idee nnd Ermngenschaft der neuesten Zeit, die Idee
von der Einheit der organischen nnd unorganischen Natur. „Lange
plagto man sich, sairt er z. H. in einem kurzen Vortrag über ,.die
Bedeutung der medizinischen Physik-', Ansb. 1?^4G, und quält sich
zum Theil noch immerfort, die Verhältnisse der Lebenskralt zu ver-
schiedenen dynamischen, chemischen, mechanischen Prozessen des
Organismus aufzusuchen nnd festzustellen, und »sonst verdienstliehe
nnd geistreiche Werke scheitern im eitlen Kampf des Vitalisimia
(d. h. der Lehre von einer besondem Lebenskraift) mit dem Che-
mismus und Mechanismus. Wollte man sieh aber zu' der Ansicht
erheben, dass alles Leben nur ein Einziges, nur Eines sei, nur auf
den verschiedenen Stufen seines Erscheinens einmal ehemisch, ein
andermal mechanisch und noch ein andermal dvnamisch sich otfen-
bare, so \vUr(le es aiulois und hoffentlieh besser stehen um unsere
Physiologie; mau würde erkennen, dass die Digestion ein Akt des
organischen Chemismus, die Bewegung unserer Gelenke, unser
Kauen und Beissen ein Mechanismus, die Perzeption durch die
Sinnesoi^ane eine dynamische Erscheinung sei, man würde ein-
sehen, dass hier eben gerade so und nicht anders das Leben sich
offenbare und sich nicht ferner mit vitalischen Theorien nnd Ver-
mittlungen plagen." Doch „bald wird die Zeit kommen, sagt er
(Thorap. Plivs. 8. \'2), m welcher fast die ganze Physiologie in
einer Physik und Chcniie des organischen Lehens aufgehen und
für das bisher sog. bpezitische oder Vitale nur sehr wenig mehr
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ttbrig bleiben wird, und Pathologie und Therapie nachfolgen mUssen,
80 dasB eine therapeutische Physik und Chemie so ziemlich den
ganzen Heilapparat ausmachen wird." In Folge dieser Ansicht
und Ueberzeiignng bestand denn auch die theoretische oder rein
naturwissenschaftliche Thiltigkeit TIeidenreiehs hauptsächlich darin,
zu beweisen, dass es kein besonderes Le))ens- oder Nervenprinzip
gebe, dass das Wesen der Nerventhütigkeit wie das der sogenannten
Imponderabilien auf Oszillationen, Schwingungen, Wellenbewegun-
gen beruhe, dass Überhaupt in der organischen Natur dieselben
Gesetze wie in der unorganischen gelten und wirken. ^^Das Schwin-
gen einer Glocke erscheint dem Ohr als Ton, dem Auge als Be-
wegung, (tem Gefühl als Erzittern, und gerade so kennen Oszil-
lationen Überhaupt einmal als Licht, Wärme, Magnetismus, Elektri-
zität erscheinen, ein anderes Mal das Wesen der Nervenaktion
ausmachen/' (I)ic j)]iysiol. Indukt. S. 20.) Er bleibt al)cr nicht
bei dieser Identität der Nerventhütigkeit nnt den Schwingungen der
Imponderabilien im Allgemeinen stehen; er sucht zu beweisen, dass
es eben so gut eine Nerveninterferenz gibt^ als eine Interferenz der
Lichtstrahlen, der Schallwellen ; er findet wenigstens ftir die physio- *
logische Thatsache, dass durch heftige mechanische Bewegung oder
durch den blossen Willen ein Schmerz unterdrückt oder doch gemildert|
umgekehrt durch Schmerz krankhaile Beweguni;, also Empfindung
durch Bewegung, Bewegung durch Empfindung aufgehoben wird,
eine gentlgende Erklärung nur in einer „wahren neurologischen
Interferenz/* Ja, er glaubt selbst die von der Elektrizität und
dem Magnetismus geltenden Gesetze der Vertheilung und Induktion
— welches Wort jedoch H. in einem engeren Sinne nimmt, als es
gewöhnlieh genommen wird — auf die Nervenphysik „Ubertragen"
and folglich behaupten zu dttri'en: „es verhalte sich die Wirkung
der Nerven auf Nerven, wie Vertheilung (d. h. wie Erregung der
Blektrizitftt durch Elektrizität, des Magoefismus durch Magnetismus),
die Wirkung der Nerven auf andere Gebilde (vorerst die Muskeln)
und die Rückwirkung anderer Gebilde (namentlich des Bluts) auf
die Nerven, wie Induktion" d. h. wie Erregung des Magnetismus
durch Elektrizität oder der Elektrizität durch Magnetismus. Damit
will er aber keineswegs behaupten, dass die physiologische Induktion
genau auf dieselbe Art und Weise, wie die physikalische geschehe,
denn „die Identität der Gesetze der organischen und unorganischen
Natur ist noch keineswegs eine Identität der Erscheinungen
8. S2, wohl aber, dass sie auf analoge Weise nach dem Gesetze
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der physikalischen Induktion ^escliclic: \]m\ 'von der luduktioQ
in diesQiu, den Unterschied der KrBithcinnngs- oder Wirkuogsweise
nicht ansschliessenden Sinn nimmt er mit Recht keinen Anstand
zn behaupten, dass Bie selbst auch „dir die psychische Sphäre des
Lebens gelte" S. ?8 — ein Sat«, der den Verfasser am Schlüsse
seiner Selirit't über ilie plivsioloi^iselic Induktion aut" das peinlielie
Kapitel von der nienschlieheu Freiheit brinj^l und zu dem el)cn so
wiehti;j:en als riehtii^eu Aussprueh veranlasst, dass sich zwischen
dem 8[)uiitaueu, Willkürlichen und Unwillkürlichen im Menschen
ebensowenig eine Gränze angeben lasse, als zwischen dem Hirn
(dem Organ der spontanen, willkürlichen) und dem Rückenmark
(dem Organ der exzitirten, d. h. nnr auf Reiz erfolgenden Bewe-
gnngen). „Die Rttckenmarksstränge verlaufen im Gehirn» das Ge-
hirn setzt sieh in das Rückenmark fort, eine definitive Gränze
• setzt hier nur die Guillotine oder das Henkerbeil."
Ileidcnreich hat alier diese seine Ansichten und lieweise von
der Einheit des organischen und unorg-auisehen Lebens nicht etwa
nur aul" die licreits vorhandenen, von Anderen gemachten Ent-
deckungen unil Erfahrungen, sondern auch auf eigene, selbständige
Versuche und Beobachtungen gegrlimU t — so denn auch seine
ebenerwähnten Ansichten von der physiologischen Induktion. Wir
sehen jedoch hier von diesen und andern Versuchen ab, beschränken
uns nnr auf ein, aber ihn besonders charakteristrendes, von ihm
selbst oft nnd angelegentlichst besprochenes nnd wiederholtes Ex-
periment. Es bestand dieses darin, dass er, zuerst um zu erfahren,
ob, dann, um zu beweisen, dass, wie die thierisehe oder organische
und nnorganiselie Elektrizität die nändiche, so auch der Magnetismus,
d. h. der mineralische, nicht der sog. thierisehe Magnetismus, der-
selbe im Organischen und Unorganischen sei, dass er also zu
diesem Zwecke mit Drathspiralen , die mit Seide umsponnen nnd
zu Leitern des elektrischen Stroms gemacht waren, seine Finger,
Hände nnd Axm€ magnetisch machte, so dass sie die Pole eines
freihängenden Magnetstabes je nach der eigenen erhaltenen PolaritSt
anzogen oder abstiessen, ja durch Vervielßlltigung dieser Spiralen
seine beiden Arme mit Händen und Fingern „in einen lebendigen,
organischen Hufeisenmagnet verwandelte, so dass die eine
Hand den Nord-, die andere den Südpol anzogt*. Man hat nun
zwar die Uichtigkeit dieses Versuchs und des daraus gezogenen
Schlusses bezweifelt, man hat die Einwirkung auf den Magnetstab
oder die Magnetnadel nnr anf Rechnung der ludnktionsspirale setzen
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wollen; aber llcidcnrcicli war ein viel zu iiuislohtigcr mul viel-
seitiger Beobachter und Experimentator, als dav er die Einwürfe
seiner Gegner niebt selbst schon während seiner Versuche sich
gemacht hätte. £r hat nicht nur den Einfluss der Spirale auf den
Magnet in Anschlag gebracht, sondern aneh den genauesten Mes-
8unji:cii iiuterworfen , aber gerade dadurch gelundcn, daBS dieser
Einlliijss last um das doppelte geringer war, wenn die S[)irale
allein lur sieh dem Magnete geniihert wurde, als wenn der Finger
oder die Hand in ihr stak, diese Glieder also nothw^endig sell>st
magnetiseh sein mussten. Man sehe hierüber seine Physiol. Indukt.
8. 12 und Therap. Phys. 8. 120. So lange man daher keine
neuen stichhaltigeren Einwendungen vorzubringen weiss, so lange
wollen wir uns nicht durch gelehrten Dtlnkel und Neid abhalten
lassen, Heidenreich die Ehre der Entdeckung des Induktions-Mag-
netismus am mengchlichen Körper zuzuschreiben. Er hat um so
mehr Ansprüche auf diese Entdeekung, Je mehr er von Natur und
Charakter zu derselben l)oruten und bet'Uliigt war; denn wer sollte
mehr berufen sein, den Magnetismus dem Menschen zu induziren,
als wer selbst dureh eine besondere Inklination zum Magnetismus
sieh hingezogen itiblt'? Wer befiüiigter sein, die physische Identität
des unorganischen und organischen, also auch menschlichen Mag-
netismus zu erkennen, als wer im Magnetismus selbst das Urbild
seines moralischen Wesens erblickt? „Der Magnetismus'', sagt
Heidenreich, „wird jedesmal kurz abgethan, nicht aus Mangel
innerer, tiefer Bedeutung''; „da er aber in seiner Kuhe und Be-
harrlichkeit, in seiner stillen Wirkung, z. B. der l'.rdniagnetisinus,
nieht mit Blitz und Donner dreinschlägt , wie die Elektrizität,
höchstens in stillen Häehten mit strahlendem Licht erglänzt, so
mag es ihm leicht ergehen, wie manchem ausgezeiehneten Manne,
der, seiner inneren Bedeutung sich bewusst, nieht viel Wesens von
sieh machen mag — dass er Ubersehen wird.'' (Therap. Phys. S. 94.)
In diesem Schicksal und Wesen des Magnetismus hat er sein
eigenes Schicksal und Wesen gezeichnet. Er machte so wenig
Wesens von sich, trug so wenig seinen inneren Werth und Gehalt
zur Schau, war stets so sehr versunken in die Gegenstände seiner
Beschältigung, dass es kein AV'under ist, wenn ein solcher Mann,
der Überdies auch darin dem Magneten glich, dass er nicht den
Mantel nach dem Winde hing, sondern stets in derseli)en Biehtung
heharrtc, koerzitiv, stahlfest in seiner Oesinnung, freidcnkeud in
Keligiou und Politik, rücksichtslos im Ausdruck seiner Ueberzeugung
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war, wie sein Scbriitcben Uber das Piiozip der Medizinal -Reform
1850 beweist, trotz seiner vielen Verdienste, trotz seiner interessanten
Versnche nnd Erfindungen, so z. B. seines elektromagnetisehen
Apparates mit gleichlanfenden InduktionsstrOmen zweiter Ordnung,
trotz seiner medizinischen Leistungen im Leben und in der Lite-
nitur, trotz seiner zuerst unti'nKjinnienen luid wolilgelungcncn clii-
rurgiselicn Operationen, wie z. B. der 8u])kutanen Blepharotonnc,
trotz selbst seiner persönlichen Opl'cr für das ötfentlicbc Wohl,
— beim ersten und zweiten Ansbrucb der Cholera in Bayern —
ebensowohl vom Staate, als von nnscrn Akademien nnd Universi-
täten flbersehen worden ist Sehmerzlich war ihm dieses Sohieksal,
aber nicht ans gekränktem Ehrgeiz, sondern nnr ans dem natnr-
wissenschaftlichen Gmnde, weil es ihn in der Befriedigung seines
rastlosen Erfindungstriebs hemmte, bei seinen Versuchen und Ex-
perimenten lediglich auf seine eigenen Mittel und Kräfte beschränkte.
Beklagte er doch auf seinem Stcr])cbcttc selbst seinen frühzeitigen
Tod hauptsächlich nur desswegcn, weil er ihm nicht verstatte, seine
Beschreibung eines neuen, von ibmausgedaehten elektromagnetischen
Wasserzersetzungs- Apparates zu vollenden. So vollkommen eins
war in der Person dieses Mannes der Mensch nnd der medizinische
• Physiker, dass er noch mit seinem letzten Schmerze nnd. Hauche
die Idee von der Einheit des unorganischen nnd organischen Lebens
bestätigte! *
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f
V. Periode.
Von 1860 — 1872.
Die Leiden szeit. Sittliche Probleme, MoralphiloBopbie. '
„Gottheit, Freiheit, Unsterblichkeit". Das Fragment —
Krankheit nnd Tod.
Von der Periode des Leidens zu reden, ist nur noch Pflicht,
traurige Pflicht Der Rechenberg mit all isetnen lokalen nnd Öko-
nomischen Fatalitäten war fUr Feuerbach ein wahrer Kalvarienberg.
An das Marterliolz geschlagen , vollendete er das Werk seines
Lebens — mit etliehen Kartonzeiehnungen und Federrissen.
„leh komme mir vor wie eine Blume ohne Hlumeutopt', wie
ein Fiuss ohne Bett, wie ein Bild ohne Rahmen/'*)
Als er Bruckberg verlassen hatte, kaufte die bayrische Re-
gierang das Schloss nnd richtete dann eine Anstalt ilUr jugendliche
Verbrecher nnd Taugenichtse ein. Inspektor dieser Anstalt wurde
em pietistischer Geistlicher.
,,^)Der Geist Gottes schwebt nicht Uber Bruckberg; aber den
leugnet ja Feuerbach"", „Jawohl, der Geist des Geldgottes, der die
jetzige Welt regiert, der schwebt nicht Uber Bruckberg. Oder ja,
der Geist des Herrn schwebt Uber Bruckberg, der Geist Gottes, der
die Pi'aifen mästet, die Kepler aber verhungern lässt, der die Pctcrs-
pfenoige den Armen aus dem Beutel nimmt, und den Denker selbst
bis in seine Einsamkeit verlblgt Dieser Geist Gottes hat die Räume,
die einat die grOssten Menschengeister mit ihren Gedanken erftillten,
Ml Aufenthalt von Ratten nnd Mäusen gemacht , derselbe Geist^
der einst anch die griechischen Tempel serstOrte."*)
Sein Zimmer auf dem Boden, das ihm die meiste Ruhe ge-
währte und bei mildem Wetter ganz freundlich war, wurde im
*) Hadigalaasene Aphoriamoii.
110
strengen Winter furchtbar kalt. Morgens zeigte das Thermometer
oft 5 — 6^ unter Null, das Trinkwasser war dick {rcfroren. Vc^
gcbens bestand Dr. liaicrlacher , der Arzt, auf einem IJmzn^e in
die Stadt. Bis zum Mittagessen l)lieb F. in diesem liolien Ei.^keller;
dann kam er gauz erstarrt hiuab und verliess das Wohnzimmer
nicht wieder.
Auch der Mangel meldete sich am Thore. Fixes kam ausser
der kleinen bayrischen Pension vom Vater her nicht ein. Zu ge-
legentlichen oder gar za Zeitungsarbeiten war der ganz in sich
konzentrirte Denker nicht za bewegen — es bleibt noch die Frage,
ob ihm solche Arbeiten je gcgi tickt wären. Besorgte Frennde
ßpraehen von der Schillerstiftunp^, und mit Recht: Schiller war eben
80 i;ut Pliilosoj)b als Diclitor. Fcuerl)ach wollte von keiner Unter-
stiit/Jing bi>ren. Dennoch kam die Saclic zu Stande; unter dem
12. Okt. l!Sii2 erhielt F. ein Schreiben vom Vorort Weimar, in
welchem ihm ein Ehrengeschenk von DOO Thlr., verthcilt auf drei
Jahre, dargeboten wurde.*) Unter dem 11. März kündigte ihm
ein anonymer Verehrer auf die nächsten 6 Jahre ein Jahrgebait
von 300 fl. an. Der gebührende Lohn soll diesem Manne zn Theil
werden — er bleibe unbekannt
Sobald P. das Nothdtlrftige bestreiten konnte, wies er alles
Weitere zurttck, das freilich mitunter der aubtrindigen Attitüde er-
mangelte.
Im .Jahre iNiii erhielt er auf seinen <»0. Geburtstag liel)evolle
Angebinde von Berlin: einen silbernen Tokal von russischen Ver-
ehrern, eine silberne Schale von deutschen. Angeregt durch diese
Beweise von Sympathie, begab sich F. auf kurze Zeit nach Berlüi,
wo er freundlichst empfangen wurde.
Die Beschäftigni^ mit der Natnrwissenschailt wurde anch auf
dem Rechenberge fortgesetzt, ja der Drang zn ihr ftihrte 1865 zur
Anschaffung eines Mikroskops, dessen Handhabung jedoch wohl
nicht den ersten Kraiikheitsanlall überlebte. Damals las er, wie
seine ül)crhaupt zahllosen Exzerpte bezeugen, K. Vogt 's „Physio-
logische Briefe'' und „Geologie", studirte eifrii::8t Humboldts
„Kosmos^', yydas Alter des Menschengeschlechts" von Cb. Lyell
*) Dil- SchilliT- Pension wurde sjjiit.'r :uif wi itcr«' drei Jalir«; prolongirt, uml im
llcil>-t nahm der Vorort Wii-n k<'hien Anstand, sie abitrnials zn errK iii ni. So
iu«ld«t(; di;r (jcncralscko-tär T. Ivilrnlierg^cr in einem eharmanten Hricie vom
Ui. Nov. IMiH. Auch im Spatjahr 1S71, zur Zeit der höchsten Nutl», erfüllte die
Stiftung ihre Ehrcnpllicht weiter. •
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- III
nod DftrwiD's Eototebnng der Arten". £r ist daher nocb bis
SIT neuesten Natoransebaunng mtt fortgcsefaritten. Von der poM-
Illeben Tagc»1iteratar der Franzosen interessirte ibn besonders
Proiidhon „Von der Gerechtigkeit". Daneben gingen Voltaire
iiitd IIoiiHH(;;ni lifr.
in dciiiHcIlK ii .J;ilir<' linicbtc ihn cIfj Hricf und WiiriHch Vnc.dr.
Kapp'H XU Heiner „erster» I.iebc" zurliek. Kapp wHn.sehte nanilich
im Interesse Heiner dcutMch arnerikanischen Stndicn Uber dan VVcHen
der Herr nhnierei aufgeklärt %ii »ein, und Fcucrhach enbtpracb
diesem Verlangen in einer kleinen Monographie , die vir znm
emteo Male dem Dmek übergeben. Der klassisebe Forsebongsgeisi
ood die drastiseh iisyelndo^iHcbe Art, wie wir sie an» dem Wesen
des Glanbens im Hinnc Luthers" kennen, treten hier, 21 Jahre
ÄpUter, wieder hervf*r.
Nicijt nur in d<T Tlieorie, auch zur pcr-rmliclien Krqiiicknn^^
aod Stärkung, U'icM. er «ich HehnsnelitHvr»!! an Heine Freiin<iin, die
Natur. Den »Steinhammer in der iiand, seinen I>rndcr Fritz,
meist aber seine Tochter I^conore zur Seite, wanderte er zum
„Morizberg'S auf das Gebirge jenseits Hersbmek, in die Höhlen
der „fiHnkisehen Hebwds". Zn kleineren Aasfltlgen dienten ihm
die ,,Alte Veste" bei Fürth oder ^yPlattnera-Seblössehen"; ofl aoeh
be^oiUf^ er mch damit, »ein Abendmahl im FrOhlingggarten "
'Hier im ,,<^)rauf n K;iUt'' vm Nlirnberf^ einzunebinen.
(/leif-bzeifig ui'\\ dem KfHebeine.n (b;H lef/tf;n Werken: ,,C/f)ttbeit,
Freiheit, l iiHterbliebkeit" (IHiU't) ari^rW)' fiedirnkliclieH ( 'nwoblnein den
stets OcHunden: gänzliehü Appetitionigkeit, die im »Ubjahr lH(j7
in 8cbwindei| üebelkeit and Ki l^rechen anHartete I)er Arzt befahl^
dis Bett streng %n httten. Allerdings erholte sieh der Patient, aber
mir, nm eUiehe Woehen später einen gelinden Hehlaganfall zn er-
leiden. Die Spraehorgane nnd die eine llitlfte des Gesichts erfahren
dne kleine Lähmung.
Die herrliehe Luft des obeWiMterreiehischen Oebir^^en, welehc
der OencHcnde bei Hein<"m I''reun<le Deubicr zu OolHerri bei l.Hcbl
finHog, Htclltc ilin wi'drr b(;r, l)eubler lieiMHt Hcifdcrn im entern
Zirkel der ^^W underbaucr^^ Dennoch war VorHicbt lortan die Mutter
der fernem Lebensdauer, im Hauchen und iiiertrinken mnsste ge-
kaassert werden; aneh die Aosgiinge des steten Wanderers ver-
karsten sieh notbgedmngen.
1868 aof 69 verfasste F. «eine letzten Kapitel zur Moral-
^bilosophiei die wir weiterhin mittheilen; 1870 erfolgte der »weite.
112
heftigere Scbhi^anfall - die Uhr der produktiven Th'ätigkeit stand
fttr immer still. Das war eio bOser Winter für die Familie, der
Kriegswinter in Frankreich! Dennoch liess F. sich im FrUlyahr
1871 das Gehen nicht gftnzlieh nehmen.
Das Urtbeil Fenerbachs Uber die politischen Ereignisse seiner
letzten Lebensjahre ist niciit leicht zu lixiren. Zu dem prensßisch-
östcrreicliisehcn Kriege von 1H<I<; verhielt er sich aU Süddeutscher
und Demokrat, wie Keine Hriefc und Apliorisnien beweisen; er er-
blickte darin einen ncueo siebenjährigen Krieg, d. i. einen ItUckfall.
Was den letzten Krieg gegen Frankreich betrifft > so verhinderte
seine Krankheit jede zosammenhftngende Aeussemng. Als der Her-
ausgeber des „Libero pensiero'', Hr. Luigi Stefanoni, ihn um seine
Ansicht Aber die Lage der Dinge brieflich ersachte, konnte nnr die
Tochter „im Namen des Vaters" antworten. Diesen Brief tbeilen
wir aus der genannten italienisclien Zeitsciirilt mit. Hier gewinnt
es den Anschein, als ob F. Ins zum Tage von Sedan Tatriot
gewesen wäre, alles Weitere aber vom humanitären (lcsichtsj)unkt
aus beanstandet hätte. Wenn dem so. ist, so kann mau in seinem
Verhalten nur die unerschütterliche Konsequenz seiner Welt-
ansehaanng bis zum letzten Atbemznge anerkennen.
Der letzte, in Absätzen geschriebene , aber doch fertig gewor-
dene Brief Fenerbachs ist vom 26. März 1871, und an Konrad
Denbler gerichtet. Die Handschrift ist vollkommen sehlagflüssig,
die ^^tlge der Feder werden stellenweise gau/, unrein, wie vcrkleckst,
die Zeilen krliinnien sich. Die Anstrengung muss sehr gross ge-
wesen sein. - Kin Briel an lirn. Marcus zu Hamburg aus dem
Sommer 1H71 kam nicht mehr tlber den Antaug hinaus. — Der
letzte Schreibversuch wurde im Monat September gemacht. — Aas
dem Anfang des Jahres 1872 besitzt der Ueransgeber die eigen-
händige Unterschrift Fenerbachs anter seiner Photographie:
,fL. Feaerbach grUssf.
Unter solchen Umständen mochte es einem selbst unbemittelten
Freunde verziehen werden, dass er daran dachte, an die Oeflfent-
licbkeil zu appelliren , um dem Dulder die allerletzten Lebei)sta;:c
erträglicl) zu niaclien, und Weib und Kind von .jeder andern S(n-;:e
ausser der K raukeuptlege zu hei'reien. Leider fiel die Ausführung
dieses Gedankens in angeschickte Hände, deren Elaborat zunächst
Bestürzung Terbreitete. Bald aber sahen die Freunde in Nähe und
Feme klar, und alle empfanden, was Karl Blind an Leonore
Feaerbach schrieb: Es handelt sich hier nicht um Mildthätigkeity
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113
sondern um eine Ehrenschuld der Deutschen; was wir bieten,
ist ein Ehrendank für den grossen Denker deutscher Nation.
Der einzige, noch ins Auge zu fassende Zweck wurde erreicht;
ruhig konnte Feiicrbacli sein Haupt hinlegen. Vom März bis zur Mitte
Juli 1872 verliess er kaum das Lager. Dann erhob er sieli wieder bis
znm 5. Sept. Eine unter andern Verhältnissen leichte Erkältung übte
jetzt eine furchtbare Wirkung: eine Lungenlähmung warf ihn ttir
immer nieder. Am 13. Sept 1672 entschlief Ludwig Feuerbaeh.
Am 15. Sept trug mau die sterblichen Beste aui' den weltbe-
rfihmten Johanniskirchhof zu Nürnberg, zur Ruhestätte Albrecht
Dtirera und Hans Sachsens. Eine ungeheure Menge von Leidtra-
genden von Nah und Fem drängte sich naeh^ man schätzte sie auf
2U,0UU Personen. Das Grab war im Südosten des Friedhoies gegraben.
Es sei uns gestattet aus der Grabrede des Hrn. Karl Scholl,
der zu Feuerbachs letzten und treiicsten Hausfreunden gehörte,
einige markante Stellen mitzutheilen , wäre es auch nur zum
sprechenden Beweise daftir, dass doch endlich ein Todter begraben
werden kann wie er gelebt hat, und dass das gesprochene Weib-
wasser in extremis keine traurige Nothwendigkeit mehr ist
. „Was vor dreiJahrhunderten ein Kopernicns, ein Kepler,
em Galil'ei der Erde gethan, indem sie derselben in ihrem Ver-
bähniss zur Sonne und zu allen tibrigen Gestirnen den ibr ge-
bührenden Platz im Weltall angewiesen, dasselbe hat Ludwig
Feuerbach gethan für den Menschen, für die Menschheit.
Er ist es, dem wir's verdanken, und dem's die Nachwelt noch ganz
Uders danken wird, vor Allen £r, der den Vorhang zerrissen hat,
der uns getrennt und geschieden von unserem eigenen Selbst,
der den Schleier und die Binden weggerissen, die seit Jahrtausenden,
sumal dnrch PrieAterhand, um Augen und Herzen der Menschheit
gelegt waren, und in Folge dessen unser Geschlecht sich eingebildet,
WUT befänden uns auf unserer Erde als einem Ort des Fluchs, einem
Jauimerthal, sich eingebildet, alles Hohe, Schöne, Edle, alles Ewige,
Göttliche sei nur ausser und über uns, nicht in uns selbst zu finden,
sich eingebildet, wir müssen erst sterben, um in den Besitz all
dieser hohen und höchsten Güter zu gelangen, denn da droben
hinter den Sternen, hinter dem Himmelsgewölbe, da wohne der
grosse Gott, und dort nur sei wahres, ewiges Leben, dort im schönen
Jenseits. Dieser Traum der Menschheit ist es^ den Ludwig
Feuerbach, er wenigstens vor Allen, ein für allemal zerstört und
xertrttmmert hat —
OrtB, FcMrbMhs Bii«ftr«ck««l v. KaeUan. IL Ö
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114 —
„Aogesichte der ewigen, unmnstQssliehen Wahrheit, dass die
Welt eine und eine einzige ist, nicht zerspalten in ein Drohen und
Dmnten^ nicht zerrissen in ein Jenseits nnd Diesseits, nicht hier
ein Ort der Verbannung für arme Sünder und droben erst ein
ewiges, herrliches Leben, droben Gott, — Angesichts der nicht
länger zu bestreitenden Tliatsache, dass die Welt ewig und unend-
lich, dass die Welt, wie der fromme iSirach schon sagt, „Er
selber", — dass wir ausser dieser unendlichen Welt, ausser oder
über ihr, uns somit kein anderes Wesen, als Ferson, oder irgendwie
mehr zu denken hereehtigt sind, — dass sie seihst uns erseheint
als das Eine, ewige, ewig schaffende nnd ewig zerstörende Welt-
wesen, >- dass die höchste Offenbarung desselben, der selhsthewnsste
Geist, in uns, in unserem Gewissen, in unserer Vernunft, in der
gesammten Menschheit und unserer Geschichte zur Erscheinung
komme, — Angesichts dieser nicht mehr zu leugnenden Thatsache,
hat Ludwig Feuerbach das grosse und kühne Entdeckerwort
gesprochen, dass folglich es auch eine Täuschung war, wenn sich
die Menschen bis zur Stande eingebildet, die Beligionen sieien
flbemaktttrliche Offei^iarangen; er hat Tiehnehr nachgewiesen, dass
sie alle ohne Unterschied nicht von Aussen, nicht yon'Oben her
in den Menschen hineingekommen, dass sie Tiehnehr der Mensch-
heit eigenstes Werk, ihr eigenstes Fühlen, Sehnen, Hoffen und
Denken, aus ihr selbst heraus entstanden seien.
„So seht denn hin, ihr Frommen, seht hiu auf den grossen,
schrecklichen Atheisten oder Materialisten, wie ihr so gerne und
so selbstzufrieden ihn nennt, — er ist gestorben so friedlich, so
sanft, so ruhig, wie es den Frömmsten unter Euch nicht immer
heschieden ist! Uns, die wir hier an seinem offenen Grahe stehen,
uns ist es Bedflrfniss', die Frage uns zu beantworten: was ist es
gewesen, das ihn zur ErfttUung dieser seiner Lebensaufgabe, die
er f^r die Menschheit vollbracht hat, was ist es gewesen, das ihn
zu dieser Kiesenarbeit und Riesenthat befähigt, welches ist der
innerste Trieb oder Drang seines Weesens, der ihn dazu geführt
hat? Es war seine grosse, seine unverfälschte, seine
unbestechliche Liebe zur Wahrheit, und sie möge es daram
sdn, an die wir vor Allem an seinem Grabe uns erinnern wollen.^' —
Seines Lebens Noth, geht der Gedanke weiter, war ihm der
Spiegel des allgemeinen Leidens, der unyersöhnten Gegensätze des
Dasems.
„Darum hat er von sieh seihst aus fühlen gelernt, was es
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heisBt, sorgen und kämpfen mflssen um's AUernothwendigste, von
sich selbst ans gelernt, die Noth nnd den Jammer nnd das Elend
der vielen, vielen Tausciule Anderer, die in noch drückenderen Ver-
liiiltnissen leben, ganz zu crkcDnen und zu würdigen, und darum
hat er sich vor Jahren schon auf Seite Derer gestellt, weiche es
Mch zur Aulgabe gemacht, durch alle geistigen und materiellen
Mittel es dahin zu bringen, dass der Noth, des Jammers, des Elends
und der Verzweiflung weniger werde auf unserer sonst so schönen
Erde, dass die klaffende Kluft sich sohliesse, welche die Besitzenden
Uennt von den Besitzlosen." —
Lorbeerkränze wurden auf den Sarg gelegt von Dr. Baier-
lacher, Feuerbachs Arzt und Hansfreund, von Hm. Kaufmann
Stiel', Namens des Nürnberger BUigervercins, von Dr. C. Hey er
im Namen des „Freien deutschen Iloclistilts " zu Frankfurt, und
vom Fürsten Khanikol'f, dem innigen Verehrer des Verblichenen,
der das Wesen des Christenthums ins Eussische und ins Italienische
übersetzt hat, im Auftrage italienischer Mitstrebender.
Und der ihm bald nachfolgen sollte, sein Freund Hektor,
Sekretär des Germanisehen Museums, dichtete zum 15. Sept 1872 :
„Schreibend: immer wahr und klar, ,
Spreebend: stets befanj^en , —
Still, wie all' Dein Leben war,
Bist Du liingcgangen, —
..(jlaabcns-, gottlos nennt man Dich,
Zählt Dich zu den Schlecliten,
l'nd CS nennen Christen sich
Diese hOchst — Gerechten.
0 Du ;;lauhtust uur ZU viel,
Gar an Ideale,
Ein erreichbar lif'>chstes Ziel
Schon im Erdcuthalc." —
„Zwar des Streitens mit dem Feind
Warst Du längst schon müde;
Sei denn Deinem Staube, Freund^
Friede, Friede, Friede.*'
lieber dem Grabe hat Hr. y. 0 ramer -Kl et t zu Nürnberg
ein würdiges Denkmal errichtet. Auf dein Unterbau erhebt sich
ein mächtiger Sockel, von Dreiecken gekrönt, und auf diesen wieder
eine Pyramide, Alles aus gelhlit'heni Sandstein. Der Sockel trügt
eine Bronze-Platte mit der Aul'scbritt : ,,L. Feuerbacli, geb. d. 28. July
im in Landshut, gest. d, 13. Sept. Ib7ii in Nürnberg Auf der
KlUkseite ein Lorbeerkranz in Bronze nnd ßeliei". In der iMitte
der Pyramide hebt sieh Fenerbachs Porträt ab, gleipbfalls in Bronze
ond in Relief.
Da rnbt er im GrUnen, das den Unterbau umwächst.
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Briefe.
Friedrich Münch an L. Feocibach.
MarUiasvUle, Missouri, den 30. März 18C0.
Mein werthester FreuDd! . . . Nach meiner Rflckkehr war
das Stadium der ^^Theogonie^ mit das Erste, das ich ▼omabm.
Ich verscblang das Buch, weil ich es wieder und wieder zu lesen
gedenke. Ge^^en solche Rcicseiiheit und solche Logik kann aller-
dings kein Gegner aufkonnnen; ich betrachte die »Sache als auf
dem Felde der Wissenschaft ahgethan — für Alle, die uicht etwa
Ibr Buch ignoriren wollen, oder nicht kennen, oder nicht verstehen.
Ich habe meine Auffassung Ihrer Ideen — indem ich Ihre
mündlichen Aeussernngen, die ich mir alle tief einprägte, zu Hülfe
nahm — in einer Mittheilnng fUr die y^Familienblätter'' (heraus-
gegeben von Dr. Dilthey in Newyork) Teröffentlicht. Dilthey schrieb
mir, dass der Aufsatz mehr als gewöhnliches Interesse erregt habe.
Vor Jahren beschäftigte ich mich viel mit den Ossian'schen Liedern,
die allein von allen poetischen Ergüssen aus der früheren Zeit die
Gottes-ldee gar nicht kennen. Ich liiitte es sehr gerne gesehen,
wenu in der „Theogonie^' von Ihnen und in Ihrer Weise die
poetische Lebensansicht des kaledoniscben Sängers neben die grie-
chische und liehräisch- christliche gestellt worden wäre. ... Ich
wollte, Sie wären ein reicher Hann, oder es würden Ihnen wenig-
stens 2000 fl. jährlicher Einnahme garantirt, und Sie wohnten mir
nahe in der friedlichen Stille unseres Urwaldes, beschäftigt gerade
nach Lust und Neigung, und aus dem Schatten des Urwaldes flögen
noch lange Ihre Geistesblitze in die weite Welt, Ihr äusseres Leben
aber wäre frei, einfach und ohne Sorge.
Den verehrten Ihrigen empfehle ich mich bestens und grüsae
Sie achtungsvoll und freundschaftlich. Friedrich Münch.
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K. Dcdckiiid an L. Fauerbach.
Portei Station, Indiana, den 14. Aog. 1860.
Mein alter Freund! £b ist nicht recht, dasB Du Dich,
krfiftig nnd gesund an K($rper nnd Geist , mnthwillig in einen
Stoieismns hineinstndirst^ der an Härte grilnzt nnd, Deine ^^Stnss'^-
DeHnitioD, die zwar sehr erbaulich und amüsant ist, beweist nur
ebenfalls, dass Dn Dich der Welt allzusehr entfremdet hast. Das
Ganze aber, worüber Du so sehr stöhnst, ist, dass es Dir schwer
fallt, Dich aus Dciuer Bruckberg -Sauce herauszuwickeln. Noch
bist Du kräftig und gesund, und dass die amerikanische gelehrte
Welt noch grosse Dinge mit Dir vor hat, will ich Dir erzählen,
wenn Dir die Märe nicht sehen bekannt sein sollte?! Hier wollen
sie nämlich ein Seminar, vnlgo Schallehrer- Institut, grflnden, in
welcher Stadt ist noch nicht bestimmt Die pädagogisch -ideali-
stischen Leute in der deutseben Presse in Newyork haben sich
als Schöpfer dieser Anstalt aufgeworfen. Dieses Seminar soll
aber die Brücke zu einer grossartigen Weltuniversität bilden — wo
sie die Mittel dazu herbekommen wollen , wissen wohl die Herren
vorläutig selbst noch nicht — ja, wenn eine Soldatenspielerei,
Tanzgelegenheit, Fahnen-Weihen und Bierfreuden damit verknüpft
wären, setzte ich keine Zweifel ins Gedeihen — aber sie?! Doch
dem sei, wie ihm wolle: Rüge in England, der den Plan zu dieser
Weltuniversität entwarf, gedenkt insbesondere Deiner dabei, indem
Dn als Historiograph der Philosophie ganz unbezahlbar (ipsissimis
verbis) dabei seiest. Wo in der Welt, sage mir, kannst Du einen
^olideren „Stuss'' wieder finden, als hier im glücklichen Amerika?!
Nur schade, dass der Kapital-Stuss, woran! das ganze Unternehmen
l'undirt werden soll, so eigentlich noch nicht aufgefunden ist. —
K. H. in Boston, den Du ja auch kennst, nennt Dich in seiner
kleinen Schrift „die Deutschen und Amerikaner'^, Vicarius. (?)
Wahrscheinlich hast Du nach seiner Ansicht den letzten geistigen
Fond noch nicht ganz mit der Materie vertauscht? Der Kerl
ist konsequent — dabei ein Weiber -EmanzipaHons- Narr und ein
im hohen Grade arroganter Flegel; ob Letzterer zur Gelehrsamkeit
L'chört, weiss ich nicht. Als Geissei für unsere lieben Landsleute
hier ist er aber ganz unentbehrlich. — Wie gesagt, beregter Tlau
ist sehr schön, und sein Gedeihen wäre erfreulich, aber . . . Ich
war nie für eine rein republikanische Verfassung für unsere Michels;
nur die Perfidie der damaligen Beaktion drängte uns mit Gewalt
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auf die äussListe Linke, und nachdem uns die Feigheit unserer
guten Landnlcute hiehcr iuH Exil g»'jagt, liabe ich mich wie viel«
Andere thatsächlieh Uberzeugt, duHs der Hildungsgang des ameii
kauiseheu Volkes so wenig eine lepublikanische Vertasisung für
ewige Zeiten vertragen wird, als das deutacbe hinsichtlich seiner
8ittc und Gewohnheit alleni'alls nur fttr eine freisinnige, kon^
tutionelle Veri'assongi einen Volks-Kaiser oder IfAmg an der Spitze,
sieh eignet . • • ' E. Dedekind.
Karl Togt an L. Fenerbach.
Genf, den 19. Sept 1S60.
Vcrehrte.ste r llerrl Sie haben vielleicht in Ihrem zurück-
gezogenen Wcltwinkel kaum davon Notiz genommen, dass wir, d. h.
eine GesellHchal't politischer Freunde und Gesinnungsgenossen, milBr
dem Titel „Demokratisebe Stadien" einen Band heraosgegeta
haben, welcher sich die Ehre der Verfolgung von Seite der beiden
Hessen, sowie (Tielleicbt dessbalb) allgemeuie Verbreitong errangen
bat, so dass die Auflage gänzlich vergriffen ist and der frflher
kleinmUthige Huchhändler mit einer gewissen kriegerischen Energie
sofort einen zweiten Hand verlangt.
Sie müssen uns schon verzeihen, dass wir beim ersten Bande
uns nicht au Sie um Ihre Mitarbeiterschalt wandten. Im Drange
der Umstände woide eben zusammengerafft, was sich gerade bot.
Jetzt aber kommen wir dieser Unterlassungssünde remnttthig nach.
Wir müssen Etwas Ton Ihnen haben, was es auch sei — politisch-
pbilosopbisoben Inhaltes, für die grosse Hasse der Gebildeten —
swei bis drei Druckbogen. Die Wahl des Stoffes steht Ihnen ganz
frei — nur möchte es, dem Charakter des Buches angemessen,
zweckmässig sein, wenn irgend eine nähere Beziehung zu dem
jetzigen Laufe der Welt sich darin fände — also vielleicht über
Koukordate oder Etwas der Art Termin der Yollendong: Ende
Oktober.
Da jeder demokratischen Unternehmung gewöhnlich der Fluch
desFroletarismns sieb anKubängen pflegt, der m unserem materielieB
Zeitalter Körper and Geist zusammen l&hmt, trotz Bndolph Wagoers
doppelter Bucbfilhrung, wir aber diesen Verdacht von vorne herno
von uns ablenken möchten, so beehre leb mich, Ihnen einstweilen
aut liechnung des für den Aufsatz zu Gute kommenden Monorarcs
beiliegeudcD Wechsel zu übersenden. Das Bewusstsein, lUr die
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»
Menschheit iin Allgemeinen und die Aufklärung des deutschen
Volkes im Besonderen gearbeitet zu haben, ist zwar ein ungemein
belohnendes — scheint uns aber doch nicht umfassend genug, um
anderseitigen, materiellen Lohn auszuschliessen. Da ich nun, der
Allg. Zeitung zufolge, der lasterhaften Gewohnheit der Bestechung
einmal für allemal anheimgefallen bin, so stehe ich nicht an, auch
auf diesem mich Ihnen nach langer Zwisohenzeit wieder zu
nähern. Mit bestem Grosse Ihr G. Vogt
W. Bolin AH Feaerbach.
Hebingfois, den 4. Oktober 1860.
Mein theuerer, väterlicher Freund! . . . Durch Kaut
ist in der Thilosophie das Aelmliche geschehen, wie durch Luther
in der Religion. Seit diesem ist jede Kirche, seit jenem jedes
theologisirende System ein Widerspruch; daher die vielen Sekten
kleineren nnd grosseren Umfangs im Christenthnm; daher die vielen
am AlleingtUtigkeit sich bewerbenden Systeme in der Philosophie.
Die Menschheit wird einst, mein thenerer Heister, Uber die Wichtig-
keit Ihres Berufes staunen, die Philosophie durch die Religion, die
Religion durch die Philosophie ret'ormirt zu haben. Lassen wir
indessen die \'crgangenheit8menschen immerhin unisono lamentircn,
fc>ie hätten Religion und Philosophie zerstört — das ist ja in ge-
wissem Sinne unleugbar, denn diese Leute kennen Beides nur in
der ihnen rnond- und sinngerechten Form, und hier haben Sie
grflndlich anfgerftomt. In steter Liebe Wilhelm Bolin.
Feaerbach an W. Bolin.
Bechenberir bei Nürnberg, den 20. Okt. 1860.
Mein lieber Herr Bolin! Eine grosse Veränderung ist in
meinem Leben vor sich gegangen. Ich wohne, lebe und schreibe
— bis jetzt freilich nur Briefe — nicht mehr in Bruckberg, sondern
in einem Landhans eines nur eine gute Viertelstunde von NUrnbei^
entfernten Weilers, an einem Berge oder vielmehr Uttgel, an dessen
Fnss dasselbe nebst noch einigen, auf der entgegengesetzten Seite
befindlichen Banemhänsem liegt, der Rechenberg genannt. Die
Nähe der Stadt war Sache meiner eigenen Wahl als Familienvater,
denn ich für meine Person hätte einer Einöde den Vorzug gegeben;
die Entfernung von Bruckberg war aber Sache der Kothwendigkeit,
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' Folge höchst nnglOeklicher Verhältnisse nnd Ereignisse , welehe
meine Frau cxpropriirt und natürlich mich als Gatten in dieses
traurige Schicksal verwickelt haben.
Die grosse »Störung, welche diese Ortsveränderung in meinem
Leben und Gemllthe hervorgebracht, und nur die hüUieiehe Theil-
nahme geistiger und persönlicher Freunde nicht zu einer völligen
Zerstörung hat kommen lassen, ist Schuld, dass ieb Ihnen so lange
nicht gesehrieben habe.
Wie verschieden ist doeh schon mein äusserliches Schicksal
von dem der nickst vorangegangenen Philosophen, wenn anders
ich mich als den letzten, untersten, an die äusserste Gränze des
Philosophcnthunis hinausgeschobenen Philosophen diesen ötVentlicli
und allgemein anerkannten Geistesheroen anreihen darf. Wie wenig
genirte sie das andere Ich? Ich lUr mich selbst allein — kein
Einwand, keine Opposition, keine Ahnung eines Andern störte
diese selige Identität Dass es ein anderes Ich noch gebe, das
machten sie erst hinterdrein zuiUllig oder durch Klflgelei ausfindig.
Das andere Ich, der Menscji, das Weib, der Leib war vom Staate
anerkannt und versorgt, das Ich des Denkers brauchte daher nicht
an dieses andere Ich zu denken, es spielte als Professor auf dem
vom Hot- oder Universitätssehreinermeister glatt gehobelten, von
jeder anst<)ssigen , an das Dasein eines Andern schmerzlich er-
innernden Unebenheit gereinigten Katheder die KoUe des absoluten
Geistes. In Hegel erreichte diese Kolle ihren Kulminationspunkt,
er ist das realisirte Ideal, das Muster eines deutschen Professon
der Philosophie, eines philosophischen Scholarchen. Der absolute
Geist ist nichts anderes als der absolute Professor, der die Philo-
sophie als Amt betreibende, in der Professur seine hOehste Seligkeit
und Bestimmung findende, den Kathederstandpunkt zum kosmö-
logischen und welthistorischen, Alles bestimmenden Standpunkt
mnchcnde Professor. Wie ganz anders ist mein Schicksal, das
mich nicht auf den Schultern der Staatsmacht, nicht auf Kosten
Anderer über die Nothwcndigkeit, an das Dasein eines andern Ich
ausser dem Ich des Denkers zu denken, erhoben und auf das
Katheder der absoluten Philosophie gestellt hat, das mich im Gegen-
theil in tiefster Niedrigkeit, Verlassenheit und Obskurität, aber eben
desswegen auch glücklicher Einsamkeit und Selbständigkeit 24
Jahre auf ein Dorf, das nicht einmal — o wie entsetzlich, wie
unheilschwanger — eine Kirche hat, verbannte! Zwei Jahre in
Berlin als Student, und 24 Jahre auf einem Dorfe als Privatdozent!
— m —
Und anch jetzt nicht darch einen ehrenvollen, dem Ich schmei-
ebelnden Rnf an eine Universität oder „freie Akademie'', sondern
nur dnreh das schmachvolle Gerassel der eisernen Kette, die den
Denker mit dem Menschen, das Ich mit dem Du zusammenhält,
ans dem Dunkel aufgescheucht, aus meinem ebenso frei- als un-
freiwilligen Exil exilirt! Die durch den Ortswechsel veranlasste
Erwähnung dieses meines ausser und in mir selbst liegenden Schick-
sals ist die unwülkürlich entsprechende Autwort auf das Thema
ihres erst gestern erhaltenen Briefs vom 4. Oktober, der mich
übrigens, nebenbei gesagt, keineswegs zum Schreiben an Sie ver-
tolasst hat, denn längst war von mir selbst aus der nächste freie
Augenblick Ihnen bestimmt. Ich sage Ihnen nur noch ansdrtteklieb,
nicht ans ekelhafter, mir gänzlich fremder Eitelkeit, sondern aus
mnerster grflndlicher Selbsterkenntniss heraus, dass Sie meine Auf-
gabe und Leistung ganz richtig gefasst und bezeichnet haben, wenn
Sie sagen, dass ich die Philosophie durch die Religion und um-
gekehrt reformirt habe. Wenn Sie aber näher noch auf mich ein-
gehen wollen, so lassen Sie ja nicht meine „Theogonie" ausser Acht.
.Sie ist ungeachtet des fUr den oberflächlichen Blick abschreckenden
gelehrten antiquarischen Wustes nach meinem Urtheii meine ein<
fschste, vollendetste, reifste Schrift, in der ich mein ganzes geistiges
Leben vom Anfang bis zu £nde reproduzirt, aber das, was ich in
den früheren Schriften in der Form ermtidender philosophischer
Beweise, hier in der Form unmittelbarer in sich seliger Gewissheit
ausspreche, und eben desswegon an den poetischen N'atcr der grie-
chischen Götter, an Homer nnniittcll)ar mich anschliesse, mich nicht
mehr, als wenn auch nur scheinbaren Hegelianer oder Fichtianer^
sondern als direkten Uonicriden beurkunde und legitimire. Es ist
anffallend, wie im Ignoriren dieser Schrift, in der immense Studien
Qnd selbst — im Verhältniss natürlich zu meinen geringen finan-
ziellen Mitteln — immense Summen Geldes stecken, -meine Freunde,
mit Ausnahme eines einzigen in ßerlin, der ihr Erscheinen sehr
liebevoll ankündigte, und Feinde übereinstimmen. Wohl hat A. Rüge
sie zur Sprache gebracht, aber mit mehr L t bcl als Wohlwollen,
ja als ein Mensch, der noch bis über die Ohren in dem Lethestrom
üer Hegeischeu Logik drinnen steckt, mit nothwendiger Vorein-
genommenheit gegen ein solches sensualistiscb denkendes Wesen
wie ich bin. Wie unzählig Andren seiner Geistesverwandten ist ihm
mnma sununarum meines Geistes im „Wesen des Christen thums*'
eotbatten und erschtfpft, diese Schrift die Gränze meiner Anerken-
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nung, meiner Geltiinj^ in f^ciiicn Augen; weil sie in ihr noch ein
Gcuieiuschciltlicbes mit ihrem licgeliauischen Wesen erblicken, kou-
sequenter Weise erblickt er daher' anc Ii in meiner letzten Schrii't,
ob Siek gleich za dieser das Wesen des Christenthoms. gerade so
verhält , wie der Kämpfer znm Sieger, der JUnger zum Meister,
nur Variationen eines schon dort durchgeführten Themas. Aller-
dings ist der Wnnsch hier wie dort der Gnmdgedanke; aber
etwas ganz anderes als da.s Lielit des Blitzes, das aus dankein
Wolken ph'itzlich und gewaltsam hervorsschiesst, um sich wieder
im Dunkel zu verlieren, ist das Licht der Sonne, vor deren Er-
scheinung bereits alle Wolken and Nebel versehwunden sind. Wenn
ich Sie hiermit aufmerksam anf meine Theogonie im Yerhältniss
za memen andern Sehrülben 'mache, so geschieht es anch nicht
ans sebriflstellerisoher Eitelkeit', die von Jedermann gekannt und
gelesen sein will; nein! ich bin so glttcklich, von diesem moraliscbeo
Uebel nichts zn wissen, ich liebe das Incognito nicht nnr als Menwb,
sondern auch als Scliriltstellcr, wie dies vor Allem meine Theogonie
beweist. Ich mache Sie nur desswegen auf sie auf'nierksani, weil
8ie sich für mich interessiren und ich Ihnen einen Thcil, einen
sehr wichtigen Theü meines Wesens und geistigen Jjelbsts vor-
enthalten würde ; w^enn ich das Incognito dieser Schrift nicht vor
ihnen ablegte, nicht Sie in Kenntniss von ihrer Bedeutung setzte.
Ich habe leider kein Exemplar znm Ueberschieken. Uebrigens
würde ja auch das Porto wohl dem Bachhändlerpreis gleichkommen.
Ich gratnlire Ihnen dazu, dass Sie mit der Erhingung des Doctor-
titels endlich der fatalen Nothwendigkeit überhoben sind, eine
fremdartige Rolle zu spielen. Selbst ist der Mann und nur Selbst.
Möge die Doktorwürde Sie fernerhin vor jeder fremdartigen liürde
bewahren. Mit diesem Wunsche ihr freundschal tlich ergebener
L. Feuerbach.
Charles Dollfuä a L. i^oueibach.
Paris, le 14. Octobre 1860.
Je viens, mon eher Monsieur, vous remercier k mon tonr
d'avoir bien voulu songer ä nous remercier. C'est un vrai plaisir
pour moi de vous adresscr la Revue, car vous savez Testime que
je profcsse pour vos profonds (Berits et ytour votre persoune. Ne
m'est-il pas permis aussi de reconnaitre par ce i^er serviee
Vhospitalit^ si obligeante que j'ai re^ne chez voas?
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Votre lettre malheureosement me laisse entrevoir an ^v6nement
qai a dfl yoqb affliger vivement J'esp^re an moins que votre
familie n'a pas 6t^ atteinte et que Madame Feuerbaeh et Made-
moiselle votre fille sont en bonne santö. VedUez, je vons prie,
me rappeler k lenr Souvenir.
Vous m'annoncez ud prochain ouvrage de votis. — Sitot qu'il
aura paru, ii'omcttez pas de nous le faire adresscr au bureau de
la Revue, afin (^ue dous puiBsions payer a aon auteur le tiibut de
publicite qui lui est dfi.
Agr^z, Monsieur et ober confröre, mes bicn aflectueufies
salatations ' Gh. DoUfus.
Fenerbacb. an Dr. J. Daboc.
Becbonbeig« den 27. Nor. ISCO.
Verehrter Herr! So eben bat mir die Bruckherger Hötiii
Uircn Brief vom 7. Nov. iihcrbracht. Es sind also 20 Tage ohne
meiue Schuld vcrllossen, che ich zur Beantwortung Ihres Briefes
komme* iSie haben mich noch in Bruckberg gesucbt^ aber ein
infames, von meiner Seite gänzlich unverschuldetes Schicksal hat
mieb von meinem 24jäbrigen Musensitze vertrieben und dadurch
eme Störung in meinen gewohnten Lebens- und Gedankenlauf ge-
bracht , die ich vielleicht nie mehr persönlich Überwinden werde.
Doch was Hegt daran? Ich habe lange genug gelebt und ge-
schrieben, wenn auch noch lange iiiciit ^enug in Ihrem und anderer
Freunde Sinne. Allein wer kann Andern genug tliun, namentlich
auf dem end- und ziellosen Felde des Denkens, wo die Menschen
von jeher auch das Klarste und Gewisseste in Zweifel gestellt, auch
das Einiachste in Verwirrung und Verwicklung gebracht haben,
um ib der Lösung der selbstgemachten Knoten ihren Scharfsinn zu
erproben? Und nun gar ich, der ich fttr alles gemachte oder er-
künstelte Wesen oder Unwesen vielmehr eme unüberwindliche
Antipathie habe, und mich in meiner OfTentlichen Thätigkeit nur
auf den ebenso theoretisch als praktisch wichtigen und entschei-
denden Bcgritf der Gottheit oder Religion eingeschränkt, Anderes,
ja Alles nur in Beziehung auf diesen Zentralpunkt betrachtet und
beleuchtet habe, der ich überdies die antischolastische und anti-
pedantische Caprice habe, das Allgemeine nur in concreto, im
Besondern, das Gegenwärtige im Vergangenen , den Philosophen
nicht im Professorenhabit, sondern im Bettlergewande des Odysseus
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oder gar in der MOnchskntte eines Luther darznstellen und ans-
snspreohen! Gleichwobl betrachte ich Ihre nnd anderer jüngerer
Prennde Wunsche nicht nur alspia, sondern auch als justa desi-
deria. Und ich babc aucb in den letzten Jahren, zugleich aus
eigenem Antriebe, an der Ik^friedigunj^ derselben *rear])eitet —
namentlich auch in lietretV der Streitfrage des Idealismus und
Materialismus, die Ihr früherer Brief ans Berlin mir an's Gemüth
gelegt hat — aber ich bin stets nicht nur auf Stunden und Tage,
sondern auf Monate, ja Vierteljahre, gerade in den -wichtigsten
Momenten der Arbeit gewaltsam nnterbrochen worden, so dass ich
jetzt, wo ich mich endlich wieder sammle, anch eine angenehme,
ländliche, jedoch mit meinem früheren, stillen, abgeschiedenen
Studirzimmer nicht vergleichbare AVohnung inne habe, nur mit
Mühe, ja Widerwillen, die vom Sturme des Schicksals zerstreuten
Gedanken zusammenklauben muss. Diese Gedanken enthielten
übrigens nichts Anderes als eine Ausführung, Begründung und Be*
stfitignng meines „Wider den Dualismus von Geist und Leib" nnd
meiner „Grundsätze der Philosophie der Zukunft". Ihre Frage in
Bezug auf diese letztere Schrift beantworte ich mit Ja. Ich stehe
noch heute auf demselben Standpunkte, nur dass mit dem Zusätze
der Jahre er auch an Kenntnissen und Studien reicher und reifer,
von allen Schulerinnerungen und Schulbezieliuiigen freier geworden
ist, als er es damals der Zeit und Sache mich war und sein konnte.
Von der Richtigkeit und Wahrheit namentlich meiner Ableitung.
Entwickelung und Beurtbeilung der Uegerschen Philosophie habe
ich erst neuerdings wieder vollkommen mich überzeugt, wo ich
eben damit umging, diese meine so kurz gefasste Kritik auf eine
auch der deutschen Schulpedanterie einleuchtende Weise auszu-
führen. Ich kam n&mlich .bei meiner Behandlung der Streitfrage
des Materialismus und Idealismns, in welcher, nebenbei bemerkt,
bei mir die Medizin, lli])pokrates und Galen, neben Plato und
Aristoteles eine grosse Holle spielt, auf die Kritik der Hegerschen
Psychologie, von dieser wieder auf eine Kritik der Hegel'schcn
Philosophie überhaupt zurück. Es ist aber nun fast ein Jahr, dass
diese Arbeit iu's Stocken gerathen ist in Folge widerwärtiger
äosserer Ereignisse. Und leider ist auch mein Publikationstrieb in
Anbetracht der jämmerlichen Urtheils-, Muth- und Charakterlosigkeit
der deutschen Literatur und Politik so fast auf KuU herabgesunken,
dass ich nicht weiss, wann und wie, ja ob nur überhaupt ich diese
verschiedenen, jedoch auf Eins hinauslaufenden Gedankenarbeiten
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tn Stande und zu Liebte bringen werde. Was Ibre Frage naeb
letzter oder approximati?er Gewissbeit betrifft, welobe Sie an eine
AeuBsernng des Pbysiologen Mflller anknüpfen, so antworte icb,
dass leb, iHr meine Person wenigstens, dem Sein eine objektive
iind insofern letzte, allerdings immerhin nur menscbliche und dess_
wegen vom V^crstande vom Ding-an-sii h uiitersclieidbare Gewissheit
vindizire. Was Ihr Raisonneiiient dagegen betrifft, so stimme ich
demselben bei. „Was wir, die wir ein Theii der Natur, aussagen
von ibr, sagt im Grunde die Natur von sich selbst ans, ist also
ais Ausspnieb von ibr selbst wabr, objektiv, wenngleieb immer
Kogleicb' mensebtioh wabr, menscblicb objektiv, weil es ja die
menscbliebe Natur ist, als welebe und dureb welcbe sieb die Natur
aosspriebt. Aber eine Wabrbeit oder Objektivifftt ebne die Farbe
und ohne den Ton, ohne Geruch und Geschmack, ohne Lust und
Schmerz der iSubjcktivität wollen, heisst auf das Buddhistische Nichts
oder das unsinnige Ding-an-sich als letzte Wahrheit rekurriren.
Ich gebe übrigens bei der Frage von der Kealität und Objektivität
der Sinne nicbt vom Ich, gegentlber dem pbysikaliseben und na-
türlichen Ding aus, sondern von dem leb, welebes ausser sieb und
sich gegentlber ein Du hat, und selbst gegentlber einem anderen
Ich ein Du, ein selbst gegenständliches sinnliches Wesen ist. Und
dieses, obwohl sinnliche empirische Ich ist mir der Wahrheit des
Lebens nach. Wonach sich allein die Wahrheit des Denkens richtet,
das wahre Ich, das Ich, von dem ich in allen Fragen ausgehen
inoss, wenn ich nicht in ausgemachte 8o])histik fallen will. Jie-
zweille ich die Wahrheit des Sinnes, so muss ich auch die Wahr-
heit meiner Existenz, meines Selbst bezweifeln. Kein Sinn, kein
Ich, denn es gibt kein Ich, das nicht Du, aber Du ist nur für
den Sinn. Ich ist die Wahrheit des Denkens, aber Du ist die
Wahrheit der Sinnlichkeit Was aber vom Menschen dem MenscheUi
das gilt auch von ihm der Natur gegenttber. Er ist nicht nur das
leb, sondern auch das Dn der Natur. Das Beben ist ein Begattungs-
prozess des Auges mit dem Lichte, und Jlobbes sagt irgendwo und
ungefilhr: Erkenntniss ist ein Hegattuugsproze.ss mit dem Universum.
Indem ich Sie wegen Ihres V'ermögensverlustes bedauere, aber
wegen Ihrer grossen Reisen, die zuletzt doch allein die wahre
„Wdtanscbauung" gewäbren, beneide, bin ich Ihr ergebenster
L. Feuerbach.
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126 -
/
Mein lieber Lttnfng! ... Es ist eine Notbwendigkett fSr
mich, danfl ich an die Portgetxnng; dor dnreb die traarige Brwk-
hav^cv ( M'srliichti' HO ;j:;f\\ allsam unlcj brocliciifii Arlieiten denkt*.
Djinuitcr Ix^liiidct hich addi ciiui Altliuiidliin;.'^ IIImt den Stn'it (1<*h
IdüaliHiiiUH und Malcri.ilisimiH, (\v,n'u Ynllciidunj^ mich zur KUrkkclir
'Ml iiieincn alteu „iScharlckeu" iiüüiigt, da ich diesen »Streit haupt-
Bächlicli nur vom |)syeh()h)^iHehcn und bistoriselien Standpunkt au8
bebandle, ibn auf den alteu Gegensat« von Medizin und Pbiioiopbiey
Galen und Aristoteles, Patbologie nnd Psyebologie redazire.
leb bin llbHgens bis auf ein paar sebwierige kopfzerbrecbende
Punkte materiell schon fertig; e» fehlt nur noeb der Bonnenblielc,
die (Junnt der Stininnm^, die dem Stotf die jifehJirige Form und
(Icstah «^ilit. Während I)u und zwar niclit mit I nrecht, Uber iÜi m ii
Uüeklail in mein altes chronisclies Lehel khi^'en wirst, wenk'ü
meine jUngereu phUusuphiHcIten Freuudc, die lortwähreud in mich
dringen, diesen oder jenen Gedanken von mir weiter auszufUbren,
darüber sieb freuen» Erst gestern erhielt ieb wieder von BerÜD
aus einen BHel*, der darüber lamentirte, dass meine y^GrundsStss
der Philosophie der Zukunft'^ weil ich sie niebt In einem grUsserei
Werke ausgefflbrt habe, ^^llnzUeh unbekannt seien, während dagegen
der S( hopenhauer'sehe Quietismus und NihiliHmutf natncutlicb bei
der Ju}:;end zahlreiche Anhilnji^er hahe.
Ailerdinf^s ist es nothu endi«::, dass ich mein laicht nielit iiiitir
den Scbell'el «teile, nicht hinter Homer oder Lutlicr verljeri,'c,
sondern auf eine, auch dem deutticbcn SchulpedantiMmuii einleaeb-
tende Weise leuchten lasse. Gleichwohl ftlhle ich nicht die ge-
ringste Lust in mir, den enormen Wust, Bobwubit nnd Wirrwsrr,
der in den Kopien der deutsoben Phibsopben herrscht, bis ins
Besondere und Einzelne hinein aufzuwickeln und aufzuklären . . .
Wie gerne gilhft icli Dir zum Krsatz lltr diese Hricl Neige einen
Kvu^ Meyer'schen 1 )(»pj)elhi<irs aus Kleiniiassiaeh, das mich gcfj^en-
wiirti;^' er<| nickt. So etwas hast iMi nocli niclit ^cko.slet. Es int
dan reahsirte Jiiendeal, das in liier aulgelöHte, verwandelte und ver*
körperte Mtre «upreme ....
Briiekberg wird nächstens zum Verkauf ausgeschrieben werden.
Der 4. Febr. ist der erste Termin.
Mit herzlichen Grttssen L. F.
L.iyui^üd by Google
127
Dr. Duboc an L. Feuerbacb.
Berlin, dea 25. December 1860.
Geehrter HerrJ -Hätte ich nicht mit grossem Bedanero aus
Ihrem Briefe ersehen müssen, dass Sie nicht mehr in Ihrem frennd-
Hchen, in dem Briefe an Riedel mit solcher Liehe von Ihnen be-
schriebenen Bruckberg sich aufhalten, und mtlsste ich nicht glauben,
(lass Ihnen die Trennung und Verpflanzung von dort wahrhalten
Schmerz verursaclit hat, so würde mich Ihr Schreiben mit noch
ungetheilterer Freude erfüllt haben. Auch ich denke noch mit
Liebe und lehhafter Erinnerungskraft an das alte Scbloss zurtick,
an das alte Kcllergewölbe , in dem wir Abends von Ihrem Biere
genossen, an die obstbeladenen Bänme, die es so dicht umgaben,
an einen waldverschlnngenen Weg zu einem kleinen Wasserfall,
den Sie mich führten, selbst an einen Protegd Ton Ihnen, em Reh,
das Sie fütterten. Die wechselndsten Szenerien unter allen Himmels-
Htricheii, die ich seitdem gesehen, haben diese lUldcr nicht aus
meinem Gedächtnisse zu löschen vermocht, wie viel mehr muss es
Ihnen so gehen, der »Sie dort die Heimat eines halben Lebens ge-
fanden hatten. ' Möchte das Bewusstsein der innigen Antheiinahme,
die ni^ht ich allein, sondern alle Ihre Schüler und Freunde Ihnen
zollen werden, Sie einigermassen geistig illr das Herbe eines Vei^
loBtes entschädigen, der nns Alle mittri£Et
Mit anfrichtigcr, tiefer Verehmng Ihr Da hoc.
Verehrter Herr! Ich habe das mir gefdliigst übersandte
„Tagebach eines Materialisten'' richtig erhalten and Etwas, nament-
lich das mich Betreffende, bereits gelesen. Es ist doch höchst
sonderbar von dem Verfasser, dass er meinen Gattangsbegriif, das
Objekt seiner Kritik, nur vom Wesen des Christenthums abstrahirt,
als wäre diese Sclu-iit der rcalisirte Gattungsbegriff meiner schrift-
stellerischen Thiltigkeit, als hätte icli nicht in den darauf gefolgten
»Schrillen gerade diesen Begriff, wie er dort ausgesj)rochcn ist, aufs
Sorgfältigste and Ausführlichste kritisiit, moditizirt und individua-
lisirt, and zwar in der Art, dass mur die spekulativen Schulphilo-
sophen grade den entgegengesetzten Vorwarf gemacht haben,
nftmlich den, dass ich den Gattnnphegriff yollständig aafgehoben.
Feuerbach an Dr. J. Dnboc.
Rechcnberg, den G. April 18C1.
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128 - -
nichts als das Individuum liliritr gelassen hätte. Was Sfdl man
gegeo eine Kritik »agen, die l«s«iu nur wiederholt, was schon
der Einzige gegen den 41er Feuerbach vorgebracht, ohne zi
berfleksiehtigeD, was derselbe fiber denselben Oegenstand in späten
JaHren gesagt? Gleich wob! bin ich Ihnen sehr dankbar Älr die
Ifittheilnng, denn es ist doch immer interessant, „Stimmen der Zeit*
aneh Uber sich selbst zu yemehmen. Aach ist die Schrift philo-
sophisch insofern interessant, als der Verfasser die Konsequenzen,
die die Gegner des Materialismus aus (iiesem folgeni, selbst, obwohl
(angeblicher) Freund dcs>c]ben, als ri( litig anerkennt, ja zu seinen
eigensten Herzensgedanken macht. So schien es mir wenigsten«
nach den Üüchtigen Hlicken, die ich hii^eingeworfen. Ich will die
Schrift aber d ( h noch einmal etwas genauer ansehen and »e
Ihnen dann wieder snrttcksehicken.
Von der Herbart 'sehen Philosophie oder Tielmehr von Herlwit
selbst interessirt mich nichts als seine Psychologie, deren nShcre
Bekanntschaft ich noch machen mnss. Der Denker und der
Schreiber sind hei mir leider zwei verschiedene Personen: jener
ist Philanthr«»}». dieser Misanthrop, jener Stoiker, dieser Epiknräer,
Materialist, aldiaogig von der Ganst des Augenblicks und bomien-
blicks u. s. w.
Mit freundlichem Grosse Ihr e^benster L. Fenerbach.
Jos. Scbibich »o L. Fenerbach.
Wlachowiz, bei Dnguiflch-Bfod, dea Ii'. JoU 1661.
Lieber, th eurer Freund! ... . Wissen Sie auch, Freund!
dass der geologische llaninier an die (ilocken unserer Dome schlä^.
nnd dass dies Stnrni^elaute ihren jfingsten Tag, das letzte Geriebt
bedeutet? Die Fiiilosophie und die Naturwissenschaften sind zwei
Gesichtslinien; die erstere war — sei es, dass sie grössere Kaptr
zitftten hatte, oder dass ihre Arbeit eine leichtere war — nm eise
geraume Zeit der zweiten yoransgeeilt, nnd steht nnn ein Dezen-
ninm »title, nm auf die Schwester zu warten. ' Ist diese einmsl
am ])arallaktischen Winkel angelandet, dann, Freund, ist Alles That,
Realität f:;ewordeii ; dann «^ibt es keine l^hilosnphie mehr im heutij5'en I
Sinne, dann bleilit nur noch die Wissenschalt katexochen. bie
stehen an der Tarallaxc, Sie sind auch der letzte Philosoph.
Mit herzlichem Kusse ihr Freund Dr. SchibiclL
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129
Kourad Haag an L. FeucrbHch.
HOthreUeii (Kanton Thargau), den 12. Juli 1S61.
Verehrungswürdigster, edler, grosser Mann! Es
kann als Vermessenheit oder mindestens als Unbescheidenlieit ha-
zoichnct werden, wenn ein Dilettant es wagt, oder sich die Freiheit
iiinuiit und sich brieflich an den anerkannt grössten Denker nnd
Aufklärer unseres Jahrhunderts oder aller Jahrhunderte wendet.
Aber ich kann dem Drange meines Gerzens nicht mehr länger
widerstehen; ich thue endlich das, was ich schon lange beabsich-
tigte ; ich ergreife die Feder und schreibe an den ,,Einzigen'' unter
den Reformatoren und Aufklärern aller Zeiten, der das Räthsel der
Religion Idste wie kein Anderer mit oder vor ihm. —
Ludwig Fenerbach ist mir, seitdem ich ihn aus seinen
Werken kenne, der gefeiertste Name, weil er mit nnvergleich ge-
waltigem Geiste und grossem Genie und Talente gerade in einem
Gebiete wirkt, das auch für mich das allerwielitigste ist. Ich ver-
dauke keinem Menschen oder Öehriftsteller so vieles wie ihm; er
ist mein grösster Freund und Wohltliäter. Wer hat mich vollständig
frei gemacht von allem Wahn und Aberglauben , und aus meinem
Kopfe allen theologischen, supranaturalistischen und spekulativen
Uurath herausgetbgt und alle religiösen Vorurtheile zmUirt, als
L. Fenerbach? Welcher Denker und Philosoph hat Werke ge.
schrieben, die Dich — muss ich zu mir selbst sagen — in so hohem
Grade befriedigten, in denen Du Deine eigenen Gedanken und
l eberzeugungen so geistvoll ausgesprochen fandest, wie in den
uiisterbliclien Werken FcuerbaclisV
Wer hat Schriften verfasst im Fache der iicligious-Phiiosophie,
die dem „Wesen des Christenthums dem „Wesen der Religion",
der „ Unsterbiichkeitsfrage vom Standpunkte der Anthropologie", '
„den Grundsätzen der Philosophie d. Z.", „den Vorlesungen Uber
das Wesen der Religion", der „Theogonie" etc. etc. in Bezug auf
Orttndlichkeit , Tiefe, Genialität und Klarheit der Darstellung an
tlie Seite zu setzen bindV Keiner! Wer hat mit herkulischem Helden-
niuthe die Theologie in Antliropologie, die Philosophie in l'h\sio-
logie aufgelöst, und die ewig wahren Worte ausgesj)roclien : ,,I)ie
]leli;rion ist der Traum des menschlichen Geistes I Die Nacht ist
die Mutter der Keligion!'* Der Geistesriese L. Fenerbach! — Wenn
A. v. Humboldt in seinem berühmten „Kosmos" uns die Erc^cheinungen
oder Phänomene der physischen Welt ttbersichtlich zusammenstellt
Of ttn, Feaorbaeh* KriefVroehscl n. Nscblasa. II. ^
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' m —
und erklärt aus dem Uberreichen Schatze seines Wissens; so '^'M
uns L. Fenerbach in seineu philosophischen Werken mit kolossalem
Genie einen geistigen Kosmos, indem er uns die religir»sen und
psycbiBchen P|iiUiooiene in der MenBebenwelt, ttber die bia jetzt,
wenigstens noeb theilweise, ein undnrebdringlicbes Donkel ausge-
breitet war, — mit der Fackel der Vernunft so sonnenklar belenchtet,
dass der denkende Leser bis tnr Evidenz einsieht, die Menschheit
habe in ihren religiösen Schwindeleien und gottesdienstÜchen Ge-
brauchen und Funktionen nur mit sich selber gespielt; oder auch
wieder in ihrem Wahne ein Schreckbild phantastisch aufgestellt,
das im Sonnenlichte der Wahrheit betrachtet, nur ihr eigenes Wesen
war. Wenn man einmal Feuerbachs klassische Werke durchstudirt
hat, wie unbefriedigt legt man später die IScbriften selbst ?on Kant,
Fichte, Hegel, das „System der Natur'', ja in gewisser Hinsieht
auch die Strauss'sche „Glanbenslehre'' etc. — aus den Händen! Bei
allen diesen Denkern findet man nur die halbe oder Dreiyiertels-
Wahrheit; die ganze Wahrheit nnd Geistesfreiheit empfängt man
nur durch die Feder Feuerbach s. Nur wer sich so ganz in die
Ideen Feuerbach's hinein^^elcbt und seine Lebens - und Weltau-
schauung sich zu eigen gemacht hat, wie Schreiber dieses, weiss
auch, welche Zulhedeubeit und Seligkeit es gewährt, diesen Stand-
punkt erstiegen zu haben, auf welchem man so ganz in Harmonie
steht mit der Natur und dem ganzen Universum. Aber eine wie
verhältnissmttssig kleine Zahl von den tausend Millionen Bewohnern
des Erdballs erhebt sich auf diesen Standpunkt; wie Wenigen liegt
es so recht am Herzen, auf dem Gebiete der Religion völlig ins
Klare zu kommen! Wie wahr ist es leider! was Hie, verehrtester
Feuerbach! in einer Aniiierkunfr in der Biographie Ihres Vaters
saj^en , dass die meisten Menschen in dem (Tcbiete, auf dem sie
operiren, nur ein gewisses iJäninierlicht vertragen! Es ist eine
traurige niederschlagende Erscheinung, dass eine Unzahl von
Menschen eigentlich erschrickt und zurttckbebt vor dem Lichte
der vollen, ganzen Wahrheit, und dass weitaus die Meisten den
Fledermäusen oder den Eulen gleichen, denen es nur im Halbdunkel
behagt; ja dass selbst ein Lessing sagen konnte: Wenn Gott in
einer Hand die Wahrheit hätte nnd sie ihm bieten wollte, er getraute
sieh nicht dieselbe anzunehmen, und dass auch der Dichterheros
Goethe, der doch als Verehrer und Anhänger von Spinoza bekannt
ist. nieht den Muth hatte, das „System der Natur'' von llolitarh
gau2 durchzulesen, weil es atheistisch war. Wie viele sonst nicht
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— ' m —
einmal gans dunkle Köpfe erschreoken heute noch vor dem blossen
Namen Fenerbach oder Stranssl — Leute, welche Zschokke's
„Stunden der Andacht^' lesen, fttrchten sich, Uber dieselben hinaus
und en Feuerbach in die Schule zu gehen. FreOich ist noch ein
gewaltiger Schritt zwischen Zechokke und Feuerbach. — In diese
Klasse gehören aiah noch viele Theologen. Ein gewisser Pastor,
der mich vor einigen Jahren besuchte und dem ich bei diesem
Anlasse Ihre Werke ott'erirte zum liCseu, sagte sogleich, dass er
keine Schriften dieser Art lese. Die Herren fUrchten ganz gewiss
das Gewicht der GrUnde, welche sie wenigstens zu „relativen
Atheisten machen könnten. Da haben wir Freidenker es denn doch
ein wenig besser, wir fUrohten uns nicht vor den pietistischen
Traktätchen, vor den Mirakeln der Bibel und Orthodoxie und vor
den leeren Phrasen und Kniifen und Pfiffen" der Theologen.
Wenn wir etwa noch zur AbwceliHlung derartiges Zeug lesen, so
nöthigt es uns hr>chstcn8 ein mitleidiges Läclicln ab. Dieses ist
dann auch noch ein Ersatz fUr die VcrdiU-htigungcn , die sich der
otTene Naturalist odev Atheist noch heute von den modernen
frommen Gläubigen uud charakterlosen llalbgläubigen gefallen
lassen muss. Die Gläubigen aller Farben sind noch immer der
Meinung, der sogenannte Ungläubige könne durchaus kern wahrhafi
rechtschaffbner Mensch seni, was mir letzthin ein gewisser Sohloss-
herr, und vor mehreren Jahren auch Herr A. Folien, mit dem
leb ins Gesprilch gekommen, — unter das Gesicht sagte; obgleich
er dann wieder urkiuit^'; L. Feuerbach sei ein sehr ehrenhafter
Charakter, er kenne ihn persönlich. — Ich selbst i)in gegenwärtig
fast der Meinung, dass man beim alten (Hauben kein edler, tugend-
hafter Manu mehr sein könne. Heim jetzigen Zustande der Wissen*
Schäften kann nur der TOlpei noch im Ernste altgläubig sein, sehr
Viele von den sogenannten Gläubigen sind nur Schurken und
Heuchler. Im Lichte der modernen Astronomie ist der Himmel
und die Hölle der antiken Welt in Nebel autgelöst, der Wohnsitz
der Götter und Engel und Teufel schon längst zerstört, und alle
Mirakel und Wunder von einer gesunden Physik ins Land der
'JVäunie, Märchen und Fabeln verwiesen worden. Wer daher nur
einige Bildung besitzt und Iblgeriehtig denkt, niuss den alten
(ilaubeusbodcn unteili(»hlt finden und sich in neue Gebiete tiliehten,
oder ein total Gleichgültiger sein gegen die Wahrheit. Aber der
(f leichgültige gegen die Wahrheit ist auch gleichgültig gegen die
Tagend. Ich kann mir keinen edlen Charakter denken ohne Wabr^.
9*
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...
heitsliebe nnd Aobtong vor der Vemnnft und Wusenscliait Wie
Tiele Cbarakterlose and Gleichgültige gibt es aber in dieser SphSre
in unserer Zeit! Fast Alle baldigen in religiösen Dingen demPriotipe
der Stabilität; ist einmal Etwas in die Welt einj^esclnuuf^f^elt , so
bringt man es mit allen (Ii iinden der Vernunft und des \ erstaiides
fast nicht mehr aus den Kö})fen heraus. Die l'laffenbrut i>i im
wohlverstandenen eigenen Interesse immer thätig, die alte Nacht
beizubehalten und sorgt dalUr, da»» es nicht ganz helle wird iu
den Köpfen, und dasK das V(dk nie zur Mündigkeit gelangt. Von
frühester Jugend an wird den Kindern das supematurale Gü't ein-
gepflanzt und dieselben dadurch moralisch verdorben nnd rer-
krtippelt, und der Unglaube oder das Denken und die Kritik ihnen i
als eine Pflanze oder ein Produkt des Teufels dargestellt. Den
unwissenden Erwachsenen wird dann vorgepredigt, es sei die Partei,
die durch Feucrbad), Straiiss, Bauer, l{uge, Vogt, Molesehott n. A.
reprUsentirt werde tlurch die GlaubensmUnuer vollötäüdig beöiegl
und aus dem Felde geschlagen worden u. s. w —
Es ist daher, mein lieber Feuerbach! bei diesem Stande der
Dinge nicht anzunehmen, das» Ihre Lehre sobald in der Masse des
Volkes Wurzel fasse oder Gemeingut werde, wie Sie übrigens selliBt
auch annehmen hiut einer Stelle des Vorwortes zu Ihren herrliches
Vorlesungen Ja, ich zweifle oft sehr daran, dass die Henschbeit
jemals auf einen Standpunkt der Kultur und Zivilisation gelangen ■
werde, auf dem Ihre Lehren als volksthiimlich betrachtet werden
könnten ; sie werden vielleicht flir innucr nur das Ki«j:entiiuni der
denkenden Kopie bleiben; - für den grossen Haufen sind sie nicht.
Aus eigener Erfahrung weiss auch ich, wie schwer es ist Vor-
urtheile abzulegen, die einem so zu sagen mit der Muttermilch
emgepfropft wurden, ich hatte nttmlich auch schon als Knabe
einige Zweifel an gewissen Kirchenlehren, wie etwa die Lehre voo
der Dreieinigkeit und Auferstehung etc. Allein, wenn ich meüen
Eltern, die auch sehr religiös waren, etwas der Art merken Wmj
so wurde ich dadurch eingeschüchtert, dass sie sagten, es sei eine
grosse Sünde an diesen Dogmen zu zweifeln, man dürfe darlibei
nicht grübeln u. s. w. So wurde mein Hischen Vernunft erwürg;!.
Ich war dann bis ins reifere Jünglingsalter ziendich orthodox, hielt ,
mich in strengerem Sinne an die Hibel, nnd zwar nicht nur theo- |
retiseh, sondern auch praktisch. Mitunter stiegen dann freilieb
auch wieder Zweifel auf, mein Wissensdurst nnd Wahrbeitsdrang
konnte nicht mehr unterdrttckt werden. Ich wurde vom Schicksile
133
in Zustände and Verhältnisse versetzt , in denen es mir möglieh
war, mieh vielfaeh mit Bflehem abzngebqp, die theilweise geeignet
waren, meinen Dnrst nach Wahrheit momentan zu stillen^ oder
mich auch nach und nach zum ZwciUcr an allen Glaubens- und
Kirchcnlehren machten. — Ich nenne unter diesen liikhern haupt-
sächlich die „Stunden der Andacht", Georg v. Keller's Schriften,
verschiedene Werke von Bretschneider, von Amnion, Paulus etc. etc.,
dann wieder die Werke unserer grossen Dichter, Naturforscher und
Kritiker wie: Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Humboldt, Littrow,
Molesehott, Vogt, Stranss, Bauer, finge etc. etc. Bei solcher nnd
vieler anderen Lektüre konnte von Kirchenglanhen nnd Orthodoxie
bei mir wohl keine Rede mehr sein; aber ich wurde Jahre lang
ohne Selbsülndigkeit wie ein Ball hin und her geschleudert ohne
festen Anhaltspunkt. Zuerst wurde ich Rationalist, dann Deist,
Pantheist und endlich, besonders durch Ihre Werke und eigenes
Denken, entschiedener Naturalist oder Atheist. — Doch ich werde
last zum breiten Schwätzer, ich habe vergessen, dass ich nicht zu
^feinesgleiclien rede, dass in Bezug auf Kenntnisse und Talente
du Zwerg sich mit einem Riesen unterhält. Was wird sich auch
ein Heros wie Feuerbach um die Entwicklungsgeschichte eines
unbedeutenden Menschen bekümmern, was fttr ein Interesse an
diesem langen Geschreibsel haben! —
Doch das muss ich noch bemerken : Ich habe mich auf meinem
jetzigen Standpunkte der Ueberzeugung, zu dem ich mich seit etwa
20 Jahren orten bekenne und den ich nie verläugnen werde —
heucheln kann ich nicht, es ist gegen meine Natur — über nichts
zu beklagen, als dass ich vereinzelt dastehe mit meinen Ansichten
in einem Schweizerisch-Thurgauischen Dorfe. Ich kann meine Ge-
danken beinahe mit Niemandem austauschen; wer bekümmert sich
auch nm die Philosophie, um die interessenlose Wissenschaft? Alles
strebt nur nach Simaengenuss und materiellem Besitz. Auch haben
die meisten Mensehen, wie ich schon oft erfahren habe, fast keinen
Sinn flir ])hiloso|)hi8cbe Ideen; sie sind für das Glanben geschaffen,
nicht fUr das Wissen. — Schon oft habe ich daher, ähnlich dem
Goethe'schen Faust seinem Gretchon gegenüber: „Ach könnt' ich
um* ein Stlindchen Dir am Busen hängen^' gewünscht; ach könnte
ich mich auch ein paar Stunden mit Feuerbach unterhalten! Doch
ans diesem Wunsche wird nichts werden, ich muss mich mit dem
Feuerbach, den ich in 9 Bänden in meinem Zimmer habe, begnttgen,
and das ist ja die Quintessenz vom wirklichen, persönlichen Feuerbach.
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Wann wird uns Feaerbacb mit einem neuen, dem sehnteD
Bande seiner sSmmtlieben Werke erfrenen nnd ttberraschen , und
was wird er tür ein Tlieina zur Bearbeitung; auswählen? — so
sagte ich schon olt zu mir. Das Thema seiner früheren Schritten
wird i»einalie von ilnn erschr»|)l't sein; doch ein Genius wie er weiss
der fc>aehe immer wieder neue Seiten abzugewinnen. Oder sehreibt
vielleicht Feuerbaeh kein Ruch mehr, ist er des Kampfes müde,
will er etwa ausruhen , oder altert er schon V Gegen dieses Alles
sprechen einfache Gründe. Eine so kräftige, regsame Natnr, eine
von Yemtlnftigen so allgemein anerkannte Autorität, eine * welt-
historische Persönlichkeit nnd Erscheinang wie Feoerbach, kann
sieb mit drei- oder viemndftlnfzlg Jahren noeh nicht znr Rnbe be-
geben, sondern muss noch von seinen glänzenden Talenten Ge-
brauch machen und darf dieselben nicht v(»r der Zeit ver^^nil)cn.
Obschon Feuerbach bereits vier Jahre nichts mehr von sich
hören Hess, so steht dennoch oder gerade dcsshalb zu erwarten, er
werde seine Verehrer und Geistesgenossen recht bald mit einer
neuen literarischen Gabe aus seiner geistreichen Feder erfreuen.
Zudem kann ein so vielseitiger Geist wie Feuerbaeh, dem kein
Gebiet des menschlichen Wissens fi^md ist, sollte er auch auf dem
Felde, auf dem er bis jetzt so epochemachend wirkte, nicht ferner
arbeiten wollen, — nicht verlegen sein. Immerhin dürfte es kein
beschränktes sein, sondern ein universelles, und dies wäre das
Gebiet der Natur, die Ja auch Feuerbnch's GJittin ist. Ja es wäre
wirklich sehr zu wünschen , es nKtchte einmal ein so freier Geist
wie Feuerbach ein Buch über das „Ganze der Natur" schreiben,
ohne alle theologischen und philosophischen Vorurtheile, Grillen
und Voraussetzungen. Bis jetzt haben wir noch kein solches Werk.
Em solehes zu schaffen wäre vielleicht auch nur Ludwig Feuerbaeh
möglich in unserer Zeit, wie es gewiss auch nur ihm mOglteb war,
von seinem freien Standpunkte aus eine so umfassende Theogonie
zu schreiben, wie sie uns im neunten Bande seiner Werke vorliegt.
Dieses Werk ist einzig in seiner Art, es ist der Gipfel seiner
Leistungen, und Feuerbaeh wird schwerlich durch eineu Später-
kommenden verdunkelt werden, so wenig als Kolumbus, der Ent-
decker einer neuen Welt. Mit diesem Buche ist das Räthsel der
Religion vollständig gelöst und der Verfasser hätte sich die Un-
sterblichkeit erworben, wenn er auch sonst Nichts geschrieben hätte.
In vollster Manneskraft, mit der Kraft eines Giganten, steht Feuer-
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- 135
bach in der Theogonie vor uns und versetzt dem ObsknrantismQS
Streiche, wie nocb keine gegen ihn geführt worden sind. —
L. Fenerbaeh ist der Mann, den Lessing mit prophetischem
Seherbtieke erwartete und verkündete^ als er sngte: „Er soll noch
kommen der Mann, der die Keligion so bestreitet (und ihr Wesen
so beleuchtet und erklärt), wie es die Wichtigkeit und Wlirde des
(Gegenstandes erfordert, mit allen den Kenntnissen, aller der Wahr-
heitsliebe, allem dem Ernste.^' — Erst die spätere Nachwelt wird
L. Feuerbach auf die Stufe erheben, die ihm von rechtswegen ge-
bührt, und ihn in die erste Beihe setzen unter die grossen Männer
aller Zeiten und Völker.
Doch, doch! nun einmal zum Schlüsse! — Empfangen Sie
daher schliesslich, heldenmfitbiger Wabrheitszenge, edler Kämpfer
für Wahrheit, Freiheit, Licht und Aufklärung, Ghanlkter ohne
Gleichen, den wärmsten, innigsten, herzlichsten Dank für Ihre
Lehren und Aufklärungen von Ihrem unwandelbaren, treucsteu
Anhänger und Verehrer Konrad Haag, Gemeiuds-Präsident.
Feuerbacli au W. Boliu.
Beche&beig, den 16. Juli Iböl.
Mein lieber Herr Bolin! Ich war nicht wenig fiberrascbt^
ja erstaunt, als ich, nachdem erst ein einziger ganzer Tag seit
Ihrer Abreise verflossen war, schon die versprochene Schrift von
Schopenhauer erhielt. Das Paket öffnen und lesen, von An-
fang bis zu Ende lesen, war Ein Akt. Meine Neu- oder Wiss-
begierde fiel aber zunächst nicht auf die Freiheit, sondern auf das
Fundament der Moral, und fand sich reichlich befriedigt. Ich stimme
ihm vollkomnien bei, wenn er gegen die bodenlose idealistische
Moral das Mitleid als ein — m seinem Sinne einziges — reales,
positives Prinzip der Moral geltend macht, wenn er die Moral als
etwas wesentiieh sich nur auf Andere Beziehendes fasst und daher
die Pflichten gegen sich selbst ausstreicht, wenn er den Unterschied
zwischen Gut und Böse nur auf den Unterschied von Wohl und
Wehe gründet, wenn er endlich die Unveränderlichkeit des Cha-
rakters der ^fenschen behauptet. Aber er ist darin einseitig, be-
schränkt, befangen einerseits noch im Kantianismus, andererseits
im ßrahmanenthum, dass er das Mitleid, statt auf das Prinzip der
Sinnlichkeit, auf ein metaphysisches Prinzip zurücktXlhrt, dass er
den EudämonismuB aus der Moral verbannt, die Moral Überhaupt
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136
nur im Wi(lers]>rncb mit dem menschlichen Ep^oismiis ert'asst.
lTr»ehst komisch finde ieli es, dass er den Nothbehelf Kant's mit
seiner Unterscheidung^ eines intelligibelu und erscheinenden Cha-
rakters Pur ein welthistorisches Meisterstück ausgibt, weil er sich
selbst damit ans seiner GedankeDnoth heransbilft und in's Pteich
der metaphysischen Träame fltichtet Aber trotzdem ist mir die
endliche nähere Bekanntschaft mit Schopenhauer eben wegen dieser
grossen Uebereinstimmnng auch Entgegensetzung seiner nnd
meiner, theils ausgesprochenen, theils noch im Kopf znrQckhehaltenen
Gedanken von hohem Werthe und Interesse, und ich Itihle mich daher
innigst Ihnen verl)unden tiir die Mittheihmg dieser seiner 8chriften,
von denen ich bis jetzt die über Freiheit nur desswegen nicht ge-
lesen habe, weil mich das Spiel der Ideenassoziation von dem
Schopenhauer'schen Fundament der ^loral auf das Schiller-Kant'sche
Fundament der Poesie, namentlich der Tragödie geflihrt hat. Auch
ttlr Ihre gewissenhaften Exzerpte ans Sprengers Geschichte der
Medizin sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank. Ich ersehe
hieraus, dass diese nur die Schattenseite des Jak. Miliehins hervOT-
gehoben, die universelle, die ethische Bedeutung aber, die der Freund
Melauehthon's der Anatomie gab und die gerade ich an s Lieht
ziehe, übersehen hat. Sehr wichtig ist für mich ein Zitat von Ihrer
lieben Freundeshand, weil icli hieraus erfahre, dass von deu De-
klamationen Melanehtlion's mehr Bände existiren, als ich besitze,
und daher hof^, dass auch dort meine Augen Manches sehen werden,
was Andere nicht gesehen haben.
Wenn Sie, wie ich hofie, Ihre Rilckreise ttber Nttmberg nehmen,
so bitte ich Sie, mir ungefähr die Zeit Ihrer Ankunft zn bestimmen,
damit Sie mich nicht verfehlen. Wenn Sie dann bei mir statt im
Gasihause wohnen wollen, so finden Sie raein und der Meinigen
Herz und Haus zu Ihrer Aufnahme bereit. Mit herzlichem Danke
und Wunsche, dass Jupiter und Neptun Ihnen günstii? seien, liu*
L. Feuerbach.
W. Holin au Keucrbach.
Ste. Adresse bei Uane, den Itt. Aagust 1861.
Lieber Frennd! Ein zweiwöchentlicher Aufenthalt in Paris
liegt bereits hinter mir, und auch schon in der vierten Woche bin
ich hier, in den Finten des Ozeans mich an den herrlichen Bädern
erquickend. FUr mich ist der Anblick der 8ee ein heimischer; deu-
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- - 137
noch ist sie hier recht grossartig und hietet dnrch ihi*e Schönheit,
wie auch in nttchtlicher Aufgeregtheit der Winde, recht anschauliche
Belege fHr die „Theogonie". Man leht solche Mr)glichkeiten der
Gotterzeugung wirklich durch; eine Sturmesnacht bleibt mir unver-
gesslich.
Wie freut es mich, dass Ihnen die Srhrift von Scli. gefallen.
Mich hat dieser Mann schon lange angesj)r()chcn. Sie erinnern sich
vielleicht noch, dass ich ihn bereits 1859 als einen nothwendigen
Dnrchgangspankt zu Ihnen bezeichnete. Die Richtiglieit dieser
Aussage haben Sie mu* durch Ihr, ihm so vielfach beistimmendes
Interesse an demselben nur bestätiget. Ist es Ihnen aber nicht
aufgefallen, wie ein so frischer nnd wahrhafter Geist die Ver-
schrobenheit des Kantianismns behalten konnte? Wie er sich alle
mögliche MUhe gibt, diese Fesseln noch fester zu schmieden und
sie als das herrlichste (Tesclimeide zn preisen, das er je hsitte er-
langen können? Es mag pathologisch und historisch erklärlich
sein — nnd ist es auch; aber wenn ich seine eminente Originalität
gegen seinen reproduzii-ten Kantianismns halte, habe ich etwas von
dem borazischen Fischschwanz. Mich wundert dann gar nicht,
dass der Kantianismns so unverschämt von allen Dächern, resp.
Kathedern, gepredigt wird. Aber ist denn der Kantianismns in
seinem originellsten Theile, eben in seiner kuriosen Lehre von Raum
nnd Zeit, gründlich widerlegt? Denn nur in dieser geschickten
Wendung hat Kant, scheint es mir, mit dem alten Sauerteige des
Idealismus solch Aufsehen erregt, und eine noch immer nicht iiber-
wondene Verwirrung angerichtet. Man mag noch so sehr mit Ihnen
Raum nnd Zeit als Grundbedingung alles Seins, alles Wahren
und Wirklichen annehmen, so befindet man sich meist in einer
gewissen Bathlosigkeit, wenn man Kaufs transzendentale Aesthetik
widerlegen soll. Bis jetzt habe ich das einzige hierauf Bezügliche
nur bei Ihnen, aber leider nur zerstreut und beiläufig gefunden.
Das, was meines unmassgeblichcn Erachtens noth thut, ist einfach
eine kritische Auseinandersetzung jenes ersten Abschnittes der
„Kritik der reinen Vernunft". Es handelt sieh wahrhaftig nicht
nm einen Feldzug gegen alle die verstockten Epigonen des Kau-
tianismus, die sanmit und sonders auf seinem originellen Ausgangs-
punkte geblieben und des alten Königsbergers Argumente, mit einigen
anschaulich sein sollenden Exempeln ausstaffirt, mechanisch wieder-
käoen; — sondern um den Kantianismns selbst, namentlich weil
Schopenhauer, der jetzt endlich die verdiente Anerkennung findet,
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138 —
diesen Standpunkt obne Weiteres aDDimmt nnd dadurch die Be- !
seitignn^^ dieser Illasfon yerzfVgert and erscliwert. leb mdehte daher,
dass Sic mit Schüi)enhaucr's Ausgangspunkte, wie er ihn in geiner
Abliandiung „reber die vicrfaclie Wurzel des Satzes vom zureichen- '
den Grunde" auseinanderlegt, genau bekannt würden, überzeujrt,
das8 Ihnen dann nicin altes hier wiederholtes Anliegen besser ein-
leuchten werde, als ans meinen mangelhaften nnd ungeschickten
Andeutungen, die aus der Tielleicht irrigen Annahme entspringen,
dass mit dem Kantianismus noch nicht ganz gründlich aafgCr&nmt
ward. Mit herzlichen Grtlssen an die Ihrigen, in steter Frenndschaft
nnd Liebe Wilhelm BoUn. ^
Fenerbach an K. Haag.
Hechenberg: bei Nürnbor«!:. (\en 3. Scpt ISrtl.
Verehrter Herr! Für einen Menschen, dem das unglück-
selige Loos beschieden war, zum Thema seines Lebens nnd Den-
kens einen Gegenstand zu machen, welcher in den Augen der £ineo
Uber aller Kritik nnd Vernunft^ in denen der Andern unter aller
Kritik nnd Vernunft steht, welcher daher seinen Kritiker und Er-
forscher bei den Einen zu einem FreTler, bei den Andern zu einem
Thoren stempelt, der sein Licht unter den Hchetiel stellt,* seine
Zelcbrität in der Obskurität sucht; für einen Menschen, dem über-
dem eine solche bescheidene Lebensstellung zu Theil geworden,
dass dem materiellen Ertrag nach ihm jeder Stietelwichser oder
Hausknecht berechtigt erscheint, mit Geringschätzung auf den
tiefsten Denker herabzublicken, und zudem noch die Natur so wenig
Dttnkel und Selbstzufriedenheit eingeflOsst hat, dass es ihm sehr
hftnfig vorkommt, als sei er Nichts und habe Nichts geleistet, flir
einen solchen Menschen — und ein solcher bin ich — ist ein so
anerkennender, so begeisterter Zunif aus unbekannter Ferne, wie
der Ihrige, ein höchst wohltbätiges und erfreuliches Meniento viverc
et scribere. wenn er sich aucb gleich nicht verhehlen kann, dass
nicht der Kubus des von der T^egeistcrung ges])endeten Lobes, sou- ;
dem nur der Wurzelextrakt daraus der wahren Grösse des Gegen.
Standes entspricht. Nur in dem Urtbeil, das Sic über meine
Theogonie fällen, stimme ich Ihnen bei, obne das Mittel der £z-
und Subtraktion anzuwenden, wiewohl Tielleicht nur aus dem hOebst
mensebliehen Grunde, weil das jüngste Kind auch das geliebteste
ist, namentlich dann, wann es zugleich das letzte Fiüdnkt der
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' — - 189
ZcugiingHkraft ist. Ein Deatsobamerikaner bat bereits aiiob wirklich
meine Theogonie bald naeb ihrer Erscbelming meinen Sc hwanen -
^esang g^enannt. Das Schicksal , das mich unterdessen meines
alten geliebten Miiseiisit/AS in Bruckberg beraubt niul wider Willen
auf tlie Landstrasse, in die Nabe einer geriinsebvollen Fabrikstadt
gesetzt, scheint dieses absprechende Wort boshafter Weise zur
Wahrheit machen zu wollen. Es lehlt mir zwar bis jetzt weder an
Willen noch an Kopf und Stoft'; aber es fehlt mir die passende
Lokalität, das Nest znm AnsbrQten meiner Gedankeneier, und leider
gehöre ich zn den Vögeln, die das Fortpflanzungsgeschäft nur in
einer ganz absonderlichen Lokalität besorgen können. Ich weiss
daher selber nicht, ob die vorlauten, absprechenden Yankees oder
die an ihrer, so auch meiner Znkunlt nicht verzweifelnden Deutschen
Recht haben werden. Nur so viel weiss ich gewiss, dass es besser
ist als Schwan zu enden, denn als geschwätzige Gans sein Dasein
fortzusetzen, dass also entweder keine Fortsetzung von mir mehr
in Ihrer Bibliothek erscheinen wird, oder eine solche, die den Yankee
EU einem Pseudopropheten macht. Was aber auch erscheinen wird,
es wird niehts sein als weitere AusfKhmng und Bestätigung des
in der Theogonie oder in den „Grundsätzen der Philosophie^'
Ausgesprochenen. An einen absolut neuen Gegenstand zu gehen,
widerspricht den physiologisch-psychologischen Gesetzen, denen das
Alter, in dem ich bereits stehe, unterworfen ist. Ohnedem kann
und soll der Mensch nur Eines, nicht Vieles, geschweige Alles
leisten und thun. Doch wer weiss, ob nicht einst auch noch der
wirkliche Feuerbach statt des papiemen Ihnen Gesellschal't leisten
wirdi Es hat nicht viel gefehlt, so wäre ich noch diesen Herbst
nach Zürich gekommen, wo ich werthe Freunde habe, und dort
alleui natürlich nicht sifesen geblieben. Also in Hoffiiung einer nicht
nur schreibenden, sondern auch lebendigen und anschauenden Zu-
kunft Ihr ergebenster L. Feuerbacb.
Feuerbach aa W. BoHn.
• Kechenberg, «icn 2«). Soitt.
So eben erhielt ich Ihren Brief, lieber Herr Boll n. Nach Paris
habe ich nicht geschrieben, weil ich nichts zn schreiben hatte, ich
hätte denn meine Einladung an Sie, auf Ihrer Rttokreise bei mir
mit Sack und Pack einzukehren, wiederholen sollen. Wozu aber
ehie solche Wiederholung zwischen Männern, die sich bestreben,
0
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140
der Menschheit, folglieh aach sich selbsti keine Komplimente, son-
dern die Wahrheit zn sagen? Die »Probleme der Ethik'' und die
vierfache Wurzel des Satzes vom zareichenden Gmnde'' gehören
aber in keinen Brief, sondern in eine Schrift, und zu einer solchen,
worin diese Gejj^enstiindo, wenn aucli nur kurz, behundelt werden
sollen, werde ich noch hoflcntlich Zeit und vor Allem Kaum finden:
un«l hei Gcle^;enheit dann meinen that.säehlichen — oder wenn Sic
wollen, schriltlichen, aber nicht brieflichen Dank für die mitgetheiltcn
Schriften abstatten. In freudiger Erwartung Ihrer baldigen Ankunft
Ihr Fb.
Konrad Haag an Feuerbach.
HQttweilen, den 5. Oktober 1S6I.
•Mein theucror, vereh rt es ter Herr Feuerbach! Ihr
werthcH Sclireibcn, das ich Anfang des vorigen Monats erhielt, hat
eigene und verschiedenartige Gefühle in mir hervorgerufen: Eines-
theils das Gefühl der Freude, dass mein Brief einer Antwort werth
gefunden wurde, und dass ich nun auch Etwas von Ihnen besitze^
was kein Anderer hat; — dann das Gefühl der Unwürdigkeit, m
brieflichem Verkehre mit einem Manne zn stehen, der zu den Un-
sterblichen gehört, und in der KnIturgeFchichte aller kommenden
Jahrhunderte mit Ilcuhachtung genannt werden wird, wenn die
Menschheit nicht von einem bi»scn Dämon — zu ewiger Blindheit
und Diinnnheit vcrdamfnt ist, währenddem meine Wcniij^keit nach
Vertluss von einigen Jahren der Vergessenheit anheimfallen wird.
Mit Wehmuth und Trauer erfüllte mich die kurze Schilderung Ihres
Schicksales; ich sehe, dass Ihr Lebensloos kein so glückliches und
glänzendes ist, wie Sie es durch Ihre Leistungen yerdient hätten
und wie mir meine Phantasie dasselbe ausmalte. Als ich nämlich
in Ruge's Werken gelesen hatte, dass Sie das „Wesen des Christen*
tliiiins'' im Schlosse zu Bruckberg geschrieben hätten, und im Vor-
worte zu Ihres Vaters Leljen, dass Sie sich in einer glücklichen,
weil unabhängigen Lage betanden, glaubte ich, Sie lebten in hc-
neidenswerthen Zuständen und Verhältnissen. Aber leider! haben
Sie, wie es seheint, das Schicksal der grossen Männer früherer
Zeiten, eines Kepler, Galilei, Spinoza etc. „Wer darf das Kind
beim rechten Namen nennen?'' „Das Beste, was man weiss, kaon
man den Buben doch nicht sagen! „Die Mensehen sind durcb'B
ganze Leben blind'% ihre grOssten Wohlthäter lassen sie oft halb
Ul
•
imAttafSm, die Verkttnder der Wahrheit werden verhöhnt und in
to Staub getreten, und fttr „ihre Leistungen werden sie dann anf
[ ätn Ifist der Geschichte geworfen/' Sie sagten als junger Mann:
„Nar ftlr den Erbärmlichen ist die Welt erbärmlich." Vielleiclit
sind Sie nach vielen Lchenseiiahiungen jetzt aucb nicht mehr ganz
entschieden dieser Ansicht. Wenigstens ich niuss gestehen, dass
in gewissen Lehensmomenten es mir scheint, 8c ho [)en hau er habe
nicht 80 ganz Unrecht, wenn er diese Welt als die miserabelste,
die sicli denken lässt, schildert. Ich werde oft, wenn ich das Leben
nnd Treiben der Menschen beobachte, für Augenblicke zum Ver-
ächter dieser zweibeinigen Thiere. — „Klopfte man an die Grilber
nod fragte die Todten, ob sie wieder auferstehen wollen, sie würden
mit den KOpfen schütteln.'' Der Vers: „Die Welt ist vollkommen
liberall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual*', ist eben
aiicli nicht ganz wahr. Die Welt, die Natur ist im Ganzen ebenso
vollkommen und unvollkommen, ebenso gut und ebenso böse, als
der Mensch, der ja auch zur Natur gehört, eine Hilduug, ein Theil
derselben, wie wir annehmen die Quintessenz wenigstens der Erden-
natnr ist. Es ist nichts im Organischen, das nicht anch im Un-
oiganischen ist; das Ganze hat keine Eigenschaften, es ist eben
Alles zogleich, was sich nur denken lässt Dass es Ihnen oft vor-
kommt, als seien Sie Nichts etc., kann ich mir erklären, wenn ich
mich an die Stellen in einer Ihrer Abhandlungen erinnere, wo es
heisst: „Je mehr ein Mensch ist, desto weniger bihlet er sich ein
und umgekehrt." „Wer sich nie als Nii lits getühlt, der ist auch
nicht Etwas.'' Einen üblen Eindruck hat es auch nicht auf mich
gemacht, dass 8ie mein Lob übertrieben finden. Bescheidenheit
steht auch grossen Menschen gut an, wie auch ein gewisser Grad
von Selbstgettlbl jedem Unverdorbenen eigen ist und sein soll.
Gleichwohl lass' ich mir meinen Fenerbacb nicht nehmen, ich halte
es hier wie der Gläubige mit seinem Christus, wenn er singt:
llemen Jesum lass' ich nicht! — Am Wenigsten gefällt mir die
Stelle Ihres Briefes, wo Sie mich im Zweifel lassen nnd selbst be-
zweifeln, ob noch jemals ein literarisches J'rodukt aus Ihrer Feder
im Drucke erselieinen werde, währenddem Sie doch nebenbei l>e-
nierkeu, dass es Ihnen weder an ^^'illcn noch an Kopf und Stoff
fehle, und sich nur über die unpassende Lokalität beschweren.
Allein ich glaube denn doch, der Wille und die Begeisterung fehlen
ein wenig; sind diese im höheren Grade vorhanden, so sieht nnd
hOrt man nicht, was in der Kähe rorgeht, man lebt nur in seinen
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Ideen. Ich wUrde Htolz darauf Kein, weun ich mit Audereu — icb
erinnere micb hier an die Rezension ihrer ,|Tbeogonie'' im ^abr-
hundert" von M. Hess ^ Sie dazu bestimmen kttnnte, im Dienste
der Wahrheit, des Uchtes und Fortschrittes noch einen 10. Baad
zu sc^reihen, worin Hie im Interesse der Menschheit der Hyder
dcK Aberglauben», <ler FiiiHterniHs und Damaiheit nocli einen kräl-
ü'^vn FiiHMtritt bcibriiclitcii, wcini nir»<;li('li noch ctvvaH der 'rheog<»iiic
KI)enl)Urti^(*s liclcrtcii, dciiii <li(,',scs Werk zu nbertren'cn, wird selbst
ihnen nicht möglich sein, ich uiiihh dicscH annehmen^ wenn ich
mich unter vielem Andern daselbbt nur an die Ida^HiMclie Abhand-
lung erinnere mit der Aufschrift: ^^Die Theodicee'* und die unver-
gleicbliche Steile daselbst Uber die Naturgesetze. Welch tiefer Blick
in das Wesen der Natur 1 Wie vrahr! Wie unwiderleglich! Konnte
ich etwas Aebnliches schaffen, ich würde noch mehr als einen
Hand Hchreiben und auf daK Geheul der Finsterlinge und Dumm-
köpfe nicht achten. I>;iss Sic der 'J'he()h)gie keine KonzcHsioncu
machen wllnlen, wi(^ seiner Zeit Newton, V oltaire, Fichte, (Joethe,
ileine etc., hciiliesse ich au8 dem Satze, wo es heinst: „Was aber
auch noch erncheineu wird, es wird nicht» sein als weitere Aus-
tUhrung und BeMtUtigung den in der „Theogonic'^ oder in deo
„Grundsätzen der Philosophie" Ausgesprochenen.'^ Wäre ich ein
reicher Mann, ich würde Ihnen selbst noch ein Honorar von eu
paar Tausend Thalem aussetzen fUr einen neuen Band. Aber ieb
lebe wahrscheinlich noch in weit einfacheren und bescheideneren
VerhUltiiiH.seii als Sie, in ntiller Einsamkeit und Zm iickgezogenheit,
ohne Familie, ohne \V(!ib und Kind, ohne Hund und Kat//, in einem
alten Hause, ein ei^Mner Kautz! J)aH Lic^bste, was ich iiabe, sind
meine iiUcher uikI rortrüts berühmter Mäuuer und Schriftsteiler,
unter denen auch ihr iiilduiss von L. iVieu prangt. Und zwar
habe ich ihre ZOge so studirt, dass Sie schwerlich incognito bei
mir erseheinen könnten, wenn nämlich das Bild naturgetreu ist. —
Ich bin Einer von denen, die sich um des Himmelreichs'' willen
verschnitten haben, zwar nicht pli}MiHch, aber moralisch. Als ieh
niiiiilicli, hau]>tsächlicii durch llire und die Strauss'schen Werke,
vom Kirchen- und Hibelghiuben vollständig abgeführt worden war,
k<»nntc ich es nicht mehr über nii< h bringen, kirchliche Gebräuche
und Zeremonien mitzumachen. Und doch wäre idi dazu gezwungen
gewcHcn, wenn ich biittc heiratben wollen. Mich durch einen Piaffeo
mit einem Weibe in den „drei höchsten Namen'' susammeokappefai
und dann etwa später Kinder taufen und konfirmiren lassen
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— 143
ueinl Das ging bei mir nicht mehr. Ich blieb daher Icdi*; und
beuge micb vor keinen Phautasicgcbildcn, und das sind alle Götter
ohne Ansnahme. Selbst wenn Feuerbach im Alter noch iu's Heer-
lager der Gläubigen hinüber gehen würde, er hätte keinen Nach-
folger an mir; ich würde nur annehmen, der PhoBphor wäre ihm
ans dem Gehirne verdunstet So lebe ich zurückgezogen und un-
abhängig im Besitze eines Gütchens, das ich grOsstentheils selbst
bearbeite, bin keinem Menschen etwas schuldig, habe aber auch
niclit viel Guthaben bei Anderen. - Doch wieder zu viel von meiner
Wenigkeit, vom lieben Ich! Eines jedoch muss ich noch kurz er-
wähnen. Ein schönes Buch wurde mir vor einigen Tagen von einer
Itenachbarten Bttchhaudiung zugeschickt, das Sie wahrscheinlich
auch schon kennen, „Naturforschung und Kulturleben" von Bohner.
Der Verfasser ist einer der dickgläubigsten, die ich kenne, ein ge-
lehrter Narr oder ein Schurke. Der unverschämte, gewissenslose
Zelot und Zionswächter zählt Sie und Rüge zum materialistischen
Pöbel, sagt, Feuerbacli (|uacksalbere in die Religionswissenschalt
liiueiu n. s. w. Die Gewissenlosigkeit trä*;t er zur Schau durch
seine entstellten, verlalschten Zitate; unter Anderen ist auch der
bekannte Passus aus Goethc's Faust: „Wer dart ihn nennen" n. s. w.
ganz zu Gunsten der Orthodoxie verändert und verfälscht. Alles,
was er zur Kechtfertigung oder zum Beweise lUr die Wahrheit des
Kirchen- und Bibelglaubens aus der Naturwissenschaft aufführt,
spricht gerade gegen denselben. Wie kann man z. B. auch eine
Millionen Jahre lange Entwicklung des Sonnensystems oder jedes
einzelnen Weltkörpers, oder auch nur die langweilige Bildung: der
organischen Wesen auf unserer Erde, namentlich auch des Menschen,
mit dem Glauben an ein Wesen zusammenreimen, das diese Him-
melskörper etc. durch einen Machtsprueh in einem Augenblicke
hätte hervorbringen können? — Wie zum Verzweifeln langweilig
mUsste die Existenz eines Wesens sein, das von Ewigkeit her schon
Alles genau wüsste, was bis in die fernste Ewigkeit hin geschehen
wird, vor dem die ganze Welt oder Weltallsgeschichte schon fertig
abgerollt daläge, — und das dann ohne alles Interesse — gleich-
sam den mOssigen Zuschauer spielen müsste durch alle Ewigkeit
hindurch VI Wo/u auch das lästige Ungeziefer zur Plage und
Qual der Menschen und Thiere und so vieles andere liöse. — wenn
ein Gott voll Liebe die Welt gemacht hat? — Jeder Flobstich tiber-
zeugt mich davon, dass ein solches Wesen nur in der Einbildung
existirt, nur ein Hirngespinnst ist.
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U4
£mpian<;-en Sie schliessliclii werthester Herr! die Versicherung
wahrer Hoeliachtung von Ihrem ergebensten Konrad Haag, am
Seebach in Httttweilen.
P. S. Also zn den beiden grossen Atheisten Holbach nnd |
Fenerbach ein dritter, ebenso entschiedener , aber in Bezug anf
Wissenschaft kleiner Atheist am Seebaeh. Eine schOne Dreieinig-
keit! würde ein Gläubiger sagcu. ^ j
Fenerbach an BQchhftncIler Trabner iu London.
I
Ucclioiiherg bei NurubLTia;, «kii Nkt l^r. 1.
Herr VcrlagsbuchhUndler Trlihner in London! Herr Jakob
von Khanikoffy gegenwärtig in Heidelberg, ist von mir aufgefordert
worden, meine bei H. Otto Wigand in Leipzig erschienenen Werke,
mit Ansnabme derjenigen Scbriften, die sich nur auf speziell deutsche
Zustände nnd Erscheinungen beziehen, unter seiner Leitung und
Aufsicht in die russische 8j)rache llhersetzen zu lassen, und bat
diese Auft'orderuii;:; mit der grossten Bereitwilligkeit, ja Begeisterung
auf- und angenouunen. Da nun bereits in llireni in Russlanil
rühmlichst bekannten Verlage eine Uebersetzung meines Wesens
des Christenthums" erscheint, eine Uebersetzung, deren Gelungen-
heit die Billigung und Empfehlung des berühmten Schriftsteilen
Alezander Herzen verbürgt, nnd welche daher recht gut gleich als
der erste Band auf dem Titel bezeichnet werden könnte, so^wilnscbe
ich in Uebereinstimmnng mit Herrn Khanikoff, dass auch die tibrigeu
Werke von mir bei Ihnen erscheinen, vorausgesetzt, dass Sie meine
liechte als Autor anerkennen und zu annehmbaren Bcdinirun^cn
sich verstehen. Ich bemerke zu^lcicli, dass ich die Honorirung der
Tebersetzer libcrnehnie, und stelle daher, wie sich von selbst ver-
steht, nur iu der NOraussetzung, dass 8ic es nur mit mir zu thun
haben werden, die Frage an Sie, wie viel Honorar — am zweck-
"*) Dor JJniVf ist iiulif iik Ih-. Auf iiirin. AiilVai^-c m HiUtwi-ili'n atitwortd mir
•It.T jetzige (ii'iiK'imlcvdi'äft'Iier, Ilr. ('. \\ü;;<t: ..ila>> K. Haan im Jahre l^iVl ge-
ätiirbcn« und dasb er seine gaiue Bibliutiiek der hiesigen (leiih iiuK' totiitr. Bei der
amtlichen In?ontur liabcji die Erbburcclitigtcii das diingeiidc (ie^uch gestellt, es jiiöcli-
tt^n ihnen die Werlte von L. Beuerbach, Stnutss etc. belassen worden. leb habe
ilöDi AnsDchen entsprochen. Bei der Inrentnr des Nachlasses habe ich dann ein Cos-
vi'ft bemerkt mit der Aufschrift: «Zweitos Schreiben an den ;rrB>^ten Phliosophcn der
Jetztzeit, Lndwif^ Feuerbach", das ich dann zn meinen llanden nahm; darin hf
•*in «Eigenhändiges Schreiben d. d 3. Sept 1801 von Ludwi(r Fenerbach* (siehe oben)
nob;»t zwei Zuschriften von dem Verstorbenen an L. F.'' D. H.
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/
Uö
iiiUssi^sten nach Bogen — sei es im deutschen oder russi.sclieu
Funuaie berecbnet — Sie mir für mich und meine Uebersetzer zu-
sammen zu geben gesonnen sind. Indem ich Sie um eine baldige
Autwort ersuchei zeiclme ich hochachtungsvoll
Dr. L. Feuerbach.
Trilbner an Feuerbacli.
London, den 4. Oeoomber 1861.
Hochgeehrter Ii e r r I Ihre schätzbare Zuschritt vom 31. Ok-
tober ist mir richtig zugegangen, und muss ich viehnals um Ent-
schuldiguniz; l)itten, dass ich nicht früher geantwortet habe. Als ich
nämlich Ihren Briet' erhielt, hatte ich noch kein Exemplar der Leber-
setznng Ihres Werkes über das „Wesen des Christenthums'' in
Uänden und hatte auch noch keine Idee, wie sich dieses Unter-
nehmen bnchhändlerisch gestalten wttrde. Ich wollte desshalb erst
einige Wochen verstreichen lassen, ehe ich Ihnen antwortete, nm
ZQ sehen, was für Bestellungen von Seiten des Buchhandels ein-
laufen würden. Leider ist bis jetzt die Nachfrage sehr gering ge-
wesen, was allerdings nicht beweist, dass der Band nicht eventuell
(loch noch Erfolg haben kann, namentlich da im Winter aus Ihnen
wohl bekannten Gründen das Geschäft mit meinem russischen Ver-
lage stets stockt. Trotzdem nöthigt mich aber die gemachte Beob-
achtung znr Vorsicht, um so mehr, als das Geschäft, welches Sie
mii' vorschlagen, ein sehr bedeutendes ist — und ich möchte dess-
halb pausiren, bis ein mässiger Erfolg mir gezeigt hat, dass das
russische Publikum nicht allein den Wunsch hat, sondern auch den
lebhaften Willen, k tont prix Ihre Werke zu erlangen, wie es mit
deu Herzen'schen der Fall ist. Ich glaube schon im März oder
April im Stande sein zu können, einen bestimmten Entschluss in
Bezug auf die Ilerau.sgal)e Ihrer Werke zu fassen, wurde aber
wünschen, dann mit einem Werke zu beginnen, welches noch nicht
v^öiTentlicht ist und desswegen ans Ihrem Mannskripte übersetzt
' werden könnte. Mit grOsster Hochachtung Nikolaus Trttbner.
Fenerbach an Dr. J. Duboo.
Bechenborg bei Nombeig, den 26. Januar 1862.
Verehrter Herr! Ks war mir sehr interessant, eine mir mir
dem Namen nach bekannte, gleichwohl so tief und weit eingreifende
ürÜD, Feaerbaclw Ilriefwechücl n. NncliloM. II. 10
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Ut>
Krankheitserscbcinnng unserer ;Zeit aus Ihrer Feder keunen vn
lernen*). Sehr praktisch finde ich Ihren Vorschlag zu einem diesem
Uebel entgegengesetzten Vereine, aber eben, weil er praktisch ist,
wird er bei uns nur auf dem Papiere stehen bleiben; denn das ist
der grosse Uebelstand bei uns, dass wir nur den Feinden der
Freiheit und Menschheit das Recht und Geschick zur Organisation
und Korporation überlassen, wir selbst a})er unter uns, trotz unseres
tbeoretischen Materialismus, im Leben ohne allen materiellen Zu-
sammenhang und Bestand, uns in's Nichts der blossen Gedanken-
freiheit verlieren. — Sie haben gar nichts versäumt, wenn 6it das
„System der Katar'' (? !) des Herrn * * noch nicht gelesen haben.
Nach dem, was ich gehört, hat derselbe die grosse Indisluetioa
gehabt, mein auf sem Ersuchen gefälltes, in einem Briefe nieder-
gelegtes Urtheil ttber seine Schrift ohne meine Erlaubniss zn ver-
öffentlichen, und zwar mit Weglassnng des Ton mir ausgesprochencD
Tadels — denn ich habe nur einige Sätze gelobt. Wahrlich, uusere
Literatur ist eben so miserabel wie uusere Politik. Was gäbe ich
darum, wenn ich die Feder mit der Ilaeke vertauschen kr>iuitel
Indem ich Ihnen zum neuen Jahre Glück wünsche und lUr die
Mittheilung Ihrer Schrift Dank sage, bin ich Ihr ergebenster
L. FeaerbacL
Derselbe an denselben.
Bechenbeif bei KOnbeif, den 10. Joli ISGl
Verehrter Herr! Es bedarf keiner Vergebung meinerseits,
es bedarf vielmehr nur der naebträgliehcn N'ersieherung meiner
vollkommenen Zustimmung zu dem Gebrauche, den Sie von brieflich
Ihnen mitgetheilten Aeusserungen von mir gemacht haben. Es ge-
schah ja diese Veröffentlichung nur im Interesse meiner eigenen
Sache und selbst Person. Welche bttbisehen Urtheile ttber mich
existiren nicht unangefochten und nnwiderlegt in der deutsehen
Bttcherweltl Zu welcher erb&rmlichen Rolle in der Unterwelt der
deutschen Literatur hat mich nicht auch der furchtbare literansche
Jupiter Stygius in Leipzig verurtbeiltl Ich liedauere nur, dass Sie
die Lticken meiner Schriften nur aus Jiiieleu ergänzen konnton
und mussten, und dass das Werk, das ich jetzt unter der Feder
*) Du Johuneestift und die Propaguida des Banlien Huises. Eine Wttmnnf.
Leipzig. Job. Ambr. Barth.
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147
habe, noch lange auf seine Vollendang, noch länger anf seine
VerSffentUchnng wird warten lassen. Unter den Gfregenst&nden
dieses Werkes- spielt auch das Thema, worüber Sie schon in Ihren
ersten Briefen an mich Fragen gestellt hatten: die Willenslreiheit,
eine Rolle. Ein Hauptpunkt ist hier in dieser Arbeit die Lösung
des Knotens j nus dem sich Kant und nachher Scliopenhauer mit
einem »Salto mortale in die intellektuale oder vielmehr Traumweit
losgemacht haben. Gegenwärtig stehe ich aber an ganz anderen
Punkteuy im Mittelpunkte des Streites zwischen Idealismns und
Materialismus. Erst vor einigen Tagen habe ich die Kritik der
idealistischen und somnambulistischen Psychologie HegePs yollendet.
Ich komme übrigens auch hier, aber auf Veranlassung des Gegen-
standes ebensowohl, wie auf Grund meines hauptsächlichen Berufes
und Theraa's, wieder auf die Gottheit, die Tlicologic und Keligion.
Aber ich behaupte es immer und immer w^icder: nur die Religion
oder, was Eins ist, die Gottbeit und das damit Zusamnienhilngende
ist Sache der Menschheit, der Geschichte, des Volkes, alles Andere
♦Sache der Schule. „Nur die Gottheit", sage ich an einer Stelle
meines neuen Werkes, „entscheidet das Schicksal der Psyche, der
Seele.'' Hinter der Seele steckt nur die Gottheit, hinter dem
Idealismus der Theologismus.
Es soll mich sehr freuen, wenn Sie mich besuchen, aber zeigen
Sie mir gefälligst lange vorher ungefähr die Zeit Ihrer Ankunft
uu, damit ich zur rechten Zeit hier bin. Ergebenst
L. Feuerbach.
Dersolbu an licnscibüii.
Uechenbeig, dcu V6. Docembcr lb02.
Verehrter Herr! Erst in der vorigen Woche habe ich mir
von Erlangen, nachdem ich schon lange vor Ihrem letzten Briefe
in Nürnberg mich vergeblich nach den „Deutschen Jahrbüchern"
lungesehcn hatte, Ihren Autsatz „wider die Grundanschauuiigen
des philosophischen Idealismus*' versclialft und mit derselben Gründ-
Hchkeit gelesen, mit welcher er geschrieben ist. Ich stimme Ihnen
vollkommen bei sowohl in dem, was Sie aus mir Uber mich, als
in dem, was Sie aus sich selbst über Kaum, Kausalität und Iden-
titätsgesets sagen. Ich habe Sie frtther nur für einen philosophischen
Dilettanten gehalten, aber Sie haben dies Vomrtheil gründlich
widerlegt. Darum hat mich auch Ihr Urtheil über mich, als ein
10*
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aiii* Sachkenntiuss gegrttndetes, ümerliehst erfreut und ermonteit.
leh bedauere nnr, dass ieh nieht gleieh naeh der Lesung Ihres
Anfsatees meine G^anken und Eindrucke zu Papier gebracht
habe. Ich habe iiämlieh gleichzeitig^ mit dem Julihei'te einige läiig:st
gesuchte ahe Schril'tsteller erhalten und sogleich nach Ihnen vor-
geuoninien, darunter den alten Porp hyrius de abstinentia ab usn
animalium. Wozu? werden »Sie tragen. Ich habe die letzten Mo-
nate her zu meiner Erholung und Satisfaktion den vielberUchtigten
8atz von mir: „Der Mensch ist, was er isst'^ zum Gegenstande
meiner Feder gemacht , aber so, dass ich zugleich die Bedeutung
des Opfers you Speise und Trank zu memem Thema machte y in
dem Sinne dieses Satzes den Sinn des Opters finde und nachweise.
Ich bin schon fertig, aber nachträglich musste ich zu meiner Ver-
gewisserung lesen, was ich noch nicht gelesen hatte. 80 sind
meine Gedanken von Ihnen al){;ek(>mmcn. Ich habe übrigens selbst
Uber die Kant'sche Apriorität des Kaumcs und der Kausalität iii
den letzten Jahieu Mancherlei gedacht, und wie es mir eben in
den Kopf kam, zu Papier gebracht Was sie tiber die immer- oder
fortwährende — ich zitire ans dem Gredächtniss — Wahrnehmung
als Erklämngsgrund der Tcrmemtlichen Aprioritftt oder Idealitft
bei Gelegenheit des Identitätsgesetzes sagen, stimmt fast yerbotenns
mit mir ttberein. Nur mache ich yor Allem den praktischen Stand-
punkt, den Standpunkt des Lebens vor dem Standpunkte dos
hölzernen Katheders auch in dieser Frage ji^eltend. Wenn ich dazu
kommen werde, auch diese Gedanken für den Druck herzurichten,
so werde ich gewiss auch Ihre Gedanken nicht imbenutzt lassen.
Ich wünsche nur, das Jhre Kedaktionsgeschäfte Ihnen erlauben
mögen, öfters Proben you der modernen — nicht absolutistischen,
nicht monaiehischen — sondern sozialistischen, gemeinschaftlich
denkenden Philosophie zu geben. Mit diesem Wunsehe Ihr e^
gebenster L. Feuer b ach.
Feuerbach an W. Bolin.
Rechenbei^, den 15. Febr. 1S62.
Lieber 11 e r r Ii 0 Ii n ! Die Stimmung zur Öchriltstellerei stellt
sich bei mir so selten ein, dass ich, um diesen seltenen und heikein
Gast bei guter Laune zu erhalten, alles Andre bei Seite setzen
muss. Wie Sie wissen, beschäftigte ich mich gerade w&hrend Ihrer
Anwesenheit mit der Bedeutung der TodtenbeschwOrung als Nach-
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149 -
trag zn meiner Unsterblichkeit vom Standpunkte der Anthropologie".
Die Hedeutuiig führte micli auf die Bedeutiuig des Unsterblichkeite-
glauhciis überhaupt, namentlich hei den antiken und rohen Völkern,
die zwar schon in der eben erwähnten Abliandlung von mir richtig
angegeben, aber doch dort nicht genügend begründet oder gar
erschöpft worden ist. Diese Bedeutung und die damit züBammen«
hängenden Fragen beschäftigten Kopf und Feder bis nngefUhr die
Ifitte Dezember, obgleich das sehriilstellerisehe Resultat der Quantität
oach nicht mehr als einen Dmckbogen betragen mag; denn ich
bin nun einmal, wenn auch vielleicht znr Tiefe, doch zn den beiden
andern Dimensionen der Breite und Länge schlechterdings nicht,
weder geistig noch leiblich, prädestinirt und disponirt. Von der
1 usterblichkeit machte ich ohne Autenthalt einen Sprung zu ihrer
Mutter oder, wenn Hie lieber wollen, Tochter, — der Freiheit. Und
ich wollte nun abermals nicht eher an Sie mit der Feder denken^
als bis ich auch dieses Kapitel , das auch nur ein kleines Ganzes
werden soll, abgefertigt hätte. Allein theils äussere Unterbrechongen,
theils saehliche Gledankenanstände nnd Verstimmnngen, veranlasst
dmvh die Unbehaglichkeit nnd Unvertriigliehkeit mehier hiesigen
Wohnnng, ja Existenz Überhaupt, mit meinen geistigen nnd selbst
leiblichen Bedtirftiissen und Gewohnheiten, haben mich, ich hoffe
nur auf kurze Zeit, von der Vollendung dieser Aufgabe abgezogen,
l'nd ich benutze Jetzt diese Pause, um endlich die Empfindungen
und Gedanken auszusprechen, die Ihr letzter Brief in mir erweckt
hat. Ich war, oft'en gestanden, eben so betrübt als unwillig darüber*),
dasB Sie bei Ihren schönen Kenntnissen und Anlagen noch immer
nicht darüber mit sich im Reinen sind, ob Sie znr Philosophie oder
zor Poesie bestimmt sind oder sich bestimmen sollen, was ziemlich
eins ist. Ich sage Ihnen aber, dass Sie als ein Sohn dieser Zeit
weder znr Poesie noch znr Philosophie, sondern nnr dazn bestimmt
sind, der Sache der Menschheit zu dienen, die jetzt* ihre drin-
*) Entschnldigang! Wio die Menacben gewöhnlich BUcher lesen und rezenüireu,
so habe ich auch diesmal Ihren Brief nicht na<-]i dorn Original, sondern nach drr
Vcljersetzuii^ nnd Gestaltung in meinem Köpfe beantwortet Jetzt, nachdem ich das
Original wieder gelosen, erkenne ich meine Expektoration nur als ein Produkt der
V''rniis< hiiiif;f des Sul))<'ktiv< n mit dt:m ( )^i<'kfiveii. (ilciehwolil s. hif kc ich «leii Hii' f
fort. w«;il er nun i'innial ^e>rliiiel)eu ^^t und dorh, wit; ich glaube, eine aligeuieuie,
/. it^-^i iii.is>r Wahrheit aus^l»ricllt. Auf alle l'iillc eMts< h-idigt Sie fUr den Rricf die
rhiit..-.M:ij'liic [es war seine ci^^en»; Karte, ganze Figur, sitzcndj, ilie ich beinahe ver-
gessen Ii alte. ^^Nachträgliche Einschaltung F. 's)
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IJM)
gendste Angelegenheit ist Diese Sache ist aber weder Poesie noch
Philosophie, oder Beides, aber nnr im Sinne nnd Dienste dieser
Sache. Ob Poet, ob Philosoph, ist ganz gleichgültig: es handeh
mir (larinii, daRS Sie das einmal als wahr und nothwendig
Erkannte in dem Ilinoii zu (Jebote stehenden Wirkungskreise ans-
Sl)rechen, geltend machen, Andern auch zu ConiUth nnd Verstand
bringen, sei es nun vermittelst der reinen (»der unreinen Vernnntt.
,,Realismu8^^ ist das Wesen nnd Wollen der Zeit; also realisireu
Sie, was Sie wissen und denken, machen Sie Ihre geheime Liebe'^
~ nieht zu meiner Person, aber zn der Sache, der meine Person
angehört — zn einer Öffentlichen, ehrlichen, fmehtbaren, Kinder
zeugenden. Damm sollen Sie nieht die Poesie an den Nagel
hHngen ; aber Ihr Zweck kann nnd soll sie nieht sein. Sie bleibe
den iungebnngen des Augenblicks, dem Drang der Umstände nnd
Gefühle, aber stets im Dienste der Jetzigen Ilerzensangelegenlioit
der Menschheit, überlassen. Ks Ichlt Ihnen weder an Talent zniu
Denken noch zum Dichten; aber es ist nothwendig, dass 8ie sieh
einen praktischen Zweck setzen, dass Sie sich konzentriren , dass
Sie sich verheiratben , wenn anch nicht mit einer Person, doch
mit euier Sache. Haben Sie den Pnnkt der Konzentration, der
Verdichtung gefunden, so haben Sie auch den Yereinigungspunkt
von Poesie nnd Philosophie, yon Licht und Wärme gefunden. Ist
CS denn gerade nothwendig, t^irmlieher Denker oder f^irmlicher
Dichter zu scin V NiHnnerniehr. „Willst du immer weiter sehweiieni'
Sieh, das Oute lie^i so nah u. s. w." Ja es liegt Ihnen so nahe,
also nur zugogriflTen, nur in die Hand zusammengetasst , in juri-
stischen Hesitz genommen, was bereits Ihr geistiges t]igcntbnm istl
Die Schrift Schopenhauers über die Freiheit, die ich Ihrer
Gttte verdanke, bsbe ich mit Woblgel'aUen gelesen, eine Vergleiehung
des Willens mit dem allvennffgenden Wasser mit Entzücken. Aber
sie Ittsit eine Menge Fragen, freilich schon durch die gestellte
Aufgabe beschränkt, unbertfcksichtigt , enthält ausser Dem, was
über die Freiheit als Thatsache des liewnsst.seins gesagt ist, nichts
Neues, nichts, was nicht .^^chon Andere vom Kantischen Standpunkt
ans, schon vor mehr als ftO .lahrcn — so mein N'ater in seiner
Revision der (Irundsätze des peinlichen Hechts - eben S(» iriit.
wo nicht besser, gesagt. Ich weiss daher noch gar nieht, ob Ich
sie in meiner Abhandlung berücksichtigen werde. Dies gilt aber
nicht von der anderen beigedruckten Schrift.
Die Meinigen, die sich, wie ich, abgesehen von gewöhnUeheB
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151 - -
Winterilbein, wohl befinden, grüssen Sie freandlich. Mögen auch
Sie wohl and glttoklich sein. Trotz Sebopenbaner ist Glückseligkeit
der letzte Zweck and Sinn alles menscblicben Tbtins tind Denkens.
L. Feuerbach.
Derselbe an denselben.
KocUenberg, den 5. Nov. I*^«'i2.
Lieber Herr Boiinl Endlich komme ich zu Ihnen. £ndlicb,
denn ich wollte schon zu Ihnen, wie Sie noch in Berlin waren,
allein Ihr Brief ans Norderney kam gerade hier an, wahrend ich
mich in Müggendorf anf einige Tage anfhielt, und als leb zarflck-
kam, fand Ich, dass ein Brief Sie nicht mehr in B. ^^etroffen hfttte.
So verlor ich Sie aus dem Auge, das ja nur in der Nähe sieht,
wenn auch nicht aus dem Sinne. Aber nur die leibliche Nähe
elektrisirt und icucrt zur That an, der innere Sinn Uberlässt uns
unbeschränkt unscrn eigenen Gedanken. Und so habe ich denn
seitdem, statt an Sie zu denken, d. h. zu schreiben, nur an mich
selbst gedacht, aber nicht als den Autor iSngst geschriebener und
längst vergessener Werke, sondern nur als den Urheber des zwar
auch längst geschriebenen, doch allein noch in frischem Andenken
der deutschen Literatur, aber nicht zu meiner Ehre lebenden,
famosen Satzes oder vielmehr Wortspiels: „Der Mensch ist, was
er isst'^ Das Echo, das so oit wiederholte, erst neuerdings hei
der Fichtet'eier wieder mit llohngelächter erschollene Echo dieses
batzes hat mich in einen solchen Humor versetzt, dass ich mich
nieht enthalten konnte, aus diesem Satz eine selbständige, wiewohl
knrze Abhandlung, aus diesem Wortspiel tiefen Ernst zu machen.
Wie ich aber den Satz, Gott ist was der Mensch wttnscht zu sein,
anf dem Grund und Boden des alterthflmliehen, aber noch jetzt
uns beherrsehenden Menschen in meiner Theogonie durchgeführt,
so habe ich auch diesen Satz, theils zu meiner Erholung, theils
zur Anknüpfung an meine IrlÜieren, zeither unterbrochenen Studien,
nur auf den Tempeln und Altären des Alterthums, zum Hohn der
modernen LalVen und Pfatfen auigebaut und ausgefllhrt. Ich be-
ginne, wie in der Theogonie, mit Homer, aber hier nicht, wie dort,
mit dem den verderblichen Zorn des Achilleus vollstreckenden Zeus,
sondern mit dem menschenfreundlichen, bei den Aetbiopen schmau-
senden Zeus, oder vielmehr als Einleitung hiezu, mit den gut-
mllthigen Lotophagen und den immerfressenden Kyklopen. Der
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152
Titel soll sein: „claB Gelieimiiiss dos Opfers oder: der Mensch ist
was er isst''. Die Arbeit hat mir viele Mühe gekostet iSo wie
man speziell auf einen Gegenstand eingeht, so sieht man, >vie
oberflächlich and einseitig nnsre Gelehrten, weil ihnen leitende
Prinzipien fehlen. Ich hoffe, dass sich meine „Methode'^, mein
Prinzip anch an diesem Gegenstande, so kurz ich ihn behandelt,
bewährt hat. 80 lange ich mich nun aber mit einem Gegenstände
beschäftige, so müssen meine Freunde warten, bis ich fertig bin.
Wenigstens die entfernten, die sinnlich-tridteu , deren Existenz für
uns von uns sell)st aljhäiigt und denen wir sel])st nur durch den
Geist Kunde von nnsrem Dasein geben; denn die sinnlich-lebendigen
Freunde nnd Bekannte sind so unverschämt und unvorbedacbt wie
nenentdeckte Planeten und Kometen, sie kommen, ohne uns vorher
zu fragen, ob sie uns im Systeme nnd Laufe nnsrer Gedanken
stOren. Und was einmal als ein fait accompli mit der Thtlr ins
Hans gefallen ist, das lassen sich ja selbst anch nnsre legiti-
mistischen und absolutistischen Nacht- und Tagwäcbter gutwillig
gefallen. Namentlich wurde ich dieses Jnhr, besonders diesen
Herbst^ von solchen meteorologischen Besuchen heimgesucht. Erst
gestern verabschiedete ich mich an der Eisenbahn, nach zwei-
tägigem fast ununterbrochenem Zusammensein, von einem er-
schrecken Sie nicht — russischen Staatsrath, einem — was unendlich
mehr Respekt einflösst — eben so grossen Mathematiker als Kenner
der orientalischen Sprachen, Länder nnd Völker, zugleich hSchst
freisinnig und allgemein gebildetem Manne, dem Vetter eines jungen
Russen , der mich schon voriges Jabr besucht hatte , um sich mit
mir wegen einer zu bewerkstelligenden, bereits begonnenen, aber
in Folge der neuesten Ereignisse wieder ins Stocken geratheDen
Uebersctzung meiner Schriften ins Bussische zu besprechen, und
der sich j^eitdeui selbst in Erlangen niedergelassen hat, wo oder
von wo aus wir fast wöchentlich einmal zusammenkommen. Er
hat auch eine junge Frau bei sich, die, des Deutschen mächtig
als geborene Liefländerin, sich an meine Frau und Tochter innigst
angeschlossen. Die barbarische Verfolgungssucht in R. hat de
hierher getrieben. Um so mehr erfordert es die Humaaitilt ab-
gesehn von der Persönlichkeit und Bildung beider — von dem
Oesetz der Sparsamkeit an Zeit und Kraft bei ihnen eine Ausnahme
zu machen. Was aber, um wieder zurüc k zu konmien, die sinnlich
Lebendigen für sich in Anspruch nehmen, das wird natürlich den
sinnlich Todten entzogen. Doch genug der langen Rede vom langen
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Schweigen. Mit der gastrotheistiscben Arbeit bin ich fertig. Was
ich nan anfangen oder fortsetzen werde, weiss ich jetzt noch nicht.
Es hängt dies grossentheils davon ab, ob und wie ich mich in
meiner wieder bezogenen, den Mnsen so nngttnstigen, so Frost nnd
Hchall zugänglichen Winterstndirstnbe finden werde. Leben Sie
Wühl! Ihr L. Feuerbach.
Derselbe an denselben.
Kccheiil>rrir, den l!K Mai lb03.
Mein lieber Herr Bolin! £s hat mich sehr gefreut, ja gerührt
— nirgends ist ja der Mensch empfindlicher, als wo er an wichtige
Ereignisse seiner Vergangenheit erinnert wird — aber auch in Ver-
wunderung gesetzt, bis meine Frau mir das Rätbsel auficlärte, dass
Sie, noch dazu aus so weiter Ferne der Zeit und des Kaums, des
Tags meiner viertclhundertjUhrigen Verehelichung gedacht haben,
ich wollte Ihnen sogleich nuch meine dadurch erregten Gedanken
nnd Empfindungen telegraphiren , aber dieser praktische Wille
scheiterte an der Theorie des Willens, die mich gerade damals
und noch lange nachher beschäftigte. So sehr ist der Wille ein
zeitlicher Akt, dass wir, wozu wir keine Zeit, auch keinen Willen
liaben, wenigstens keinen Thatwillen. Aber was ist ein Wille,
der nnr im Gedanken steckenbleibt? So viel als ein Sehwerdt,
das in der Scheide steckt. Darum mnss ich auch jetzt die
Feder ergreifen, wenn nicht wieder Monate verstreichen sollen,
ohne dass Sie von mir ein Denk- oder Lebenszeichen erhalten,
jetzt, wo ich Zeit für Sie habe (die aber gleicbwohl schon bei
dem nächsten Satze durch Besuche Ihnen zum Schaden mir ent-
rissen wurde — ), ich an einem Abschnitt meines Denkens und
Lebens stehe, indem ich nächster Tage mein Sommerstudir-
stQbchen beziehe, um hier endlich an meine zum Ekel oft er-
wähnte Arbeit Aber Materialismus und Spiritualismus die letzte
Hand zu • legen. Meine Abhandlung über den Willen , woran
diese sich eng anscliliesst, ist bereits vollendet, obwolil in einigen
Punkten nicht zu meiner Zufriedenheit, die daher doch vielleicht
noch statt des nieclianischen Drucks der Presse die Feuerprobe
der Kritik wird erleiden müssen. Ich wollte, ich könnte Ihnen
oder sonst einem kompetenten Freunde mein Manuskript zur Ein-
sicht mittheilen. Man ist oft so ungerecht gegen sieh, so skrupulös,
so sieh selbst missliebig, dass man oft eines blossen Wortes halber,
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das einem znfällig widerwärtig ist — die Ideenassociation der aUen
Psychologie spielt auch hier ihre Rolle — einen ganz richtigen
Gedanken verwirfly dass man oft ans einem Splitter einen Balken
macht, leider aber anch einen Balken fDr einen nichtssagenden
Splitter ansieht Der Grundgedanke meiner Arbeit über den Willen
ist die Einheit des Willens und Oliickseligkeitstriebes: „ich will
heisst: ich will nicht l'n;;lilck leiden, kurz ich will irliicklich sein",
— die Hauptaut'gabe, die auf Grund des GlUckseligkeitHtriebes ver-
suchte psychologische Vennitünng von Nothwendigkeit und Ver-
antwortlichkeit; im Gegensatze zu der phantastisch-metaphysischen
Vermittlung Kants und Schopenbaners. Doch wozn schwatze ich
Ihnen brieflich vor, was Sie gedruckt zu lesen bekommen? — „Aber
wann?" — Das kann ich freilich selber jetzt noch nicht bestimmen.
Meine Sorge ist einst^veilen nur, meine Mappe mit druckbaren
korrcct-^eschricbeiien Mannskripten anzufüllen. So habe ich unter-
dessen auch eine noch in Bruckberg verlasstc kurze, „zur Theo-
gonie'^ gehörige Göttergeschichte oder „der Menschen Wunsch, der
Götter Wesen*' nach lateinischen Schrittstellern, eben so meine
sowohl auf die ältesten als die neuesten Urkunden des menschlichen
Geistes, also anf Religion und chemische Physiologie gegründete
Expektoration über den berüchtigten Satz „der Mensch ist was er
isst", in druckbare Form gebracht. Je mehr aber der Schriftsteller
gewinnt, desto mehr verliert der Briefsteller; was man der AU-
genteinheit gibt, entzieht man der rersrtnlichkeit, der Freundsclialt.
Glücklicher Weise machen Jedoch Sie eine Ausnahme von dieser
Regel, da Sie sich mehr für meine Schritten als meine Bride
interessiren , ich also doch tUr Sie sehreibe, wenn ich auch nicht
an Sie sehreibe. Nnr bitte ich Sie, in Ihrer Erwartuni^, wie in
meiner Anktlndignng meiner künftigen Schriften kein Parturinnt
montes zn erblicken. Ich will nicht mehr in den Augen Andrer
sein, als ich in meinen eignen, nicht von Selbstübersch&tznng ver
blendeten Augen bin. Wenn derSatz^ „nnrLnmpe sind bescheiden^
allgemein gtiltig, so muss ich mich zu den Lumpen rechnen. Auch
in meinen Schritten habe ich nie mehr geben wollen als Lumpen,
abgerissene, wenn auch desswcgen ni<ht al)getragene Stücke von
den Lappen meines Hirns, aber auch meiner Leber und Lungen.
Erwarten Sie daher auch in Zukunit nicht mehr von mir. Sie
wissen ohnedem von mir, dass ich lieber lerne als lehre, lieber
lese als sehreibe, lieber mit Anderen als mit mir selbst mich be-
schäftige. Womit anders als mit sich nnd seinen eignen Gedanken
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beschäftigt sieb aber der SohriftstellerV Wir schreiben aus lieber-
Sättigung, ans meist eingebildeter Ueberfülle des Wissens; aber
wir lesen aus Armuth, ans Mangel des Wissens, knrz aus Lumperei.
Wie Sie, hat es unterdessen auch niicli zu Rousseau hingezogen.
Ich habe mir desswegen schon im vorigen Sommer eine neue Aus-
gabe desselben angeschafft, bin aber noch nicht zu ihm gekommen.
Ich darf ihn auch jetzt noch nicht lesen, weil ich sonst über ihm
mich vergesse. So wie ich aber Zeit und Willen für ibn habe,
werde ich Ihre Hinweisnngen yor Allem berttcksichtigen, dann anch
Ihre Kriminalgeschichten lesen. Der Pitayal ist hier za haben.
Meine Frau nnd Tochter grttssen Bie frenndlichst. Von Herzen
Ihr Freund L. Feuer bach.
Derselbe an denselben.
IJochcnberg, den 4. t'ebr. Ib04.
Mein lieber Herr Bolin! £s ist sehr schwer, zu einem
aphoristischen Akt zu kommen. Ein solcher ist ali^er fttr mich ein
Brief. Es ist nm so schwerer, wenn man sich bewusst ist, dass
der Briefempfänger sich mehr fllr den Schriftsteller als Briefsteller
interessirt, dass man also, wenn man auch nicht an ihn schreibt,
doch für ihn schreibt, wenn man nur überhaupt sc]ircil)t. Und das
habe icli denn unterdessen gcthan, wenn gleich mit grossen Unter-
brechungen; denn es ist mir nun einmal schlechterdings Bedlirfniss,
anch an Dingen theilzunebmen und über Dinge mich zu belehren,
über die ich nichts, wenigstens in ansdrücklicher Förmlichkeit und
Handgreiflichkeit, geschrieben habe, noch yielleicht auch je schreiben
werde. Es ist mir femer nicht mOglich zn schreiben, ausser bei
yollkommen wolkenlosem Geisteshimmel, ausser in olympischer
GOtterstimmung. Aber solche Stimmung ist nur im Himmel der
Phantasie eine ununterbrochene, alltä^liclic , nicht in der irdischen,
unendlicli bedingten Menschen weit. Und zwar ich habe endlich
das Kapitel oder das Thema zu Papier gebracht, wozu Sie haupt-
sächlich mich veranlasst haben noch in Bruckberg sehgen An-
denkens. Nämlich: ist der Raum, ist die Welt selbst nur etwas
Ideelles, Subjektives, wie Kant, Fichte und Schopenhauer behaupten ?
— Meine Beantwortung dieser Frage steht ttbrigens dem Umfang
naeh in grossem Missyerhältniss zn dem Aufwand an Zeit und
Stadium, das sie mir gekostet hat Sie ist sehr kurz ausgefallen,
beträgt im Druck wohl nicht mehr als einen Bogen. Warum V
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weil bei dem Standpunkt, von dem ich ansgehe, dem der Unser-
trennlichkeit von Ich nnd Alter Ego^ das nnr durch die Sinne
gegeben ist, also die Wabrbeit, die absolnte, weni^tens für den
MenKchen absolute Wesenheit der Sinnliclikeit, nelbst der Sexnalitüt
voransgesetzt, mir diese Fra^e als eine Frapre des Unsinns, ja
Wahnsinns erschien und erscheint. Icli sprach eben vom Druck:
ich weuw aber noch nicht, wann, wo und wie ich wieder einmal
Etwas von mir drucken lassen werde nnd soll v — Soll ich das
Geschriebene zu einem neuen, dem zehnten Bande aoscbweUen
lassen, oder in eine Zeitschrilt einrücken? Aber in welche? Oder ^
lieber selbständig in einzelnen, nach einander erscheinenden, dem \
allgemeinen Publikum schon der Form nnd des Preises wegen I
zu^'änglicheren Heften herausgehen? Oder Alles fllr ein Opus ,
postunuim autsjiaren? Dies docehit.
Zu Rousseau hin ich noch immer nicht gekommen. Stets ist
er tbeils durch die moderne Physiologie — die Frage des Idealis-
mus, namentlich in der Schopenhaner'schcn Fassung nnd Empfindung,
läuft ja zuletzt nnr auf eine physiologische hinaus — , theils durch
die alte Theologie, zu deren noch immer nicht unterlassenem Studium
die hiesige Stadtbibliothek mir sehr werthyolle Beiträge geliefert
hat, theils durch die Politik der fle^nwart, die ich trotz ihrer
Erbärmlichkeit, Ja (rrauenhaftigkeit, mit der gnisstcn Aufmerksam-
keit, wenn gleich nicht mit der Feder, vert'oljre, theils durch ziifälli*:
aus nächster Nähe sich mir autdrängendc I.cctlire zurUck^,'edrän^^t
worden. Hoü'cntlich nicht ad Calendas graecas. — Auch den Pitaval
habe ich erst vor Kurzem mir verschafft und darin die „finnische
Walpurgisnacht^' mit Wohlgefallen gelesen. Uebrigens hat dieser
Pitayai — ich habe 3 Bände gelesen — auf mich den trfibseligsteo
Eindruck gemacht, eben so von Seiten seiner Verbrecher, als von
Seiten seiner Juristen und Geistlichen. Ich wundre mich daher
nicht, dass Sie in dieser Gesellschaft sich den „frommen Schalpelz*'
aiiiiiingen müssen, aber l)e(lauere doch diese Verhüllung. Um so
freudiger sehe ich der Abhandlung entgegen, worin Sie allein lltr
sich selbst, ohne geistlichen Bei- und Umstand aultreten können.
Hüten Sic sich nur in Ihrer Deduktion Kants aus Leibnitz, die auch
ich einst im Kopfe hatte, vor dem modernen Fehler , Aber der
Identität des Nachfolgers mit seinem Vorgänger nicht die entschei-
dende, kritische Differenz zu Übersehen. Ob Kant die Nouv. Essais
gekannt? Sie erschienen, wie Ihnen bekannt, 1764, Kants Schrift
„de mnndi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis^', die
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Grundlage seiner Kritik, 1770, aLso sechs Jahre später, wo K.
wenigstens Zeit genug gehabt hätte, sie zu lesen. Lassen Sie bald
wieder ?on sich hören, aber nicht von Ihrem Denken, sondern
auch Leben und Befinden, das hoffentlich ein gntes ist. Mit
lierzliclicu WUuschen Ihr L. Feuerbach.
Derselbe an denselben.
ficcheiibürg. den 21 Mai 18G1.
Mein lieber Herr Bolin 1 Es war zwar ein Gedanke Ton
nur, und zwar ein mir eben so von geistigem als leiblichem Bedttrfbiss
aofgedrnngeuer, diesen Sommer irgendwo auf dem Lande zuza-
bringen, da ich aber in den mir zunächst gelegenen und bekannten
Gegenden, der sog. fränkischen und Nürnberger Schweiz, keiueu
Ort kenne, wo ich zugleich Ruhe und passende Nahrung lande,
und ich mich nicht in die unbekannte Ferne begeben wollte, auf
den Zufall hin, dort zu linden, was ich hier und in der Nähe ver-
misse; so habe ich diesen Gedanken mit dem Projekt einer Herbst-
reise vertauscht. Ich und mein Haus sind daher zu der Zeit, wo
Sie nach Deutschland zu reisen gedenken, zu Ihrem Empfange
bereit Dieses Ihnen anzuzeigen und zwar jetzt schon, ist der
einzige Zweck dieser Zeilen. Denn was ich ausserdem auf Ihren
Brief zu antworten habe, verspare ich auf die mündliche, hatttrliche,
wie Schriltgclchrte 8ai;on würden, naturwüchsige Redekunst. Nur
melde ich Ihnen einstweilen dankbar den Knipfang Benecke's*) und
drücke mein Bedauern darüber aus, dass Sie eine so niederschmet-
ternde Bestäti^j^ung meiner Todesgedankeu erfahren haben. Mit
aufrichtiger Freude dem Wechsel des Schrift- und Briefstellers mit
dem Menschen entgegensehend ihr L. F euer b ach.
Derselbe an denselben.
Kocbeuberg, den 25. Sept. läU4.
Mein lieber ßolini Ihr Brief ist gerade an dem Tage ge-
schrieben, an welchem ich von dem schönen Berlin und der liebens-
würdigen Khanikoff, dem einzigen mir bis zum letzten Augenblick
meines Dortseins treu gebliebenen befreundeten Wesen, schmerzlichen
Abschied nahm. Und noch bis jetzt habe ich diesen schmerzlichen
*) Es war doesen ^ Metaphysik und Bvligionspkilosophic**.
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— m
Abschied nicht ttberwonden, weil das wunderschi^ne Wetter, dti
sich DDinittelbar nach meiner Abreise yan B. eingestellt hat, mir
ad ocnlos demonstrirt, dass meine Reise, so schön sie war, m
gelungen von Anfang big zn Ende, flo reich an wohlthftttgen An-
schaiuiii^cn aller Art, doch der Zeit iiacli eine verfehlte war, das«
ich sie, wie es ja anlanj^s mein Wille war, auf die llerhstta*re,
die ja gewiliinlicli bei uns die sehr»n.sten Tage des Jalires ;?iutl,
hatte aufsparen sollen. Nun bin ich leiblieh hier und doch geistig
noch immer abwesend. Das schöne Wetter lässt mir keine Robe.
Ich möchte immer statt lesen, schauen, statt denken, sprechen,
statt in der Stndirstnbe sitzen, im Thiergarten oder onter den
Linden oder in den Knnstsälen Berlins hemmwandehi. Dabei mtisi
ich mich immer fragen, was thnst dn denn hier, wozn bist dn
denn hier? Ist es die Natnr, ist es die Kunst, sind es die Menschen,
ist es der Bücherreiehthum, der dich an den hiesigen Aufenthaltsort
fesselt? Und ein niederscliuietterndes Nein ist die Antwort auf
diese Fragen. Zwar hal)e ich mir immer schon vorher diese Fragen
aufgeworfen und mit Nein beantwortet, al>er Berlin hat mir doch
erst recht lebhaft, nach dem bekannten Gesetz „contraria jnxta se
posita magis elocescnnt'*, die Oede, die Sinn* und Zwecklosigkeit
meines Aufenthaltes dahier zur Anschauung gebracht Statt Aber
abstrakte Dinge, sinne ich daher darttber nach, ob ich nicht, wenn
auch nicht 11!r immer, wenn auch nicht mit meiner Familie, doch
allein und aiil laiigirc Zeit nach B. gehen kann und soll. Bei
diesen gemUthbewegenden Fragen können Sie sich denken . dass
ich jetzt auch noch keinen Sinn für den Leibnitz'scheu und Kant Jsclicn
Idealismus habe, und Sie daher allein ihren Gedanken Uberlassen
mtiss. Alle meine Gedanken weilen noch in der Vergangenheit
Selbst was ich seit meiner Rttckkehr gelesen, bezog sieh grOssten*
theils auf gesehene Kunst- oder Naturgegenstände; denn auch dies^
letztem habe ich namentlich in dem eben so sehOnen als durch
seine Brannkohlenformation interessanten Falkenberg ^ wo ich 8
Tage mit meiner Tochter mich aul hielt und w<» diese noch gegen-
wärtig weilt, meine Aulmcrksamkeit während meiner Keisc gewidmet,
so weit es das leider meist schlechte Wetter und der Mangel an .
allen Hulfsmittcln erlaubten. Indem ich in der Erinnerung von
der Natur zu den gesehenen Kunstgegenständen liberschweife, mnss
ich Ihnen noch insbesondere und ausdrflcklich dafUr Dank sagen,
dass Sie mich oder, es ist ems, uns — denn wir dreie: Papa,
Tochter und Frau Khanikoff waren bis auf die Falkenbeiger
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Bewe nnzertreimlichy so auch Ein Herz und Ein Auge in der An-
scbanang und Bewunderung der Pietit in Potsdam — auf dieses
unvergleichliche, tiefergreifende Kunstwerk aufmerksam gemacht
haben ; denn ohne Sie wäre es uns sicherlich entgangen , eben so •
wie unserm Begleiter, einem lictlandischen Russen, der schon öfter
iu Potsdam gewesen war, ohne — noch dazu ein Aestlictiker —
das Sehenswürdigste daselbst gesehen zu haben. Sie sehen, wie
sich auch an mir bestätigt: wenn Jemand eine Heise thut, so kann
er was erzählen ; denn ich habe Ihnen noch nie einen so ge-
schwätzigen Brief geschrieben, wie diesen, und wie Vieles könnte
ich noch plaudern I Sie sehen hieraus zugleich, dass die Heise
doch mir gute Früchte getragen hat, wenn auch einstweilen noch
nicht In Bezug auf meine Schrift-, doch Briefstellerei , dass sie
eigentlich nur einen Fehler gehabt hat, den, dass sie zu kurz
war. Und warum war sie es, warum ging icli lort von Berlin?
Weil ich a priori, in Wort und ricdankcn, meiner Reise eine so
kurze Zeit gesetzt hatte und nun diesem Worte treu bleiben w^ollte,
um so mehr treu bleiben wollte, weil ich zugleich auch den Verdacht
— nicht etwa Anderer, sondern meines eigenen Verstandes — es
konnten am Ende und im Geheimen nur die Reize weiblicher
Liebenswürdigkeit sein, die mich an Berlin fesseln, derb ins Gesicht
schlagen wollte. Und so habe ich denn bei meinem freiwilligen
Abschied von Berlin vielleicht männlich, aber gewiss hiicbst un-
phiiosophisch gehandelt; denn der Unterschied zwisrheu dem Aj)riori
und dem Aposteriori hat sich auch hier schlagend lierausgestcllt.
Wie viele Zeit zu würdiger und adäquater Anschauung erfordert
nicht allein die Biidcrgallerie ! Wie viele bedeutende Bilder habe
ich Uber andere bedeutende übersehen, wie ich zu meinem grossen
Leidwesen noch an dem letzten Tage meines Aufenthalts ans dem
Museumskatalog ersehen! Doch nun Adieu Berlin! — Mein Schweigen
Yon der Insel Rügen sagt Ihnen, dass ich, infolge des schlechten
Wetters, nicht hingekommen bin. Eben so wenig habe ich mich
länger iu Leipzig, wie ich vorhatte bei der Hinreise, aufgehalten.
Verstinunt über U. Wigands des Vaters Abschied, verstimmt auch
über das schlechte Wetter, ttberdem nicht geneigt, die letzten Ueber-
blcibsel meines Reisefonds auszugeben, am wenigsten an Antiquare,
benutzte ich nach einigen Stunden unfreiwilligen Aufenthalts schon
den nächsten Zug, einen nächtliehen Schnellzug, zur Heimreise.
Meine Frau grflsst Sie herzlich und wird später einmal Ihnen
wieder schreiben. Wenn Sie einen freien Augenblick haben und
aich erloBtigen wollen an einem Urtheii franzl^Bischer Ignonutt
nnd Arroganz ttber das Wesen des Christenthiims , so lesen Sie
den „Constitutionnel" vom 18. September. Uel)rigen8 halte ich es iür
ungeschickt von Seite der Uel)ersetzer, mit dieser Schritt, diesem
ccTT«:^ ?.eyouer<n\ diesem Kaiserschnitt der christlichen Keligiou >u
Sans l'acon zu heginnen. Es ist mir noch immer kein B^xemphir
der Uebersetzung zugekommen, indem ich ihnen GiUcl^ und Segen
za Ihrer Arbeit wttnscbei bin ich Ihr henüich ergebener
L. Feaerbaeh.
Ltt Priaco de Khauikoff k L. Feuerbach.
Montfbit-L'Anuuury (Seine et üüw)« 3. Juillet 1863.
Monsieur! il y n hien hingtemps (|ue je nie i)iüp<>sais de
Vous remercier de h\ niauicrc bienveiilante dont Vous avez bicii
voulu agreer rhonimage de iiion memoire „sur la partie nieri-
dionale del'Asic centraie^S 6t de Vous dire, en meme temps,
eombien jai ^t^ sensibie a l'attention amicale qne Vous avez ene
de m'envoyer Votre profond onvrage snr ia Thöogonie. Je i'ai
In et ötndiö avee le plos grand intör^t, et je me fais nn agröable
devoir de Vous dire qne j'admire ^alement Tötendne de Votie
connaissanee dn monde aneien, et la riguenr de Tanalyse qne Vous
appliquez a echurcir ies tenebres d'une (jueslion ardue et coniidi(|uoc.
Mais je cruirais mal reconnaitrc Vos bonnes dispositions puur nioi,
en nie bornant a Vous communiquer simplenient reusenible de
rimprcssion tavorable (juc m' a laissee l'etude de Votre emiueut
travail, et Vous me permettrez de vous exposer quelques obse^
vatlons qni se sont pr^sent^es a mon esprit pendant qne je vom
snivaiSy pas k pas, dans la Solution d'nne qnestion immense, qni
a toojonrs intöress^ et qni intöressera eneore pendant longtemps
le genre hnmain.
Je crois qu'en disant, page ob. „L>er Wunsch ist die Urer-
scheinung der Götter", et plus loin, page 48. „Die Gottheit ist
weseutlicli ein Gegenstand des \'erlangens, des Wunsches; sie ist
ein Vorgestelltes, Gedachtes, Geglaubtes, nur weil sie ein Verlangtes,
Ersehntes, Erwünschtes ist'^, vous avez mis le doigt snr l'endroit
sensible de la qnestion, vons avez exprimö nne grande vörit^. Oer«
taines idöes n'ont besoin qne d'Stre tbrronltes pour ^tre admises,
et 11 me semble qne Votre Observation snr l'origine de Tid^ de
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la divinitö est da noinbre de ces idöes. — Je ne donte pas qae
le d^r soit ponr beanconp dansla relfgiosltö'de I'eHpcce bnmaine,
mais est-il la seule et nniqne raisou de cc sentimentV V'oila oü
coTiinience pour moi le doiite. Vous dites, Vous mCMne: „Die Oottheit
ist urspriinjrHch und wesentlich kein Verninil't-Gejjciistand , kein
I Gegenstand der Philosophie, denn die Götter waren, als es noch
keine Philosophen gab", et ceci cxplicpie tres bien, comment noas
retroayons des traces de religion et meme de calte parmi les nations
I les moins eiyilisäeB, mais tont de m^me j^ose poser la question:
I est-ce tont? L'homme n'est pas le senl Itre animö qai dösire.
Dans les premiöres phases de son döveloppement, ses dösirs diflförent
j pen de eenic des antres anfmaux. Comme eux, il aspire presqne
exclusivement au bien-etre materiel; eomnie eux, il a peiir de tout
ce qui peut Ten priver, a moins (pi'il ne sache combattrc les ennemis
de son bonheur, ainsi, avant tout, lui, conune tous les aniniaux, il
a la mort eu horreur. Gr, en prcseuce de ces faits, commuus k
Um les 8tres dou^s de vie, n'est-on pas en droit de poser la
qaestioiiy ponr qnoi Jamals on n'a constat^ rien qni ressemble i la
religiosit^, . ehez anenn animal/ en dehors de Tesp^e hnmaine?
Anssi nn ethnographe et natnraliste Eminent, Mr. Qnatrefages,
s-t*il propos^ de reeonnattre le sentiment religieux eomme indice
anique et infaillible de l'espöce homme, le seal propre k la dis-
tinguer des autres especes animales. Donc, Monsieur, avant que
ce doute ne soit eelairei ponr moi, je ne puis m'empecher de eou-
8id(irer le sentiment religieux comme une l'onetion complexe, de-
pendante de quelques variables et de quelques constantes, dont
l'ane est sans eontredit celle qne Vons avez eu le talent de d^
eonvrlry notamment le d^sir; reste k chereher les antres. Tron-
▼m-t-on Jamals le moyen de döterminer eomplötement eette fonetion
indöterminde? J'en donte, et voHk ponrqnoi. II nons manqne, mal-
benrensement, nn organe special, apte k nons faire reeonnattre
avec certitude, si une chose, dont nous avons la consciencc, est en
nous seulenient, ou si eile est en nieme temps en dehors de nous.
Jene parle pas deji\ des quatre idees primordiales telles (pic l'espace,
le temps, la force et la raatiere, qui resteront tonjours des eni'^mes
pour nous, je ne mentionnerai qu'un ph^nomeme bien moins general,
le phönomöne de la Inmiöre. Qni pent me dire qne la clartä, les
coidenray les gradations Inminenses ete., n'ezistent exelnsivement
qne dans Toeil hnmain, qn'en dehors de oe petit organe, tont est
tin^bre od oseOle r^ther, et dont les oseiUations ne deviennent
OrBa, FtoMibMlw Bfltfradwel «. NMblam. U. IX
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Inmite qn'aa moment oü Us irritent ma rötine. Mais Bi je diaes-
pöie de Yoir jamak proover i'indindiialitö de la limii^re oa wn
manqae d'indiTidiuüitöy oomment youlea-Vons qae je puisse admettie
qoe cela puisse se faire poor Tid^ de la diYjml6, idde infimmeiit
plus compliqnöe et plus Taste qne les autres; car rhomme, ne sa-
chant trop qii eu laire, eii a t'ait une espöcc d'armoire, oü il fait
cutrer tout. Anssi, Monsieur, il nie semble qu'on aura beau analyser
cette fonction que je nomine fonction reli»^ieuse, on aura beau la
r^uize a aes döments ies pios simples et Ics plus saisissabieSi od
ne paniendra jamais k proaver, ni Tabsarditö de Vexistence d'n
Dien individnel, ni i'absarditö de^sa noiireauateiioe
AdieOy Monrienr, si par basard Voiis series enrienx de lire
Fonyrage de Mr. Bönan, mon exemplaire est k Votre disposition.
Votre trcs-humble serviteur N. de Khauikou.
Geehrter Herr! Auf den direkten Wnnseh einer gemeiB-
schafUiehen Freundin, Mme Emma Herwegh, ttberMnde ieh Dmea
beifolgend die voHständige Serie meiner politischen Flngschriften,
die ich ohne diese ansdrttckliche Anflforderuug Ihnen zu ttbersendeu
fast prätentiös finden würde ....
Es ist viel verlangt, sich durch diese ganze Literatur durch-
zulesen. Ich verlange es auch nicht. Nur das Eine \'erlange ieh,
geehrter üerri dass Sie keine dieser Broschüren ausserhalb der
hier angegeboien Reihenfolge lesen und erst nrtheilen, wann Sie
Alles gelesen haben. Die grosse Sorgfalt mit weleher ieh, ieh
mOehte fast sagen seit meiner Kindhdt» Ihre Sehriften verfolg^ and
die lieberoUe WUrmOi die ieh seit dieser Zeit immer ftir Sie fort-
bewahrt habe, gibt mir vielleicht ein Recht zu dieser Bitte ! Schon im
Vorans werden Sie, wenn Ihnen meine philosophischen Werke nicht
vielleicht entgangen sind („Philosophie Heiakleitos des Dunklen*',
2 Bde.; „System der erworbenen Rechte", 2 Bde.) nicht zweifeln,
dass meine Erhebung auf streng philosophischer Grundlage bei
mir erwachsen ist. Die Fortscbrittler sind politische Rationa-
listen der seichtesten Sorte, und es ist derselbe Kampf, den Sie
in tiieologiseher, and den ieh jetzt in politischer und Okonomiaeher
Bichtang führe.
F. Lassalle am Fenerbach.
Berlin, den 21. Oktober lb63.
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Eben deswegen würde es mir ansnehmend leid thun , von
Jemand, den ich so yerebre, wie Sie, diese tiefe innere Identität
verkannt zu seben, die übrigens — verzeihen Sie mir diese Ver-
sicherung — selbst trotz einer Verkennuug eine historische und
philosophische Thatsache bleiben wird.
In politischen Kampfschriften kann das philosophische Element
nur eben den Hintergrund bilden und darf nicht als solches her-
vortreten. Aber in streog philosophischer Weise ist der Grund-
gedanke dieses ganzen Kampfes entwickelt in meinem schon 1861
erachienenen „System der erworbenen Recbte'S welches ich mir, da
es ihnen yielleicbt entgangen, beifolgend mit warmer VerehruBg
ond als ein schwaches Zeichen , des Dankes für alte Erkenntuiss- '
schulden, die ich Ihnen abzustatten habe, Uberreiche.
Der §. 7 des 1. Bandes enthält — in einer freilich erst nach
Darchlesung des ganzen Werkes wirklich verständlichen Weise —
die Grundlagen meiner politischen und ökonomischen InsujTcktion.
Orientiren wird Sie übrigens schon das Vorwort.
Und nnn erlauben Sie mir, Ihnen herzlichst die Hand zu
sehfltteln nnd Ihnen zn -sageui wie angenehm es mir ist, bei diesem
Anlasse eine persönliche Bekanntschaft mit Ihnen vermittelt zu
haben. Mit Hochachtung nnd Verehrung Lassalle.
NB. Falls Sie meinen Ucraklit nicht kennen, bitte ich Sie, mich davon baldigst
koiz zu benachrichtigen. Ich erlaube mir dann Ihueu denselben za.ttberschickeu, da
Sie dort mythologische und reUgiomgescIiichflidie Foiachungcn finden (sowohl 4iibtT
oiieitalisehe Beligioiien, als besondeis Mck aber die innere Genesis der chiistliclien
Religion in gelegenüioher AvsfiUirong), die mit dem spezifischen Gegenstände Ihrer
Stadien nnd Arbeiten Im engsten Zosammenhange stehen.
leb ttbeilege mir, daes es kttizer ist, den Heraidit glelcb beiznntgen.
Mr. Yaillant k Fenerbaeb.
Vendredi 6 Mai 1864 ~<- Stuttgart.
Monsieur!
Je me croyais sur de votre adrcsse; dans divers uuvra^es <|ui
prohablement s'etaient copiös k ce sujet, j'avais lu (lue vous de-
meuriez ä Bruekberg. Ainsi, il y a 15 jonrs, le lendeniain de
mon arriyöe 4 Munioh, je pars pour Bruckberg; une fois arriv^, je
qnestionne tout le monde, mais personne dans ce petit TiUage de
paysans ne vous connait Enfin, a la gare, on me conseille d'attendre
U fin des ofißces (c'ötait nn Dimanche) et d'aller trouver le per-
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gonna^ important du Village: le cmL PenBant qne, pent-ltre, vom
habitez leB enTirons, et qa'il ponrra me donner des renseignemeBts
k ce snjct, je me d^cide, non Bans quehiuc bösitation, k le qnes-
tionner relativement k vous, connaissant par experience I'esprit des
cur6s de cainpagne. Mais j'avais trop corapt^ sur sa sottise, et
pas assez sur son ignorance, il ne connaissait pas nicme votre iioin.
Ainsi je revins Ic soir a Municli. Ne sacliant corament trouver
Yotre adresse, je m'adressai k uu libraire ((ui nie promit de.s'in-
fonner. £t en effet, ([uelqne jonrs aprös, ii me dit que vons de-
meuriez ^Aosbach; d'un antre cötö on me eonseilla de m'adreBser
k Hr. Otto Wigand, dont la röponse me troQva k Stuttgart et m'in-
diqnait Harenberg eomme votre r^sidence. Devant ces renseig*
nements contradietoires, mais dont le demier est plns probable, j'ai
pense devoir vous 6crire.
• •••••
. . . . II me serait penible de (juitter rAUemagne, sans y saluer
celui dont les idees ont eu tant d'iufluence sur les mieuneSi et
• Passurer de mon admiration et de ma recounaissaace
Pardon y monsienr, et ponr cette lettre trop longae, et ponr
rembarras que je vons donne. VeniUez reeeyoir Tassnraaee d'i^ee-
tion reeonnaissante de votre 6Uve döyon^ Ed. Vaillant
Mr. Joseph Boy 4 Fenerbaeli.
Paris, ce 13 Aoüt 1864.
Monsieur! Mon ami, Mr. Eduard Vaillant, qui a eu rhonneur
et le plaisir de vous voir, U y a ä-peu-prös deux mois, a dd ms
parier d'une traduetion que j'ai falte de tos prineipaax onynges^
Je regrette iofiniment que les circonstances ne m'alent pas permiB
d'aToir le m§me honnenr et la mSme joie que InL Dans nn t8te-
Ä-t^te, j'anrais pu vons dire aveo plus de dötails ce que je me
propose de fkire; j'anrafs ^cont^ avec respeet vos conseils, et
j'aurais agi suivant vos dcsirs
II y a plus de trois ans dcjä que ma traduetion est laite; je
l'ai present^e k plusieurs reprises k divers ^diteurs, et tonjours j'ai
ötö öconduit, sons ce pretexte que la police n'en permettrait pas
la pnblication. Je commen^ais k dösespörer .de ponroir la £iii8
paritttrCi lorsqne tont d'nn conp nn öditenr beige, Bfr. Laerou;
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m'a proposc de rimprimer imm^diatemeut. J en ai ete aussi fächö
qne content, parcc que, tout enyoyant avec joie que mon travail
o'avait pas ötö entrepris en pure perte, j'aaraiB desirö nöanmoinB
a?oir le temps de Im donner tine antre forme que celle qn'il a en
oe moment Mal^ tont, je erois qae vons en serez satiafaii Si
ma traduetion ne rend pas toute Torigiiialitö de votre style, eile a
du moina cela pour eile, d'#tre öcrite en frani-äis, et de pouvoir ^tre
lue t'acilement. Pour le moiiicnt eile se compose de deux volumes ;
le premier compreiid T E s s e n c e de la Religion, une partic des
Pensees sur la mort et T immortalitö, et les trois premicrs
ehapitres de votre livre sur Bayle, avec les notes qoi leur corre-
spondent Le second est TEssence da Christianisme tonte
entiöre, k part quelques emissions impereeptibles dans les notes.
J'aime & eroire que les deux volumes seront enlevds dans un espaee
de temps assez restreini S'll en est ainsi, je referai la seconde
^tion tont autrement. L'esseuee du Christianisme restera
dans son integrite; mais j'y ajouterai en guise de conelusion une
lentaine de pages, oü je rc^sumerai vos idees, en repondant aux
critiijiies qui en auront ete faites. Bien eutendu que je vous en
donnerai connaissance avant de la faire imprimer, afin qu'il ne s'y
troave rien qui ne seit approuvc par vous. Le premier volurae
comprendra en outre les parties les plus importantes de la Th^o-
gonie et de TOS Diseours sur la religion. Vous voyez que j'a§is
svec vous en ami, comme on dit, c'est k dire saus gine. Si youb
svez quelques obsenrations k me faire, je les suivrai de point en
point. Dans le cas oü la premi^re Edition ne se vendndt que lente-
ment, je ferai un troisieme volume^ en attendaut Tepulsemeut complct
de l'ouvrage.
Dans une quinzaine de jours, au plus tard, vous recevrez les
deax volumes susdits. Je vous serai tres-reconnaissaut, .si vous
Tonlez bien avoir la bontö de m'en aoeuser r^ption, et de m'en
diie quelques mots «.
En attendanty je suis, Monsieur, votre tout dövouö '
Joseph Roy.
P. 8. L editeur s'est permis d'imprimer sur la pre-
micre page: „traduetion avec l'autori sation de l'au-
leur" il ne m'en avait rien dit; — vous a-^il 6crit pour cela,
et voos a-t il envoye les ^preuves ?
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L'e mime an mftme.
Co b Jauvier lb65.
MoDsiear! Je n'ai pas besoin de vons asrarer qae j'ai appris
avec le plas grand plaiflur, qne ma tradnetion vom avait satisfait
Qoant anx obsemtiona qne vous avez faites ä propos de eertaines I
parties, anx lacanes et omiBsions qae vons arez signal^s, je les
avais pKvues d'avance; dies ne ra'ont donc pas gurpris, et je puis
vous affirmer que si Ich dcux voliimes avaient paru tcls quc je
lc8 voulais, vous aiiriez viv Otoniu* de Tacconl (|iril y avait cntre '
noiis en tout et pour tout, bicn que nous n'euasioua eu aucun rapport
ensemble
D'abord j'avais eommencf^ k vom traduire ä tort et k travers,
Selon qne les pages qne je Usais me faisaient plns on moins de
plaisir; pnis j'avais interrompn ma tradnetion, en apprenant qii'ü
y en avait nne antre, pnis je Tavais reprise, en voyant ({ue oette
derni<!;re laissait beaneonp k d^irer — pnis je ne tronvais pas
d'i'ditcur (\\ü parut disposc^ k sc charger de l'affaire. — Enfin est
venu Mr. I^acroix aprt'.s avoir refust' d'at)ord, cnHuitc s'est
raviHÖ, cl s'est inis a nie ericr: „vitc, vite*', si bien que j'ai pri»
toutcK les pages traduitcs, Icb ai rajustces taut bicn que mal, y ai
9joiM nne ombre de pröfaee, et les ai livröes an pnblie. —
Chose mal eommeneöe est rarement menöe k bonne fio, nais
iei le mal pent Hre r6par6| et je vais me mettre k Toenvre daos
cette Intention. Qne croyez-vons qne je vais faire? rien antre ebose
qn'nn troisiöme volnme, et oomme ii me tarde d'en avoir fini, avant
trois mois tout sera tcrminö. Cette fois-ci je vais vous mettre
litt(^ralement en pieces, a pari deux ou trois opuscules tircs des
Erläuterungen und Ergänzungen z. W. d. Ch., et que je
traduirai prcsque cntierement. Je prendrai le reste pagc par page
dans la Th^ogonici et dans les Discoars sur la Beligion,
et J'^jouterai au tout unc preface ou ane eonelnsion, ponr cn rendre
rintelligence plns faeile. Je ferai en sorte qne rien d'importaot
ne soit omis, et afin qne le leetenr ne se fignre pas rencontrer
par ci par \k quelque contradietion, je täeherai de le mettre k votre I
point de vne, sMl en est capable on sMl ne s'y refnse pas . . •
J'avais d'abord l'intention, au Heu de continucr k vous traduire,
de faire uu travaii nur vous, et ä propos de vous, sur bien d autre«
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— le? —
cboses. J'y ai renoneö poar le moment, n'ayant pas le loisir
eessaire^ et oe me sentant pas la force d*accomplir cette tftche selon
les conditions qne je m'imposerais. Et puis j'ai pensö, qu'il serait
bien possible que vous eussiez lait vous meme Ics trois quarts de
ce travail. Depuis dix ann, n'avez vous rien 6crit, a part la Theo-
^onie? Vous m'avez dit que vous aviez soixante ans — je vous
eu croyais davantage — Votre testament n'est donc pas fait^ et si
vous me constituez votre l^ataire-interpr^te, je ne me sens pas le
besoin d'avoir la bonche pour bögayer d'ayanee ce que vous y
dires d'one Toix retentissante. Me serait-fl pennis de toqs demaoder .
quelques eonfidenees li-dessns? ^ • .* . . .
Je vous salue cn ami J. Hey.
Fenerbacli an Friedricli Kapp.
Kechenberg bei Nürnberg, den 9. Jan. 1865.
Lieber Kapp!... Dein Brief kam grade in dem Momente,
wo ieh ein Thema vollendet hätte, das mich am Schlnsse anf den
bdligen Benif nnd gdttlicben Ursprung des Oarnifex und Tortor
im ehristiich-germanischen Erinrinalreehl^ im Gegensatz zu der ver-
lebflichen Bedeutung desselben bei den Heiden , besonders den
Römern, geführt bat, und ich mich eben besann, welches Thema
ich nun aus den vielen im Kopfe und Plane vorhandenen zur Aus-
arbeitung auswählen soll. Noch bin ich unentschieden, aber nur so
viel ist gewiss, dass noch einige Monate vergehen werden, ehe ich
die Probe machen kann, ob der gastronomische Satz auch in der
Historie, in der Literatur tü[>erhanpt, sich bestätigt, woran ieh nicht
iweifle, da trotz meiner Antipathie gegen den Pietismus, zn dem
jt aneh der Hermhntismns*), nicht nur seinem Ursprünge, sondern
auch tiieilweise seinem Wesen nach gehört, der Gegenstand an sich
selbst in das Gebiet meiner Lebensaulgabe fällt. Diese ist ja be-
kanntlich keine andre, als das Wesen der Religion nach allen ihren
Seiten und Gestalten, bis zu ihren letzten, sich im Hirn des Menschen
verUerenden Wurzeln hin, zum Heil und Wohl der Menschheit zu
verfolgen und ergründen. Wie überhaupt bei meinen schriitstel-
leriflchen Arbmten, hängt auch bei dieser sehr viel, wo nicht Alles,
*) Ein Wunsch Friedrich Kaipps gab die Yer&nlaäsimg m der Arbeit über die
Heirnhnter und Zi&xendorf, welclift vir im Ifaddaase mittheileo.
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von dem Uinstaude ab, dass mir zur rcchtcu Zeit die rechten Quellen
in die Hände fallen. Wie ganz anders wäre es, wenn ich in einer
mittelreichen Stadt leben könnte , wie etwa Berlin, wo ieh diesen
Herbst mich 3 Wophen mit meiner dorthin elngeladnen Tochter
aufhielt, und es mür sehr wohl goüel, so dass in mir der lebhafte
Wunsch und fast Eutschlnss entstand, wenn aneh nicht dort mit
Weib und Kind mich niederzulassen, doch allein auf längere Zeit
aufzuhalten, um die Bibliothek zu benutzen.
Für den Brief meines Vaters, der mir schandbarer Weise nicht
zu Gresicht noch Ohr gekommen, gchönsten Dank von Deinem
Feaerbacb.
Mr. Yaiil»nt ä Fenerbach.
Paris, 17 Fifrier 1885.
.... J Iii etc heureux de voir combien vous participiez a la i
triste perte et si inattendue deCharras, et surtout de Proudbon,
dont la mort a cause un deuil geueral parrai tous les amis de la
libre peusde et de la Bövolation. J'ai regu ce matin uue lettre de i
mon ami Boy, me fusant part de votre lettre, et h qui vons avez
anssi commnniqnö vos regrets. Comme Tons le savez pent ^tre,
le 2* Tolnme de la tradaction de mon ami, ,,r£88enoe da Ghri*
stianisme'% a pam quelques jours avant le l^'volnme, „laRe-
ligion''. Mon ami, n'ötant plos k Paris, m'avait pri^ de le porter
a Proudbon; il ctait deja souffrant, et allait partir pour la Franche- ,
Comte. 11 le re(;ut avec plaisir, et me dit „je le lirai pendant mon
Yoyage". A son retour, il y a environ 3 niois, je revins le trouver, ;
pour lui donuer le 1" volume. Je le trouvai enehantc de la lec- |
tnrc de l'Essence du Christianisme. „Voila un livre qu'un
riiilosopbe doit dtre henrenx d'avoir ecrit, me disait il, ;
il y a longtemps qne je n'ai fait nne lectnre anssi for-
tifiante. Avant, je ne le connaissais qne par E....,
c'est k dire, je n'e le connaissais pas, je voyais en lui
nn grand pensenr; maintenant je vois en lui un grand i
philosophe, et de plus un öerivain, car il sait rirc et
plaisanter excellentement, ce (] ue je ne trou vais que rarc-
ment chez les Alle man ds. 8 i vous avez oecasion de lui
^crire, dites lui, combien je l'estime, avec quei plaisir i
j'ai la son onvrage (et comme je lui avait dit qne vous avia
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m
presquc l iutention de venir a Pam^^ et eombieuje serais heu-
reax de le voir.''
Adieu, Monsieur, veuillcz rcccvoir Tassurance bien sincöre du
respect et de la considöratiou de votre tont d^voa6
Ed. Vaillant
£. Blind an Feaeibach.
London, den 22. Hän 1865.
Verehrter Freun^! Mein herzlichster Dank für die Be-
reitwilligkeit, mit der Sie Ihren hochgeschätzten Namen zu denen
der anderen Freunde des ,,deutschen Eidgenossen'^ setzten; kommt
spät. Entschuldigen Sie es mit dem bei mir nie endenden Drange
der Arbeiten! . . Ihr Karl Blind.
Fouerbach an W. Bolin.
Becbenba^, den 21. Jan. 1865.
Mein lieber Bolin! Ihren Brief vom 30. Dezember habe
ich erst am 13. Januar erhalten, wurde ihn aber sogleich beant-
wortet haben, wenn nicht fast gleichzeitig mit demselben sicli ein
elender Katarrh bei mir eingestellt und 8 Tage lang mich zu einem
elenden Mann gemacht hätte. Warum aber sogleich? Erstens weil
ich mich gerade in einem Interregnum befand, das alte Thema,
das Thema, welches durch die Reise nach Berlin unterbrochen
worden war, vollendet hatte, ohne noch ein neues gewählt zu haben,
also noch frei war; zweitens, weil es mich drängte, Ihnen meine
Freude darüber zu bezeugen, dass Sie Ihre für Sie so wichtige,'
so entscheidende Abhandlung zur rechten Zeit fertig gebracht und
somit den Zweck derselben erreicht haben. Ich hatte nämlich be- •
ftlrchtet, Sie möchten namentlich wegen der Steine des Anstosses,
die ich Ihnen in den Weg geworfen, nicht zur bestimmten Zeit an
Ihr Ziel kommen; und doch konnte ich Sie nur mit nutzlosen
Wflnschen begleiten und unterstfltzen, nicht mit sächlichen Ge-
danken, weil mein Geist sich unterdessen unendlich weit von dem
Gegenstande Ihrer Abhandlung entfernt hatte. Nicht lange nach
Ihrem ersten Briefe erhielt ich nämlich aus Paris die französische
L'ebersetzung von mir mit dem Wunsche des Uebersetzers, mein
Urtheil zu vernehmen. Dieses konnte ich aber nicht abgeben, we-
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•
nigstenB mit gatem GewisBcn, ohae sorgfältig die Ucbersetzunp: mit
dem Original zu vergleichen. Diese sprachliche Vergleichnng ftihrte
mieh aber sofort zu einer höheren Vergleichongi zur Vergleichnng
meiner Gedanken mit ihren Objekten , meiner Darstellnngen mit
ihren Thematen, endlich meiner Schriften itberhäupt mit den nenesten
fhinz^igchen Schriften, wie Larroque, die theilweise dieselben The-
mata behandelii, und die ich eben erst bei Gelegenheit der fran-
zösischen Uebersetzunj]; von mir habe kennen lernen, zu meiner
grossen Befriedigung und Ermunterung. Auch von den Ihnen wahr-
scheinlich bekannten Werken Laurents, der übrigens nur ein frei-
sinniger ßationalist ist, habe ich mir bei dieser Gelegenheit einst-
weilen zwei Bände y „le Ghristianisme^' und „les Barbares et le
Oatholicisme'', kommen lassen' nnd bereits grbsstentheils gelesen.
Knrz ich bin wieder ganz vom Ganl der Philosophie anf den Esel
der Theologie herantergekommen. Meine letzten Federzüge galten
— erschrecken Sie nicht über diesen Anachronismus — den ewigen
Höllenstrafen. Nur am Schlüsse meiner historisch-genetischen Er-
klärung derselben, die mich mitten in die grUuelvollen Abgründe
des christlich germanischen Kriminalrechts hinabzusteigen nöthigte,
komme ich natürlich auch auf die Hauptügor desselben, auf den
Camifex und damit in Berührung mit Ihrem neuen Thema; denn
zuletzt stfltzt sich ja nur auf das Dasein des Garnifex die Folge-
rung von der Nothwendigkeit der Willensfreiheit. Da bei uns
ttberall, so auch auf unsren Universitäten, noch hinter unsrer viel-
gc[)rie8enen Willensfreiheit der Camifex steht oder steckt, so ist es
das Beste für Sie, dass Sie historisch den Gegenstand anpacken,
etwa gleich bei Leibnitz, bei welchem Sie sich ja eben befinden,
als dem Gegner des Hobbes'schen Nothwendigkeitsprinzips , dann
weiter herab bis auf die neuere Zeit beide Gegensätze fortführen
und einander in klaren bestimmten Sätzen gegenüberstellen, endlich
am Schlüsse die kritische — desswegen nicht charakterlose und ann-
selige — Vermittelung treffen. Doch folgen Sie Ihren eignen Ein-
gebungen! Am Ende folgt doch Jeder semem eignen Kopf. Alles
Glttck und Mufh zum neuen Jahr und neuen Thema. Mit diesem
Wunsche Ihr L. Fb.
Derselbe au densel))L>n.
Krehenberg, den ^. Juli lS«i5.
Lieber Herr Bolin! Wie Sie wissen, bin ich kein Freund
von nnnöthigen Worten, unnöthigen Schriften nnd Briefen. Un-
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nOtiug aber war und ist -es noch, mieh brieflich Uber den philo-
sophischen Inhalt Ihres letzten Schreibens anszusprecben, da ich
mich darüber längst Öffentlich ausgesprochen habe. Sie können
Bich ja aus diesen Ihnen nnr zu gut bekannten Aussprüchen selbst
sagen, was ich von einer Kcgeneiation der Philosophie denke, die
nicht zugleich von einer Regeneration der Menschheit, der Keligion,
des sozialen Lebens ausgeht, was ich überhaupt halte von einer
partikularistischen Fachphilosophie, welche die brennenden Fragen
der Gegenwart umgeht ifnd sich nur mit Dingen beschäftigt, die
fSr Niemand als för einen Professor der Philosophie Interesse haben.
Ich hin unendlich fem davon — ich habe auch gar keinen Grunfl
dasn — die Verdienste nnd Talente Anderer verkennen oder gar
verkleinem zn wollen. Herr Professor. K. Fischer ist gewiss ein
vorzüglicher philosophischer Historiker und Aesthetiker; aber so
viel weiss ich gewiss, dass die Philosophie vom hölzernen Katheder
aus in unserer Zeit und unsern Verhältnissen, die ganz andere sind
als die der Kante und Fichte, nimmermehr auf einen grUnen Zweig
kommen wird. Und was ich weiss, das wissen Sie auch, das haben
Sie selbst zun Theil in Ihrem Briefe ausgesprochen. Wozu also
ttber ausgemachte Dinge noch Worte verlieren? — Ueherdem war
ieh die letzten Wochen her durch Briefe, durch fremde Besuche,
durch Lesen und Exzerpiren von Schriften, die ieh von der Hllnohner
Bibliothek bezogen und nun zurückschicken musste, so sehr in An-
spruch genommen und mir selbst entrissen, dass ich mich darnach
sehne, wieder mir selbst, meinen eignen Gedanken und Entwürfen
anzugehören. —
Gewitzigt durch die Erfahrungen des vorigen Jahres, gedenke
ieh eine Heise bis in den Herbst zu verschieben, und Sie sind zu
der von Ihnen angegebenen Zeit willkommen Ihrem alten Freunde
L. Fb.
Feuerbach an Hugo Wigand.
Rechenbelg, den 7. November 1865.
Verehrter Herr! Ehe ich mein Manuskript, lediglich zum
Bebuie des Setzers und folglich zum letzten Male mit der Feder
ond dem Kadirmesser in der Hand durchsehe, muss ich doch noch
eme Frage an Sie stellen, weil von Ihrer Entscheidung es abhängt,
ob ieh dieses oder jenes Zitat stehen lasse oder streiche, und der-
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gleichen Veränderangen mache oder unterlasse — die Frage nftm- ^
lich| ob 6B niebt zweckmässiger wäre, die Idee einer Voiksaas-
gäbe sogleich mit dem Drucke des Neuen zn reatisiien, etwa unter
dem Titel „Volksausgabe von L. Fenerbacb's gedruckten und im-
gedruckten Werken im Auszug", oder wenigstens, wie ich Ihrem
lIciTii Vater in meinem ersten Briefe angedeutet, die einzelnen Ab-
handlungen aueh einzeln, nur unter einem gemeinsamen Titel zu-
sammengelasst , erscheinen zu lassen. Alle neuen Abhandlungen
bezieben sieb zwar, wie ieb scboo gesebrieben, auf meine früheren
Schriften, sind nur Beweise, Begründungen, Ansfiihrnngen ausge-
sprochener Gedanken, aber in einer Weise, die Alles in einem neuen
Lichte darstellt, jede trotz der Kürze ein selbsUbidiges, für sich
« selbst gemessbares Ganzes, so dass es Sehade wäre, wenn diese
innerliche Selbständigkeit nicht auch äusserlieb geltend gemacht
würde. Diese Geschöpfe meiner Muse in einen Band zusamnien-
paeken, und diesen Band an die alten Bände der Gesammtausgabc
anreihen, heisst sie lebendiij: begraben, heisst den neuen Most in
alte Schläuche fassen. Wer liest sie da, wer kauft gleich einen
ganzen Band? Kur ein spezieller Freund und Kenner meiner
Schriften, der zugleich Geld zum BUcherkaufen hat, während
Kleines und Wohlfeiles in die Masse kommt
Auf den Fall, dass Sie sich fttr die Einreihung in die Gesammt-
ausgäbe entscheiden, bemerke ich, dass nach meiner Schätzung,
die freifieh nicht zuverlässig ist, selbst mit Inbegriff der Abhsnd-
liiii^eu von der Unsterblichkeit, es nur einen sehr kleinen Band
geben wird. Ich habe zwar eine Masse Stoffes liegen lassen, die
leicht zu Druckbarem herp:erichtet werden könnte; aber es ist mir
ein schrecklicher, ein unerträglicher Gedanke, nur zu schreiben, um
emen Band auszufallen. HocbacbtungsToll L. Fenerbach.
Derselbe an denselben.
Rechenbeig, den 21. NoTember 1865.
Verehrter Herr! Sie haben allerdings Kecht, wenn Sie, wie
auc h Ihr Herr Vater, behaupten, dass meine Abhandlungen, hoch- [
stcns Nr. 4 ausgenommen, sich sowohl ihres Urafanges, als iiires
Inhaltes wegen nicht zu einer Separatausgabe eignen, und ich >
willige also ein, dass sie in einem Bande zusammengebunden als
10. Band, aber zugleich unter einem selbständigen, entweder
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IIS
unter dem von Ihrem Herrn Vater vollgeschlagenen Titel: „Fünf
Ablianclliingcn von L. Fcucrhach", oder einem anderen erst noch
zu f)('stinmiciidon erscheinen. Nur hedingc ich mir aus, dasH Sie
(Il'h I'reis des neuen Bandes, der llhrigens selbst, wenn ich auch
noch Zusätze mache, kein grosses Volumen einnehmen wird, so
niedrig als möglich ansetzen; denn nnter dem Ausdrucke „Volkg-
ansgabe'' yentehe ich nichts anderes, als eine wohlfeile Aasgabe.
Sie haben Recht, wenn Sie bei dem geringen Absätze, den meine
„Theogonie'' gefiuden, die Unpopnlarität des ^tels mit in Rech-
nung bringen; aber gewiss ist an dem Hchicksale dieser wie anch
meiner anderen Schriften auch der hohe Preis derselben Schuld.
Ich wenigstens habe darüber oi't bitter klaffen gehört. Rei dem
neuen ßande ist mir aber ein zahlreicher Absatz und folglich ein
diesem Erfolge entsprechender Preis um so wtlnschenswerther, als
ich auf ein Honorar verzichte, und es doch gar zu traurig für mich
wftre, wenn meine Ausgaben an Geist, Kraft, Stoff ohne alle Ein-
nahme blieben* Gleichwohl mache ich mir auch bei dem möglichst
billigen Preise keine ülnsion in Betreff des Absatzes, denn es ist
noch nicht die Zeit da, dass eine meiner Sehrillten Hauptsache,
Volkssache wird; es ist noeh die Macht des Scheines eine viel zu
^Tosse, als dass dem wahren, ungescliniinkten Wenen Platz gemacht
werden könnte. Was ich mir nocli jiusbcdin'^en muss, das sind
20 25 Freiexemplare für meine Freunde und Verwandten, floch-
achtongsvoil L. Feuerbach.
22. Nor.
Ich habe diesen Brief schon gestern frtth geschrieben, aber
lucht fortgeschickt, weil mir der Gedanke in den Sinn kam, ob es
nicht das Beste wäre, da wir nnn einmal wieder in das alte Geleise
^'ekommen sind, Alles auch in Betreff des Honorars beim Alten zu
lassen, nur dass wir den alten Fehler vermeiden, und also nicht
wieder durch einen unverständlichen 'i'itcl das Pul)likuin abstosscn.
Doch um endlich die Geburtswehen, die mir meine neue .Sclirill
schon gekostet, zu beenden , bleibe es bei dem gestern Nieder-
geschriebenen, bleibe es bei dem a conto met&, selbst wenn auch
der neue Band durch mögliche Zusätze von meiner Hand einen
grosseren Umfang, und folglich auch höheren Preis im Bnchhandel
erhalten sollte.
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174
»
FeaerbAch an Bolin.
• Bechenbeig, An&ng lUn 1866.
Lieber Freund. Endlich komme ich dazu, meine Schuld
an Sic abzutragen, und doch ist selbst Jetzt der Zeitpunkt noch
nicht erschienen) den ich lUr Sie im Geiste vorausbestimmt hatte,
der Zeitpunkt nämlich, wo ich gar nicht mehr iuit ipeiner Schrift
SQ thun hätte, wo ich so recht con amore mit Ihnen plaadern
könnte. Zwar ist schon seit einigen Wochen mdn Werk onter der
Presse, aber es fehlt dem Gänsen noch ein passender Schlnss, nnd
znr Ansarbeitong dnes solchen fehlte mir bisher immer die rechte
Stimmung, wahrscheinlich in Folge der abnormen Witterung. Wir
haben im Januar, dem getürchtetcn Wintermonat, wahre Frühlin^^s-
tagc, aber dumpfe und selbst schwindlige Köple. Wie aber das
rechte Wetter, so lUsst sich auch nicht die reclite Stimmung er-
trotzen, sondern nur erwarten und benutzen; aber dafür will ich
Sie wenigstens nicht länger warten lassen. Ist doch Ihr an mich
gerichteter Brief bis gestern noch anf dem Schreibtisch in meiner
Sommerwohnnng gelegen, weil er hier empfangen nnd gelesea
wurde! Wahrlich eine geraume Zeit! aber ftir mich anch eine Zeit
der angestrengtesten Cl«istesthätigkeit nnd Gemtlthsbewegungen,
eben so wohl in Folge der Versprechung meiner leiblichen Tochter,
deren Scheidung von mir ich, in Gedanken wenigstens, der Schei- \
dung der Seele vom Leil)e gleichsetze, als der Versprechung meiner '
geistigen Tochter, meiner Schrift, an den Ijuchhändler, die ich auch
mit sehr schwerem Herzen aus meinen Händen Hess, ja gern wieder
zurückgenommen hätte, wenn ich nicht durch mein einmal gege-
benes Wort gebunden gewesen wäre. Am wenigsten daehte ich ■
daran, dass sie schon so bald erscheinen würde; viele Llleken, die
aUmählig und gelegentlieh ansgefllllt werden sollten, sind daher steheD
geblieben, viele Partien nicht ausgefUhrt oder geradezu w eggelassen
worden. Doch alea jacta est. Nach last lOjährigera Scheintode
bin ich wieder zum „Sein für Andre" erwacht; ist nur einmal der
Anfang gemacht, so ergibt sich die Fortsetzung von selbst. Es
taugt übrigens schlechterdings nichts, Manuskripte Jahre lang liegen
zu lassen. Gedacht, geschrieben und gedruckt! Das sei des Schrifl*
stellers Motto. £s ist doch Alles, was wir thun, denken und schreiben,
ephemer wie wir selbst; der Unterschied ist nur, dass die Gedanken i
des Genies nicht alltägliche nnd desswegen der Aufbewahmng
würdig sind. '
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176
Die YorBtebenden sehlecht geschriebenen Zeilen schicke ich
Dioen nur als einen Beweis, dass ich Ihnen schon längst schreiben
wollte, aber zuj^leicli auch als einen Beweis von der Richtigkeit
der in meiner Schrit t ausgesprochenen Behauptung, dass der Wille,
der von der Zeit abstrahirt oder gar wider den Strom der Zeit
Behwimmen will, nur ein Phantom ist. Erst jetzt ist mein Wollen
Kf^nnen — Wollen ohne Können ist aber nnr eingebildetes^ chimär
lisches Wollen — erst jetzt, wo und weil ich mit meiner Schrift
fertig bin, also Zeit habe, an Sie xa sehreiben. Was sollte ich
Urnen aber auch, was soll ich jetzt selbst schreiben? Alles Wissens^
wfirdige von mir enthält ja meine Schrift, nnd Sie werden sich
nicht dadurch beeinträchtigt fühlen, dass ich, was ich Ihnen mit-
theile, zugleich auch Andern, ja der gesammten Welt mittheile,
licsteht ja doch der Werth der Schrift zuletzt nur darin, dass sie
eine Sache so gemein macht wie Luft, Licht und Wasser. Ich
sehreibe Ihnen daher eigentlich auch nur, um Sic zu fragen, auf
welchem Wege ich meine Schrift Ihnen zuschicken kann und soll,
ob durch die Post oder den Buchhandel oder wie sonst? Uebrigens
ist meine Sduriit nnr von meiner Seite, nicht von Seiten des Setzers
und Buchhändlers fertig. Der letzte Bogen, den ich korrigirte, war
der 14., und das Ganze wird sich auf 17 — 18 Druckbogen belaufen.
Es wird also noch 14 Tage oder gar 3 Wochen dauern, bis sie
vom Stapel läuft, also noch Zeit genug, um von Ihnen Antwort zu
erhalten und danach meine Massregeln treffen zu können, ehe durch
fremde Hände ihnen meine ächrift zu Gesichte kommt. Leider
habe ich bis jetzt noch keinen andern Titel gefunden als den drei-
fältigen, „Freiheit, Gottheit und Unsterblichkeit, vom Standpunkt
der Antfaropobgie''. In der That Iftsst sich der Inhalt meiner
Schrift, meiner Schriften Überhaupt, auf diese 3 Endfragen der
alten, selbst noch Eanf sehen Philosophie reduziren. Aber die ab*
ttrakten Dreiheiten lassen sich kaum in einem Zuge über die
Zunge bringen, stehen also nicht im Einklang mit dem Individua-
lismus und Sensualismus, dem die Schrift huldigt.
Die Schrift von K. Fischer (Logik, 2. Aull.) habe ich noch
im verflossenen Jahr erhalten, aber bis jetzt auch nicht einen Blick
in sie geworfen, theils aus Mangel an Zeit, aber auch an Lust. Was
sage ich, Mangel an Lust? — £s graust mir, wie dem Leben vor
dem Tode, vor der Hegd'scben Philosophie, der Hegerschen Logik,
auch m ihrer erneuten, sei's verbesserten, sei's yerschlechterten Form.
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Die Erklärnng dieses Grausens werden Sie, wenn nicht schon in
meinen früheren .Schritten, namentlich in meiner letzten finden.
Es ist das (iraiisen des Sehmetterlinjjs vor seiner Puppen- und
Kaupengestalt. Doch auch abgesehen liievon, ich hatte bis jetzt
positiv keine Zeit, habe sie auch jetzt noch nicht, da ich unmittelbar
nach meiner Schrift an die Erfüllung eines schon im Sommer to-
rigen Jahres einem Freunde in Amerika gegebenen Versprechens
gegangen bin, ihm zur Geschichte der dentschen EinWanderang in
Amerika ans der hiesigen Bibliothek einen Beitrag zn liefern. —
Sehr wird es mich freuen, gnte Nachrichten von Ihren Vorlesungen
und Ihrem Befinden zn erhalten. Wir haben den fortwährend bei
uns milden Winter gesund Uberstanden. Frau und Tochter griissen
Sie herzlich und lassen Ihnen sagen, dass Sie nur den liruder des
mit dieser Verlobten, nicht diesen selbst kennen lernten. Leben
Sie wobl! Freundschaftlich Ihr L. Feuerbach.
Lieber Herr Bolin! Sie emplaugen hier auf dem von Ihnen
angegebenen Wege meine Schrilt. Möge die Lcktllre derselben in
Ihnen das liedttrfniss und den Wunsch einer Fortsetzung derselben
so lebhaft erzeugen, als sie der Verfasser empfindet, so ist mein
Zweck erreicht. Denn mehr kann der Verfasser nicht wünschen,
als dass sich im Lesen das Vappötit vient en mangeant bestätigt.
— Ich bin noch immer beschäftigt \uit der mir von einem Freunde
oktroyirten Arbeit, und habe daher keine Zeit und Lust zum Brief*
schreiben. Nur Dieses. Ich habe endlich den Fischer in einem
freien Augenblick zur Hand genonimen und den Anfang der eigent-
lichen Logik — Sein, Nichtsein, Werden — gelesen, aber schon
während des Lesens unwillkürlich ausrufen müssen : erbärmlich,
erbärmlich! Die elendste Scholastik und Sophistik! Wie ehr-
würdig, wie klassisch ist gegen diesen Pfuscher Hegel! Wie be-
dauere ich die Jugend, der solcher Unrath zur Verdauung angeboten
wird. Doch später vielleicht einmal Beweise yon der Wahrheit
dieses wegwerfenden Urtheils, wenn es anders derselben bedarf. '
Mit den herzlichsten Grttssen von mir und den Meinigen Ihr
Derselbe »n denselben.
Reehenbfliif, den 30. April 1866.
L. Feuerbacb.
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177
W. Bolin an Feverbacli.
Udsinj^on, Freitag dea 18. Mai 1SÜ6.
Vor etwas mehr als einer Woahe, mein th euerer Freund,
erhielt ich Ihr neuestes Werk nebst einliegenden Zeilen. Icli eile,
Ihnen mit umgehendem Damplcr meinen aufrichtigsten und herz-
lichsten Dank zu bezeugen.
Was ich Ihnen heute darüber stigen kann, entciuillt aus dem
ersten Eindmek, der unbedingt ein günstiger ist, und zumal mit
Ihrem eigenen Wansche, nämlich euiem Bedürfnisse nach Fort-
setznng darchans zusammentrifft.
Besagtes Verlangen nach „Mehr*' gilt meist Ihrer tfberaus
fesselnden und in vieler Hinsicht gewaltsam hinreissenden Abhand-
lung Aber Spiritualismus und Materialismus, die unbedingt
eine Ergänzung erheischt. Was Sic im Gebiete der allgemeinen
Religion, als der unbevvussten und unwillkürlichen Philosophie, ge-
leistet und was in den kleineren Abhandlungen des neuesten Bandes
so wesentliche als überzeugende ErgUnzun«;en erhalten, ist in der
grösseren, obwohl fragmentarischen Abhandlung unverkennbar auf
das (xebiet der partiliularen , uneigentlichen, verkappten Beligion,
auf die Philosophie ausgedehnt, muss aber noch in erweitertem
Hasse geschehen, um den Sieg über die Religion, die dort ihren
letsEten Schlupfwinkel hat, voUstilndig zu machen. Die Gewalt
Ihrer Thfttigkeit liegt offenbar darin, zu zeigen, wie alt, wie
zwingend, wie umfassend die Anschauungsweise ist, der Sie An-
erkennung zu erwerben trachten. Ohne Zweifel wäre es überaus
erwünscht gewesen, wenn Ihnen die Verhältnisse gestattet hätten,
die fragliehe Abhandlung vollständig ans Lieht zu brin^i^en. Doch
will ich holten, dass sich hierbei wiederholen wird, was dem Goetbe
widerfuhr , als er seinen langgehegten Faust zunächst nur als
„Fragment^' an die Oeffentlichkeit brachte, aber, durch diesen Um-
stand angefeuert, sich zur Vollendung des Gedichtes entschloss
und uns den köstlichen „ersten Theil^' lieferte. Ihre Methode, die
ieh eine bistorisch-genetisebe Interpretation nennen mochte, hat
sich an dem neuen Versuche trefflich bewährt. Obgleich derselbe
eines gewissen, inneren Abschlusses und Zusmnnicnhanges nicht
ermangelt, kann man doch nicht umhin, stellenweise eine Erwei-
terung zu wünschen. Dieselbe dürfte, soweit ich nach cininaligem
Lesen urtheilen darf, zunächst in der eigenthttmlichen Willcustrage
Orfta, r«a*tbMto llri«fir«e1iMl «. NmUuii. IL 12
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178
j
zu lietern sein, namentlich was XCrantwortUDg und Moral überhaupt
betrifft Ihr treuergebener W. ßolin.
Mr. V&illant ä Feucrbin h.
Heidelberg, 27 Octobre im
. . Moii aiui l{<»y avoit le lU'-sir de ])ublier unc tradiiction plus
compUHe qiie sa ju-ciniiTc, et natiuolli'iiient de la ('(HitiiM- ä im autre
öditeur que le premier, — qui, du roste, voiis a editie sur sa deli-
catesse par la fagon sans gene dont ii a dispose de votre autorisa-
tion noQ demandöe — , ^ditenr qui n'a rien fait pour la vente de
cette traduction qa*il aurait pu, en l'exposant, vendre en tr^8-peu
de temps, et que n^anmoins je erois k peu pr^s Tendae, mais,
on pent le dire, malgie lui
Ed. Vaillaut.
Mr. H. G. Brokmeycr to Fenerbach.
St. Louis ^Missouri ü. S. A. 30tb October IbÜG.
Ludwig Feuerbaeh Esq. Sir, At the regulär meeting
of the St Loius Philosophical Society in Oeto|>er| Yoa were eleeted
an „AnxUiary" („Constitution Art lU ? 4:
For the pin pose of promoting an interehange of thonghts with
thinkers at a distnnce, the Society niay confer *the distinetton of
Auxiliary iqxm all such an will correspond at times upon questious
respccting whidi a coinparison of views is desired'').
All a('kno\vled<i:ment of the re('e}>ti()n of tbis notifieation is
respectfuliy requested Ueury C. Brokmeyer,
President
Wm. J. Harris, Secretary.
Ludwig Pfan an FeuerbaclL
Göppingen, den 10. NoTember 1865.
Mein lieber Feuerbaehl Es bat etwas lange i^edauert, bis
ich nicinein Versprechen nachkomme ; aber wie Sie aus der Ueber-
schrift ergeben , betindc ich mich dcrmaleu iu G(>ppiugeny und so
I
I
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179
masste ich vorher einen Abstecher nach Stuttgart machen, um Ihnen
die Bücher schicken zu können.
Ihr Buch habe ich mit grosser Freude gelesen. Das ist Alles
echt und gesund, und steht auf festem Boden. Auch die ironiscLen
und humoristischen Spitzen, die da und dort zu Tage treten, thun
wohl. Es ist eine Schande für Deutschland, dass solche Arbeiten,
welche die wichtigsten Fragen von einer neuen und faktischen
Seite anpacken und auf die lülein fruchtbringende Weise behandeln,
dne so geringe Anerkennung finden. Es wäre kein Wunder, man
bekäme alle geistige Arbeit satt Glücklicher Weise trägt man
doch die Zuversicht in sich, dass eine solche Thätigkeit nicht ver-
loren ist, wenn sie auch im Augenblicke ihre Wirkung nicht thut;
und dann hat die gute Natur dafür gesorgt, dass der Aplelbaura
nicht anders kann und doch wieder Aepfel trägt, wenn ihm auch
der Lenzfrost die besten Blumen versengte.
Sie sollten auch auf andere Weise zu wirken suchen als in
BUchern; Journale und Zeitschriften sind einmal an der Tages-
ordnung und dringen hin, wo Bttcher nicht hinkommen. Wie wär's,
wenn Sie hie und da Etwas ffir die Beilage der Allgemeinen Zeitung
schrieben? Ich weiss wohl, was sich gegen dieselbe sagen lässt;
aber es ist doch noch das einzige Organ, das ernstere Arbeiten zur
Kenntniss eines grösseren Publikums bringt. Ich wtirde mit Ver-
gnügen den Vermittler machen, da ich sowohl mit der Redaktion
als mit den Eigenthümern l>ekanut bin. Seit dem Tode des alten
Cotta und des verbissenen Kolb ist auch ^lancbes anders geworden. .
Ich hätte grosse Lust, Etwas Uber ihr neuestes Buch in die
Allgemeine zu schreiben; nur mttsste man Ihre ganze philosophische
Persönlichkeit dabei ins rechte Licht stellen und auf Ihre älteren
Schriften dabei zurttckgreifen. Dazu mttsste ich denn freilich Ihr
ganzes Werk wieder durchstudiren, und dazu fehlt mirs im Augen-
blteke an Zeit. Sie selber könnten freilich Ihren Standpunkt im
Gegensatze zu unserer ganzen phautasireuden Philosophie am Besten
hervorheben; und wenn Sie eine falsche Bescheidenheit unterdrücken,
und mir eine Anzahl Notizen an die Iland geben wollten, welche
mir meine Arbeit erleichtern könnten, so würde ich dieselbe wohl
unternehmen. Von Nutzen nicht nur für Ihre Person, woran Ihnen
weniger liegt, aber für die Sache, wäre eine Besprechung gerade
in der Allgemeinen Zeitung jedenfalls. Es ist Schade, dass man
nicht von seinen Renten leben und nur das mit Müsse und Fleiss
ausarbeiten kann, was Einem am Herzen liegt.
12*
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180
Wenn Sie z. B. eine tttchtige Kritik des Kuno Ftseber'seben
Unsinnes schreiben wollten, so wäre dies eine gute Thal Es
wäre überbaiipt heilsam, wenn man in den Sumpf unserer Philo-
8oj)hie einige tüchtige Schläge führte, um die quakenden Frösche
aufzuscheuchen. Das wHre ein Geschäft, das Ihnen gar wohl an-
stünde. Es ist freilich kein ganz angenehmes , sich mit längst
Ueberwun jenem wieder heromzubeisseu; aber es wird docb durch
die Aussiebt auf eine sichere und unmittelbare Wirkung versttsst.
Ich Bohicke Ihnen meine BUcber, weil es mir Vergnttgen macht,
sie in Ihren Händen za wissen, entbinde Sie jedoeh derVerpflichtong,
sie zn lesen, da Sie yielleieht Besseres zn Üinn haben. Wenn Sie
mir gelegentlich schreiben wollen, so adressiren Sie Ihren Brief am
Besten an meinen lUichhUncller Emil Ebner. Mit der Bitte, mich
Ihren wertheu Damen zu empfehleo, grUsse ich 8ie hochacbtuDgä-
YoU. Ihr L. Pfau.
Feuer bar Ii an Dr. J. Duboc.
{a&ch dorn Bruuiüou.)*)
1866.
Die Pointe Ihres Kinwnirfes ist der ►Sclilussatz: ,,F. hat Keclit,
dass die Moral nicht von der Glückseligkeit abstrabircn kann;
aber man muss hiuzusetzen, dass sie auch nicht von dem Rechts-
bewnsstsein abstrahiren kann.'^ Aber was ist denn dieses Hechts
bewnsstsein anders als das Bewnsstsein von dem Kecht des Glttck-
. Seligkeitstriebes des Andern; denn nnter der Glückseligkeit in Ihrem
Satze können Sie nichts Anderes verstehen als die eigene Qlttcic-
Seligkeit) denn nnr dieser steht die Pflicht oder das Bewnsstsein
von dem Recht des Glückseligkeitstriebes auch des Andern gcgoii-
lil)er. Oder kennen Sie ein vom GlUckseligkeitstrieb unterschiedenes
Hecht, ein Recht an sich, gleich dem Kantischen Ding an sich, ein
Recht, das nicht die Het'ricdi<;nn<; jenes Triebes zum (Jrund und
Gegenstände hätte V Ich verweise iihi igcnshier Uber auf meine Theo-
gonic: „Das Gewissen und das Rccht'*/^*)
Doch abstrahiren wir vom Glückseligkeitstriebe, so heisst Iltr
Satz nichts anderes als: ,,Die Moral kann nicht vom lieben Ich
abstrahiren, aber sie kann auch nicht von dem anlieben Anderen
abstrahiren." Nun ist aber grade mein charakteristischer Ansgaugs-
Betreffend das letzte Werk: „(ioUlicit, Freiheit, Unsterblichkeit
IX. 1C5 f.
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181
paukt der Satz: dass die Moral nicht, wie bei Kant, Schopen-
hooer o. 8. aus dem Ich allein, sondern nur ans dem leh nnd
Dn abgeleitet werden kann, nnd zwar nicht nur ans dem in (be-
danken existirenden Da, dass Jeder im Kopfe hat and haben mass,
weil sonst aach der Gedanke an eine Moral nnd Pflicht wegfiele,
sondern aus dem sinnlichen, leiblichen, ausser meinem Kopfe exi-
stirenden, mir persönlich gegenüberstehenden Du, welches eben
ilcHSwegen, wenn keine gütlichen Ermahnungen und Vorstellungen
helfen, selbst durch körperliche Demonstrationen die Anerkennung
seines Rechts auf Leben, Eigenthum, Ehre, kurz seines GlUckselig-
kcitstriebes mir aufdringt. Sie fragen: wie kommt der Mensch zum
Pfliohtbewasstsein ? was bewegt ihn, sieh Pflichten anfzulegen?
Ich antworte: So wenig der Mensch aas apriorischer, den aposte-
rioren Grobheiten der Katar zavorkommender Höflichkeit nnd Frei-
willigkeit, die anmittelbaren physiologischen and pathologischen
ICinschränkungen seiner an sich unbeschränkten gränzenlosen Selbst-
liebe auferlegt, so wenig legt er sich selbst die Pflichten, die mo-
ralischen EinschrUiikinigen derselben auf; sie werden ihm von der
Macht, der Autorität der Andern auferlegt, selbst wenn auch diese
Pflichten in die Klasse der von der alten, auch noch Kantischen
Moral, anerkannten Pflichten gegen sich selbst gehören, die
offenbar nar die eigene Wohlfahrt za ihrem Grand and €tegenstand
haben, wie z. B. die Pflichten der Reinlichkeit, Sparsamkeit, Massig-
keit Denn wer macht dem Unreinlichen die Reinlichkeit, dem
Unmässigen die Mässigkeit zaerst oder arsprünglich zam Gesetz,
zum Mässigseinsollen? Der Massige. Was ich bin, das sollst Du
sein, wenn ich auch, was ich bin, von Natur bin, aus Neigung, oder
in Folge von in frühester Kindheit, ohne Wissen und Wollen,
empfangener Eindrücke. Sunt semina virtutis nobis innata (Es
gibt Samenkörner der Tugend, die uns eingeboren sind). Aber es
gilt aach hier die nnendliche Verschiedenheit der menschlichen Indi-
vidaen and Tagenden. Was fttr den Einen Tagend ist, die sich für
ihn von selbst versteht, die ihn gar keine Anstrengnng nnd Opfer
kostet, die Eins mit seiner Individaalität, mit seiner Organisation
ist, ist fttr den Andern eine Pflicht, die er nicht erfüllt, oder
nur mit der grössten Anstrengung und Peinlichkeit, folglich nar
mit knapper Noth erfüllt.
Es gibt keine Pflicht und keine Tugend — welche nichts
anderes als eine habituelle oder auch angcbornc Pflichtcrtiilluiij?
ist — die nicht aas einem Triebe der menschlichen Natur, und
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182
folglich ) da jeder Trieb ein Glttckseligkeitstrieb, weil nur in der
Befriedig; au <^ desselben der Mensch glücklich ist, aus diesem her-
vorgegangen Nväre. Das Gebot, l'Ur sein Vaterland zu leben und
zu sterben, ist nur von denen gegeben und gehalten worden, bei
welchen die Erfüllung desselben kein Produkt eines theoretischen
Vernunftzwanges, der auch nur theoretische Anerkennung, aber
keine Handlung hervorbringt, sondern Produkt der Vaterlandsliebe,
Produkt herzlicher, -sinnlicher Kothwendigkeit, kraft welcher sie
so bandeln mnssteni wie sie bandelten, Produkt des Glttokseligkeits-
triebes war, aber des Glttckseligkeitstriebes, der das Glflek des
Vaterlandes als eigenes Glück, das Unglück desselben als eigenes
Unglück emptindet und erkennt. Kurz, die Pllicliten gegen Andere,
die nut Opfern verbunden sind, erfüllen, trotz aller Vernunft- und
Religionsgebotc, nur die Menschen, die sieh unglücklieh fühlen,
wenn sie sie nicht erfüllen, bei denen also diese Opi'er nicht im
Widerspruch stehen mit ihrem Glückseligkeitstriebe.
Uebrigens stehen Opfer, Verneinungen, Einschränkungen, welche
die Pflicht dem Glttckseligkeitstrieb auferlegt, nicht im Widerspruch
mit diesem Triebe, selbst im gewöhulicben Sinne. Welche Ver-
sagungen, welche Verneinungen legen sieb z. B. die Menschen auf,
die keinen andern Zweck haben, als sich durch Sparsamkeit und
Arbeitsamkeit ein Verniö<;en zu erwerben! Selbst zur Erhaltung
unserer Gesundheit, sa<;e ich in den Anmerkungen zur „Unsterb-
lichkeit vom Standpunkt der Anthropologie^', gehört ein gewisser
Heroismus.
Sie haben den Glückseligkeitstrieb nur erfasst und festgehalten,
wie ihn Kant feststellt, nicht beachtet, was ich dagegen sage. Die
Pflicht ist bei Kant das apriorisch Allgemeine und Notbwendige
seines theoretischen Idealismus, die Glückseligkeit das Sinnliche
der Empirie. Der Glttckseligkeitstrieb geht aber aucb auf das All-
gemeine lind Notbwendige. Jeder bat seine eigene Glückseligkeit,
d. b. Jeder hat seine eigenen Leckerbissen; aber gleichwobl will
Keiner hungern, Jeder essen, und ist glücklich, wenn er nur deu
Hunger — der Hunger ist auch ein Glückseligkeitstrieb — wenn
auch nicht gerade mit besondern Leckerbissen — stillen kann.
Sie haben ferner nicht beachtet, dass nicht der Eigensinn, wenn
auch philosophischer Eigensinn, sondern der volksthttroliche, wenn
aucb aus unserm Volke verschwindende, oder vielmehr menscbheit-
liche Gemeinsinn die Basis meines Denkens ist, dass ich mich
flberall auf Thatsacben, Aeusserungen, Ofifcnharungen der Menscb-
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183
heit, nicht dieses oder jenes Pliilosoplien stütze, dass Ibl^iich aiieh
luciu Moralprinzip mir die Analyse der uralten, nicht nur alt- und
neiUestamentliclien, sondern menschhcitliclieu Ausspruche ist. Liebe
Deinen Nächsten wie Dich selbst, und Was Ihr nicht wollt etc.,
d. h. was Ihr nicbt vom Andern erleiden wollt, das thut ihnen auch
nicht — mit andern Worten : der Wille, der kein Uebel thnt, weil
er etc., ist der positive sittliche Wille.
Ich bedauere daher, dass trotz Ihrer sonstigen wohlwollenden
Anerkennung, trotz Ihres übrigen richtigen Verständnisses von mir,
ich doch Ihre Kritik meiner Moral in die Klasse der verfehlten
Kritiken, die bisher über meine neueste Schrift erschienen, versetzen
inuss, in die Klasse der Kritiken, die nicht das was ich sage, wenn
auch mit deutlichsten Worten, sondern was sie sich selbst von mir
in den Kopf setzen, was sie von mir denken, zum Gegenstand
ihrer Ausstellungen machen. L. F.
Fenerbacli an Fr. Kapp.
Reclieiibofg, den 2. Dezember 1866.
Lieber Kapp! ... Deinem Urtheil über unsere deutschen
Händel und Vorgänge, insbesondere preuss. lieldenthaten und
Erfolge, kann ich .keineswegs unbedingt beipflichten . . . Unsere
Politik befindet sich jetzt im Stadium der Hegel'schen Dialektik,
die im Widersprach mit der alten Logik jedes Ding sich selbst
entgegensetzt, und damit Alles, selbst Kopf und Herz in Verwirrang
bringt.
Man muss allerdings fltr Preussen sein, weil man nicht dagegen
sein kann, ohne für Oesterreich zu sein. Man kann aber nicht ilir
Preussen sein, d. h. das Preussen J'^rieilrichs IL, der Stein und
JScliarnhorst, ohne zugleich gegen das gegenwärtige, ja seit fast
50 Jahren reaktionäre gouveruementale Preussen zu sein. Man
muss sich freuen, dass die Kleinstaaten zum Theil wenigstens
aoigehoben sind, aber sich ärgern ttber diese Freude, wenn man
bedenkt, dass die prenssische Grossthat dasselbe Prinzip wie diese,
nur Im Grossen verfolgt . . Aber es ist doch ein Schritt zor Einheit;
ja, aber aneh zur Unterwerfung unter Einen, der sich nicht von
den andern Unterworfenen wesentlich unterscheidet . . .
Dein treu ergebener L. Feuerbach.
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184 —
Derselbe au düuselben.
Bechenlieiig, den 12/15. FeVnur tWI.
Lieber Kapp!. ..So wie ich den guten, lammfrommen
Zinzendorl', der mir eben desHwcgcn so viel Zeit kostete, weil Geist
und Herz ganz wo andershin gerichtet waren, vom Halse hatte,
warf ich mich auf die politische Geschichte der neuern und neuesten
Zeit, die ich mit dem 7 jährigen Kriege begann, und beschäitigte
mich, nur ein paar unpolitische, ästhetische Schriften ausgenommen,
aoBScbliesBiich mit ihr, und zwar bis vor wenigen Wochen, wo ieb
mit dem Krieg von 1866 von Bttstow sehloss. Ans dieser meiner
Anknüpfung der neuesten Ereignisse an Friedrich II. wirst Dn er-
sehen, dass ich znr Würdigung derselben den einzig richtigen Aus-
gangs- und »Standpunkt gewählt habe.
Mein letztes Urtheil war weniger ein Urtheil, als blos Ausdruck
einer Stininiung oder vielmehr Missstininiung, wenn auch nicht
zufälliger und unberechtigter, nämlich der Missstimmung Uber den
Widerspruch der inneren und äusseren Politik PreussenSi den Wider
sprach, physische Erobeningen zn machen, ohne Sie du'cb
moralisehe Erobeningen zn beseelen nnd za rechtfertigen —
sonst hätte man nicht vor Wien nnd an der Mainlinie Halt so
machen nOtbig gehabt . • .
Herzliche GrUsse von den Meinigen an Dich nnd die Deinen.
Dein L. Feuerbach.
Fenerbach an W. BoUn.
Reclieiibcrg, dcu 5. MÄiz 1867.
Mein lieber P>olin! Seit ich Ihnen meine Schrift gesendet
und zum letzten Mal bei dieser Gelegenheit geschrieljcn habe, haben
wir in Deutschland so viel erlebt nnd ich so viel gelesen und studirt,
aber so wenig oder vielmehr, ansser nnerlässlichen Briefen, gar
nichts geschrieben, dass ieh nnr mit Widerstreben zu dem entwöhn-
ten Handwerkzeng der Feder greife. Schon seit gewiss U Tagen bin
ich wieder ganz hergestellt*), aber ich konnte mich nicht von der
Lektüre losreissen, deren letzter Gegenstand Ronssean's Oon-
fessions waren, eine Schrift, die schon im Sommer gelesen werden
sollte, aber von andern Scliriftcn, })oIitischen und weltgeschichtlichen
Inhalts, verdrängt worden war, und weiche ich seit meiner Jugend,
*) Bezieht sich auf F.'s ersten SchlagaoM.
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wo ich einen fluchtigen Blick in sie warf, sie aber mit Verachtung
Yon mir Btiess, nicht mehr angesehen hatte. So pflanzen sich die
ESindrUcke der nnyerständigen Jugend als Vonirtheüe selbst bis in
das reife Alter fort Und doch, wie viele Aehnlichkeiten zwischen
seinen Gedanken, Neigungen und Empfindungen und den meinigen
habe ich in ihm gefunden! Wie vieles aus der Seele gesprochen,
wie vieles selbst mit denselben Worten von mir, wenn auch nicht
Gesagte doch Gedachte! So unter Andrem der Gedanke von einer
sinnlichen oder materiellen Morar', den er aber nicht ausführte,
so wenig als ich meinen von der Moralität der Sinulicbkeit oder
nmgekehrt der Sinnliehkeit der Moral ansfilhren werde; so auch
seine Liebe zun Landleben, znm Obskurantismus^), seine Abneigung
gegen das „ nnglttckselige Metier" der Schriftstellerei, der er fBr
immer entsagt hätte, wenn er nicht wider seine Neigung dnrch
äussere Veranlassungen stets wieder zu ihr zurückgeführt worden
wäre, gerade wie auch ich. Diese Confessions waren also bei mir
nichts weniger als geeignet, den Grifl' zur Feder zu ermuthigeii
und zu beschleunigen. Gleichwohl stehe ich gegenwärtig aus dem
psychologischen Bedürfniss der Abwechslung, der Thätigkeitsver-
ändemng auf dem Punkte, indem ich die Feder des Briefstellers
ergreife, auch die des Schriftetellers wieder zur Hand zu nehmen,
die durch die Eriegsereignisse und Staatsyeränderungen — die,
um ihnen nahe zu bleiben und zugleich gewachsen zu sdn, mir
die BeschSftigung mit der politischen Geschichte der neuen Zeit zu
einer dringenden Angelegenheit machten — unterbrochene Fort-
setzung, d. h. Entwicklung und Begründung meiner letzten Schrift
da, wo sie deren bedarf, vorzunehmen, jedoch nur in dem Falle,
dass gute Laune, guter souveräner Humor mich anwandelt; denn
einer forcirten Willens- und Geistesanstieugung, wie mir meine
anter den widrigsten Verhältnissen begonnene und mehrmals ge-
waltsam unterbrochene Arbeit über Spiritualismus und Materialismus
gekostet hat, ttberhebt mich mein hohes Alter, bereits selbst als
Schriftsteller, und das Bewusstsein yon der Nutz- und Erfolglosig-
keit meiner Schriftstellerei. Denn trotz meines literarischen Vete-
ranenthums bin ich noch immer nicht nur eine Persona ingrata,
sondern auch incognita, wie die Uber meine letzte Schrift mir zu
Gesichte gekommenen, wenngleich theilweise günstigen Urtbeile
beweisen. — E& freut mich, dass Sie sich in Ihrer akademischen
«) Wörtlich, offenbai statt HObakniitit^
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186
Tbätigkeit beimisch nnd behaglich fülilen. Auch stimme ich ganz
dem bei, was Sie mir yon dem CMankeogang Ihrer Vorlesongen
mitgetheüt; anch damit bin ich einverstaodeii, im Widerspruch mit
meiner nvAndlicb einmal ausgesprochenen Meinung, dass Sie Ihre
akademische Thätigkeit noch länger fortsetzen oder sogar bleibend
in Ilelsinglbrs festsetzen, weil sich bei Ihnen damit ein patriotischer
Zweck verbindet, was bei meiner akademischen Laufbahn nicht der
Fall war; denn in welchem Zusammenhang stand von jeher und
Steht noch jetzt meine liichtung und Tliiitigkeit mit der bayrischen
Regierung und „ Nation'-"? Nicht nur „Was", sondern auch
ist des Deutschen Vaterland? Sie haben obendrein an einer oder
Ihrer Universitätsstadt gefunden, was ich nur auf dem Lande —
eine Braut, wozu ich Ihnen von Herzen gratulire. Es ist daher
natflrlich und vemtlnftig, dass, wie ich mich auf dem Lande, so
Sie sich in der Universitätsstadt fixiren und habilitiren. Wäre mir
dasselbe pnssirt, wie ganz anders wäre mein Lebenslaut' und viel-
leicht mein Gcdankenlauf ausgefallen ! Ich bereue übrigens auch
jetzt noch nicht den Schritt, der meinen Lebenslauf entschied, so
wenig er auch ein Schritt zu einer glänzenden Carriere war. Möge
dasselbe auch bei Ihrem Scbpitte der Fall sein! Mit diesem Wunsche
Dir alter Freund L. Fb.
Hochgeschätzter Herr! Ich verschati'te mir durch die
hiesige (ilTcntlicbe Staatsbildiothek Ihr Werk, das ^, Wesen des
Christenthums". Dieses Buch machte einen ungeheueren Eindruck
auf mich, wie auch Ihre weiteren Werke, mit deren Studium ich
seit Anfang dieses Jahres beschäftigt bin. Ich kann in der That
nicht nmhin, Ihnen meinen tiefsten Dank fttr die mir durch
Ihre Schriften zutheil gewordene ErlLenntniss auszusprechen. Sie
haben mur die Binde von den Augen genommen und mich erkennen
lassen, dass nicht der Mensch nach Gottes Bilde, sondern Oott nach
des Menschen Bilde gemacht ist, und dass das Wesen der Gottheit
und des Wunsches ein und dasselbe ist. Wie sehr jedoch Ihr
Name und Ihre Werke hier verpönt sind, mag Ihnen der Umstand
beweisen, dass der Bibliothekar der Staatsbil)liuthek meinem Vater,
welcher mir die Btlcher holt, da ich selbst dazu keine Zeit habe^
schon mehrmals sagte, er warne mich aufs Dringendste vor Ihren
Gustav Bäuerle an Feueibach.
Stattgut, den 15. April 1S67.
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Werken, da dieselben zu den schlimmsten gehören, die irgend
existiren
Mit TorzQglioher Hoobachtong Ihr Gnstav Bänerle.
Feuerbach an 6. Bftuerle.
Rechenber^ bei NOrnberg, den 31. Hai 1867.
Mein Herr! Ohne Vernunft gibt es kein Gewissen, wie
sich übrigens von selbst versteht j aber ti*ot2;dem kann bei, nament-
lich ,,in gewisser Beziehung sehr ausgebildeter Vernunft" voll-
kommene Gewissenlosigkeit, Nichtanerkennung der wohlbegrttndeten
Rechte Anderer stattfinden und findet wirklich statt Dieser Wider-
sprach reduzirt sich aber auf den allgememen Widerspruch zwischen
Erkennen und Handeln, zwischen Theorie und Praxis, zwischen
Gescheidtsein und Gntsein, zwischen Politik und Moral. Diesen
Widcrsprucli zu lösen, diis ist eben die Anti,^;ibc der Erzieliung,
im Einzelnen wie im Ganzen, der Individuen und der N'ülker, die
Autgabe der Gescbiclite. liisher haben ihn nur einzelne, seltene,
glückliche, vollendete Menschen gelöst So wenig aber das Paradies
je auf Erden stattfinden, wenn es auch holTentlich besser auf ihr
werden wird, so wenig wird auch die Aufhebung dieses Wider-
sprachs je allgemein und vollständig wirklich werden, weil er in
der Natur der Sache und des Menschen begründet ist.
Was ich zu der Ansicht Vogfs sage? Unstreitig gehören sehr
viele Verbrecher, die von unsern beschränkten Juristen ins Zuchthaus
verurtlieilt werden, ins Irrenhaus; aber gleichwohl kann man so
unbedingt, so allgemeinhin den Unterschied zwischen Verbrecher
und Irren nicht aulheben, ohne dass man desswcgen mit dem
Bestehenlassen dieses Unterschiedes die alten Stratreehts- und
Freiheitstheorien anerkennt Ein Verbrechen kann mit Koth wendig-
keit begangen worden sein, ohne dass es desswegen aus Narrheit,
aus Manie, kurz irgend einer psychologischen oder physiologischen
Ursache, welche jetzt den Thäter statt ins Zuchthaus ins Narren-
baus bringt, hervorgegangen ist Aber so lange die Menschen in
Gesellschaft leben, also unter Gesetzen und Kegeln ihres Verhaltens
zu einander, werden sie lesthalieu an dem Unterschied zwischen
unzurechnungsfähigen und zurechnungsfähigen Thätern , obgleich
auch die Thaten dieser, wenn auch nicht aus pathologischer, doch
psychologischer Nothwendigkeit hervorgehen; aber diese Noth-
wendigkeit geht über die Schranken des gesellschaftlichen Lebens,
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gehört nur vor das Fornm des Natorforschera , des PhilosopheD,
nicht des Biebters.
Was fttr ein Unterschied zwischen dem „Atheismus'', den ich
lehre, und dem ,,BIaterialismaB'' Vogt's, Moleschotts nnd Büchners
ist? Es ist lediglich der Unterschied zwischen Zeit nnd Raum, oder
zwisclicu Meuschheitsgeschichtc und Naturgeschiclite. Die Anatomie,
die Physiologie, die Medizin, die Chemie weiss nichts von der
Seele, nichts von Gott ii. s. w. ; wir wissen davon nur aus der
Geschichte. Der Mensch ist mir wie ihnen ein Naturwesen, ent-
sprungen aus der Natur; aber mein Hauptgegenstand sind die aus
dem Menschen entsprungenen Gedanken- nnd Fhantasiewesen , die
in der Meinung und Ueberlieferung der Menschen fttr wirkliche
Wesen gelten.
21. Oktober 1867.
Es gibt nur Eine Wahrheit, es ist das unendlich reiche und
TieliUltige Lehen der Natur und Menschheit Alle philosophischen
Systeme sammt und sonders sind geistige ZellengeAlngnisse. Schon
der Gedanke an sie, wenn man auch nicht in sie eingesperrt ist,
beklemmt und verstimmt aufs Tiefste, namentlich wenn man, wie
es dieses Jahr bei mir der Fall war, in der grossen herrlichen
Alpennatur gelebt hat. Mit aller Achtung vor Ihrem Geist und
Streben Ihr ergebener . L. Feuer b ach.
L. Pfau an Fenerbacb.
FaiiB, den 11. Juni 1S67.
Mein lieber Feuerbach! Wie Sie aus der Uebersclirift
ersehen, befinde ich mich zur Zeit in Paris, um die grosse Aus-
stellunfj^ zu sclien, und auch einigermassen in der AUg. Zeitung
zu beschreiben. Dieser Umstand dient mir vielleicht zu einiger
Entschuldigung, dass ich Ihnen so lange nicht schrieb, was um so
schändlicher von mir ist, als Ihr Brief mir eine grosse Frendo
machte. Die Art und Weise, wie Sie meine Bestrebungen auf dem
Felde der Aesthetik benrtheilen, hat mehr Werth für mich, als alle
Anerkennungen des grossen Haufens, und wenn Sie mich als einen
Ihrer nicht unwürdigen Jünger betrachten, so ist das Alles, v^as
ich verlangen kann und mehr als ich zu hoffen wagte. Es ist ja
doch der einzige Lohn, den man am Ende von seinem Streben
davonträgt, dass man da und dort die Uand eines Milstrebeuden
drückt, oder eines Voranstrebenden, den man ehrt, und dessen
Aufmunterung Einem Muth macht fortzufahren.
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Denbler sagte mir/ dass Sie ihn cUesen Sommer mit Ihrem
Besuche erfreuen werden, und er lad mich zu gleicher Zeit zu
sich ein. Mein pariser Anfentbalt wird aber wohl ein solches Zii-
sammeiitieffen untliunlich machen, so sehr es mich gel'rent hätte,
gerade in Ihrer Gesellschaft dort zu sein. Vielleicht gehen 8ie
wieder einmal hin, und wir können es dann auf eine Zeit richten.
Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie und lassen Sie sich
herzlich grttssen Ton Ihrem h, Pf an.
Feaerbach an W. Bolin.
Bechenbeif, den 1. Juli 1S67.
Mein lieber Frennd! Alle Ihre Briefe sind richtig ange-
kommen. Schliesscn Sie nicht aus einer Nichterwähnung eines
Briefes auf Nichterhalten- haben. Ich bin gewohnt, mehr zu ver-
schlucken, als von mir zu geben. Ja schon in früheren Jahren
habe ich selbst Jahre lang nur gelernt und studirt, simpler ge-
sprochen gelesen, ohne auch nur eine Zeile schriftlich ans mir
herYorzubringen, wie viel mehr jetzt, wo das Leben immer näher
seinem endlichen Abschloss rttckt, die noch l^nrze Zeit immer kost-
barer wird. Ans diesem Gmnde hedanere ich, nm sogleich mit der
Thür ins Hans zn fallen, dass Sie sich wegen der Anschaffung und
üebersendung der philosophischen Schrift*) in Kosten versetzt haben.
Ks ist dies eine Schrift, die, für mich wenigstens, ihrem ganzen
►Standpunkt nach in ein längst abgetlianes Gebiet gehört, in das
Gebiet der deutschen über ,,den Schatten des Esels, aber ohne den
Esel" spckulirendcn Philosophie, eine Schrift, welche — so viel
hahe ich gleich beim P^mpfaog derselben daraus gelesen nnd er-
sehen — die Unsterblichkeit zn einer metaphysischen Frage macht|
ohne beztiglieh derselben „vom Standpunkt der Anthropologie'',
vom psychologischen oder anthropologischen Ursprung und Wesen
derselben, Etwas zu wissen oder vielleicht absichtlich aus hyper-
physischem nnd hyperhnmanem Dünkel Etwas wissen zn wollen,
eine Schrift, welche zu den unzähligen Verkehrtheiten und Albern-
heiten, welche die deutschen Philosophen von Kant incls. an bis
auf den heutigen Tag ausgeheckt haben, eine neue spekulative oder
meinetwegen philosophische, doch jedenfalls afterpbilosophische
Sclimlie geseilt, nämlich die, dass wir unsterblich sind, aber ohne
*) TerarathUcli H. Bitter's „ünsCerUiclikdit** (1806).
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etwas davon zu wissen, eine Sebrift endlich, welche den Inhalt des
Wissenswttrdigsten, was die moderne Welt hervorgebracht, die
moderne Naturwissenschaft, k la Hegel'sehe Scholastik, obgleich
in specie der Verfasser g:egcn Hegel ist, auf* den Widerspruch der
Worte Kiaft und Stört' reduzirt, und mit dieser Logoniacbie Etwas
gesai^t zu haben ghiubt. Dagegen sage ich Ihnen in meiner Tochter
Namen, auch in dem meinigen, obgleich ich noch nicht Zeit hatte,
die Schrift zu lesen, Dank für die „finnischen Dichtungen".*) Dieses
interessirt mich mehr, als das Werk deutschen spekulativen Schatten-
spiels, wenn es anders etwas Originales ist. Der Poet steht mir
liberhaapt näher der Wahrheit, wenn die Wahrheit zuletzt doch
nur, für den Menschen wenigstens, der lebendige Mensch selbst ist,
als der Philosoph. Darum habe ich auch in meiner Theogonie aufs
engste und innigste mich an den Homer angescidossen , ob ich
gleich fern davon bin, im Griechen den vollen wahren ganzen
Menschen zu finden.
Bei diesen Worten bin ich am Donnerstag der ver-
gangenen Woche infolge der damaligen grossen Hitze stehen ge-
blieben nnd seitdem nicht mehr zu Ihnen gekommen, weil sich stets
zwischen Sie und mich unwillkürlich das mich tief verstimmende
Bild der Misere der deutschen Philosophie in Gedanken hinstellte.
Unmittelbar von dem erhebenden Gedanken an die homerische
Poesie führt mich ja die Fortsetzung meines unterbrochenen Briefes
zu einem deutschen philosophischen oder jetzt nationaUJkonomischen
Dozenten und ScluilutclUr, einem Kczensenten meiner letzten
Schrift. Diese von meinem Bucbbjindler nebst zwei andern mir
zugeschickte Kczension ist nur ein neuer Beweis, dass die deutsche
IMiilosophie vor Altersschwäche kindisch geworden ist. Kleinliches
Wortgeklaube, vermischt mit Sophismen erbärmlichster Art! Es
thut mir leid, dieses Urtheii Uber Hm. Dfihring aussprechen zu
mttssen, da vielleicht nur sein körperliches Ungltlck seine eines,
noch dazu abgelebten, Hegelianers würdige Rezension zu verant-
worten hat. Uebrigens sind auch die andern nur zu Gesicht ge-
kommenen Rezensionen, trotz ibrer theilweisen Elogen, die ich
übrigens gar niclit verlange, nicht besserer Art, durchaus verfehlt.
Vielleicht komme ich, wenn ich gesund und bei Humor bleibe und
das Lernen mit dem Lehren vertanschen kann, denn raein Spruch
ist mit Solon: lernend altere ich, » diesen Winter dazu, endlieh
') Eine Auswahl in dentscker Debeitngiing.
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einmal ttber mich seihst, mein Leben und Schreiben, zu schreiben,
um den Lenten die Augen zu Offnen; denn das Gebiet , das ich.
eigentlich schon seit 30 Jahren bearbeite , ist ihnen noch immer
eine terra incognita. Sie sehen noch immer nicht ein, dass ich
keine andere Philosophie habe als die nnTermeidliche, die Philo-
sophie, die man nicht aufgehen kann, ohne aufzuhören Mensch zu
sein, dass aber mit dieser Philosojiliic die bisherige, Kant mit ein-
geschlossen, gar nichts geniein hat, dass die Basis derselhcii die
Naturwissenschaft, dass diese aliein Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft für sich hat, während die rhilosoplde, wenigstens die allein ;
diesen Namen sich anmassende, nur die Vergangenheit für sich j
hat nnd zu den praktischen labores oder vielmehr errores der i
Menschheit gehört
Noch immer hin ich nicht Ton hier weggekommen. Ich habe Sie
schon Anfang Juni hier erwartet. Es ist anders gekommen, als ich
dachte. Gegen Ende des Somnierseroesters erfahren Sie, wo ich
zu treffen bin. Bis dahin in schriftlicher Freundschaft Ihr L.. Fb.
Derselbe an denselben.
Bechenbei'g, Anfang Okt 1867.
Mein lieber jugendlicher Freund! Schon der 14. Tag
wird es heute Abend, dass ich wieder hier in Nttmberg bin, aber
so schön, so sehr vom Himmel begünstigt meine Reise Ton Anfang
bis zu Ende war, so bässlich, so widerlich war das Wetter seit
meiner Ankunft bis heute. WocluMiiaiig in der schönsten, meinen
innigsten Wllnsehcn und Vorstellungen von Natur und Landleben
verkörpernden Gegend, bei dem sein nisten Wetter, und nun in der
schlechtesten, verwahrlostesten Natur, bei dem erdenklich schlech-
testen Wetter, bei erstickenden Staubwolken statt Berggipfel be-
iurftnzenden Lnftgebiiden, empfindlicher Kälte statt wohlthuender
Wärme, heftigem Ost- oder gar Nordostwind statt fast ununter-
brochener Windstille in dem auch in dieser Beziehung so ruhigen
und geschtttzten Geisern. Sie kennen sich denken, wie meine Ge-
inöthsstimmung bei diesem Kontraste zeither beschaffen war; Sie
werden es begreiflich linden, wenn ich Ihnen sage, dass es mir
unmöglich war, Briefe zu schreiben, wenigstens solche, die man
nicht aus „IMlicht'*, sondern gerne, aus Lust und Neigung schreibt.
Am 1). September habe ich nut schwerem Herzen Goisern verlassen,
80 frühe nur desswegen, weil ich hoffte, in meinem schönen Saale
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Tiocb einige Wochen verweilen zu können und mir dadurch den
Uebergang von dem dortigen Leben in das hiesige zu erleichtem.
Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirth gemacht: ieh bm
schon längst ans dem Saal in mein Winterstndirstnhchen vertrieboi,
das vor meinem Saale nnr diesen Vorzug voraus hat, dass es gr
heizt werden kann. Ijieht und Wärme, dnrch die ich bei der
Wiederkunft meinen Aufenthalt hier erträglich niaeben wollte, sind
so von aussen nacli innen gesehwunden; nur die Hoffnung, dass
der kommende Winter der letzte ist, den ich hier verlebe, ist es,
die mich erleuchtet und erwärmt.
.... Gestern, Montag den 30. Septemher wurde ich im Brief-
schreibcn an Sie unterhrochen. Ich fahre daher erst heute fort
Von Geisern sind wir ttber Ischl, St Gilgen, Hof nach Salzburg m
einem Einspänner — demselben, der Sie nach Ischl brachte —
gefahren und haben diesen Weg, namentlich am St. Wolfgang-
See, — freilich beim allerschOnsten Wetter, — post nubila Phoe-
hus — ehen so reizend, ja noch interessanter gefunden, als den
Weg von Salzburg nach Miinelien. In Salzburg habe ich mich
nur einen Tag autgelialten, ol) ieh gleich die Lage der Stadt und
die Umgegend wundervoll schön fand. Aber es waren doch nur
meine Augen, die entzückt waren; mein Sinn, mein Herz war
zurtickgeblieben in Hallstadt mit seinem See und am Rudolphstharm
(beim Salzbergwerk), m Goisem namentlich mit seinen lieben
guten Menschen. Ich wollte eigentlich nichts mehr schon finden,
ausser dem ebengenannten Orte und seiner Umgegend; ich hetrachtete
jedes Uebermass von Wohlgefallen als eine Untreue gegen meine
Geliebte. In München hielten wir uns zwei und einen halben Tag
auf. Ich hatte mit diesem Aufenthalt für meine Person nur den
Zweck, die Hilder meines Neveu's zu sehen, und zugleich meiner
Tochter die (Hyjjtotliek und neue Pinakothek, d. h. nur einige vor-
zügliche Bilder derselben, wie die Eottmann'scben — denn ich
hasse das oberflächliche Vielerlei — zu zeigen. Ich habe die
Bilder meines Neffen, besonders seine letzten, schön gefunden, auch
die anderer neuerer Eflnstler, sowohl in der neuen Pinakothek als
in der Gemäldeausstellung. Aber offen gestanden, ieh hatte, abge-
sehen von der grossen Hitze, nicht die rechte Stimmung für Bilder
in eingeschlossenen Räumen; mein Kopf war übervoll von den er-
lebten Naturschönheiten. Schreitmüller, der mir eben bei München
einfällt, war für uns so viel wie ein Nichtdaseiendcr. Er hatte
das Unglück seineu Fuss zu verstauchen, so dass er unfähig zum
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. • 193
Arbeiten nnd Ausgehen war. Hoffentlich wird der Unfall keine
bedenklichen Folgen haben. Wir haben seitdem noch keine Nneh-
richt von ihm. — Geistiges kann ich, fflr jetzt weni^tens, nicht
versprechen, so wenig als icii von lieuto auf iiiorgen Licht ur.d
Wcärmc versprechen kann. Mit Frau und Tochter iSie und Ihre
Braut grüssend^ Ihr , L. F.
Subprior 1'. Udephuuä Malier, O.S.B., an Fcucrbai Ii.
Mariastdn, dea 11. Oktober Ibüi.
Verehrtester Herr!.. Theils in periodischen ZeitschritlTen,
theOfl in anderen Werken las ich manche Zitate ans Ihren Schriften,
nnd ich muss offen gestehen ^ dass dieselben, anch abgesehen von
der anziehenden Form, nüch immer sehr angesprochen, obschon
Ihre Ansichten meinen religiösen Ueherzeiigungcn diametral ent-
gegen standen, was Sie leicht hcgreit'cn werden, wenn icli llmcn
sage, dass ich von ganzem Herzen kalholischcr I*ricster bin.
Warum al)cr, werden 8ie weiter fragen, hatte ich an Ihren Zitaten
'lesonderes Wohlgel'allen? Weil ich darin einen Mann von Charakter,
der seine persönliche Ueberzcngung frei und frank auszusprechen
pflegt, kennen gelernt. Vor solchen Charakteren hatte ich von
jeher alle Achtung, während diejenigen, die ihre wahren Ge-
sinnungen so oder anders, je nachdem es das Interesse des Augen-
blicks erheischt, zu bemänteln pllegen, immer im höchsten Grade
mich anekeln. Dieser otVcne, gerade Sinn scheint ein Frbtheil
Ihrer Familie zu sein; denn ich bemerkte ihn seit mehr als 21 Jahren
an Ihrer Schwester v. Dobeneek, uud auch an den Schwestern
•
Elise und Lconore, obschon ich mit Letzteren bis dahin nur selten
in schrittlicheni Verkehre gestanden. Sie werden es, verehrtester
Herr! begreiflich und auch verzeihlich finden, wenn eben dieser
gerade Sinn, verbunden mit so vielen anderen Vorzügen des Geistes
und Herzens, schon oft den Wunsch in mir rege gemacht: Utinam,
cum sis talis, noster esses! (Da Du so bist, möchten wir Dich
haben.) Dieser Wunsch erwnehte aufs Neue in mir und wiederholt
sich täglich in gesteigertem Masse, seitdem ich ihr iiliotographii tes
Hiid besitze, das ich schon öfter mit Wärme an mein Herz gedrückt,
ich habe übrigens die lesteste Ueberzeuguug, dass, hätten Sie in
ihrer Jugend dem Studium der kathoiischcu Theologie sich
L'owidmet, nnsere Kirche Sie zu Ihren grössten Apologeten der
Neuzeit zählen wdrde. Dass der Protestantismus — das sog. pro-
OrtB, PcMtbaelu Bii«firecli««I u. NacbUM. IL 13
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testantische Cliristcnthum — Ihnen niclit zusagen, Ihren Darst nach
Wahrheit nicht stillen konnte, begreife ich wohl, und man mUsste
es als ein Wunder ansehen, wenn Sie in demselben Befriedigung
gefanden hätten. Wie Sie aber im Pantheismus, Materialismus oder
in irgend einem anderen rein philosophischen Systeme yolle Be-
tVicilignng finden können, ist und ])Icibt fttr mieh auch ein Räthscl.
Hat doch das menschliche Herz uiiliiugbare Bcdürlnisse, für welche
diese Erde stets ein Brachfeld bleihcn wird. Diese l>ciliirtiiisse
können nur durch das (liristcnthuin , wie es in der katholischen
Kirche fortlebt und Leben spendend iortwirkt, allseitig gestillt
werden. Unter AnwUnschung alles Wohler;;ehons Verharre ich mit
aller Achtung nebst herzlichem Gruss £w. Wohlgeboren ergebenster
Diener P. Ildephons Müller. 0. S. B.
p. t Sabprior.
W. Bolin an Fenerbach*
Helsin^ors. den 18. Olrtober 1867.
' Sie können sich's denken, mein theucrer Freund, wieviel Freude
Sie n)ir mit Ihren vor zehn Tagen hier cin^a^trofrenen Zeilen bereitet.
Obschon dieselben reichlichen Missmath Itber das böse Wetter und
das Unbehagen in Kttrnberg zu erkennen gaben, yerriethen sie
doch zugleich Etwas, das ich lange, lange an Ihnen yermisst, aber
eben desshalb Ihnen von Herzen gewttnscht Ich meine Zufriedenheit
und Sehnsucht nach einem thatsftchlich vorhandenen und mit vdlliger
Gedankenbestimnitheit fixirbaren Zustand. Bei meinem Besuche in
Geisern (liiiumertc mir, unter der Masse buntester und mannig-
faltigster Kiiulrücke, der Gedanke auf, dass Sie dort bleiben uml
Ihre Frau sich naclikommen lasson sollten. Je weiter ich mich,
nach unserem Abschiede, von Ihnen entfernt, desto iestere Gestalt
nahm dieser Gedanke an, bis endlich Ihr Brief mir Zengniss es
geben scheint, als ktfnne mein Gedanke, ohne dass er sogar brauchte
geäussert zu werden, sich zur Wirklichkeit emporheben. Wenig^itens
kann ich nur im angegebenen Sinne Ihre Andeutung lesen, Sie
ertrügen Ihre gegenwärtige Behausung und Umgebung nur im
Gedanken daran, bloss den bevorstehenden Winter darin noch zu-
bringen zu müssen. Denn wo sollten Sie sich hiiil)ej;el)en, als zum
DeublerV In die Städte passen Sie nun einmal niclit; und w"
finden Sie eine Ihnen angemessene Natur und limi;ol»un^V Ich
nehme daher mit völliger Bestimmtheit an, dass Freund Deuhiei
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Winter und Frühling einsichtsvoll und sorgsam benutzt, um das
allcrlicb^e Berghäaschen gansi und gar für Sie und die Ihrigen
wolinlicli herrichten zu lassen^ so dass mein nächster Besuch aber-
mals in dem herrlichen 8alzkammergut stattfindet, ich komme
dann voraQssichilich in Gesellschaft meiner Ehehälfte, der ich ein-
mal' die liehen Leute zeigen möchte, die mir Deutschland za einer
zweiten Heimath gemacht. Die. freudige Aussicht, einem so schonen,
ruhigen und Ihtem ganzen Wesen so durchaus cntspreclicndcn Leijcn
entgegenzugehen, wird ^Sie guten und getrosten Muthes erhalten,
und dadurch Ihrer Gesundheit Forderung angedeihen lassen
Ihr stets ergebener W. Boliu.
Hr. TaiUant i Fenerbach.
Tabingen, 22. Decembre 1S67.
Älonsieur, * . . . .
11 n'y a que deux-mois, j'ötais encore k Paris, et le mecontciitement
da penple ötait tei contre le gouvemement, qni parlait deja d'iutcr-
venir ä Rome, qa'un instant j'ai failli renoncer & retourner en
Allemagne, croyant que votre parole allait s'accomplir et que „les
chätiments allaient devenir politiqnes et matöriels''
Kd. Vaiihin t.
Fenerbach an Fr. Kapp.
Rechenberg, den 11. April iS6S.
Lieber Kappl . . ♦ Meine (iesundheit ist wieder die alte,
d. h. mir fehlt gar nichts. Die äussere Ursache hiervon ist wohl
hauptsächlich die grossartige, geist- und körpcrcrhebeude Alpen-
natnr, welche ich voriges Jahr genossen habe. Ich war nämlich
vier Wochen mit meiner Tochter im Salzkammergnt: „wo des
Sarsteins Höh' die Wolken kfisst, wo OberOsterreich den Steyrer
grttsst*' — wo aber nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch,
was 80 selten znsammentriift, interessant ist, wo sich durch alle
V^erfolgungen naher und ferner Zeiten hindurch ein protestantischer
Kern erhalten hat, wo der Mensch nicht nur auf zoologischer, sondern
auch anthropologischer Höhe, nicht nur auf der Höhe des Raumes,
sondern auch der Zeit sich bcliudet, wo es schlichte lauern, Berg-
13*
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Icutc und ilautlweikcr gibt, die hich mit Naturwisseiisclialt, selbst
AHtronoinie und riiilosophie bescliiUtigcn, wie mein dortif^cr Freimd
Ueabler, Wirib und ßäciiermeister im Dorfe Goisern bei lucb), deBsen
dringende Einladung und Gastfreundschaft mich aUein zu dieeer
Beise bestimmt hatte.
Einen traurigen Gegensatz zo diesem Kern und besonders den
einzelnen ; darin hervorragenden Menschen bildet fVeilich die bis^
iierigc (iBtcrrcichlHche IMafVciilicrrHcliall und Finauznoth, die auf
dem Volk im (iaiizeii lastet, so dass nelbttt die NationalvergnUguiigen,
(j^Haiig, 'l'aiiz, ScheibenKcbicKsen verHchwumlen sind. AIIcb i^t
})e8teuert* helbüt das Krdl)eer»ammehi in den Wäldern hat man
besteuern wollen, wie mir der Ortsvorstclier , ein gleichfalls sehr
intelligenter und freisinniger Mann, erzählt hat.
Und doch ist das Volk auch im Ganzen von guten Anlagen^
lechzt niM^h Freiheit, nach Bildung, nach 'Besserung in jeder Be-
ziehung. Welch' ein Gegensatz zwischen Volk und Begierung!
Leider nicht nur an der Donau, sondern auch an der Isar, auch
Uli der »Spree!
Ihr Amerikaner seht freilich unsere deutschen VerhUltniKse,
schon vermöge euren sinnlichen, rUumlielicii Standpunkts, der vou
grösserm Einflnss als man gewöbniich denkt, mit andern Augen
an als wir Inländer. Ihr habt vor euren Augen nur den Hock;
der Rock namentlich, wenn er eine Uniform, imponirt nach aussen.
Aber uns liegt das Hemd näher als der Rock, und wir stecken
leider! noch immer in dem alten, schmutzigen, zerrissenen, die
Haut schindenden Kasemenbemde.
Dein alter Freund L. Feuerbach.
Holeschott ao Peuerbaeh.
Tiiiiii, (J<'/i n. S(;j>t<;j/iber ISOS.
Lieber, hochverehrter Freundl Hätte ich nicht im
Herzensgrunde ein so gutes Gewissen gegen 8ie, und wären hie
nicht Fcuerbacb, der nnm()glich Regelmässigkeit mit Treue, oder
herkömmliche Höflichkeit mit Freundschaft verwechselt, dann wdrde
ich kaum den Muth haben, Ihnen zu schreiben. Aber mir hat in
F(dge des Verlustes eines innig geliebten Töchterchens, das hereit»,
olnvolil CS nur wenig Uber iünl' Jahre alt war, die sUsKcstcn lloli-
nungcn ertHlite und di(; strahlendsten erweckte, der Muth zum
hcbrcibeu Überhaupt geleblt, uad so mus^te ich es bitter entgelten,
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dass ich schwieg, indem icli ron den Terebrtesten Freunden «licbts
hörte. Möge es Ihnen, wenn Sie dieses Blatt erhalten, Uliiilicli
gehen, wie mir, als ich Ihren liochwillkoninicncn IJricf und das
vortreffliolie Buch erhielt. Solche Gaben kommen freilich nie zu
iVüh, dachte icl), aber sie kommen aiu h nie zu spät. Und so möge
der herzliche Dank, den ich Ihnen heute darbringe, wenigstens
beweisen, dass er nicht einer Stimmung entsprosB, die rasch, wie
ein pfliebtscbnldigst abgethaner Brief verranscbt, ohne eine bessere
Spur zarftokznlassen. Mieb sehnt es gewaltig damaeb, wieder *
etwas Erfreuliches von Ihrem Beiinden, von Ihrem Wirken nnd
Ihrer Erbolnng zu hören. Als Sie mir im vorigen Jahre schrieben,
hofften Sie, dass eine z« nnternehmendc Reise Ihnen volle Er-
frischung bringen würde. Ist das seitdem gesclielicnV Und sinnen
Sie jetzt vielleicht auf eine zweite? Und ist keine Aussicht vor-
handen, da'ss Sic Ihre Schritte einmal nach Italien lenken? Freilich
träfen Sie das Land eben nicht in blühender Stimmung. Was man
ihm so lange nachrühmen konnte, was unter Cavour eine Wahrheit
war, dass. die Regierung nichts Höheres anstrebe, als der Ausdruck
des Voikswillens zu sein und diesem gerecht zu werden, ihn zur
Geltung zu bringen, ist leider in diesem Augenblicke zur Lüge
geworden. Die Regierung hat sieb durch Frankreich die Hände
binden lassen, das Volk aber ist über die zahllosen Demtfthigungen
von dem Quacksalber aul Frankreichs Throne so empört, dass ihm
ein französisches Bündniss als der Orätiel aller Oniucl erscheint.
Der König, der eigentlich mit dem Volke gehen miklitc, der wohl
weiss, dass er ein König von Volkes Gnaden ist, vielleicht auch
eine Ahnung davon hat, dass die Könige um der Völker willen da
sind, dass die königliche Würde im Staatsdienste wurzelt, ist von
ehrgeizigen Ministem umgarnt, und daher könnte ein jetzt aus-
breebender Krieg fttr Ttalien die verhängnissvollsten Konflikte herauf-
beschwören. Vnß doch, welch' anderes Mittel soll der schamlosen
Diktatur ein Ende machen, als der Krieg? Wird der Krieg ganz
Deutschland einigen ? Oder ist Möglichkeit vorhanden, dass Oester-
reich einen grossen Theil von Süddeutschland an sich fesselt nnd
noch einmal das Kasernenhaus den deutschen Dualismus als Amboss
für deutsche Freiheit benutzt? Es wäre mir unendlich interessant,
wenn ich Sie über diese Dinge hören könnte. Ich gestehe, dass
ich der nächsten Zukunft nicht ohne Zagen entgegensehe. Das
Bischen Macht, was Italien haben könnte, wurd von seinen hadernden
Generälen und von dem Zwist zwischen Regiemngssucbt und Volks-
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instiskt verscherzt Läge ein einiges Dentsohland uns gegenüber«
so zweiile ich nicht, dass der Volksinstinkt Uber die Bänke des
Ehrgeizes siegen würde. Gclin^^t es aber Napoleon, anch nnr einen
kleinen Stivilen Sliddcntseblands als Keil zwischen den Nord
deutschen I)iind und Italien vorzuseliieben , dann weiss ich niclü.
was aus uns werden sdll. Denn die Nation kann nicht hcgeist-n
mit FraJikreieh <;ehen, und ein Krieic <>hne ljeu:eisteruni^ wäre ja
ein ÜDgiUck, selbst wenn er sie;::reieh wäre. iSo ist denn die l'olitik
' eben kein crquirklich Feld, und die »Stimmung bier im Ganzen
eine gedrückte. Mir ist's wobltbätig, dass ich so viel zn arbeites
habe, dass es mir beinahe zngnt kommt, wenn der Vülkerpnls em
wenig rnhig geht. Ich brauche Ihnen nicht za sagen, wie sehr
ich dies selbst als einen leidigen und leidenden Trost ansehe. Aber
])raktische Philosophie ist es eben doch, gute Miene zum bösen
Spiel zu niaehen, und daher henutze ich alle Zeit, die ineine Thäli^-
keit als Arzt und I. einer mir Ubri^ liisst, um rüstig an meiner
Anthropologie zu ar])eiten, an der ich in diesen Fericu nach langer
Zeit wieder einmal einen ordentlichen Kuck mache.
^feiner Familie geht es gut. Ich habe schon eine Tochter,
die in Ihren Schritten liest, und deren gerader, entschiedener Sion
zn den besten Hofifnongen berechtigt
Wenn Sie wieder einmal schreiben, wttrde ich anch gar gerne
etwas von der Wittwe Ihres Bruders Anselm erfahren. Ich war
kürzlich in Heidelberg, aber nnr auf 2 Stunden (ich reiste zn meiner
kranken Schwester und ahen Mutter nach Godesberg und Cleve);
es war mir unmöglich sie zu besuchen.
Mit den herzlichäten Wünöchcu und der wärmsten \'crehrUDg
ihr Jak. MoleschotL
Feuerbach an W. Boiiü.
Rochenberg, den 30. Kai 1S6S.
Mein lieber Herr Bolin! Pfingsten ist vor der Thüre, damit
die Zeit erschienen, die ich liir Sic bestimmt habe, aber nur um
Ihnen zu schreiben, dass und warum ich Ihnen nicht schreibe.
Ks ist nämlich nach einem gesund und glücklich, nur in leichter
und schwerer Lektüre verschiedenster Art verlebtem Winter, in
diesem bei uns in Deutschland unvergleichlich, unnnterbrocbeD
schienen, aber auch ungewöhnlich heissen und troeknem Mai eine
I
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Revolution iu mir vorgegaugen : ich bin wieder Scluirtsteller ge-
worden, und zwar ÖchriltstcUer wie in meinen besten Jahren, Schiift-
steller, der mit Lust und Liebe arbeitet, der aber eben desswegen
auch nur Zeit and Sinn fttr das Tiiema seiner Schrift hat Ich
kann und mag es jetzt noch nicht mit- glatten Worten sagen, weil
ich noch nicht weiss, wie es sich noch weiter gestaltet. Ich sage
nur, was sich von selbst versteht: es ist nur das Thema meiner
Schriften oder eigentlich das Thema dieses Themas, aber das nicht
mehr Incognito für Freund und Feind, nicht mehr, wenn auch nur
scheinbar, für die traurigen Herrn Philosophen, sondern für die
leid- und freudenemplangliche Menschheit, nicht mehr in rigorosen
Selbstbeschränknngen, sondern frank und frei ausgesprochene Thema
meiner alten bekannten; aber unerkannten Schriften. So wenig
nnd doch so viel! — Ist ja fttr jetzt bei mir keine Bede selbst
Ton dem mur nnvergesslich lieben Goisem. Leben Sie wohl selb-
ander! Die Memigen sind wohl nnd grfissen Sie. Ihr
L. Feuerbach.
Derselbe an denselben.
Rcchciibcrs, Anfaufj Fobr. ISOli.
So gehts, so kommt man nicht zum ßriefsehreiben! — Eben
wollte ich mich hinsetzen, nm Ihnen endlich auch wieder einmal
ein Paar Zeilen zu schreiben, als' ich erhielt: von meiner katholisch
gewordenen Schwester in Rom einen grossen Pack katholischer
Schriften aus alter und neuerer Zeit, und gleichzeitig einen Pack
seit mehr als einem Monat ausgebliebener französischer Zeitungs-
nunimern von sehr entgegengesetzter Art an Geist nnd Tendenz,
„La Dt^mocratie*^ 80 gehts, so gings zeither immer. Entweder
kam mir eine Schrift, oder ein anderer nothwendig zu schreibender
Brief, oder die Kürze und Trübe der Tage, denn ich schreibe nicht
mehr bei Lampenlicht, oder Unwohlsein oder sonst was dazwischen.
Was soll ich Ihnen aber auch schreiben, was anf Ihren Brief vom
15./17. Septb. 68 antworten. Was Sie mur «her die Willensfreiheit
schreiben, das hat ja, me Sie selbst wissen, meine volle Beistimmnng.
Ich unterscheide mich nur dadurch von den Deterministen, dass
ich keinen aiistraktcn, metaphysischen Determinismus kenne, sondern
nur einen durch den Glnckscligkeitstrieb bestimmten; dass ich nur
in diesem Triebe — den freilich auch die Deterministen, aber in
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200
ihrer Weise zu Grande legen — die naturhistoriscb oder wissen-
scliattlich bcj,nllndetc und begrllndbare Basis des Willens fiude.
Und diese iiatuibistoimbe Grundlage ist die Hauptsache.
22. Fe1)ruar.
So viel schrieb ich tiotz der L'atcrbrechung durch die Post
noch vor Tisch schon vor ^> oder ^ar, ich weiss es diesen Augen-
blick nicht, 14 Tagen. Nach Tisch wollte ich weiter an Sie
schreiben. Aber wer kam da ganz nnenrartet? Herr Scbreitmttller
ans Mflneben mit seiner jungen Frau, einer angenehmen' Persön-
lichkeit Natürlich war's nun ans mit dem Schreiben an Sie. Was
aber beute zweimal unterbrochen worden, sollte den folgenden Tag
fort^^csctzt und volleiulct werden. Ich setze mich schon hin an
(Umi Sclircihtisch, aber siehe, da kommen schon wieder Postsenduufreu '
verschiedener Art, darunter ein IJrief aus Amerika mit der Anfrage,
ob ich nicht Lust hätte, in Amerika, vor Deutschen natürlich, Vor- :
lesuDgen zu halten. Welche Anflrage an einen Mann in den Jahren,
wo ich stehe und nach einem solchen Leben als ich geführt habe! |
Doch immerbin eine erfreuliehe und genug aufregende, um die Lust
zur Fortsetzung eines unterbrocbnen Briefes zu verlieren. Seitdem !
habe ich ihn aber gänzlieb liegen lassen. Jetzt nehme ich ihn
endliob wieder anf, aber es ist beute ein so trauriger, dQsterer
Tag, dass ieli auf meiner Studirstubc kaum Licht genug zum
Schreiben habe. Dennoch will ich mich heute nicht unterbrechen '
lassen. Ich fahre also fort mit dem, was ich damals sageu wollte, .
aber noch im Kopfe habe.
Dieser Trieb war auch das hauptsächlfchste Thema meiner ,
scbriftätellerischen Thätigkeit, als ich Ihnen das letzte Mal sohrieb.
Leider dauerte diese Thätigkeit nur bis Mitte Juli, wo sie, infolge
offenbar der damals so grossen und beharrlichen Hitze, einem Zu-
stande grässlieber geistiger und körperlicher Abspannung, ja
Apathie und Lethargie Platz machte. Und wenn aucb die Ursachen
schwinden, wie lange dauern die Wirkungen fort, namentlich die
psychologischen, der Degout, der Giam und Aerger Über solche
fatale rnterbrechungen glücklicher geistiger Thätigkeit I Was Sie
mir schrieben über Ihre akademische Thätigkeit, so wissen Sie
gleichfalls, dass ich Ihnen auf dieser Laufbahn alles Gute von
Herzen wünsche und gönne; Sie wissen aber auch, was ich balte
von der Philosophie als einer besondem Fakultätswissensebaft, von
der Philosophie, die und wie sie auf unsem Universiföten exerzirt
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und tolerirt wird. Sie wissen endlich, dass Herr Dr. D. in Berlin
und dergleichen Professoren und Doktoren so wenig fUr mich exi-
stiren, als ich, ausser höchstens in den lächerlichsten Zerrbildern, .
fttr sie existire. Wozn also schreiben? — Schon wieder eine
Unterbrechung durch einen Brief von gänzlich unerwarteter Seite,
der an .sich erlVciilich ist, doch mich in die grösötc Uurulie und
Verlegenheit versetzt.
Leben bie wohl! Ihr L. Feuer b ach.
Derselbe an denselben.
Rechenbelg, Au&ng Juni 1870.
Lieber Herr BoHn! Vor Lesen komme ich nicht zum Schreiben.
Den ganzen Winter über — und er dauerte heuer, weuifrstens von
seiner empfindlichsten Seite, von Seiten der Külte, sehr lan^o, selbst
bis in die ersten Tage des Miii — habe ich, mit Ausnahme von
ein Paar unabweisllchen Brietchen, keinen Federzug getlian. Heute
am Himmelfahrtfitage lauste ich endlich den Eutsehluss, Ihnen zu
schreiben, aber ich brachte es aus äusserlichcn Abhaltungsgründen
nicht weiter als bis zu diesem Anfange. Morgen denke ich fort-
zufahren. Die Hauptsache ist, dass oder wenn nur einmal der
Anfang gemacht ist.
,,Morgen'^ Welch ein Zeitraum liegt zwischen Heute und
Morgen im schwerfälligen und verdriesslichen , sehreibunwilligen
Alterl Heute ist der 3. Juni. Aber Sie sehen daraus, dass ich
nicht mehr zum Briefsclireiben tauglich l)in. In der That, worin
man nichts mehr für sich selbst ist, darin kann man auch nichts
mehr für Andere äcin. Wer die Feder nicht mehr in seinem eignen
Interesse führt, wie soll der sie für Andere noch brauchen? — Und
so ist es bei mir der Fall. Was ich wollte, die Aufgabe, die und
wie ich sie mir gestellt, die und wie ich sie bei meinen geistigen
und, fUge ich hinzu, materiellen Mitteln und Verhältnissen ausfuhren
konnte, habe ich rollendet. Wie jedes Gewächs, jedes Thier, hat
auch der geistige Mensch seine Zeit, seine GrUnze, die er nicht
überschreiten kann leb kann- und will daher keine neue Aufgabe,
keine der Aufgaben, die jetzt die Mcnselihcit bewegen, zum Objekt
niitschaffcnder Thiltigkcit machen ; ich kann nielits weiter thun,
als meinen Sinn otfen und frei für sie erhalten, als durch theil-
nehmende Lektüre und Anerkennung sie mir aneignen, um so mich
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geistig jong and frisch zu erhalteo. Eine solche Aufgabe ist, ausser
der grossen Arbeiter- und Kapitalistenfrage, die Frauenemanzipation
oder Oleicbberechtigung der Weiber mit den Männern, die mir eine
in New-Yorl& in Amerika erscheinende nnd auch Ihnen zu em-
plchlcndc Zeitung, „die neue Zeit", nahe gcle^^t, mir diesen Winter
Uber und Jt'l/t noch zu cinci' (Icist und Oeniiith hcw elenden An-
gelegenheit gemacht iiat. Oh icii gleich stets die (ieschlcrlits-
dilVerenz l'ür eine we«ejitliche, aber nieht nur leibliche, sondern
auch geistige gehalten und anerkannt habe, so habe icli doch nie
auf eine Inferioritilt des weiblichen Geistes geschlossen. Mann
und Weib sind nicht nur leiblich, sondern auch geistig unterschieden ;
aber folgt aus diesem Unterschied Unterordnung, Ausschliessung
des Weibes von geistigen und allgemeinen, nicht nur hftuslichea
Beschäftigungen? — Lassen wir die Frauen nur auch politisiren!
Sie werden gewiss eben so gut wie wir Männer i'olitikcr sein, nur
l'ulitiker anderer Art, vielleicht selbst besserer Art wie wir. Mad.
de Stael, die von mir wegen iiircr „Considc rations sur la lievoliiti')n
fran(;ai8e" hochgeschätzte, übrigens von mir auch nur aus diesem
Werke gekannte Frau, sagt: „Genie kennt kein Gcschleebt". —
Warum nicht? Aber auch das weibliche Genie ist Genie, eben
so gut als die weibliche Heldenthat Heldenthat ist. Bei jeder
glänzenden, sei es im Guten sei es im Bosen berrorragenden
Eigenschaft abstrahiren wir von dem Unterschied des Gesehlecbts.
Die Weiber werden eben so gut als die Männer geköpft; warum
sollen sie nicht auch IJUrgerkronen verdienen können, warum sollen
ihnen nicht die Mittel gegeben, die Halmen geöflfnet werden, solche
zu verdienen V Kurz, die Kmanzij)ation des Weibes ist eine Sacdie
und Frage der allgemeinen Gerechtigkeit und Gleichheit, die
jetzt die Menschheit anstrebt, eibe Bestrebung, deren sie. sich rUhmt,
aber vergeblich, wenn sie davon das Weib ausschliesst.
Doch wohin bin ich gerathen? £in Beweis, was die Weiber
vermögen nnd vollends vermögen werden, wenn sie Gelegenheit
haben, ihr Vermögen zu üben und zu äussern. — Ich bin in Folge
meines langen abstrakten Lebens ganz kontrakt. Vielleicht macht
mich eine Heise wieder lebendiger. Aber wohin werde ich reisen,
um mich wieder zu erholen und zu stärken? Ich wei.^s es noch
nicht. Vor Kurzem hat mich Deubler auf seiner Durchreise nach
Dresden besuclit. Ich ba})e ihm halb und halb mein Kommen zu
ihm zugesagt. Aber es ist leider nur etwas zu weit zu ihm. Auch
Ist das Wetter zum weiten Reisen nieht einladend, bald sehr beiss,
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• *
bald ^Yiedcr sehr kalt. Was Sie mir Ton der nnerwaiteteu gUnstigen
WeoduDg Ihres Schicksals gesagt, hat mich sehr gefreut, and was
Sie meiner Tochter geschickt» hat sie sehr flherrascht und erfreut
Sie dankt Ihnen dafür ergehenst, und ich anch in ihrem Namen.
Auch ich werde gelegentlich es fesen. Von „Piatons Gastmahl"
habe ich jetzt eine grosse rhotographie. Jetzt erst bin ich voll-
koniineu mit ihm zufrieden; es iiuicht sich besser in der riiotographie
al» im Orjfrinal, dem allerdin<;s die rechte Farbe, die Farbe des
Lebens abgeht. Die Meiuigcn grüssen Sie und Ihre liebe Frau
von Herzen, wie auch ich.
Ihr yerelirnngsvoU ergebenster L. Feuerbach.
Feuerbacli an 0. Wigand.
17. Vor. 1868 („der Erinnerung zufolge'*)-
Es ist traurig, im Alter — glückliclie Fälle ausgenommen —
nicht nur sich selbst, sondern auch Anderen zur Last zu fallen.
Diese traurige Wahrheit war das Erste, was gestern in den Sinn
und über die Lippen mir kam, als ich zu meiner grössten Ueber-
rn sehung von dem ehrenwerthen Freunde Herrn Hektor*) erfuhr,
dass Sie, wie schon vor mehreren Jahren, anch dieses Jahr wieder
lästige Schritte, Gänge und selbst eine Eisenbahnfahrt nach Wien
gemacht haben.
„Wollen Sie denn ewig leben?" haben Sie mir schon einmal,
und zwar auch schon vor mehreren Jahren zugerufen. AVie ist
dieser Ruf erst jetzt an der Zeit! Wie oft werden »Sic während
dieser lästigen Gänge diese Frage in Gedanken an mich gestellt
haben, wie oft mich aus der Ewiglteit des Lebens in die Ewigkeit
des Todes gewünscht haben! Aber was kann ich dafür? Und
ich kann in dieser Angelegenheit schlechterdings nichts für mich
thnn, durch keine eigenen Schritte irgendwelcher Art meine Freunde
ihrer ohnedem mir nnbewussten Schritte überheben. Dankbar habe
ich das mir zuerkannte Honorar der Schillerstiftnng angenommen
und genossen, dankbar, ohne Murren es dieses Jahr aufh($ren zu
sehen. Ich kann nichts weiter thun, als was sich ohnedem von
gelbst versteht, von Zeit zu Zeit ein Zeichen von meinem nicht nur
physischen, sondern auch geistigem Leben von mir zu geben, —
*) Sekiet&r des Qemanischen Mvsoom za KQrnberg, kOizUch veistorben.
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Bclircihen. Aber zum Sclircilicn gehört nicht nur WisHcn und Willen,
sondern auch, wcnigHtcns bei mir, was nicht in der Macht des
Willens Btcht — heiterer Himmel, heiterer Kopf, gute Laone,
olympuiebe Stimmiing — ich habe liein anderes Wort, Loet and
Liebe. Aber in dem alten Enropa, in dem alten jammervollen
Dentsebland, olympische Stimmung! Wie passt das zusammen V
Allerdings war der Mai und FrUhsommer dieses Jahres auch bei
uns göttlich scliiJn. Ich habe auch diese herrliche Zeit nicht un-
benutzt verstreichen lassen , sondern last bis Ende Juli ununter-
brochen ;rlli('klicii , tliiiti;: an einem neuen, sich Uber das Wesen
meiner ganzen schriltstellerischcn Lauf bahn erstreckenden, zunächst
aber an meine Abhandlung Uber <len Willen und GlUckseligkeits-
trieh sich ansebliessenden Schrift gearbeitet. Aber auf diese glück-
liche Zeit folgte in Folge der fortwährenden nnerträgliehen Hitze
eine eben so nnglflckliche Zeit, einö Zeit 4®r Tbatlosigkeit, der
tiefsten Verstimmung, der Melancholie, der Verstossun^ aus der
Klasse der warmblütigen Thiere in die der Reptilien. Und noch
bin i< Ii nicht an die Wiederaufnahme dieser so schmählich unter-
brocbenen Arbeit gekommen. Leben »Sie wohl und grUsscn Sie
mir Ihre Sühne, ihr dankbarer, alter L. Feuerbach.
Le Priuce de Kbanikoff ä Feucrbacli.
6 Ao6t 18C9. Paris. 11 nie de Cood^.
eher Monsieur et illustre professeur! En examlnant
la liste des personncs k qui j ai offcrt mon travail sur TFlthnogra-
pliic de la Perse, j'ai rcniarque avec regret quc, par une lacbeuse
inadvertance , j'ai manqur de Vous l'envoyer jus(|u';i pr<'*sent.
L'accueii bicnveillant dont Vous avez honore, Monsieur, mon
Premier travail „sur la partie m^ridionale de l'Asie centrale me
fait espdrer que Vous voudrez accepfer ee nouvcl hommage de ma
party et je n'ai pas besoin de Vous dire, eombien je serais heareuz,
s'il par?enait k m^riter Votre approbation.
Je ne crois pas que la (picstion g^n^rale de rorlgine des raees
humaines solt soluble. L'humanit^ a traversö une innomhrable sörie
de sii^cIcH, ;iv;uit d ;icfiu<'Tir la facull6 de conscrvcr Ics traces de son
j»as<t''. Ia'H r«'voliitioim ])liysi(|ueB et niorales qu elle a subies jjcndant
les ti'iK'brcs d(; eette longue epo<jue, nous resteront, je le cr.'iins,
k jamaitt inconnneS| et comme c'est pr^cis^ment daus cette 6poque
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pr^paratoire de riiomme historiquc, (|uc sc sout iorm^s ies preiuiera
germes des differences qui distiDgaent jusqn' ä nos joors Ies races
hnmaines, je doute qii'on paisse un jonr tirer cette qnestion com-
pliquöe aa clalr. Mais tonte dösolante qne soit cette convietion,
eile De doit pas nous empScber de faire toat ce qn'il est possible,
ponr degager Ies premii^res notions qne nons poss^ons snr le
berceau des difförentes nationalites, d'une partie, au moins, du
broiiillard dont elles ont (^tc cntour^es par une lendence si mal-
heureusemeiit naturelle k riionime, de laire intervcuir le merveillcux,
Iii oü cesse pour lui la scieiicc certaine. J a tache de le faire pour
la nationalitä irauieune, qui avait son cpoque de grande impor-
tance, et qni, m6me dans son ötat de döcomposition actnelie, a
gardö beaneonp de traces qnl permettent de reconstrnire son passö
ethnographiqne. .'
N. de Khanikoff.
Mr. TsilUnt k Feverbach.
Tubiiigcn, 2ö. Dcccmbrc 18ü9.
Monsienr!
Je reviens de France, et
j'ai pn me convaincre qne tontes mes espörances ötaient snr le
point de se röaliser, qne la B^volntion ötait proebe et qne, si eile
n'telatait pas plns-t6t, c'est qne son objet, pIns consid^rable qne
jamais, demandait nne preparatioD, nne cntente et nn enserable plus
grand ({ue jamais. Interesses a tromper, ne racontant f[ue les
lii-stoires des mondes otiiciel et bnnrji;eois, les journaux alleniands,
liberaux ou reactionnaires , ne tiennent malheureusement pas le
public allemand au courant de l'etat rcel des choses en France.
Ce qa'il y a de eertaini o'est qu'il s'agit de tout aiitrc cbose que
dn renyersement de l'emperenr et de la dynastie. S'il ne s'agissait
qne de cela, nn qnart d'benre d'altiance des partis rdpnblicain et
orlteniste, k defant de Taction d'nn senl de*ces partis, snffirait ä
la besogne. Mais ees alliances mime sont devennes impossibles,
car les partis ne sont plus ce qu'ils ötaient antrcfois; ils portent
des ctiquettcs diverses encore, mais il n'y a plu.s ([uc donx partis:
revolution et rractioii. AujouKrinü la classc oiivriere s:c trouvc,
vis-u-vis de la bourgeoisie, dans la situatiou oix celle-ci etait vis-
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a-vis de la noblesse et du clcrge, en 89. En con((ucraut Tegalite,
releineut social iiil'erieiir , le Proletariat actiiel, londera a Jamals |
la republique. Yoas lui avez donn6 Tcxcinple, vous aycz jete a
terre les bons dicux des Chretieiis et dos Thcistcs; il vous suit et
brise la derni^re incarnation du mal, le Dien-Gapital, £nfin je ^'es-
pörCy.cette röyolation, anssi radiealement soeiale qae politiqae, ne
tronyera pas d'hostilitä ohez les penples voisins, mala aa contraire
l'^mnlation rövolutionnaire qui jus(iu'ioi a fait d^faat, et en isolant
le mouvcment francais, ne lui a pas permis de rc^ussir. D^yX du
jour Oll la revoliition aura eclatc cn France, la Repul>li(jue est
assuree eu Italic, K.spaj;ne, Belgique. Je suis plein d'espcrances
en un mouvenient cn Allcmagne, il nie scmble (^ue de])nis (pic vous
parlez, votrc esprit ^ du peu^trer les masses et leur apprendre,
qu'il ctait temps de se d^gager des sjmboles et d'arriTer am
r^alit^s » *
: Ed. Vaillant
Feaerbacb an Frau Mathilde F. Wendt (Newyoik).
Hechenberg bei NQrnbergr, den 3. Oktbr. 1869.
Verehrte Fran. Sie liaben mir die ehrenvolle Einladung
geschickt zur schriitöteilcrijjchcn Theilnahme au einer unter Ihrer
geehrten Mitwirkung gegründeten Zeitnng: ^^ie neue Zeit'^ Schon
im Jahre 1830 schrieb ich meine gegen den alten geheiligten Un-
Bterblichkeitsglanben gerichteten „Gedanken Aber Tod und Un-
sterblicbkeit'^ im Vorgefühle der neuen Zeit. Jetzt steht diese neue
Zeit; wenn auch nichtju reifen Frttchten, doch eine reiche fruchtbare
Zukunft verheissenden Saaten verschiedenster Art vor unseru Augen.
Aber leider I ich bin unterdessen ein alter, noch dazu unter wider-
lichen , den i\lciischen auf sich zurückdrängenden Verhältnissen
gealfortcr Mann geworden, und kann daher der „Neuen Zeit'' nur
mehr noch als Leser, aber nicht als iSchriltstelier meine innige
Theilnahme schenken.
Sie gedenken, verehite Frau, in Ihrem interessanten EinladiingS'
schreiben auch gtttigst meiner Frau. Meine Frau ist allerdugs
Yorurtheilsfrei und fflr alles Bessere, wenn auch noch Zukünftige
offen, empiUnglich, aber sie ist zu keiner Schriftstellerin gebildet
Sie verwechseln mit ihr meine Schwägerin in Heidelberg, HotVäthin
Henriette Feucrbacli, Wittwe meines ältesten, leider auch hchou
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207 ~
vor vielen Jahren verstorbenen ßriulers Anselm, des Verlassers.
des Apollo von Belvedere. kh werde aber dieser Tage Ihr ge-
ehrtes Einladungsschreiben mittheilen. Indem ich Ihrem neuen
Unternehmen den besten Erfolg und zn Ihren Mitarbeitern jüngere
Klüfte als die meinigen wttnsche, habe ich die Ehre zu zeichnen
Ihr verehrangsvoUst ergebener Ludwig Feuerbaeh.
Derselbe an dieselbe.
Bccbeaborg bei Namberg, den 12. Jan. 1870.
«
Hochyerehrte Fran. Es hat bei mir nicht erst der in der
letzten Nummer (No. 14) der ,,Neuen Zeit" enthaltenen Aufforderung
,,an unsere Leser'' bedurft ^ um für die Verbreitung dieser neuen
Zeitschrift thätig zu sein; es ist der Inhalt derselben, die Haclic,
namentlich die Sache der Frauenbewegung, die mir erst durch
dieselbe in ihr wahres Licht gesetzt wurde, welche mich bewogen
hat, ,,die Zahl ihrer Abonnenten vermehren zu helfen.'^ Leider
habe ich aber bis jetzt nur zwei Abonnenten gcTvonnen, der eine *
ist der Besitzer und Herausgeber des demokratischeo y^ttrnberger
Anzeigers", der andere bin ich selbst, und ich' ergreife eben dess-
wegen die Feder, um Ihnen, verehrte Frau, fOr die bisherige frei-
willige Uebersendnng der „Neuen Zeit" herzlich und yerbindlichst
zu danken, zugleich aber Sie zu ersuchen, von nun an dieselbe
mir nicht mehr zusenden zu lassen. Wenn ich auch nicht mit-
scli reibe, wenigstens zu regelmässigen schriftstellerischen Beiträgen
mich nicht verpfliclitct hal)e und nicht verpÜichten konnte, so will
ich doch wenigstens mittbun, mitzählen. . . Indem ich Ihnen nach
alter europäischer Sitte ein glückliches neues Jahr wttnsche, habe
ich die Ehre zu sein Ihr yerehrungsvoU ergebener
L. Feuerbach«
An Sp(oidel).
8. JwA 1S70.
Jawohl! wenn ich noch ein Juvenis wäre, wenn auch nur in
dem in dieser Heziehung so freigebigen Sinne des Kömers, so würde
ich die mir gestern durch Ihre Vcrmittlimg zugekonifiicne Einladung
der Redaktion der Presse" mit Vergnügen aniichnien. Aber ich
bin schon ein Sechsundsechzig jähriger, im Winter vor Kälte, im
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208
Sommer vor Hitze, wie diesen Aiigeubiick, arbeit-suii fähiger Greis,
der sieb nur vorgesetzt hat, seinen eigenen Nekrolog zu schreiben,
aber bis jetzt nicht einmal diesen Vorsatz, diese Aufgabe erfüllt
bat; lldvxiav y.6{wg kcvi. Indem ich Ibiien zu Ihrer kindlichen
Dreieinigkeit gratulire, hochachtungSYoll Ihr L. Fenerbach.
Luigi Stefanoni a Fenerbach.
1870. '
Ghiarisfiimo Signorel II Signore Ebanikoff mi offre Top-
portanitä dl potere inviarvi qnesta mia lettera, e non ö senza il
piA yiyo compiacimento che io mi approiitto di questa occasione
per esprimere i sentimenti dclla mia ammirazione verso uno dci
piii illustri filosofi della Germania.
Gia da pareechi anni il niio desiderio era vivissimo di potervi
scrivere, ma llgnoranza del vostro domicilio me Tha oguora
impedito.
Permettete ora che io vi parli alcnn poco di qneeta mia Italia
e dei bisogni nostri,^ in favor della quäle non invano si isxk «dire
la vostrayoce. Gia da sei anni io pubblico 11 Libero Pensiero,
del quäle io spero che il Signore Ehanikoff rorrä farvi conoscere
1 principii e le intenzioni. Voi farete a tne e a tntti i liberi pen-
satori italiani eosa gratissima , sc vorrctc nella vostia risposta
farci conoscere le vostre idee intorno agli Ultimi avveuinienti sulla
guerra che attuahncnte si combatte ira la Germania e la Fraucia,
t'ra ritalia e il Papato.
Sara opera buona per noi tutti ehe vi ammiriamo quäle uno
dei piü eoraggiosi atleti della libertä del Pensiero.
La YOBtra adesione al laroro che noi abbiamo incominciato
contra la superstizione, sarä ancora per noi mezzo di incoraggia-
mento, e voi certo non ci toglierete lo stimulo della voflira parohi
al bcn fare.
Aecettatc, ilhistre Signore, i sentimenti della mia vcncj'azione,
i quali il Signor KbanikoÜ" vorrä piü diflfusameute espriniervi. Vostro
dcYoto servo Stefaiioui.
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Lconoro Feuerbach an Luigi Stefanoui.*)
Geehrte ster Herr Stefanoni. Von Herrn y. Khanikoff
erbielt ich den liehenswttrdigen Brief, mit welchem Sie so freundlich
waren^ meinen Vater zn beehren, nnd derselbe Herr wird die OOte
haben, Ihnen den meiuigen zu übcniuiclicn und die nötliigcn Er-
klärungen mliudlich liinzuzulUgen. Das Ucbel, von dem mein alter
Vater seit einigen Monaten betrotlen ist, erlaubt ilini niebt, wie er
wünschte, auf Ihre Zuschrift zu antworten, so dass ich selbst diese
Aufgabe mit Gegenwärtigem übernehme, welches ich Sie auf jeden
Fall ersuche, nicht als vom Sekretär Feuerbachs, sondern einzig
und allein als von seiner Tochter in seinem Geiste geschrieben zu
betrachten.
Desshalb fühle ich auch das Bedttrfniss, indem ich es wage,
einige Worte anstatt meines Vaters an Sie zu richten, Ihnen unsere
Achtung und Jiewunderung für Ihre Prinzipien und Arbeiten aus-
zudrücken, und bedaure nur lebhaft, dass meine Worte nicht die
uöthiirc Autorität haben, um über den angeregten Gegenstand mich
mit Ihueu zu unterhalten.
Mein Vater begrüsstc mit Begeisterung die italienische Bewe-
gung für die Freiheit des Gedankens und des Gewissens, eine Bewe-
gung, die, nachdem die grauenhafte Macht der geistlichen Tyrannei
zu Falle gebracht worden, ihr Ziel, die vollständige Verwirklichung
ihres radikalen Programmes, gleichfalls erreichen wird. In der
Politik wie in der Religion helfen Halbheiten nnd Zweideutigkeiten
wenige wer sie anwendet und vorschlägt, arbeitet, ohne es zu
wollen, für die Keaktion. Gewiss wäre es nicht nur im Interesse '
Italiens, sondern auch der ganzen Menschheit zu wünschen, dass
die Ideen Garibaldi's zur Wahrheit würden. Und es freut mich,
geebrtester Herr, Ihnen bei dieser Gelegenheit bezeugen zu können,
dass die Verehrung, die mein Vater und ich diesem Helden widmen,
eine nnbegränzte ist. Mit lauterer Begeisterung sind wir ihm nach
Marsala gefolgt wie nach Mentana, und zur Stunde müssen wir
anerkennen, dass er in dem französisch- preussischen Kriege seinen
Arm der Sache der Gerechtigkeit und der Freiheit geliehen hat.
Nur ein elender Egoismus könnte sich daran ärgern, dass ein Mann
wie Garibaldi, treu seinen Prinzipien, seinen tapferu Degen der
*) II libero PeoBioro, Giornalc dei Kazionalbti, 10 Gennaio 1871. Der Brief
auuate rQdiabeTset2t verdcu, da das Original ablianden gekommen.
Orttn, Fwerbaelu Briefwechsel u. Macblaii. II. 14
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210
Ke|)ii])lik 7MT Verfügung gestellt. Garibaldi ist nach meiner An-
sieht nieht nnr der Held Italiens, er wurde mit noeb weit grösse-
rem Beehte als der Held beider Welten begHlsst: er will die poli-
tisehe and die Oedankenfreiheit, das oberste Ziel aller Volker,
welehes, wie ich glaube, dnrch die Gememsehaft und Solidarität
zwischen der germanischen nnd lateinischen Rasse realisirt werden
kann. Und desshalb hcklagen wir den Krieg als ein grosses I n-
glück und ein Verbrechen wider die Zivilisation, als einen Akt
brutalster Zerstüruiii?, physischer und moralischer Verstliminciuiifr.
Von dem Augenblick an, wo der Krieg nicht mehr den Oha
rakter der nationalen Vertbeidigung hat, haben wir als Deutsche
das Gefttbl des Patriotismus verloren, ein Geiltthl, welches mein
Vater immer dem Prinzip der Humanität unterordnete. Wer ut-
glttcklicberweise Zuschauer bei der grilulichen Tragödie dieses
Krieges bleiben muss, kann nnd darf nieht das Mass des Patrio>
tismns oder des heiligen Grundsatzes der Nationalität an jene gross-
artigen Thatsaehen legen, wclclic allein an dem Gesetze des lliniia
nitäts- Interesses gemessen werden dlinen. Und die Siege, welche
die Deutschen über die Heere der l\('i)ublik davongetragen haben,
sind die Siege des Cäsarismusj unsere Demokratie kann sich ihrer
nieht erlVeuen, wie sie sieh mit Kecht gelVeat hat, als der fran-
zösische Cäsar fiel. Unter welcher Form immer sieb der Cäsaris-
mus verberge, er ist und wurd immer sein der grösste Feind des
politischen und sozialen Fortschritts. 0, es komme der Friede^ nnd
jener Moloch, jener Gott der Zerstörung, dem wir so viele Opfer
bringen, wird endlich stttrzen, die Wohlfahrt nnd das Gedeihen
der Völker werden verbürgt durch ihre Solidarität, und die Furien
des Krieges verscheucht sein.
Und somit schliesse ich meineu Brief, nicht ohne Sie abermals
unserer Hochachtung zu versichern. Leouore Feuerbach
für ihren Vater Ludwig Fenerbacb.
Mr. Haclicl an Fo&cibacli.
Newyoik, September 12. 1S70.
Hochverehrter Herr! Der „Bund der Freidenker" von
Newyork fasste in seiner Sitzung vom 9. September 1870 den Ik-
scbluss, Ihnen, — der Sie während Ihres nnorinildlichen Kampfes
gegen Irrthum und Ltige vieUarhe materielle und physische Schä-
digung erfahren — in Anerkennung ihrer unsterblichen Verdienste
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um die Sache des freien Mciischcntbums , eine P^liren^al)C von
lOO Dollars zu Uberscbicken. Der Bund der Freidenker liält es
für seine I'fiicht, Alle, die ihre Existenz und Gesundheit ihren
freisinnigen Ueberzeugungen opfern, wie Sie es getban, mit seinem
sehwaehen Beistande zu nntersttttzen. Er hoffit, dass Ihre Zakunft
sich trostreicher gestalten wird, und bittet Sie, bei Annahme dieser
seiner Gabe nicht zu vergessen, dass bei seinen beschränkten
Mitteln die Höhe der Snmme hinter dem guten Willen zurdckbleiben
iiiusste.
Im Nameu des Hundes der Freidenker von Ne\v\ork
lUr den Vorstand Georg W. Kachel,
korr. SekretKr.
Ottilie Absiiig au Fnierbach.
Mowyork, den lö. Mai 1811.
Geehrter Herr! Sie werden erstaunen, aus so weiter Ferne
eine Ansprache von einer Ihnen Unbekannten zu erhalten. Icli
würde wahrseheinlieh aueh nieht den .Muth gehabt haben, llinen
meine zwar nur brietiiehe Bekannlsehaft aufzudringen, wenn ich
nicht dächte, da.ss jeder Erfolg in ihren Be8trc])ungen für die geistige
Befreiung der Menschen Ihnen etwas von der Befriedigung ge-
währen muss, welche der christliche Bekehrer empfindet, wenn er,
nach seiner Meinung, Seelen gerettet hat. Ich hatte immer gehofft,
nach langer Abwesenheit einmal einen Besuch in Deutschland zu
machen und Sie dann persönlich kennen zu lernen, und wenn ich
diese Hofibung anch keineswegs aufgebe, so stellt sich der Erfüllung
für den Augenblick doch noch so manches Hinderniss entgegen,
dass ieh Ihnen lieber biiellich mittheile, was ich Ihnen selbst zu
erzählen gedaehtc.
Vor einer Reihe von Jahren wurde ieh mit Frede riek Dou-
glass bekannt, einem Manne, dessen Name möglicher Weise zu
Ihnen gedrungen ist. Er ist ein Mulatte, wurde im Süden als
Sklave geboren, und gewann seine Freiheit durch Flucht nach dem
freien Norden. Durch ungewöhnliche Begabung, schriftstellerische
Fähigkeit und vorzüglich ein glänzendes Rednertalent arbeitete er
sich in wenigen Jahren aus dem Dunkel empor, und wurde einer
der berühmten Männer Ameiika's. Er war einer der hervorragend-
sten unter den Agitatoren gegen die Sklaverei, und seit deren Ab-
bcüatfung zeichnet er sich nicht weniger in der Bcs])reehung poli-
14*
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212
tischer und sozialer Fragen aus. Per8r>nlicbe Sympathie und
Uebereiustinimuug; in vieleu liaupt])unkten tUbrteu uns zusammen;
doch stand ein Hinderniss einer herzlichen, dauernden Freundschat't
im Wege, nämlich: der persönliche christliche Gott FrUhe Eindrucke,
Umgebangen, und die in der ganzen Nation noch herrschende
Richtung hatten ihre Macht Uber Douglass gettbt. Der Lichtstrahl
deutscher Freigeistigkeit war noch nie zu ihm gedrongen, während
ich durch natürliche Anlage, Erziehung und den ganzen Einfluss
deutscher Bildung und Literatur begünstigt, schon iViih den Gottes-
glauben Uberwunden hatte. Ich empfand diesen Z\vicsi)alt als eine
unertrUglicbe Dissonanz, und da ich in Douglass nicht nur die
Fähigkeit sah, die geistigen Fesseln als solche zu erkennen, sondern
ihm auch den Math und die Ehrlichkeit zutraute, dann dem alten
Irrthume sofort zu entsagen, und in dieser einen Richtung mit
seiner ganzen Vergangenheit, mit lebenslänglichen Anschauungen
zu brechen, nahm ich meine Zuflucht zu Ihnen. In der englischen
Uebersetznng y<m Marian Evans lasen wir zusammen das „Wesen
des Christentbums'', das auch ich damals erst kennen lernte. Dies
AVcrk — für mich eine der grössten Manifestationen des mensch-
lichen (ieistes — bewirkte einen volistiuidigen L'mschwung seiner
Ansichten. Douglass ist Ihr begeisterter Verehrer geworden, und
das Resultat ist ein merkwürdiger Fortschritt, eine Erweiterung
seines Horizonts, aller seiner Anschauungen, welche sich besonderB
in seinen Vorträgen und Aufsätzen kund gibt, die weit gedanken-
reicher, tiefer und logischer sind als früher. Während die meisten
semer ehemaligen Genossen in dem Kampfe gegen die Sklayerei
seit deren Abschaffung vom öffentlichen Schauplatze verschwunden
sind und sich zum Thcil sel])St überlebt haben, weil es ihnen an neuen
befruchtenden Ideen fehlte, hat Douglass erst jetzt den llühepunkt
seiner Entwicklung erreicht. FUr die Befriedigung aber, einen
ausgczeicbneteu Mann der Geistesfreiheit gewonnen zu sehen, und
dadurch fUr mich einen treuen, werthen Freund erlangt zu haben,
lllhle ich mich Ihnen verpflichtet, und kann mir die Genugthuung
nicht versagen, Ihnen daitir meinen Dank sowie meine herzliche
Verehrung auszudrücken.
Schliesslich erlaube ich mir noch mit echt amerikanischer
Dreistigkeit, Sie mit einem Anliegen zu belästigen. Möchten Sie
die Güte haben, mich durch Ihre Photographie zu erfreuen? Ich
würde .Sie dann um zwei Exempkire bitten, eins fUr mich und eins
für Fredeiick Douglass. Wir Ungläubigen, die wir uns keinen Gutt
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nach unserem Bilde ans uns selbst schaffen und ihn anbeten, httngen
daftlr mit nm so tieferer und innigerer Verehmng an den Menschen,
in denen wir die Repräsentanten und Dolmetscher der höchsten
Ideen unseres Zeitalters erkennen. Ihre ergebene
Ottilie Assing.
Sommer 1871.
An Herrn Markus in Ilambiirg.
(Zitternd geschrieben, nicht abgesandt, vorletzter Schrcihvorsuch.)
Verehrter Herr! Wie leid thnt es mir, Ihnen eine abschlägige
Antwort geben zu mttssen! Gestern erst habe ich Zeit gehabt, Ihres
tflchtigen Sohnes Anfsatz darchzulesen; aber was gewinnt man bei
so flfiehtiger Durchsicht? Seit Juli Torigen Jahres bin ich ein Ye^
gessener
Ottilie Assing an Feuerbnch.
Bocbester, Newyoik, den 6. September 1871.
Geehrter Herr! Tfcrzlichcn Dank für die letzten vier Photo-
graphien , welche mich glücklich erreichten, obgleich das Couvert
unterwegs gänzlich aufgesprungen war und in Hambarg auf der
Post wieder versiegelt wurde. Frederick Douglass lässt Ihnen sagen,
dass Sie schwerlich je wärmere Freunde und Verehrer durch Ihr
Bild erfreut haben als Sie in uns finden. Leben Sie woU!
Ihre ergebene Ottilie Assing.
Knrl Griln an L. Fenerbacli.
Wien, den 16. Dezember 1871.
Theurer Meisterl Es ist die traurige Kunde zu .uns ge-
drungen, dass Sie, der uns so ritterlich von dem Lindwurm der
schnöden Ichheit befreite, jetzt im Alter nicht diejenige Sympathie
und Liebe finden, die Ihnen gebtthrt Wir, in der Ostmark des
dentschen Beiches wohnend, sind daher zusammengetreten, um Ihnen
den Beweis zu liefern, dass unser Herz noch immer glttht fttr den
ötolzen fränkischen Denker, für den Philosophen des Herzens.
Es ist uns unvergessen, wie es dem ganzen deutschen Volke
nnvcri^essen sein sollte, dass Sie derjenige Kritiker sind, der dem
Menschen niemals etwas genommen hat, ohne es ihm doppelt und
dreifach wiederzugeben, dessen „Wesen des Christeuthums^^ nur die
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Bereicherang des Menschen, dessen „Theogonie" lediglich die Apo-
theose der Menschwerdung war.
Ich im Besondern bin stets des lieben Briefes eingedenk, den
Sie mir einst nacb Paris als Antwort auf „Goethe vom menschlichen
Standpunkte'' schrieben, und in welchem Sie micb freundschaftlich
warnten, die Idee nicht für durchans realisirbar zu halten.
Wenn icli es noch nicht g:cahnt hätte, würde ich es seitdem
in seiner ganzen Wahrheit erfahren hahcn. Nein, die Idee ist
tausend Tücken des ,,Unhe\vussten" ansgesetzt; das Leben zer-
splittert und verkürzt sie, oft bis zur Unlvcuntlichkcit. Aber sie
ist doch da, sie macht sich geltend, sie bleibt der Massstab des
Daseins, sie ist unsere Religion, ihr dienen wir, für sie dulden
wir, wir laßsen nicht Yon ihr.
Wenn es mir gelingen sollte, Sie, den allzeit Bedflrfnisslosen,
durch diese Zeilen ein wenig aufzurichten, wenn diese Kundgebong
aus der Ferne Ihr Herz wohlthätig anmnthet, glauben Sie mir,
theurer Meister, lan^e würde ich kein Weihuachtsfest begaugeu
haben, das ich dem heurigen p:lcichschätztc.
Geruhen ^>ie vorlUufifi: diese Seudiuiir als Ehren^^abe zum Christ-
feste von Ihren Anhängern und Verehrern in Empfang zu nehmen.
£s steht mir dann noch die Freude bevor, Ihnen den Abschloss
unserer Rechnung zu unterbreiten.
Herzliche Grttsse Ton uns allen, die wärmsten aber von Ihrem
beständig getreuen und dankbaren Schfller, der sich mit Stolz nennt
Ihren durchaus ergebenen Karl Grün.
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I
— - 215
PJiUosophisolies l^yll
oder
Ludwig uud Konrad.
Konrad Deubler.
Dorf Goisern im Salztounniorgut, den 23. Oktober 1862.
Grosser Mann! Vcrzeibcn Sie einem Manne aus den untersten
Schichten der menschlicben Gesellschaftj der es wagt, Sie mit einem
Schreiben zu belästigen. Der Drang , Sie persönlich kennen zu
lernen, bestimmte mioh vorigen Monats bis zn Ihrem stillen Asyl
in Bechenberg zn reisen. Ich traf Sie aber leider nicht zn Hanse.
Der frenndliehe Empfang Yon Ihrer Fran und Tochter hat
nnendlfch wohlthnend auf mich einfachen Naturmenschen einge-
wirkt, ich danke iiinen herzlich für ihre gute Aufnahme!
Ich wollte auf meiner Rückreise von Dresden, die ich durch
Thüringen machte, noch einmal in Nürnberg einen Tag bleiben,
nm Sie zu sehen; aber Zeit und Geld vereitelten meinen schönen
Plan. Ich habe ja durch die Gefälligkeit Ihrer Tochter Ihr Porträt
bekommen und frene mich unendlich tiber diesen Besitz.
Da ich zn weit von einer Bnchhandlnng entfernt bin, so bitte
ich Sie, das in Zukunft erscheinende Buch von Ihnen, das mir
Ihre Tochter versprochen hat, ja gewiss zu schicken. Ob ich gleich
arm bin, so habe ich zum Ankauf eines wahrhaft guten Buches
immer Geld. Meine Bücher, worunter Ihr Werk „Wesen des
Christenthums", wurden mir im Jahre 1853 alle konliszirt; seit vier
Jahren habe ich mir Vogt, Tie, !Mol esc hott, Buckle's Ge-
schichte der englischen Zivilisation angeschaflt. Diese Lektüre
hat meinen Gaumen ganz verwöhnt. Besonders bat Buckle auf
mioh einen grossen Eindruck gemacht; schade, dass der Tod an
der Ausftthrung und Vollendung dieses grossen Werkes ihn ver-
hindert hatl Wie wäre es, wenn Sie es fortsetzten oder wenigstens
eine Geschichte Deutschlands in diesem Sinne schrieben?
Der Geist, der alle diese Schriften durchweht, diesem habe ich
es zu verdanken, dass ich gesund und zufrieden meine zwei-
jährige Kerkerhaft in Brünn ertragen habe und selbst meine
Verbannung in OlmUtz, weit von meinen heimathlichen Bergen,
von Weib und Kind, ertragen habe. Ich habe Zeit genug gehabt,
Uber die wichtigsten Wahrheiten des Lebens nachzudenken, ich
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habe die Schattenseiten des Lebens kennen gelernt und kann mit
gutem Gewissen die Wahrheit nntersehrciben, die Sie, grosser Matm,
einmal ausgesprochen haben, „dass noch nie eine Wahrheit mit
Dekorationen auf die Welt gekommen, nie im Glänze eines Thrones,
sondern stets im Dnnkel der Verborgenheit unter Thribien ond
Seufzern geboren worden ist, dass noch nie die HochgesteUteD,
dass stets nnr die Tiefgestellten von den Wogen der Weltgeselüehte
ergriffen werden." Ich sah Hunderte an meiner »Seite verzweifelnd
an Allem, fluchend ihr Leben endigen, waren aber doch die besten
Christen und Gläubigen. Meine naturwissenschaftliche Anschauung
sah in diesen armen Menschen nur die Opfer eines Jahrtausende
alten Wahnes.
Doch genug von dieser ftlr mich so traurigen Zeit Sollten
einmal Sie oder einer Ihrer Freunde eine Reise in nnser jetzt ron
so vielen Tausenden yon Fremden besncbtes Salzkammergnt maehen,
so bitte ich Sie herzlieb, mieh zn besnehen; Sie könnten aneb bei
mir wohnen nnd sieb aufhalten; von meinem Dorfe ans können
wir die herrlichsten Bergpartien machen.
Seien Sie nicht böse, edler Menschenfreund, dass ich es gewagt
habe, an Sie zu schreiben und auch auf einen Brief von Ihnen
zu hoffen. ,,Nur Lumpe sind bescheiden I " sagt Goethe.
Grüsse fciie und Ihre Frau und Tochter recht herzlich, und
danke noeh einmal iiir die freundliche Aufnahme. Leben Sie wohL
Konrad Deubler.
Lndwig Feneibacb.
Bticlienberg bei NOmbeig, den 3. Hovemher 1861
Mein lieber und v e r e h r te r Ii e r r D e u b 1 e r I . . . Ich be-
trachte mich als Ihren Schuldner, bis ich Ihren Besuch, nicht wie
jetzt nur mit der Feder, sondern mit Lcil) und Seele erwiedert
habe. Was ich aber einmal als Schuld betrachte, das wird un-
bedingt erledigt, wenn icli aucli nicht die Zeit yorausbestimme.
Ich komme entweder allein oder in Begleitung meiner reiselustigen
Tochter, die — es sd gleich hier gesagt — nebst meiner Fraa
Sie herzlich grttsst Komme ich aber auch ohne leibliche Tochter
zu Ihnen, so komme ich doch nicht ohne geistige Töchter yod
mir, d. h. ohne Schriften, wenn auch nicht mit meiner noch nntfr
der Feder begriffenen, vielleicht erst spät vollendeten Schrift, doch
mit Schritteu trliherer Jahre, die Ihnen vielleicht unbekannt geblieben
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sind. Eine von mir noch nngelOste Aufgabe ist es, einen yolks-
thflmlichen Anszng ans meinen sämmtlichen Schriften zn machen.
Ich will es mir einprägen, auch diese Aufgabe als eine Schuld an
Sie, an das Volk überhaupt, zu betrachten, dann werde ich sie
gewiss auch lösen. Wie sollte es midi freuen, wenn ich mit dem
Händedrucke persönlicher Freundschaft zugleich den volksthüni-
lichen Gesammtauszug und Ausdruck meines Geistes Ihnen ein-
händigen könnte!
Mit dem Wunsche , dass es Ihnen und den Ihrigen wohl er-
gehen mOge, Ihr ergebenster Ludwig Fenerbach.
Koniad Oeabler.
Dorf Ooisern, den 11. Desember 1803.
Mein lieber und verehrtesterFrennd! Seien Sie nicht
böse auf mich, edler Menschenfreund, dass ich Sie schon wieder
mit einem Briefe belästige. Es ist schon über ein Jahr, dass Sie
mir in Ihrem lieben Briefe versprochen haben, dass Sie mich auf
meinen Bergen besuchen wollen ; ich freute mich sammt den Meinen
unendlich auf Ihre so sehnlich gehoffte Ankunft — Sie kamen nicht!
Anch haben Sie noch ein^^chuld an das deutsche Volk ab-
zutragen, nämlich einen Tolksthflmlichen populären Auszug Ihrer
sämmtlicben Schriften. Sie wissen selbst am Besten, wie zeitgemäss
jetzt ein solches Unternehmen w^äre. Sic sehen als Ueweis fUr
meine Behauptung das ungeheuere Aufsehen und die grosse Ver-
breitung des „Leben Jesu" von Renan, das wirklich ein sehlechter
Schmarren ist! Allein es ist billig und populär geschrieben und
fUr die Massen berechnet. Nur Sie wären allein im Stande, dieses
elende französische Machwerk in den Grund zu bohren!
Sie kennen die Gescbichte der englischen Zivilisation von
Tb. Bnckle? Nur Sie allein wären im Stande, sie zn yollenden,
wenigstens den Theil Uber Deutschland.
Auf einen für mich sehr wichtigen Menschen wage ich es, Sie
aufmerksam zu. machen; sein im Selbstverlage erschienenes Büch-
lein „Geist, Seele, Stoff" müssen Sie sich anschaffen, w^enn Sie
es noch nicht kennen ; es ist nämlich Dr. Brugger in Heidelberg,
ein 68 jähriger Mann, der sich bei der dortigen freien Gemeinde
durch Unterricht ernähren muss und wohl einer menschenfreund-
lichen Untersttltzuug durch Abnahme seines Buches bedarf. Auf
Ihr Urtheil Aber dies Buch wäre ich sehr neugierig!
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0 wie yiel hätte ich mit Ihnen zn reden — wie wtirde es
uns Alle freuen, wenn Sie nns künftigen Sommer besnchten. Allein,
wenige Menschen sind so glttcklicb, Herr ihrer Zeit zn sein ; sollte
aber Jemand Ton Ihren zahlreichen Bekannten, nnd Freunden das
Salzkamincrgut bereisen, so bitte ich selbe an mich zu adressiren.
Grüsscu Sie mir Ihre liebe Frau und Tocbtcr, und erfreuen
Sie mieb mit einer baldigen Antwort. Seien Sie mir niebt böse
wegen meiner Zudrinjxlielikeit. Wenn der «gläubige Katbolik an
seine Heiligen seine Wünsche und Bitten richten darf, warum nicht
auch ich zu den meinen?
Machen Sie mich aufmerksam auf die wichtigsten Schriften
der Gegenwart, denn ich muss Vieles wieder nachholen, was ich
während meiner vierjährigen Kerkerhaft versäumt habe.
Leben Sie wohl nnd behalten Sie mich lieb, und schreiben Sie
mir einen recbt langen Brief.
Ihr treuer Freund K o n ra d I) c u b I e r,
im Dorfe Goi^eru näcbät lächl in Obcrüsterreich.
Ludwig: Feuerbach.
Kccheubcr;^ bei Nürnberg, den 19. Dezember lä63.
Mein lieber Freund Deubler! Leider war es mir nieht
möglieh, dieses Jahr eine Beise zu machen, nicht möglich also,
Sie zn besuchen. Erst kommt bei mir die Arbeit und dann das
Vergnügen. Der grösste Mangel meiner hiesigen Wohnung und
Existenz war bisber der Mangel einer siillen und im Winter heiz-
baren Studirstube. Um die.sem Helnnerzliebst empfundenen Mangel
abzuhelfen, hatte ich mieb endlich diesen Herbst entschlossen, in
diesem Hause, wo ich nur zur Miethe wohne, auf meine eigenen
Kosten mir eine solche herstellen zu lassen. Diesem Zwecke musste
ich das Vergnflgen, Sie und Ihre Berge zn sehen, aufopfern. Die
Arbeiter sind hier enorm theuer, und ich brauchte nicht weniger
als den Tttncher, den lifanrer, den Zimmermann, den Schmied,
den Schreiner, den Glaser, den Hafner, den Tapezirer. Was bleibt
da zum Reisen übrig? Was ich jedoch an Geld verloren, das
hoffe ich an Arbeitslust und Arbeitskraft gewonnen zu haben. Ich
bedarf, wenn auch nicht zum Studiren oder Lesen, was ich überall
kann, wohl aber zum Produziren, zum Schreiben, vor Allem Raum
. — meinem Kopfe, meinem Sinne oder Eigensinn, wie er vielleicht
Anderen erschein^ entsprechenden Baum. Von dem: Wo ich bin,
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hängt bei mir ab das: Was ich denke und wie ich denke, d. h.
flir Andere, also schreibe, denn Sehreiben ist ja nichts Anderes
als ein lautes, Anderen vernebmliches Denken. Volle 24 Jahre
habe ich auf dem Lande gewohnt und hier ftir mich den Stand-
punkt gefunden, den Archimedes liir sich verlangte, nm die Erde
in Bewegung zu versetzen. Diesen glüclvlicheii »Standpunkt habe
ich nicht durch meine Schuld verloren. Meiue gegeuwUrtige, hoch-
gelegene, abgeschlossene, dem Menschengetttmmel und Hundegebell
entrückte, der Sonne Ton ihrem ersten bis zum letzten Strahle
zugängliche Arbeitsstabe ersetzt mir jedoch einigermassen wieder
diesen Verlust, eröfihet mur mit dem freieren und weiteren Horizonte
auch die Aussicht auf fruchtbarere Jahre, als die bisher yerlebten
waren, und die Aussicht namentlich, dass ich eine Arbeit, die ich
seit meinem nunmehr schon dreijährigen Hiersein im Kopfe und
auf dem Gewissen, zum Theile auch schon wirklich auf dem
Papiere habe, endlich glücklich vollenden werde. Und so sehr
lag diese Arbeit mir am Herzen, dass ich selbst mir keine Heise
vor ihrer Vollendung g()nnte. So kann, was für jetzt unsere per-
s9)nliehe Bekanntschaft verhinderte, vielleicht später gerade sie be-
wirken oder ermöglichen. Ich sage vielleicht, denn wie viele un-
Yorhergesehene Fälle stellen sich oft nicht einer Beise in den Weg!
Wer weiss, ob es nicht das nSchste Frtthjahr schon zu einem
Kriege oder einer Revolntion kommt? Jedenfalls leben wir in
einer Zeit, die uns gar keine Garantie für die nächste Zukunft
gibt, die uns gebieterisch zuruft: lieschränkt Kucli auf das Notli-
wendigste, spart, arbeitet! Zu den Gegenständen meiner Arbeit
gehört auch der, von dem, nach dem mitgetheilten Titel zu ur-
thetlen, die Schrift Ihres Freundes Dr. Brugger handelt. Ich werde
sie mir anschaffen und Ihnen mein Urtheil über sie mittheilen,
aber ers^ wenn ich mit meiner Arbeit ttber denselben Gegenstand
fertig bin, weil ich nicht gerne den Lauf meiner eigenen Gedanken
durch die Gedanken Anderer unterbreche. Dr. Brugger ist mir
übrigens bereits nicht nur seinem Namen nach vortheilhaft bekannt,
sondern auch aus seinem Fremdwörterbuch für das deutsche Volk",
welches ich besitze. Einen populären Auszug aus meinen Schriften
habe ich, obgleich schon alt, doch für ein späteres Alter als eine
Invalid enarbeit aufgespart. Ich will nicht selbstgefällig rtlckwärts
in meine Vergangenheit blicken, ich will, so lange ich i^och rttstig
bi]i| vorwSrts schanen und schaffen. Auch , will ich dem guten
Benan keine Konkurrenz machen, der weit hinter meiner Yer-
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gangenbeit noch zurdck ist Aber um gerecht gegen ihn zn sein,
mflssen wir bedenken, daas er Franzoae laty und unsere Zeit eioen
80 erbttrmlicb acbwacbeni durch da» Gift jahrelanger Reaktion so
verdorbenen Magen hat, daas sie stärkere , männliche Kost nicht
vertrugt. Meine Zeit kommt noch. Also nnr Oednld. Bowle ich
einmal wieder Ktwaa von mir drucken lasne, so werde ich es Ihnen
ziiHcliickcn. rrcilicli ist mein rublikatidiistricb ein Hehr gerinf,^cr.
Von wi('hti<;cn Sclirijtcn der flc^'ciiwnrt wcIhh icii, dicKrn Aiif^'on-
blick wenigHtcnn, keine Ihnen zu nennen. Von Wichtigkeit int jetzt
nur Politik, alles Andere daneben Kleinigkeit. Meine Frau und
Tochter grUsscn Sie, wie ich die Ilirigen. Schreiben 8ie bald
wieder. Von Herzen, wenn anch nicht von Augen Ihr
L. Fenerhach.
Konrad Doubler.
15. I'chniar ISO'».
Lieber guter Freund! Soweit ich in meinem Leben zurück-
denke, waren mir Bücher die besten Freunde; sie waren mir Trost
im Unglücke und Gesellschaft in der Einsamkeiti sie ersetzten in
meiner Dürftigkeit den Reichthnm, in den Kerkern von Brünn und
Olmtttz, in der Verbannung vom Vaterhanse mein geliebtes Weib,
Eltern und Heimath. Weder Vermrigen nach Ran^? würde ich
tauHchen l'llr den Genuss, den mir meine Bücher dadurch gewähren,
daHH sie mir den Umgang sichern mit den ^;rr>HHten Geistern ent-
schwundener Jiilirhunderte, howIc mit denen der Gegenwart.
Da stehen sie vor mir in einem von mir selbst gezimmerteo
Schranke, die „Weltgeschichte" von Htruve obenan, die Bibel von
G. A. Wisliccnus, Feuerbach's „Wesen des Christcnthums^', „Kreis-
lauf des Lebens^' von Moleschott, sttmmtliche Jahrgänge von Ule's
Natnrzeitung, Gartenlaube, Karl Vogts „Altes und Nenes'S
„Isis", 4 Bünde, von Radenhausen, „ein Buch für muthigc Denker''
(wie CH KosHiniisler bezeiclmet); dann Buckle's „Oesehichte der
Zivilisation von Kn;.;hind", Kraft und Stoff" von lllicliner, „Geint
und Stoff ' vom alten Dr. lirngger aus Ilci<lclberg, „lieber den
Ircien Willen" von Fiselier u. h. w. Das Traurige ist nur, das»
ich keinen, einzigen Menschen in meinem Gebirgsdorfe habe, dem
ich meine Ansietitcn mittbeilen könnte. Die Protestanten sind Pie-
tisten, und die Katholiken —?
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Ich habe mir vergangenes Jahr noch ein kleines Gtttehen ge-
kauft; es steht auf einem Hügel mit der prachtvollsten Aussicht
über das ganze obere Salzkammergnt, man sieht auf den Hallstädter
See, auf den Dachstein mit seinen ewigen Eisfeldern. Wenn Sie
(wie Sie mir versprochen haben) doch einmal in unsere Berge
kommen sollten, so miissten Hie da oben Sommerfrische halten!
Ich würde mich vor Freude nicht fassen können, wenn ich da
oben in meinem Scliweizerhäuschen den grössten Denker unseres
Jahrhunderts beherbergen könnte! Sie und K. Vogt sind nun
einmal meine Ideale — meine Heiligen I Ja, lieber, guter Feuer-
bach, sollten Zeit und Umstände Sie an einer Reise in unsere
Gegend verhindern, so werde ich gewiss Sie nochmals in Ihrem
Tnsknlnm in Bechenheim aufsuchen.
Wie geht es Ihrer lieben Frau und Tochter? Ist Alles gesund
und wohlauf?
AVie lange müssen Ihre Verehrer und Gesinnungsgenossen noch
auf das lUich warten, das Sic schon seit mehreren Jahren unter
der Feder haben V Icli freue mich schon herzlieh darauf. Sollten
Öie vielleicht mir ein paar Zeilen schreiben, so vergessen Sie ja
nicht Ihre versprochene lieurthcilung über die Schrift vom alten
Dr. Brugger, „Geist und Stoflf".
Leben Sie wohl und grttssen Sie mir Ihre Frau und Tochter
recht herzlich| und behalten Sie femer lieb Ihren Freund
Konrad Denbler.
Ludwige Fenerbach.
Reclienberp bei Nttnibei^, den 21. MStz 1965.
Mein lieber Freund Denbler! . . Ich befriedige einst-
weilen meine Keiselust in Gedanken, und erquicke mich in der
Phantasie in Ihrem neuen Schweizerhäuschen an der pracbtvoiien
Aussicht ttber das ganze obere Salzkammergut, und ich hoffe, dass,
wenn keine unvorhergesehenen Hindernisse eintreten, im Laufe des
Sommers oder Herbstes diese Gedankenreise zu einer wirklichen,
körperlichen wird. Das Einzige, was mich bis jetzt noch unent-
schlo-sj^en macht, was meine Lust zu einer Reise in dieser Richtung
stört und unlustig macht, dns ist der Gedanke an den öster-
reichischen Jesuitenstaat, an die ö.sterreichische Pass- und Polizei-
sebererci — der Gedanke, dass unser Zusammensein von den
mikroskopischen Argusaugen der Polizei gleich schon in den ersten
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Tagen als ein Komplott gegen Gott und Obrigkeit angesehen aud
auseinander gesprengt werde. So ist es mir schon einmal in
Leipzig gegangen, freilich zn einer Zeit, wo gerade die krasseste
Reaktion im Anzöge war. leh habe aber keine Lnst zn Reisen,
zu Handlangen Überhaupt, deren Gelingen oder Misslingen von
der blossen Willkür der Polizei abhängt. leb mnss daher tiber
diesen Punkt erst zureichende und zuverlässige Aufklärnng mir
zu vcrscliatTcu suchen, ehe icli wirklich den Entsclihiss, Sic zu
besuchen, fasse. Auf alle Fälle müssen Sie dicsLS .lahr novh mehr
von mir kennen lernen ah den X erlasscr des Wesens des Christen-
thums, welches »Sie allein zu kennen oder wenigstens %a besitzen
scheinen. Sie müssen kennen lernen und besitzen meine Erläu-
terungen und Ergänzungen zum Wesen des Cbristenthums, meine
Vorlesungen ttber das Wesen der Religion, endlich meine (1845,
nicht die schon 1^ erschienenen) Gedanken tiber Tod nnd Un-
sterblichkeit Kann ich Ihnen auf den Fall, dass ich nicht selbst
kommen und sie mitbringen sollte, diese Bffcher sicher durch die
Tost zuschicken y Die Schrift von Brng-ger habe ich mir im ver-
gangenen Herbste bei meinem hiesigen lUichhändlcr l)cstc]lt, al>cr
bis dato noch nicht erliallcn. Jcii werde ihn dieser Tage erinnern.
Meine Schrift wollte ich diesen \\ iuter zum Drucke endlich vollends
herrichten, aber ich habe noch keinen so körperlich schle« hten
Winter erlebt, wie dirscn; ich habe nichts geschrieben, ich habe
nur gelesen nnd gedacht. Meine Frau nnd Tochter grttssen Sie.
Ihr geistiger und hoffentlich auch noch körperlicher Freund
L. Fenerbaeh.
Eoniad Deabler.
DorfGoiaern, 6. Mi 1865.
Lieber, guter, verehrter Freund! Seien Sic nicht böse
Uber mich , dass ich ihren Brief vom Monate März nicht beant-
wortet habe. Ich muss aufrichtig gestehen, ich habe den Sinn des
Schreibens nicht verstanden, erat das Schreiben Ihrer Tochter bat
mich darüber aufgeklärt.
Sie können sich nicht vorstellen, wie gross meine Freude sein
wüide, wenn Sie mich in unseren schönen Bergen besuchen wfirden!
Ich hätte Ihnen gleich geschrieben, aber ich wollte Ihrer Tochter
eine photographirte An- und Aussicht von meinem lläusclien mit
beilegen — , allein unser DorfkUnstler wird nicht fertig damit.
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Mciu alter Frcuiul Robert Kummer hat mir aus Dresden «ge-
schrieben, dass seine Tochter Anna im Brautstände sei, und dass
ihre Hochzeil; am 24. Juli abgehalten wUrde, und dass es ihm sehr
erwünscht wäre, wenn ich doch noch einmal (da wir ans schon
lange nicht gesehen hahen) ihn besnchen möchte. Ich habe es
ihm zugesagt. Ich werde von Dresden Ober Leipzig, wo ich meinen
lieben alten RossmÄssler wiedersehen werde, dann dureh Thtlringen,
Eiscnach, Koblenz, Nürnberg zu Ihnen nach Reehcnberg kommen,
l^ei Ihnen würde ich so Ende Juli ankommen und wir könnten
das Weitere mündlich besprechen. Das wäre also mein Plan.
Wurden bic dann gleich mit mir iortreiscn könneuj oder würden
Sie später nachkommen V Das würde sich dann schon zeigen
Ihre Befürchtungen wegen Polizeischerereien bei uns in Oesterreich
glaube ich, würden auch nicht so viel zu sagen haben. Wir haben
ja eine freie Konstitution! Und auch im Uebrigen ist es mir in
meinem schOnen Oberösterreich lieber, als in dem gelobten Preussen
oder dem voll Mucker und protestantischen Jesuiten wimmelnden
Würtembcrgl
Kommen Sie nur sammt den liehen Ihrigen zu uns auf unsere
schönen Berge. Der Monat August und KSeptember ist gerade bei
uns am angenehmsten.
Hier in Goisern ist gerade der Mittelpunkt; von da aus können
wir die Gosauer Boen, Uallstatt, Aussee, Karls-Kisfeld mit dem
Dachstein u. s. w. besnchen.
Jetzt leben Sie wohl! es grüsst Sie sammt den Ihrigen Ihr
Verehrer Konrad Deubler.
Ludwig Feaerbftch.
Rechen ber?, den 10. Juli 1866.
Mein lieber Freund! . . Wer kaun jetzt an eine Ver-
gnflgnngsreise denken, vollends an eine Heise in das unglückliche,
von einer so schrecklichen Niederlage betroffene Oesterreioh? Wer
hat jetzt flberhanpt andere Gedanken, als sich auf die politischen
Ereignisse nnd die Abscheu und Ingrimm erregenden Zust&nde
Dentschlands beziehende? Wir sind plötzlich nm ein ganzes Jahr-
hundert zurückversetzt, in die Zeit des siebenjUhrigen Krieges, in
die Zeit der Harharei eines Bürger- oder Bruderkrieges. Ks sind
dieselhen Fragen auf dem Tapete und auf dem »Sehlaehtlelde, die
damals nicht gelOst, souderu ^ur abgebrochen wurden, vielleicht
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m —
auch diesmal nicht gelöst, sondern nur am ein Stück weiler ihrer
endlichen, der Zakunft aafbebaltenen Lösung entgegen§^ilttirt
werden. Es ist dieselbe fiberraschende und yordringende Kttha-
heit nnd Nenheit einerseits , derselbe Seblendrian, dieselbe Misere
nnd Zerfahrenheit andererseits , wie damals In der Reichsannee
lächerlicli-scliäudliihcn Andenkens. Wer kann jetzt an sein Ver-
piligen denken, >yo Tausende seiner Mitnieusehen elendijrlieh um
ihr Leben oder ihre Glieder kommen. Wenn ich aber die llotVniiug
aufgebe, 8ie noch dieses Jahr zu sehen, so gebe ich damit nicht
die Uotfnung auf, Sie doch noch einmal zu besuchen. Freilich
bin ich schon so alt, dass meine Anweisungen anf die Zukunft
keinen grossen Kredit yerdienen; aber doch noeh gesund und
rüstig — nicht nur snm Federhandwerke, sondern auch som Foss-
werke, xum Reisen.
Damit Sie unter dem Regimente des gegenwärtigen Pariser
Teufels ein Zeugniss weniirstens von meinem i;oisiigen und herz-
liehen Hei-lbnen Sein haben, sehieke ich sie Urnen, meine neueste
Schrift. Ich bitte Sie aber, nur zu lesen, was Ihnen Verirniiiron
macht, also zu Uberschlagen die Nummern, die sieh nur auf die
Geschichte der Thilosophie beziehen. Meine Frau und Tochter nnd
ich grüssen Sie und die Ihrigen, Fräulein L. Döhler und H. Steiih
brecher herzlichst. In der Hoffnung einstigen irdischen Wieder
Sehens Ihr • L. Fenerbach.
Eonrad.
4. ökkher, ISSß.
Lieber, guter Freund Ludwiir! Noch einmal meinen
herzlichsten Dauk für die gute und ireundliche Aufnahme. Dieser
Tag, den ich an Deiner Seite in Nürnberg verlebt habe, war in
schön — ich hätte mit Goethe's Faust dem Augenblick zurufen
mögen: „Verweile noch, Du bist so schön.'* Der Mensch braucht
aber auch von Zeit zu Zeit eine solche Erfrischung und Stürknng^
um nicht in dem Schlamme des alltäglichen Lebens unterzugehen.
Ich war kaum von meiner Wallfahrt von Dir in meine Berge
nieder zurückgekehrt, als ich einen Brief von einem Jugcndfreuinlc
aus Virginien in Nordamerika erhielt, mit der dringenden Bitte,
ich mochte seine Tochter (die er vor 12 Jahren, da er mit seiner
übrigen Familie auswanderte, hier zurückgelassen hatte) mit ihren
5 kleinen Kindern und ihren zwar braven und Üeissigeni aber
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sebr an VeratandeskriLften zurückgebliebenen Mann naeb Hamburg
begleiten, und sie ihm auf einem Dampfschiffe hinüber schicke«.
Meine Auslagen auf cliciser Reise wiiidc er mir gewiss vergüten u. s. w.
Eingedenk des Gesetzes, dass Du der Mcnschlieit zugerufen hast?
„Heilig sei Dir die Frcundscbaft'', kann ich wohl nicht anders,
und muss künftigen Samstag, d. i. den 6. Oktober von hier abreisen.
Ja, in unseren gesunden Alpenthälern halten sich jetzt Tausende
Ton Choleraflüchtigen auf ; denn in dieser wannen Herbstzeit macht
diese Krankheit in Wien, Pf^i P^st, ja in ganz Deatscbland
riesige Fortschritte, und ich soll mich jetzt wieder hinauswagen
— diese Leute können nicht länger warten — uod ich n^nss fort
mit Ihnen. Auf meiner Rückreise werde ich wohl ein paar Stunden
Zeit erübrigen können, um Dich noch einmal und Deine Liehen
sehen zu krmnen. Die Ansichten von unserem Gebirgsdorfe, die
ich Friederieb und Elisa versprochen habe, werde ich vom Eisen-
bahnhofe aus Dir zuschicken, bollten sich Friederich und Elisa
des mir gegebenen Versprechens erinnern, so bitte ich sie, mir
die Photographien bereit zu halten bis zu meiner Rückkunft von
Hamburg, wo ich mir dieselben selbst abholen werde, das heisst,
wenn mich nicht unterdessen ein Choleraspital verschlingt. Nun
so sei es immerhm! Alles Unglück, das ich während meines
Lebens erduldet habe, war immer die Folge meiner Grundsätze;
ich konnte nie anders handeln. Niemand, sagt Goethe, kann un-
gestraft unter Pahnen wandeln, ebenso auch nie ungestraft unter
seinem Kopfe. Selbst der ahe G. Forster stimmt mir bei, wenn
er sagt: „Ich weiss, dass man ungestraft nicht glücklich sein kann,
und Glück ist doch für den Menseben, der gewisse Fortschritte
gemacht hat, nur das Bewusstsein, nach seiner besten Ueberzeugung
gebandelt zu haben.''
Und so ziehe ich mit meiner Auswandererfamilie noch einmal
hinaus, um sie in Hamburg sicher auf ein Dampfschiff zu bringen ;
dort angekommen, wird mein Freund* sie schon erwarten, um sie
an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen. Viele herzliche Grüsse
von mir, meinem Weibe und von unserem Fi*eunde Steinbrecher
an Dich, an Deine Frau und Friederich, Eleonora und Elisa. Be-
haltet mich lieb, Ihr herrlichen guten Menschen! Und künftigen
•Sommer ein frohes Wiedersehen in Goisern.
Dein Freund Konrad..
MB. G.'Struve schreibt wörtlich in semer Weltgeschichte im
9. Bande, 1. Auflage, Seite 899 : „Noch umfassender und zerstörender
Ovta, Ftmrtacki Bri«fira«hMl «. HaeUan. n. 15
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— m —
als StniiiBS and Braoo Bauer, trat am dieselbe Zeit (1841) der grosse
Philosoph Ludwig Feaerbach auf; in seinen Schriften führt er
einlach und klar auH, dass das göttliche Wesen nichts anderes sei,
als das Wesen des Menschen, die Gottheit nur die Summe der
menschlichen Eigenschaften, die Keli'^ion daher nur Sclhstvergöt-
teruug oder Selb.^tvergöttlichung." An einer anderen Stelle heisst
es: „Ludwig Feuerhach kann mit Kecht als der Ikinnerträger der
dureh ihre Geistesliraft mächtigen Partei aufgelLlärter Männer be-
trachtet werden u. s. w.'*
Hast Du nun noch ein Recht, zu sagen: „Ich werde todt-
gesehwiegen??''
Ladirig.
Nürnberg, den 11». September 1SG7.
Mein lieber Deubler! Nur einen herzlichen, eigenhändigen
QrusSy nichts weiter will ich für heute Dir schicken, mit der Bitte,
denselben zu yerrielf^lltigen und Deiner lieben Frau, Deinen übrigen
mit mir in Berührung gekommenen Hansgenossen und unsem ge-
meinschaftlicben Freunden Goisern's und der Umgebung mitzn-
theilen, und mit der Versicherung, dass, so schJm, so sehr vom
Glücke begünstigt unsere Keise vom Anlang bis zum P^.nde war,
doch der Glanzpunkt derselben unser Aulenthalt in dem lieben
Goisern bleibt, dass die Erinnerang an die dort, uamentiich in
Deinem reizenden Alpenhäuschen verlebten Tage nur mit meinem
ErinnerangsvermOgen erlöschen wird, wenn anders eine EmeneruDg
derselben ausser dem Bereiche der Möglichkeit liegen sollte. Mit
dieser Versicherung Dein dankbarer Freund L. Feaerbach.
Konrad.
Dorf Goiseni, den 17. Oktober 1807.
Lieber guter Feuerbach! Verzeihe mir meine Saumselig-
keit im Schreiben an Üich, und rechne es mir ja nicht als eine
Gleichgültigkeit, ge^jen Dich an, obwohl es den Anschein hat und
alles gegen mich spricht — um so mehr, da ich Deinen und
Eleonorens Brief richtig erhalten hatte. Du warst kaum fort, hatte
ich vollauf zu thun, um mich auf den bevorstehenden Kirchtag
zusammensuiiehten. Montags darauf reiste ich zur LandwirthschaAs-
aosstellang nach Linz, wo ich mich 2 Tage aufhielt; dann ging
es auf der Eisenbahn nach Dresden, wo ich Donnerstag Mittag
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um 12 Ubr bei meinem Freunde Robert Kummer anlangte. Sonntags
darauf um 2 Uhr Nachmittags reiste ich mit dem Znge nach Leipzig,
wo eben die Messe war; Montag Abends ging's wieder über Eger
und Passan naoh meinen Bergen zurück. Die andere Woche darauf
reiste ich nach Krems, nach UnterOsterreich , um für den Winter
meine Weine einzukaufen; das nahm wieder 14 Tage Zeit weg. •
Zu Hause angckomiiien, fing die Obsternte an, Mostpressen, Obst-
dürren u. s. \v. Alle Tage wollte ich Dir schreiben, aber ich kam
nie dazu. Noch einmal, Ihr lieben, guten Menschen verzeihet mir
und seid mir nicht büsel ich werde im Laote dieses Winters
mein Versäumniss gewiss nachholen. Icli bin, seit Ihr von £uerem
Häuschen fortgegangen seid, nnr einmal dort gewesen — habe
aber nichts weggeräumt; es bleibt Alles wie es liegt und steht, bis
Ihr im Frtthjahre wieder kommt! Oder ist es Dir in Lasern
lieber? Ibr habt die Auswahl! Kanm wäret Ihr von Goisern fort,
so kamen zwei Gcognosten, die noch bei mir sind; der Eine ist
Professor Sucss, der Aiidcre Kdiuund Moisitschowitsch; Ikide
sind von der gco^•ll(»stischen Keichsaiistalt in A\'ien, lUide sind
Protestanten und kennen Dich aus Deinen »"Schriften ganz gut; sie
ärgern sich unendlich, Dich nicht mehr getrotlen zu haben. Sollte
ans auch ktinftigcn Sommer Ludwig Pfau während Deiner An-
wesenheit in Goisern besuchen, dann wtirde llttr Dich der Aufenthalt
noch viel interessanter sein, dann würden Anssee und Htttteneck
in Angriff genommen. Von unseren Freunden, Bürgermeister,
Elssenwenger, dem Hallstätter Astronomen Filz, von meinem
Weibe u. s. w. viele herzliche Grtlsse an Dich und Eleonora!
Noch einmal Verzeihung, lieber, guter Freund, und behaltet
mich lieb. Auch die gute Eleonora möge auf mich nicht böse
sein, und möge sich l'tir nucii bei der Tante Elisa bedanken für
die mir geschickte Photographie. Nächstens werde ich Euch genau
Alles schreiben, was sich Alles in Goisern, seit Ihr fortgezogen
seid, ereignet hat Lebe wohl und verzeihe mir meinen schlecht
geschriebenen Brief, denn ich wurde öfters unterbrochen. Ein
andermal Mehreres!
Dein dankbarer Freund Konrad Deubler.
NB. Wir haben prachtvolle Herbsttage. Alle Tage denken
wir an Dich. Haid hätte ich noch vergessen einen Grnss von
Soukop, dem Schulmeister, und von II. l'illak, \'oji meinem Weibe,
Nandi, den zwei Theresle, dem alten Toni extra einen herzlichen
Gross!
15*
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Konrad.
Dorf Goisem, den 27. Dezember 1867.
Lieber, guter Freund! leb glaubte in meinem letzten
Briefe an Dieb, es wäre in diesem alten Jabre das letzte Scbreiben
an Dich ; allein ein Bach, das leb diese Weihnacbtsfeiertage gelesen,
hat mich veranlasst, Dich gleich davon zn benachrichtigen. Es ist
der 25. Band der Bibliothek der deutschen Klassiker, die Denker
und Forscher der Neuzeit enthaltend, Hildburghauseu, 18()4ger Aus
gäbe. Seite 265 heisst eine prachtvoll geschriebene Abhandlung
„Feuerbach": „Einer der kühnsten und tiefsten Donker, einer der
glänzendsten, lebensvollsten und phantasiereichsten Darsteller, einer
der bnmansten und grossberzigsten Cbaraktere der Zeit'' u. s. w.
Am Seblusse beisst es: „ Dentseblands ktthnster, freiester, tiefeter
Denker zog naeb Amerika!" Diese so treffliche, herrlich gescbrie-
bene Biographie ist von Arnold Scbloenbacb.
Ich glaubte Dir gleich tlber einen so störenden Irrthnm schreiben
zu müssen! Ja mein lieber, ^uter Doktor, seit ich Deine Schritten
immer wiederholt durchlese und Uberdenke, lerne ich Dich erst
recht verstehen und hochschätzen!
Du solltest uns einmal disputiren hören, wie ich and Eissen-
wenger, Steinbrecher, die langen Winterabende um den wannen
Ofen sitzen und bald dieser oder der andere aus Deinem „Wesen
des Gbristentbums" oder aus Deinen „Gedanken ttber Tod und Un-
sterblicbkeit" uns gegenseitig vorlesen, und wie wir uns auf den
künftigen Sommer freuen, wenn Du wieder, wie wir fest boffen, in
Goiseru einziehen wirst.
Auch unsere Zeitungen werden immer interessanter; auch
bei uns in Oesterreich längt der uralte tausendjährige Streit an
immer heftiger zu werden ; wir haben jetzt eine ziemlich freie
Presse, Glaubens- und Gewissensfreiheit Kur die Schulen lassen
noch vieles zu wünschen tibrig. Solange unsere Schalen nicht von
der Kircbe getrennt sind, wird und kann es nie besser werden!
Wenn wir in Oesterreieb gute Volksredner bfttten, die wären
dazu bestimmt die Bildung und fielebrung der unteren grösseren
Massen ausserbalb der Schule zu leiten; sie wttrden dieses be-
werkstelligen durch Reden in den allsonntSglicb stattfindenden
Volksversammlungen. Ihre Heden mlissten die politischen und
gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart, Geschichte, Gesundheits-
und Naturkunde behandeln j theologische Sachen mUssteu streng
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aasgescblosaen bleiben. Solehe Voiksredner wttrden bei uns wahre
Wunder wirken und znr wahren Wohlfahrt der mensehliehen 6e-
aellscbaft viel beitragen. Solche Volksredner würden mit der Zeit
unsere Pastoren ersetzen. Wer weiss, was wir noeh Alles erleben
werden? Nur muthig vorwärts — und dabei die Aufklärung und
Besserung unseres eigenen Ich'.s nicht vcrsiuinicn! Ich wollte, ich
kiinnte nochmals auf ein paar Stunden mit Dir gemüthlich meine
Gedanken austauschen; aber so bin ich genötbigt, Dich mit schlechtem
Geschreibsel in meiner knorrigen, unbeholfenen Holzkneoht-Sprache
zn belästigen.
Sei mir darob nicht böse, lieber, guter Lndwig, und behalte
auch im künftigen neuen Jahre mich lieb. Und wenn Du in diesem
Winter einmal Zeit hast, und bei guter Laune bist, so sehreibe mir
wieder einen langen Brief, wie es Dir geht, sammt Deinen lieben
Angehörigen, was Du für Arbeiten wieder unternommen hast.
Grllsse und küsse mir Deine liebe Frau und Eleonora; sage dieser,
dasg ihr Brief mit ihrer Photograidiie bei Steinbreeher's eine unge-
heuere Freude gcmaclit hat. Kin grosser Verebrcr Deiner Schriften,
Eduard ßeich aus Gotha (Du hast bei mir seine Werke gesehen)
bat mir sein Porträt geschickt, nebst einem Brief, worin er den
Wunsch Äussert, er m(tehte Dich und Radenhausen gerne per-
sönlich kennen lernen. Er beneidet mich um meine Bekanntschaft
mit Dir.
Lebe wohl und glttcklieb, und bewahre auch im neuen Jahre
Deine mir so kostbare Freundschaft Deinem treuen Freund
Kourad Deublcr.
Ludwig.
Roclienborg, den 21. August IHGu.
Lieber Deubler! Der Sommer ist mir wie ein Dieb ver-
schwunden, ob ich gleich, oder vielleieht weil ich ein sehr fleissiger
Sammler und Einhamsterer, namentlich auf dem Felde der grossen
franzitoischen Bevolution von 1789 war. Was Du mir von dem
alten Üblich schreibst, ist erfreuHeh nnd besebllmend. Er ist älter
als ich. Aber freilich ist ein grosser Unterschied zwischen einem
IJenker meiner Art und einem Sprecher und Prediger seiner Art.
Auch ich bin immerfort thUtig, aber nur nach Innen, nicht nach
Aussen. Wie lange brauche ich, bis ich einmal etwas aus mir
herausbringe I £s ist nicht gut, wenn der Mensch frtlh reif wird.
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Er steht da allein, findet keine Ansprache, die allein belebt und
zum Weitersprechen anreizt, wird auf sich selbst zurückgewiesen.
Und findet er endlich Anklang in Anderen, die dasselbe denken
und wollen, so ist er entweder schon todt, oder doch ein alter
Mann. Dn fragst mich| was ich von den Konxüen denke. Von
dem römischen wttnsche ich nnr, dass es zq Stande komme; and
zwar ganz im Sinne des Papstes, der Jesuiten. So kommt es dann
endlich doch zn einer Entscheidong, wird der schamlosen Frechheit
uud Hohlheit des bekannten Syllabus die Krone aufgesetzt, den
Schwach- und Dummköpfen selbst die lUngst ausgemachte Unver-
trägliclikeit des Katholizismus mit den ersten liedinixungen und
Grundlagen der menschlichen Gesellschaft augenscheinlich, hand-
greiflich gemacht. Was aber das entgegengesetzte Konzil betrifft,
so seheint mir dieses von meinem Standpunkte aas schon als Nach-
ahmung, wenngleich in en^gengesetztem Sinne, verfehlt. FreiUch
an Ort und Stelle, «af italienischem Gmnd und Boden, würde es
mir yielleieht in anderem, besserem Lichte erscheinen. Aber tob
hier ans iVage ich mit Verwandernng: Was hat ein KonziHnm fttr
Freidenker für einen Sinn? Lasst doch den alten Orthodoxen, den
Geistlichen, diese Form ! Für uns passt sie nicht. Doch ich muss
st liliessen. Ich wünsche nur noch Dir und den Deinigen in und
ausser dem Hause ein Lebet wohl! Dein unsichtbarer, vielleicht
aber noch dieses Jahr sichtbarer, herzlich ergebener alter
Lieber guter alter F r e u n d I Kein Tag vergeht, au dem
ich nicht an Dich denke! Lauge halte ich es nicht mehr aus, ich
muss wieder einmal wissen, wie es Dir geht Sei mir nicht böse^
dass ich schon wieder mit einem nnorthographischen and nngraoh
matikalischen Briefe Dich belästige; dafür ist er mn so aufrichtiger
und wahrhaftiger, denn das Herz kennt kerne Grammatik, denn
wo die Liebe anfkngt, hOrt die Regel auf.
Seit Deine gute Eleonora zu meinem Geburtstage im vorigen
Kovcmber mir Eueren Glückwunsch geschrieben hat (t\ir den ich
ihr meinen herzlichsten Dank !<agcn lasse), habe ich wieder nichts
von Dir vernommen. Wie gerne mochte ich mit Dir über so
L. Fenerbach.
Koarad.
Dorf Goisern, den 17. Jinncr 1970.
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Manches reden, am wie Vieles fragen! Was sagst Du zn dem
Konzile in Rom, zu den Rückschritten des Protestantismus in
Preussen, sowie liier in Oesterreich? Uebcrall entstehen freie kon-
fessionslose Gemeinden. Soll ich zum Scheine dieses pietistische
Getrödel noch ferner mitmachen? Oder meiner inneren Ueberzeugung
gemäss austreten und mich in Graz oder Wien einer freien Ge-
meinde ansehliessen? Ein Freund von mir, Franz Aschinger ans
Welsi hat den grossen Schritt gethan und bei der Bezirkshanpt-
mannschaft seinen Austritt aus der christlicben Religion angezeigt,
am in Wien der freien Gemeinde sich anzuschliessen. Ich war
bisher wegen der Leute alle Jahre am Charfreitag zur Kommunion
gegangen, und muss Dir aufrichtig gesteben, habe mich vor mir
selbst geschämt. Mein ganzes !)esseres Selbst empörte sich gegen
eine solche Heuchelei, l'nd doch, was bleibt mir tibrig — zumal,
wenn man als kleiner Gewerbsmann von diesen Leuten leben muss?
Zum Auswandern bin ich jetzt schon zu alt, und wUrde mich schwer
von meinen so schönen Bergen trennen können. Ich ersuche Dich
in dieser flttr mich so wichtigen Angelegenheit um Deinen Rath.
Uebrigens lebe ich glücklich und zufrieden und bin sammt
den Meinigen immer gesund und wohlauf. Nur manchmal in eki-
Samen Standen beschleicht mich der druckende Gedanke, wie meinen
armen verdummten Mitmenschen geholfen werden könnte Gebt
mir", rufe ich oft, „einen grossen Gedanken, damit ich mich daran
erquicken kann!" Dann suche ich Dein Ruch tlber „Tod und
Unsterblichkeit'' hervor, und bin wieder gestärkt und aufgelegt
zum Kampfe mit dem Miserere des Alltagslebens, und ich vermag
dann mein Haupt Uber den schwUlen Dunstkreis des niedrigen,
gemeinen Trubels wieder zu erheben. Dann lege ich mir Deine
Photographie vor mir auf den Tisch und beschaue mir mit geistigem
Auge die Bildergallerie meiner Ermnerung: Unser Ausflug zum
Gösau -See, der Gang nach der Jochwand, wie uns das grosse
Donner- und Hagelwetter überraschte, der Spazirgang auf der
Soolenleitung zum IlallstUtter Salzberg u. s. w. Dein Aufenthalt
in unserem friedlichen Dorie bildet den Glanzpunkt meines Lebens.
Der Gedanke, der grösste, kühnste Denker in gegenwärtiger Zeit
bat Dich mit seiner Freundschaft beehrt, macht einen grossen Theii
meines Glückes aus! GrUsse mir Deine liebe Frau und Tochter
au£B Herzlichste, sage Deiner Tochter meinen innigsten Gittckwnnsch
za ihrem bevorstehenden Namenstag; möge sie noch lange, recht
lange das ansclUitzbare Glttck geniessen, ihre guten Eltern fttr sich
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und zum Wohle der Wisseiuschaft und der Torwärtastrebeoden
Menscliheit zu besitzen.
Wie geht es dem guten Fritz, der Tante Elisa? Was arbeitest
Du gegenwärtig Wichtiges, was hat das wisseusehaftlich gebildete
Deutschland noch von Dir zu hoffen? Schreibe mir ja bald einmal
wieder und behalte mich heb. Ich ktisse and umarme Dich im
Geiste ! Dein K o n r ad.
N. B. Viele Grüsse von den beiden Steinbrechern, Elssenwenger,
Yon meinem Weibe, Pilz am Hallstätter See^ Hotelbesitzer Franz
Koch Yon IschL
Ludwig.
NQrnberg, den 28. Febmu tS70.
Mein lieber Den hier! .. Die Religion, wenigstens die offi-
zielle, die gottesdienstliche, die kirchliche ist entniarkt, oder ent-
seelt und kreditlos, so dass es an sich ganz gleichgültig ist, ob
man ihre Gebräuche mitmacht; denn selbst diejenigen, die sie an-
geblich gläubig mitmachen, glanben nur an sie zn glauben, glaaben
aber nicht wirklieb, so dass es sich wahrlich nicht der Mtthe lohnt,
wegen eines Glaubens, der längst keine Berge mehr versetzt, seine
lieben Berge zn verlassen. Aber musst Du denn, wenn Da di6
Niederträchtigkeit der christlichen Kirche fahren lässt, auch Deine
erhabenen Berge fahren lassen? Kannst Du denn einfach Deinen
Austritt aus derselben nicht auf negative Weise bethätigen, nicht
dadurch, dass Du eben nicht mehr zum Abendmahl gehst? Oder
ist das nur bei uns, nur in der Stadt, nicht auf einem Dorfe, nicht
bei Euch möglich, thunlich? Doch genug für heute. Es ist s<»
wunderschönes Wetter, dass ich kein Sitzfleisch habe, dass ich
hinans ins Freie mnss. Lebe wohl! Dein Lndwig Fenerbaeh.
Lndirig.
Sonntag, den 2S. Hin 1871.*)
Lieber guter Deublerl Zwei Briefe habe ich Dir zu beant-
worten, den ersten vom „26. September 1870", den zweiten vom
„März 1871 Den ersten erhielt ich am 1. Oktober nebst einem
*) Mit zittcmder Hand, immer beigab, in Zwischenrinmen , wie mit ansaiboKr
Tinte gesdirieben.
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auch nocli unbeantworteten Brief von Hol in, dessen Du Dich noch
erinnern wirst; denn er war ja auch l)ei Dir zu derselben Zeit,
wo ich bei Dir war. Wenige Tage darnach empfing ich eine An-
zeige aus Newyork, dass ich nächstens eine Ehrengabe ron
100 Dollars" erhalten würde. Und diese Ehrengabe erschien wenige
Tage darnach. Ich wollte sie Dir melden, aber ich kam nicht dazu.
Samstag, 1. April. Ich bin Dir nicht bOse ob „Deiner
stHlfliehen KachlSssigkeit'^ Ich bin es mir selbst, und eile dazu,
meine Böcke jetzt auszulöschen. Mein erster Bock ist der vom
vorigen Jahre, wo ich Dir nicht antwortete.
Donnerstag, 6. April. Ich gehe nirgends mehr hin. Seit
dem Herbste vorigen Jahres war ich ein einziges Mal in der Stadt
bei meiner unpässlichen Schwester. Bei meinem Fritz war ich im
Monate Milrz ein einziges Mal. Er grüsst Dich. Und ich grttsse
Dich und danke Dir ftlr Deinen schönen lO-Thalerschein. Wanim
hast Dn mir ihn aber geschickt? Er wäre ja gnt bei Dir gelegen.
Ich komme hier nirgends mehr hin. Meinen Hansfrennd Scholl
habe ich schon Uber ein Vierteljahr nicht gesehen. Ein ttlchtiger
Hausfreund von ihm ist erst vor einigen Wochen von hier wegge-
zogen in die sächsische Schweiz. Von der neuen Literatur kann
ich Dir nichts sagen. Ich lese nur den „ Volksfrcund", der in
Leipzig erscheint, „die neue Zeit'' in Newyork, den „Nürnberger
Anzeiger*' und den „Libero Pensiero, Giornale dei ßazionalisti".
Ich weiss nicht, ob ich heuer zu Dir komme .... Wie es die Slawen
bei Euch machen werden, weiss ich nicht .... Wenn ich aber anch
nicht komme, so grtlsse mir herzlich Deine Frau, den Elss^nwenger,
den Steinbrecher, alten und Jungen, nebst Fran, den Mann, der am
letzten Sonntag mir so grosse Fische geschickt hat, und alle anderen
mir lieben Männer. Meine Frau und Tochter grtlssen Dich bestens.
Ich hoflfe Dir ein andermal einen besseni Brief schreiben zu können.
Dein treuer Freund Ludwig Feuerbach.
Frau Bertha Feucrbacli au Konrad.
Kcchoiiborg, den 24. Januar 1872.
Lieber Herr Denb 1er! .. Mit meinem Hanne geht es leid-
lich, aber traurig ist sein Lebensabend, da er durch die gänzliche
Lähmung seiner geistigen Organe aller Beschäftigung beraubt ist.
Ja, wäre er nur etwas körperlich gesunder, diesen Somme^r nitisste
er sich Stärkung in Ihren prächtigen Bergen holen ; allein atf^einc
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I
23-1
so weite Eeise ist bei seinen krankhaften Zuständen nickt melu:
zo denken. Es würde eine grosse Freude für ibn seioy Sie wieder>
KQselieii; denn keinen Freand liebt und schätzt er so sehr, als Sie.
Maehen Sie ihm wenigstens jetzt die Fieade eines Briefes, ich bitte
sehr darum.
Mit nnmänderter Freundsohaft Bertha Fenerbaeh.
Epilog.
Konrad Deubloi »n don Ueramgebet.
Dorf Goisen, den 17. Jftniier 1S74.
.... Icli war 16 Monate in Graz, ohne nur eine Stunde in die
freie Luft zu kommen, in rntersuehungs-Arrest weisen Ver])reitUDg
Fcuerbach's, Rossmäsler's Schritten u. s. w. (Keligionsstörunj:).
Lan^e schon vor meiner Interniruug und Zuehtbauszeit, im Jahre
1844, habe ich in mehreren Exemplaren ein Hei'tchen unter den
Salinen-Arbeitern verbreitet: „lieber wahre Bildung, eine Vorlesung,
gehalten zu Bielefeld, den 28. ApriP< von K. Ct. — Dann wegen
HochTerratb durch Verbreitung republikanischer Bficher, wie „Oester-
reich und seine Zukunft''. Ich wurde in Graz freigesprochen, der
Staats-Anwalt Waser legte eine Niehtigkeitsbesehwerde beim Kassa-
tionsbof ein, und ich bekam nun 2 Jahre schweren Kerker nach
Brünn, nachdem noch ein Jahr Intcrnirung nach Ighiu und (Umürz!
Vier Jahre wurdeu so von meinem Leben ausgestrichen I Wer er-
hielt mich immer aufrecht in all diesem Jammer? Den geistbele-
benden Ideen Fenerbachs habe ich es zu verdanken, dass ich ge-
sund und rüstig zu meinen Lieben im Jahre 1857 wieder heimkehren
konnte ....
Mein nur zu maugelhafter nothdürftiger Schulunterricht wird
mich wohl wegen meiner schlechten Schreibweise entschuldigen.
Denn icli habe in unserer Dorfschule ausser ein Hiscben Lesen gar
nichts gelernt; nicht einmal folgerichtig denken und sprachrirhtig
mich auszudrücken. Mit einem Aller von 'JO Jahren habe ich er^i
mühsam von mir selbst das Schreiben gelernt
Ich muss aufhören, es wird dunkeL Grtisse Sie ... .
Eonrad Deubier.
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235
Konrad Deubler an den Horansgebor.
Dorf üoiscru, den 21, Februar 1^74.
.... Ucbcr ein Jnlir ist verflossen, als ich den grössten Denker
zum letzten Male in Rechenberg weinend zum Abschied an meine
Brost druckte — wir die letzten Kttsse wechselten. Er liegt nun
fem von meinen heimathlichen Bergen auf dem Johanniskirchhof in
Nürnberg, aber bei uns in Goisem lebt er noch!
Eine grosse, wirklich eine sehr grosse Freude wurde mir ver-
gangene Woche zu Theil. Der Fuhrmann, der von Goi.scrn all-
wöclientlich nach Salzhurjr faiirt, brachte mir eine grosse Kiste von
Nürnberg mit, deren Inhalt eine grosse — Büste von Feuerbach
war — ! Dieser Kopf ist uuserm dahingeschiedenen Freund so
wunderbar ähnlich, dass ich, als wir — ich und mein Weib —
ihn aus der Umhüllung heraushoben, vor Wehmuth und Freude
laut weinen musste.
Die ßtlste ist von SchreitmttUer und prachtvoll bronzirt Feuer-
bacbs Eleonora schreibt mir, dass sie dieses Kleinod mir zum
Andenken mit Vergnügen zuschicken. In der schönen, grossartigen
Natur, die ihr Vater so sehr geliobt hat, niüsste ihm ein beschei-
denes Denkmal errichtet werden, und im Hilde solle er wenigstens
dort weilen, wo seine schünlieitsdurstige Seele einmal Erquickung,
Stärkung, und an der Seite eines Freundes, der ihn vcrständniss-
voU zu würdigen wnsste, auch Begeisterung getrunken hat n. s. w.
Ich habe dem mir unvergesslichen muthigen Denker schon
frtthcr auf seinem Lieblingsplatz eine Tafel angebracht mit der
Aufschrift: „Den Manen des grossen Denkers L. Feuerbach
geweiht'^ Vorigen Herbst habe ich in Form der Tells-Kapelle
einen Tempel errichtet; da wird die Büste aufgestellt werden.
Wenn Alles fertig ist, werde ich ihnen eine rhotographie davon
schicken.
Behalten Sie mich lieb! Konrad Deubler.
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Aus dem Nachlass.
ZinzcDdorf und die Ueirnliater. 186d»
Die Herrnbater, die „evangelische Brttderanität'', ernenerte
„Brtlderkirohe", auch schlechtweg „Brüdergemeinde'' genannt, sind
eine den englischen Quäkern nnd Methodisten verwandte Beligioos-
gesellschaft , nnd wie jene das Wesen des Ghristenthnms nicht in
die I^elirc, sondern in das Leben, nicht in die Dogmatik, sondern
in die Moral setzend, sieh aber von ihnen, abgesehen von dem
Untersehicde der Individualität nnd Nationalität ihrer Stüter, dadurch
unterscheidend, dass ihre Moral in gewissen Stücken nicht so streng,
als die der Quäker und Methodisten. „Eine gewisse Galanterie
nnd Weltlichkeit verlor sich bei dem gottseligen Grafen Zinzeudorf
niemals gänzlich, nnd etwas davon kam anch in seine Lehre nnd
Anstalt. Unwahrheiten zn einem frommen Zwecke nnd nnredliche
Akkommodationen hielt er gar nicht für unrecht und erlaubte sie
sich selbst zuweilen; anch gab er zu, sich der Welt mehr gleich-
zustellen als andere, ähnliehe Sekten. Die llerrnhuter Versamm-
lungen und Gemeindeiirter haben bei aller Einlauldieit doch etwas
Schönes, Elegantes und Geputztes an sich. Man darf sie nur mit
den quäkerischen Ansiedlungen und Versamndungen vergleichen.
J. Wesley, der Stifter der Methodisten, machte Bekanntschail mit
den Herrnbntem, um von ihnen zn lernen nnd für seine Anstalt
Nutzen zu ziehen, zerfiel aber mit Zinzeudorf, weil dieser Nothlttgen
und ein gewisses Gleichstellen mit der Welt vertheidigte (Ge-
schichte der theologischen Wissenschaften von G. F. Stäudlin,
II. Th., 1811, S. 667. Gesehiehte der Literatur von J. G. Eichhoro,
VI. Bd., II. Abth.) Er zerfiel aber mit Zinzendorl" keineswegs aus
diesem Grunde allein; der Hauptgrund der Differenz, die Hauptbe-
schuldigung, die Wesley dem Zinzendori' machte, war vielmehr,
dass er „blindlings dem Luther folge und anhänge^' — ein Vorwuri,
der sich aher zuletzt nur darauf reduzirte, dass der Stifter der
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Methodisten ein £nglilndcr, der Stifter der ßrüdergemeiDde ein
Deotscher war; dennDeutsclifhum und Liitherthum ist nnzertrennlicby
ist eins. Es war nar die Macht des Auslandes , des Bomanismns,
des JesoitiBmoSy die dieses Band, diese Einheit zerrissen hat Also
der wahre nnd letzte Grund der Entzweiung zwischen Wesley und
Zinzendorf ist einfach der, dass dieser ein Deutscher und Luthe-
raner, und zwar eingefleischter Lutheraner war. Zinzendori's
Freunde, ja er selbst nannte sieh Luther um vere redivivum oder
Lutherura Lutheranissimum. Im Jahre 1752 erschien von einem
unparteiischen, evangelisch -lutherischen Prediger eine Schrift mit
dem Titel: „Der in dem Grafen von Zinzendorf noch lebende und
lehrende, wie auch leidende und siegende Doktor Luther". Und
der Titel ist ganz richtig. Zinzendorf ist der im 18. Jahrhundert,
aher eben dess wegen nicht mit Haut und Haaren, sondern seinem
innem Wesen nach, nicht in der Gestalt eines Bergmannssohnes
und ehemaligen Augnstiner-MOnches, sondern in der Person eines
Weltmannes, eines Grafen wiedergeborne Luther. Führen wir zum
Beweise einige charakteristische Aeusaerungen Luthers an, die
Zinzendorf selbst in seiner unter S})angcnber^'R Kamen 1752 er-
schienenen apologetischen Schlussschrift anführt, um seinen Gegnern,
darunter besonders den bornirten, den Buchstaben mit dem Geist
verwechselnden lutherischen Orthodoxen gegenüber, sich als Lnthe-
rum Lutheranissimum zu legitimiren: „Ist denn das eine neue Lehre,
wenn man sagt, es ist kein anderer Gott als in Christo? Dr. Luther
sagt in gebundener und ungebundener Rede: kein anderer Gott
als Jesus Christus, keinen anderen haben wollen (sagt er gar
irgendwo) ist das Zeichen der wahren Kirche. Alle Gottheit, ausser
Christus betrachtet, ist Hirngespinst oder Teufelcy*' (8. 283). „Wer
keinen andern Gott kennt als den Gottnienschcn Jesus Christus,
der kann selig und iibcrselig sein; 100 tausend Kinder und 20tau-
send einfältige Leute gehen heim und haben so wenig Verstand von
Gottes Wesen als von der Algebra, haben aber Jesum, ihren Heiland
lieb, zweifeln nicht, dass er sie geschaffen, und lassen ihn instar
omnium*) sein. Warum haben denn die Alten gesagt: Si Chri-
stum discis, satis est, si caetera nescis.**) Und Lutherus
sagt: „die hochfliegenden Geister soll man an Christus Menschheit
binden. Es wird nirgends bass, denn in Christus Menschheit ge-
StaU aller Dinge.
**) Wenn du Ghiistiun lernst, so ist es geung, ob du gleich alles Andere nicht weisst
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238
fanden nnd gelernt, was ans zn wissen noth ist'' (8. 277). Wo
stebt es aber in der göttlicben OfTenbarnng, dass Gbristas aHein
die Welt erschaffen babe? Antwort. In dem Sinn kann man's
sagen, wie Luthenis singt: Er ist ein Kincllein worden klein, der
alle Ding erliiilt allein. Lutlierus: „,,0 das ist ein lUeherlich
Ding, ilass der einige (lott, die hohe Majcstiit , sollte ein Mensch
werden nnd kommen hier zusaninieu heide »Sehöpler und Kreatur
in einer l'erson .... wir sollen da solche Narren werden, dass wir
gewisslicb glauben, dass diese Kind oder diese Kreatur ist der
Meister and S ob Opfer selber"". Item: ,y,|I>er Menscb Gbristas
JesaSy der Zimmermann, der dort zn Kazaretb aaf der Gasse geht,
ist der recbte, wabrbaftige Gott, der die Welt gescbaffen bat, er
ist allmUchtig" " (S. 235); „ „das Kind in den Windeln ist der Seböpfer
der Welt"" nach der unione hypostatiea naturarnm.*)
I^utherus: ,,,,hier ist mein Gott. Ich will an keinen Gott glauben, als
einen Selu'ipfer Himmels und der Erden, ohne allein, der da einig ist
mit dem der da hcisst .lesus Christus. Ich will von keinem anderen
Gott wissen als dem der da heisst J. Chr."" (8. i^34). Der ans
Liebe zum Mensehen Menscb geworden, zu seinem Besten leidende,
ibn darcb sein Blut, seinen Tod, von Tod und Sttnde erlösende,
dnreb diese Tbat and deren gläubige, d. b. innige, berzlicbe An-
nabme nnd Aneignung selig maebende Gott — der Gott, der Menscb,
der Mensch, der Gott. Die Gteicbbeit nnd Einbeit des göttlichen
und menschlichen Wesens ist das Wesen, der Mittelpunkt, das Eins
und Alles Luthers wie Zinzendorts; aher Luther hat die Konse-
(pienzen, die Früchte, die sidi aus diesem Meusehwerden Gottes,
das gleich ist dem Gottwerden des Mensehen, aus diesen» Leiden
Gottes zum Wohle der Menschheit ergeben, nicht so sich zu Ge-
mtttbe gezogen, nicht so ausgebeutet, nicht in so sinfiföUiger nnd
darum den streng GlUuhigen anstössiger Weise realisirt, als Zinsen-
dorf. Luther war im Sebreeken des alten, mensebfeindUcben Gottes
aufgewachsen, lernte diesen erst nach nnd nach mit Httlfe des
menscbgewordenen llberwinden; Z. lebte von Kindheit an im ver-
traulichsten Umgang mit Gott, schrieb sehen als Kind liricle an
seinen Heiland, wie an seinen leihliehen Bruder, hatte ein solches
kindliches und zweiielloses \'ertrauen zu der Theilnahme des gött-
lichen Wesens an allen menschlichen Angelegenheiten, dass er, als
er als Student unter den Übrigen lür einen Kavalier scbicklicben
*) Nach der ircseDtlichen EiDhett der Naturen.
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239
LeibesUbnngen aach das Tanzen lernen musste, den lieben Gott
nm seinen Beistand anflehte, um bo scbnell als möglich mit diesen
Aliotriis, wie er es nannte, lcrti{^ zu werden. Und er wurde erhört.
„Mein einziger und wahrer Contident hat mich auch hierin keine
Fehlbitte thun lassen", schreibt er selbst in den Antworten auf
die Beschuldigungen". Seine Gegner warten ihm Eotkeiligung des
Namens Jesu vor, wenn man ihn in solchen Dingen um llulfc an-
rufe; er weist diesen Vorwurf damit ab, dass „der Heiland des
Menschen Herzensfreund und allgegenwärtig sei'^ Die Mensch-
werdong Gottes war oder ist eine Selbsterniedrigung, Selbstver-
kleinerung der Gottheit ans Liebe zur Menschheit; warum soll es
dem Zinzendorf zum Vorwurf gereichen, dass er, um seine Em-
ptindnng ii)>er diese Gleichstellung Gottes mit dem Menschen aus-
zudrücken, die familiärsten Ausdrücke, wie Mama, Papa, am liebsten
Vciklcincrungswörter von der Gottheit ^^ebrauclitc? Wir verkleinern
ein Wesen, einen Gegenstand vennittclst der Diniinutiva, nicht aus
Greringschätzung, sondern aus Zärtlichkeit, um sie auf's innigste mit
uns zu verschmelzen; gleich wie wir die Speisen mit den Z&hnen
verkleinem y nm sie besser zu verdauen, leichter uns assimiliren,
d. b. mit uns identifiziren zu kOnnen. Ist aber diese Zärtlichkeit^
diese Innigkeit nicht eine nothwendige Folge von dem Eindrucke,
den das Menschsein des göttlichen, d. h. das Leiden des an sich
leidloscn Wesens zum Resten der Menschheit auf einen gefühl-
vollen Menschen macht, wie der Graf Zinzendorf war? Schon als
Knabe wurde er bis zu Thräneu gerührt, wenn er erzählen hörte,
dass sein »Schöpfer Mensch geworden, und was sein »Schöpfer für
ihn gelitten. Er fasste den Heschluss, lediglich Itir den Mann
zu leben, der sein Leben für ihn gelassen habe, und schloss einen
Bnnd mit dem Heilande: „Sei Du mein lieber Heiland, ich will
Dein sein''. „Sein Symbolnm war von Kind auf: Das Eine will
ich thnn, es soll sein Tod nnd Leiden, bis Leib und Seele seheiden,
mir stets in meinem Herzen ruhn". (Zinzendorf in der Beilage
zu den Naturellen Reflex.'' »S. 7.) Lntlier sagt in seiner Er-
klärun-r des Propheten Jcsnia iil)cr die Stelle ft). Kap.): .,uns ist
ein Kind jj^cborcn , ein »Sohn ist uns gegeben*', „das Kind ist
uns geboren, es bleibt uns auch ein Kind. Also ist uns auch
ein Sohn gegeben und bleibt uns auch ein Sohn, er Wird nicht
anders, als er vom Anfang seiner Geburt her gewesen ist Wenn
wir aber den Sohn haben, so haben wir auch den
Vater .... Ja selbst der Vater wird ein Sohn nnd wegen des
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Solmes gezwungen, in gewisser Maassen (dass ieh so reden mag)
znm Kinde zn werden, mit ans zu spielen, uns znliebkoseni
weil wir seinen Sobn haben. Um dieses seines geliebten Sobnes
willeu sind auch wir geliebte Kinder und Erben Gottes". Dieser
nicht nur Mensch, sondern Kind gewordene, mit dem Menschen
spielende, ihn liebkosende und wieder liebkosete Gott ist der Gott,
das Wesen, das Grundthenia Zinzendoris ; daher die so vielen Spott
und Aergerniss erregenden Tändeleien, besonders in seinen Uedem,
die er, wie er sich ansdrUckte, „aus dem TTerzen sang." „Z. hielt,
bemerkt Vamhagen von Ense in seinem Leben desselben (S. 393),
das kindliche, innig Yergnflgte nnd gleiehsam spielerische Wesen
eines am Heiland hängenden Herzens fiDr eine grosse Seligkeit nnd
meinte, jeder Mensch sollte sich ans seiner Kindheit etwas znrttck-
zuholen suchen, etwas Spielendes, Herzliches, Grades, und man dürfe
sich durch den Missbraucli, der dabei stattfinden könne, eben so
wenig stören lassen kindlich zu sein, als man wegen des Miss-
brauches der Vernunft authören dürfe vernünftig zu sein. Allein
eben er selbst übte solchen Missbrauch und gab auch Andern den
freisten Anlass dazu." Kr sagt selbst von sich, „dass eine seiner
grdssten Inklinationen auf die Kindlichkeit gehe; denn das gerade,
einfältige, nngenirte, Ycrgnttgte nnd artige Wesen eines noch nn-
verdorbenen Kindes sei die allernobelste Gemfldissitnation , die
sich ein Mensch vorstellen k((nne". (Sp.uigenberg's Leben des
Grafen von Zinzendorf, S. 2012.) Gott ist Mensch, leibhaftiger,
wirklicher, natürlicher Mensch. Was folgt daraus? Die Ent-
menschung, die Entleibung des Menschen V Nein! Das gerade Ge-
gentheil : die Vergötterung des Menschen vom Scheitel bis zur Ferse.
„Gott, sagt Luther, verwirft nicht die natürlichen Neigungen an
dem ^Fenschen." „Wir können Christum nicht zu tief in die Natur
nnd das Fleisch ziehen, es ist nns noch tröstlicher'^ Zinzendorf
dehnte diese Vertiefung, diese Herablassung der Gottheit ins mensch-
liche Fleisch bis auf die Geschlechtstheile aus. „Zinzendorf be^
kannte frei, dass er die Glieder zur Unterscheidnng des Geschlechts
für die ehrwürdigsten jun ganzen Leibe achte, weil sie sein Herr
und Gott theils licwohut, theils scll)st getragen habe, ja, die Schani
wurde ausdrücklich verdammt, als vom Satan in eine heilige Hand-
lang hineingehexte und ge/>.'uiljcrte, welche, da sie in ihrem höchsten
Augenblicke nur die Vereinigung Christi mit seiner Kirche bedeute —
ersterer durch den Mann, gleichsam den Vice-Christ, letztere durch
die Frau, deren eigentlicher Mann immer nnr Christus bleibCi vor«
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241
gestellt — für diejenigen, welche diesen Sinn und dieses Bewnsst-
sein dabei hegen, so wenig mit der sinnlicben Wollust gemein habe,
als der Gennss des heil. Abendmahls mit der Begierde eines Wein-
trinkers!" (Varnh. v. E. 1. c., S. 276.) Das Christenthum erstreckt
sich also selbst bis auf die Geschlechtstheile. Der Christ verrichtet
ohne Bedenken, ohne Skrapel^ alle Funktionen des natürlichen
Menseben, anch das Kinderzengen, aber nicht ans einem natttrlicben
Triebe, sondern ans Liebe zu Christas. „Das Kinderzengen ist,
sagt Z., unter die Dinge rangirt, die man onn eben nm's Heilands
willen anf sich nimmt Wer hat denn gesagt, dass die Sache die
geringste Konnexion mit dem fleischlichen Plalsir hat? Das ist
eine Phantasie, die hat entweder der Satan in die mensehliehe Idee
gezaubert, oder auch der kondeszendente Schöpfer darum zugelassen,
weil sonst Niemand heirathen würde, als seine wenigen Leute
auf Erden*'. (1. c, S. 275.) Selbst sogar auf den Abtritt geht
der fromme Bruder und Diener Christi nur im Namen und nach
dem Beispiel seines Herrn, denn „unser thenrer Heiland hat sich
weder gescheut vom Stahlgang mit seinen Jüngern zn reden (Matth.
15, 17), noch sich geweigert dergleichen menschliche Demflthignngen
an seinem eignen Leibe zn erfahren". (ApoL Sehlnssschrift, S. 116.)
So haben wir im Vater der Brüdergemeinde anch zugleich schon
den Vater des modernen, extremen, d. h. von den inneren Zentral-
theilen auf die Extremitäten des Menschen hinausgeworfenen, selbst
bis auf den After sich erstreckenden Christenthums, das L. F. schon
in seinen theologisch satyrischen Distichen von 1830 (z. B. denen
Uber den Unterschied von Natur und Gnade), später in seinen
Kritiken des modernen Afterchristenihums und anderwärts charak*
terisirt nnd persiiflirt hat.
Pb. Jak. Spener's (geb. 1635, f 1705) „ftomme Wünsche
(pia desideria) oder herzliches Verlangen nach got^fUliger Bes-
serung der cTangelischen Kirche" — Speners eigne Worte — nnd
die von ihm zum Behnfe der Verwirklichnng dieses Verlangens
gehaltenen Erbauungsversammlungen (collegia pietatis) sind es,
welche die Brüdergemeinde hervorgerufen haben. Spener fand den
Zustand der evangelischen Kirche, „des deutschen Juda und Jeru-
salem**, seiner Zeit in den Worten des Propheten Jesaias gezeichnet:
„Das ganze Haupt ist krank (das ganze Herz ist matt), von den
Fnsssohlen bis anfs Haupt ist nichts gesundes an ihm, sondern
Wunden nnd Striemen nnd Eyterbenlen, die nicht gehefflet, noch
verbunden, noch mit Oel gelindert sind.'' Aber das Mittel znr
OrHn, PMinliBehii RrlelVrvchsel n. NNrliUiwi. II. \ß
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— Hi —
Heiimig des Uebels fand er Dicht in einer Behandliing des kranken
KOrpen im Grossen nnd (Manzen, sondern darin, dass naa erst im
Einzelnen nnd Besonderen sie beginne, erst Theil für Theil die
Keime zur Wiedergenesnng des Ganzen bilde und sammle. Es
mÜBStcn also, meinte er, erst die wcuij^en, einzelnen, guten und
frommen Seelen zu p:ef!:enseitiger Förderung:; zusammentreten, gjleich-
sam Kirchlein in der Kirche, ecclesiolas in ecclesia, bilden, und
dnrch ihr Beispiei die anderen minder frommen, oder gar gleich-
gtlltigen Seelen snr Nachfolge anreizen, ehe an eine Besserung der
Kirche im Ganzen gedacht werden kOnne. Und eine solche eeeie-
siola in eoclesia im Sinne Speners war nrsprtlnglich die Brüder-
gemeinde. „Die erste Gelegenheit» schreiht Zinsendorf selbst in seinen
„Naturellen Reflexiones Uber allerhand Materien'* (1746,
S. 157), zu denen Oberlausitzischen Anstalten ist der Spiritus Speneri
de i)lantandis in Ecciesia Ecclesiolis gewesen, der meiner seligen
GrosH-Frau-Mutter, meiner Tante zu Hennersdorf, mir und meiner
Gemahlin allerdings anf»;changen, in quo Spiritu jam per decem
anno 8 ambnlaram,*) solchen auch in Wittenberg (wo die dem
Spenerianismus , dem sog. Pietismus entgegengesetzte lutherische-
Orthodoxie henachte, nnd wo Z. stndirte) selbst nicht dissimnlirt
hatte, weil ich ans einem Hause kam, wo ich in dergleichen Frin-
eipiis anferzogen worden, wie meine Gemahlin anch'^ Was ist
aber der Spiritus Spener's? Der Geist, der nns getrost sprechen
macht: „Ich weiss an wen, was und warum ich glaube,
weil wir in göttlicher Gnade nicht nur das Wort, sondern die Kraft
der Sache in eigner Erfahrung verstehen" (Sp. in der Dedi-
kation seiner Allgem. Gottesgelehrtheit an den Herzog von Braun-
schweig) — der Geist, der mit Luther sagt: „es mag Niemand
Gott noch Gottes Wort recht verstehen, er hab's denn von dem
-heil. Geist ohne Mittel, Niemand kann's aber von dem heil. Geist
haben, er erfahre es, versuch 's nnd empfind 's dann, nnd
in derselbigen Erfahrung lehret der heil. GreiBt als in seiner eignea
Schule, ansser welcher wird nichts gelehrt, dann nnr Sehein, Wort
und Geschwätz'', mit Arndt'» wahrem Christenthum sagt: „Gott ist
eitel Gnade mul Liehe. Ks kann aber Niemand wissen, was Liebe
sei, denn wer sie seihst hat und thut. Und also gehet die
KrkUnntniHH einen jeglichen Dings aus der Erfahrung, aus
der Tbat nnd Empfindung, aus den Werken der Wahrheit —
*i ffi wt'hUtw iMtiii' U'.U *u'Mou Xflhn Jihre gnirandolt bttte.
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Stellen^ die Spener unter anderen in der angeführten Schrift wid^
sdne Gegner zum Beweise der Uebereinstimmung aeiner eignen
Lehren mit dem wahren Ghrist^thum und Lntherthum anführt —
der Geist also^ der, was ihm von einem Ändern, hier Gott oder
der Bibel gesagt wird, nieht glaubt, nieht fOr wahr annimmt, weü
es ihm gesagt wird, sondern weil er es aus sich selbst als wabr
empfindet und erkennt, aus der Quelle seine Ueberzeugung von der
Wahrheit desselben scbüpft, aus demselben Triebe, demselben Herzen,
demselben „beil. Geiste", aus welchem urspriiiiglieh der christliclie
Gottmensch gezeugt wurde, ibn wiedergebiert, und eben desswegen
diesen seinen Glauben an die Einheit des göttlichen und mensch-
Uohen Wesens auch in der That, im Leben, in der Liebe beweist
Spener verwarf daher die theologisohe Sophistik, Seholastik und
Tor allem die Polemik, beklagte und bestritt die selbst von der
Kanzel herabgepredigte Meinung, dass der Glaube auch ohne Werke
der Tugend selig mache, dass auch der wahre Glaube mit Lastern
verbnnden sein könne, lehrte und predigte nur inniges, herzliches
und darum eben so woblthätiges , als — denn „was nicbt von
Herzen, gebt nicbt zu Herzen" — populäres, allgemein verstand-
liches und eindringliches Christentbum. Spener war ein religiöser
Demokrat, Gegner darum auch des aus dem Papstthum stammenden
aristokratischen Gegensatzes von Geistlichkeit und Laienthum,
Gegner des hochmlithigen Klerus, der sieh allein den Namen der
Geistliohen angemasst, während er doch allen Christen gemein sei,
von allen geistlichen Aemtem herrschsttchtlg die flbrigen Christen
ausgeschlossen habe, während es doch ihnen zukomme und ge-
bühre, „in der heil. Schrift zu forschen. Andere zu unterrichten,
zu ermahnen, zu strafen, zu trösten und dasjenige im Privatleben
zn tbun, was im Kirehendienst Öffentlich geschieht", ja eigentlich
„alle Christen zu allen geistlichen Aemtem nicht nur befugt, sondern
auch verbunden seien". (Stäudlin, Geschichte der theol. Wissen-
schaften, S. 360.) Dieser Geist ist also der Spiritus Speneri, aus
dem die hermhutische Ecelesiola in Eeclesia hervorgmg — in
ecelesia, denn Zinzendorf wollte kein Separatist sein, sich nicht
von der Kirche, der lutherischen nämlich, worm er geboren und
erzogen, trennen, bekannte sich vielmehr zur Augsb. Konfession
(insbesondere in ihrer ersten Gestalt), bewog selbst die böhmisch-
mährischen Brüder, deren Ankunft in H. die erste, äussere Ver-
anlassung zur Gründung der Z.'scben Relif^ionsanstalt gegeben, zur
Annahme derselben. Diese Aubänglicbkeit an die Augsb. Kouf.
10*
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— iU —
hielt ihn aber nicht ab, anoh anderen Konfemionen in seiner Ge-
meinde Platz za machen. Er hielt sieh nnr an das Wesentlicliey
Unbestrittene, von allen Parteien Anerkannte der ehristlieben Lehre
und Kirche; die sie trennenden und unterscheidenden Lehren und
Gebräuche machte er zu unwesentlichen Formen, zu Unterschieden
nur der Methode und des Ausdrucks zu tropis paediae, eij;en-
thUmlicheu Weisen der Schule, in der die zur Brüdergemeinde ge-
tretenen Personen erzogen worden seien, und denen sie auch nach
seinem Willen innerhalb der Unitas fratrnm treu bleiben sollten*.
Es gab daher einen lutherischen, einen mährischen, einen reformirten
Tropus. Obwohl ein eifriger Lutheraner tllr seine Person, bekannte
er doch, dass er keinen Beruf in sieh fbhlei Andersglftubige
lutherisch zu machen, ttberhaupt Leute aus der einen Religion in
die andere überzuholen; er trage nur das Evangelium so vor, dass
er Seelen ttlr den Heiland werben möchte, und die armen Sünder,
sie mögen lutherisch, rei'ormirt, katholisch oder gar Heiden sein,
dem zu Füssen fallen, der uns alle erlöst hat''. (Z.'s Leben von
Spangenberg, S. 1010.) Man beschuldigte ihn wegen dieser seiner
freisinnigen Toleranz der konfessionellen Unterschiede des Sjrnkre-
tismos und Indifferentismus. Er erwidert darauf: „dass es Katho-
liken und Calvinisten gebe, die da selig werden, ist wahr und whr
gestehen es gem. Aber alle dieselben haben den eigentlichen In^
thum nicht, der in ihrer Religion zur Verdammniss abführen kann,
sondern sie haben an dessen Stelle die evangelische, selig machende
Wahrheit und irren nur in Nebenpunkten. Z. B. kein Katholischer,
der selig wird, ist werkhcilig, sondern er liegt wie ein lutherischer
Wunn zu den Füssen Jesu, und sucht die freie Barmherzigkeit
Gottes um der Wunden des Heilands willen wie ein Dieb unter
dem Galgen*^ (Apolog. Sehlussschrift S. 16.)
0 Heir JesQl (singt Z. anno 1T28 bereits)
Sammle, sammle dir die Fhwunen,
Lsas dich ohne Spiegel sehn,
Ohne Sprichnrort dich rerstehn.
Dann wird niclits als Jesus seyn«
Refonnirtc, Lutheraner,
Jvephibch, Pauliscli. Mein und Dein,
Bischur, Prof-hytoriaritu-,
AJle Sekten einig sein !
Denn die Liehe bleibt allein.
Z. wollte keine neue Lehre bringen, keine neue oder besondere
»Sekte gründen ; er wollte kein Autor ^ sondern nur ein Kompilalor
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sein, ab«r nicht von Büchern, sondern von Seelen; er wollte nnr
aus dem Pele-niele der bestehenden Kirchen die t'ronimen, von sich
seihst oder von ihm aus dem Sündenschlat' erweckten Seelen sam-
meln, „untereinander zu herzlicher Liebe und genauer Fürsorge
verbinden"; er wollte die Kirche im engsten Sinne des Wortes,
in welchem es nur die bedeutet und befasst, die „unseren Herrn
Jesus Christus herzlich lieb haben und sieh durch die Gnade Gottes
als Glieder eines Leibes miteinander erbanen, nm in der Gnade
nnd Erkenntnias Jesu Christi zn wachsen nnd saznnehinen'S ^a-
Usiren, die unsichtbare Kirche also sichtbar machen. Seine Ge-
meinde sollte seinen Worten nach sein eine Eeelesiola in Ecclesia,
in der That aber die Ecclesia selbst als eine Eeelesiola, die Kirche,
insbesondere die ihm zunächst liegende evangelisch -lutherische
Kirche im Auszug, im Kleinen, die aber eben desswegen auf ihren
wahren Sinn und Kern eingeengte, zusammengezogne, konzentrirte
Kirche. Christus, sagt Z., ist der „konzentrirte Gott" (in der
„GewissensrUge'^ in den Beilagen zn den „Naturellen Heflexionen^S
S. 127), und Herinhnterthom ist das auf diesen im Menschen kon-
zentrirten, ans Liebe zur Menschheit selbst Mensch gewordenen,
diese seine Liebe durch sein Leiden, sein Blut, seinen Tod am
Kreuze bekrilftigenden, darum auch nur die Liebe zn ihm zum
ganzen Inhalt der Religion, die Liebe zum Menschen zum ganzen
Inhalt der Moral, des geselligen Lebens machenden Gott, in Theorie
und Praxis, in Lehre und Leben konzentrirte Christenthum oder
spezielles Lutherthum. „Das Objekt der christlichen Religion",
sagt Z. (in seinen „Reden Uber die vier Evangelisten^^, herausgeg.
V. G. Clemens 1766, S. Ö30), „darein sich das Auge verlieren und
darauf ein Mensch seine ganze Begierde heften und es dal>ei lassen
muss in Zeit und Ewigkeit, ist Gottes Erscheinung in dem
Bilde, wie Er lUr unsre Noth am Kreuze sich so milde ge-
blutet hat zu todt'S „die Verliebtheit in den Heiland mit
Leih und Seele ist die einige, wahre, allgemeine Religio n."
,,Man hat schon vielmal über die Keligion gedacht, hat allerhand
Schwierigkeiten heben wollen und unter andern auch die, warum
doch keine Sache in der Welt verwickelter und dunkler ist, als
die Religion, da doch die Menschen dadurch, oder dabei sollen
selig werden ? warum doch das Mittel, das einem unentbehrlich ist
zum ewigen Wohlsein, einem so erstaunlich hoehgebängt ist? Keine
Einwendung ist ^ stärker gegen die Religion, als diese, dass sie
kADD vop keinem Mensohen beantwortet werden , der ein blosser
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TLeoreticns ist. . . . Wa» ist denn aber der einzige Rath zur Keuaiig
doi lieben Gk^ttee in Ansehnog der Religion ? Was kann man gau
allem anftthren, dadnrch man die Beligion von tausend vnd aber-
tausend IhinkeUidten und Sehwierigketten erledigt? .... wenn wir
die ganze Religion tu einer Sacbe maeben, die im GeiatüelieD
jnst das ist, was es im Leben ist, was es im l^iblicben ist; wenn
ein Kind was in's Auge kriegt, das dem Kinde gefallt und da
das Kind hin will, . . — das ist das ganze Geheininiss der Religion;
wenn einem der Heiland was lia ii pt sächlich wahres, das einen
Einfloss in unser ganzes Herz undGemtithe auf einmal hat,
vorweisen lässt, nnd das fassen wir, das gefällt uns, da wenden
wir nns liin mit unserem ganzen Gemtithe, da bekümmern wir uns
weder um Beweis dafür, noeb um die Einwendung dar
gegen, sondern wir sind mit der Saebe eins, sie stebt
uns an, und ist nacb unserem Herzen, das ttbrige befehlen
wir dem lieben Gott. . . . Dagegen werden nun fireilicb die ge>
scheuten Leute nicht disj)iitiren, dass unstreitig das die grOsste
Seligkeit ist, wenn man den Haupt-Religions-Punkt ins Herze fasst
und über dem: Ich hab Dich doch, alle Zweifel und Beweise
vergisst." (Ebend. S. 527 — 529.) Dieser, alle anderen Glaubens-
artikel zur Nebensacbe machende Haupt -Religions- Punkt, dieses
hauptsächlich Wahre, das einen bleibenden Einfluss auf unser
ganzes Herz und Gemflth mache, wenn's einmal recht ins Auge
gefasst wird, nicht inehr aus dem Sinn und Herzen kommt, weil
dieses mit ihm eins ist — das ist eben der aus liebe zu uns
Mensch gewordene, ans pnrer Liebe zu nns, um nns selig und
heilig, glMcklic'ii und gut zu machen, leidende, blutende, sieh bis
zum silimählichen Kreuzestod erniedrigende Oott und Schöpfer.
Zinzendorf und seine Gemeinde glaubt oder weiss nichts und will
nichts wissen, als Jesnm Christum, den Gekreuzigten (l.Korinth.2,2),
als „Jesu Bhit und Wunden''. Der Katholik, d. h. der Priester
nötbigt dem Men« ])en, d. h. dem Laien, Alles ohne Unterschied,
was nur immer die Kirche sagt oder in der Bibel steht, selbst das,
dass der Hund des Tobias mit seinem Schweife gewedelt hat, ab
einen Gegenstand des Gewissens, des Glaubens, der Religion auf.
Luther besehriinkt und reduzurt, seinem wahren Sinn und WOlea
nach, den Glauben nur auf das zu unserer Seligkeit und Recht-
fertigung vor Gott Nothwendige, nur darauf, dass wir „ttir die
gewisse und angezweifelte Wahrheit halten, dass Gott oder der
äohn Gottes Mensch geworden, für uns gestorben ist'^; weil wir
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247
aber diese Gewissheit nur ans der Bibel, als dem Wort Gottes
haben, so macht er doch wieder anoh alles Andre, was in der
Bibel steht, zu einem Gegenstande des Glaubens, indem wir sonst,
wenn wir dieses Andre nicht glaubten, auch jenen Grundartikel
nicht für unzw'eil'elhai't gewiss annehmen könnten. Daher der Satz
Luthers: „Alles rund und rein geglaubt, oder Nichts geglaubt"
•Z. lässt aber alles dieses Andre fahren, gibt es als zur Seligkeit
nniiöthiges und nnpraktisobes , herzloses Zeug preis dem Zweifel,
der Streitsneht der Gelehrten, der Eitelkeit, der Spekulation, oder
iKsst es wenigstens dahin gestellt sein. Die Orthodoxie machte
ihm daher den Vorwurf, dass er aus dem Zusammenhange der
ttbrigen Bibelwahrheiten nur die eine Wahrheit von der Ver-
söhnung der Menschen mit Gott durch das Blut Jesu Christi heraus-
reisse und hervorhebe. In der That : der Herrnhutianismus ist das
im Blute Christi, im Blute des Menschen konzentrirte, aber auch
aufgelüste und zersetzte Christenthum. Z. ist den Orthodoxen seiner
Zeit gegenüber ein Freigeist, aber religiöser Freigeist, ja er ist
ein christlicher Atheist. „Ausser (sowohl extra als praeter)
Christo kein Gott^S wenigstens für uns Menschen. Der Herm-
hntianismus ist die gelungene, wahre, konsequente Anwendung
(„Applikation'^, Auslegung und Ausführung dieses lutherischen Aus*
Spruchs. — „Ich fasste den firmen Schluss, sagt Z. (in seiner Apolog.
Schlussschrift, S. 27) und hab ihn noch, dass ich entweder ein
Atheist sein, oder anJesum glauben müsse, dass ich den
Gott, der sich mir ausser Jesu Christo offenbart und nicht durch
Jesum , entweder vor eine Chimäre oder vor den leidigen Teufel
halten müsse . . . Dabei ich bleib, wag Gut und Blut. Mein Thema
ist: ohne Christas, ohne Gott in der Welt.^^ An einem andern
Ort sagt er: „wenn's möglich wäre, dass ein anderer QoVL als der
Heiland sein oder werden könnte, so wollte er lieber mit dem
Heiland verdammt werden, als mit einem andern Gott selig sein.''
(Ebend. 8. 35.) „Die trockene Theologie, die die ganze Welt er-
füllt, ist die, dass man immer vom Vater redet und den Sohn über-
httptt. üie Theologie liat der Teufel erfunden." (Reden über d.
4 Evangel. , 1. Bd. S. 311.) Christus ist „Gottes Enchiridion"
( Beil. z. d. Natur. Kefi., S. 87), „das Kns entium, die causa eausarum,
die Ursache der Schöpfung, die Ursache unserer menBchlichen
Existenz und Seligkeit, das xeqdXaioVj d. h. die Summe der ganzen
Gottheit.^^ (Ebend. S. 121.) „Allein der Theanthropos qua talis
4a8 Privilegium hat,. Alles in Allem su sein/' (ibid. S. 78.)
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- 248
Was aber isl Christas? Mensch. Der Herrnhatianismiis hat also,
wenigstens im Sinne seines Stifters, ausser dem Menschen keinen
Gott, er weiss nicht« von Theologie, er weiss nur von Christologie;
aber die Cliristologie ist nichts als die rcligiijse Anthropologie,
Menschenlehre und Menschenthum in christgUiubiger Form. Nur
in Christo ist Zinzeudori' kein Atheist, nur in ihm glaubt er an
einen Gott; aber warom? weil er kein Gott, kein anderes, kein
dem Menschen entgegengesetztes, aller menschlichen Eigenschaikn
und Neigungen entkleidetes Wesen oder vielmehr Unwesen, sondern
vielmehr ein wahrhaft, ein herzlich and leiblich menschliches Wesen
ist, eben daram ein Objekt der Liebe, der Empfindung, das nar
desswegen für wahr angenommen, geglanbt wird, weil es das
Zeuguiss des Herzens für sich hat, dasselbe entzückt und beglückt.
Die Theologen machten ihm den Vorwurf, dass er den „Atheismus
nicht durch Gründe, sondern nur das Get'Ulil überwunden habe;
man müsse aber auf Gründen stehen, wenn auch alles gute Gefühl
und Empfindung weiche/^ Z. erwidert darauf: „der stärkste Grund
meines Glaubens als eines Knabens ist gewesen, dass mein Herz
und dessen Herz, der fUr mich gestorben, ein Herz sei
Der Gegner mag vor sich behalten seinen Trost im Kopf und
Verstand, wenn sein Herz nichts fKhlt, ich und mein Volk mögen
das nicht, sondern wir behalten unseren Herzens-Trost, wenn Kopf
und Herz disrangirt waren. . . . Der Thor spricht in seinem Herzen ;
es ist kein Gott, weil er lieber keinen möchte, wenn ihm gleich
seine Vernunft sagt: „wie aber wenn?'* Der Jünger spricht in
seinem Herzen: es ist ein Ueiland, weil er ihn gar zu
gerne hat, wenn gleich noch so viel Aves phantasticae um den
Kopf herumschwirren nach Luthers Gleichniss.^' (Apolog. ISchluss-
schrift, S. 350.) ,^Was ich glaubte, das wollte ich", sagt er des-
gleichen ebendaselbst vortrefflich. Z. hat Recht, wenn er von sieh
und seiner Gemeinde sagt: „wir sind das simpelste und naturellste
Volk von der Welt." In dieser seiner Einfalt und Natürlichkeit
hat er — Ehre ihm desshalb, nameritlieh in Anbetracht seiner Zeit I
— den wahren und letzten, hinter tSchcingründcii versteckten Grund
alles theologischen Glaubens entdeckt und ausgesprochen; man
beweist, was man glaubt, und man glaubt, was man will, d. h.
mit anderen Worten, was man wttnscht, was man gern hat. „Wer
einen andern Glauben (an Jesum) vorgibt, der ist ein behelmt
wie ganz richtig und kräftig Z. ebendaselbst sagt Dass der
Mensch an Gott, an Jesum nur glaubt, weil er mtt selbst lieb^
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249
weil Gott, insbesondere Christim ein dicHcr Liebe des Menschen zu
8ich entsprechendes Wesen, ja nur das vergötterte und vergegen-
ständlichte eigne Herz und Wesen des Menschen ist, das hat,
obwohl innerhalb des alten GlaabeoB, Zinzendort'^ ja selbst schon
Lother vor ihm so deatUoh aiugesprochen, als nur irgend ein
modemer FieigeiBt „Wer in seinem Herzen/' sagt Lnther in der
Hanspostilie, ,,dieses Büd wohl gefasset hätte, dass Gottes Sohn
Ist Menseh geworden, der sollt ja sieh znm Herrn Christo niehts
hSaeSf sondern alles gnten versehen können. Denn ich weiss ja
wohl, dass ich nicht gern mit mir selbst zürne, noch mir
arges zu thun begehre. Nun aber ist Christus eben der,
der ich bin, ist auch ein wahrhaftiger Mensch. Wie kann er's
denn mit ihm selbst, das ist mit uns, die nur sein Fleisch
und Blut sind, übel meinen? öumma, diese Menschwerdung
Gottes Hohns, wo sie reeht im Herzen gebildet wärOi so würde sie
ja eitel gröbliche Herzen and Gewissen machen und in einem
Angenbliek alle gi^nliehe Exempel des Zornes Gottes verschmelzen
nnd verschwinden, alr da ist die Sllndflath, die Vertilgnng von
Öodom nnd Gomorra. Solches alles mtlsste in einem emigen Blick
yersehwinden, wenn wir mit gläubigem Herzen gedächten an diesen
einigen Menschen, der Gott ist und die arme menschliche Natur
80 geehrt hat." Dieses Verschwundensein aller graulichen Exempel
der alten, theilweise selbst noch in Luther vorhandenen, unmensch-
lichen Theologie, diese Gewissheit, dass Gott mit dem Menschen
eins ist, es so gut mit ihm meint, als er mit sich selbst, diese
Fröhlichkeit des Herzens und Gewissens ist das charakteristische
Wesen Zinzendorfs, das er ebenso im Leben als im Lehren be-
thätigt und bewiesen hat „Wenn ich mit dem Heiland rede, so
gehe ich mit ihm nm, als. mit meinem Fieisch nnd Bein.^
(Eed. flb. d. 4 Evang., B. I. S. 292.) „Was branch ich noch mehr?
JesQS ist mein Bmder, Jesus ist mein Herz*'' . . — „Er Ist
onser ander Herz'' (Ebend. S. 309), „unser ander Ich," wie er
irgend wo anders sagt. „Der Heiland hat zwar die Immensität
von Seiner Person weggenommen und erlaubt uns nicht, wenn wir
an ihn denken, an einen Abgrund zu denken, sondern will, dass
wir an einen Körper denken, in dem sich alles Göttliche, Englische
nnd Menschliche konzentrirt, so dass wir nach einem Schatten,
nach Luft, nach nichts greifen, wenn wir nach der Gottheit ausser
ihrem Körper, d. i. Christo greifen. Aber ohngeachtet £r nns eui
sehr naturelles Bild von sich gegeben, das wir umarmen könncui
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250
80 ist er gleichwohl unser Gott." (Ebend. 8. 24.) „Es ist ein
altes Wort, das mehr als in einem Lande, sonderlich aber in unserer
deatochen Sprache bei Gelegenheit, dass man erschrickt, oder sieb
Tor dem Feinde fürchtet, gebrftnehJich ist: Gott sei bei uns! Das
kommt TOD der g^etslichen imd kneehtisehen Gemllthssitimtioii
des menscbliehen Geseblecbts gegen Goü ber, denn dasselbe bat
eine forcirte Ehrerbietung' gegen Gott Die sogenannte Cbristen-
beit bat die fflrcbterliebe Idee von Gott behalten und die Idee
vom Lamm, von Seinem Verdienst und von Seinem Tode aus-
gemerzt/' (Ebend. S. 29.) „Alle diejenigen, die sich über unsere
Art zu lehren verwundern, beweisen ihre erstaunliche Unwissenheit
im Geistlichen und den Verfall der ganzen Theologie, sonst mUssten
sie Gott danken, dass in diesen unglticklich verderbten Zeiten, die sie
selbst faecem temporum, die Grundsuppe der Welt nennen, noch
Lente aufgestanden sind, die von Tod und Wunden Christi reden
mögen und Sein Marterbild wieder aufstellen, das in der Welt tum
Gespött und Geläebter worden ist. Er ist unser Gott, der uns mit
eigner Hand gemacht, als Er die Sebdpfung zu Stande gebraebf
(Ebend. S. 26.) Sind denn nieht aber aneb Leiden, Marton,
Wanden, Kreuz und Tod grässliebe Bilder? WoU an und ttr
sich selbst, aber nicht, wenn sie nur sinnfällige Beweise von der
überschwUn^lichcMi Liebe des Gottmenschen zum Wcltmensclicn
sind. ,,0 süsse Seelenweidc , ' heisst es z. H. im Herrnhuter Ge-
sangbuch, in Jesu Passion, „Es regt sich Scham und Freude, Du
Gotts- und ^fenschensohn. Wenn wir im Geist Dich sehen Für uns
so williglich Ans Kreuz zum Tode gehen, Und jedes denkt ftti
mich.'^ — „Mein Herz ist tief gebeugt Und inniglich geneigt Zo
Dir und Deinen Wunden, Die Du fUr mieh empfunden; leb weiss
von keinen Freuden, Als nur aus Deinen Ldden.'^ — „leb glaab's
and fübrs im Herzen, Mein Heiland liebet mieb.<' Wohl
bat der Hermbuter aueb das bittere, demtttbigende Gefllbl und
Bewusstsein^ dass er „ e i n a r m e r S tt nder", aber er bat und pflegt
es nur, um dadurch die Walirlicit des alten bekannten Satzes:
Contraria juxta sc p«>sita magis eluccscunt*), „die Gerechtig-
keit Christi als das Licht, unsre SUndcrschatt als der Schatten, machen
ein ganz Bild, ein schön Bild aus" (Beil. z. d. Nat. Kefl. 8. 48)
an sieh zu erfahren, das süsse, erhebende Geiühl von der Sünden-
▼eigebung, der Gnade und Liebe des Heilands zu steigern und
*) (iegeiiBitae erU&ren lidi durch einander.
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351
durch die Gewissheit dieseB Gelicbtseiiw zu um so innigerer Gcg^en-
liebe ond Hingabe sieh zu begeisters. ,ylcli glaabe, weil ich
liebe/' sagt Z. von sieb, wiewohl in der dritten Person (Beil. z. d.
Nat Refl. S. 81), hänge nnzertrennlich an Jesn, weil ich einen gött-
lichen Eindruck von der Sflnde und von ihrem Versöhner bekommen.''
Und ich liebe, weil ich geliebt bin. Christus, der hanptsichlichste,
wesentlichste, ja zuletzt einzige Gegenstand des Glaubens ist ja
selbst nichts anderes, als die vergötterte, verpersünlichte, vergegen-
ständlichte Liebe des Menschen. Die Seligkeit des Liebens —
„nichts seliger als Jcsuni lieben" — und des Geliebtseins — ,,der
bat den Himmel auf Erden, den der Heiland versichert, dass Er
selbst seine sei" — aber nicht nur als Objekt des Glaubens, der
Theorie oder Lehre, sondern auch der Moral, des Lebens, des
einzelnen sowohl als des gemeinschaftliehen Lebeps: das ist der
Kern des Hermhutianismus. Kurz Hermhutianismus ist gegenttber
der scheinheiligen Selbstrerlftugnung der Theologie, anthropo-
logischer „Egoismus'', Eudftmonismus, Sozialismus und Sensualismus
— „wer ihn siebet (Jes. Chr.), der siebet den Vater." Zinzen-
dorl" kennt nur einen, wenn aiu h jetzt nicht mehr mit den äusser-
lichen leiblichen Sinnen, doch innerlich, im Geist und Herzen
„riech-, fühl-, sieht-, schmeck- und hörbaren Gott'' — in j)han-
tastischer, christlichgläubiger Form. (Siehe über den letzten Punkt
z. B. Vorrede z. d. Keden über d. 4 Evangl. , Beilagen zu den
Natur. Keflex., 8. 127>-28, Apolog. Scblussschr., S. 2d5, 305, lüö.)
Urkheile Uber Zinzendorf and Ilorrnhuter ttberbaupt
Herder (Ädrastea und das 18. Jahrb. Schluss. (Jntemeh-
mengen des vergangenen Jahrb. zur Bei'Örderung eines geistigen
Reichs. 6. Zinzd.) „Graf Z.'s und seiner Mitarbeiter Verdienst
sind seine Einrichtungen, Einrichtungen des Fleisses, der
Ordnung und brüderlichen Gera ei ii sc halt; eine Wohhhat
ilir seine Zeit und für mehrere Zeiten. »Sich aus dem kalten Dorn-
gebiet der orthodoxen Streiter, so wie aus den heissen Gruben der
Mystiker, der Pietisten und Separatisten in Knhestätten zu ziehen,
die Z. ihnen bereitete, tbat damals Mehreren wohl, die unter dem
Panier des Fleisses und der Ordnung an Liebessymbolen sich be-
ruhigten oder erquickten. Das Wesen der Theologie haben diese
Symbole zwar nicht gefördert, hat nicht aber der Hermhutianismus
' auch im Lutherthnm manche Härten gebrochen? manche Pedan-
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252
teiieen zerstört und auf den Zweck der Religion, der in brüderlicher
nnd geselliger Eintracht tbätige Liebe sein soll, dorcb seiDe
Tbataiwtaltea wenigstens gewiesen V^'
Lessing sagt irgendwo: i^Die Hermbater thnn, worüber
andere spel^iiliren and xanken^'^J. R Scblegels Kirebengesebiehte
des 18. Jabrb., II. Bd., Heilbronn 1788, S. 908). leb babe diese
Worte niebt gelnnden in Lessings sämmtiieben Sebriften, Berlin
1771—94; aber gleiebwobl entbalten sie den Sinn, den Gmnd-
oder SchluBsgedanken seiner „Gedanken über die Herrnhuter** von
1750 (17. Bd. d. ang. Ausg.). So sagt er z. B. ebendaselbst: „was hillt
es, recht zu glauben, wenn man unrecht lebt?" (8. 315.) „Der
Erkenntniss nach sind wir Engel und dem Leben nachTeutel" (316).
„Haben die Herrnhuter oder ihr Anführer, der Graf v. Z-, jemals
die Absicht gehabt, die Theorie onsers Cbristentbnms zu. verändern V"
(S. 322.)
Meissner (im Deutschen Museum, 12. Heft, Dez. 1778, „Ueber
die Oberlausiz") sagt von den Ilerrnhutern : „Wie andächtig nnd
wie einnehmend ihre Jiirchlicben Gebräacbe nnd tlberbanpt das
Aensserliebe ibrer Religionsfibnngen ist, das baben bereits so viele
gerttbntt, dass es meiner Beistimmang nicbt erst bedarf , . . . aber
. . . . ieb will Ihnen bekennen, dass icb trotz des sobönen Sebeins
immer noeb nicbt fest an die waSre Frömmigkeit dieser kaiif-
männischen Missionsgemeinde glaabe.^'
Varnhagen v. E. in Z.'s Leben, S. 30, bemerkt richtig:
dass sich „sein religiöses BedUrtnisH gleich von Anfang an als ein
geselliges angekündigt hat." Ich habe diesen Punkt nicht berührt,
wie so vieles Andre, weil ich keine Charakteristik Z.'s geben wollte,
sondern mich nur auf sein religionsphilosophisches Grundprinzip
beschränkt, wovon dieser Geselligkeitstrieb oder richtiger der Trieb,
von der eignen „Tendresse tür den Gott, der sein Leben ffk uns
gelassen'', ancb den Andern mitsntbeilen, llbrigens eine natttrliebe
Folge ist
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253
Zur MomlpUlMoplile.
Die UnzerfreuDÜchkeit von Wille und Glück-
Seligkeitstrieb.
Was lebt, liebt, wenn aucb nur sich, sein Leben, will leben,
weil es lebt, sein, weil es ist, aber, wobigem erkt ! nur wohl, gesund,
glücklich sein; denn nur (rltieklichsein ist Sein im Sinne eines
lebenden, empfindenden, wollenden Wesens, ist gewolltes, geliebte«
Sein. Was will, will nur — wenn anders nicht, wie beim Menschen,
Wahn, Täuschung, Irrthuni, Verkehrtheit sich zwischen dem Willen
nnd dem Gegenstand des Willens einstellt — was ihm ntttzlich,
heilsam y gut ist, was ihm wohl-, nicht tlbelihnt, was sein Leben
f)(rdert ond erhftl^ nieht beeinträchtigt und zerstOrti seinen Sinnen
gemäss, nieht zuwider ist, knrz was es glücklich, nicht nnglttcklich,
nicht elend macht Ja, Wollen und glffcklleh machendes Wollen,
folglich glücklich sein Wollen ist, wenn man die ursprüngliche und
unverfälschte Naturbestimmung und Naturerscheinung des Willens
ins Auge fasst, unzertrennlich, ja wesentlich Eins. Wille ist GiUck-
seligkeitswille.
Wenn die Raupe nach langem vergeblichen Suchen und an-
strengendem Wandern endlich bei der erwünschten, entsprechenden
Pflanze zur Bnhe kommt — was hat sie in Bewegung gesetzt, was
sie zn dieser mtthseligen Wanderung bewogen, was ilure Mus-
keln abweehsehid zusammengezogen und ausgestreckt? Nur der
Wille, nicht vor Hungersnoth elendiglich zu verkUmmem und zu
Terschmaehten, oder, genauer gesprochen, nur die Lebensliebe, der
Selbsterhaltungstrieb, der Glttckseligkeitstrieb.
Der Gltickseligkeitstrieb ist der Ur- und Grundtrieb alles dessen,
was lebt und liebt, was ist und sein will, was athmet und nicht
mit „absoluter Indifferenz" Kohlensäure und Stickstoff', statt Sauer-
stoff', tödtliche Luft statt belebender, in sich aufnimmt
Glückseligkeit — das Substantivum von glückselig, welches
nach Sprachforschem nur ein verstärktes „glttcklich^' ist, wie ann-
selig ein verstärktes „arm" — ist aber nichts anders als der ge-
sunde, normale Zustand eines Wesens, der Zustand des Wohlbe-
findens oder Wohlseins, der Zustand, wo ein Wesen die zu semem
individuellen, ohaiaktefistisehen Wesen und Leben gehörigen Be-
dtlrfliisse oder Triebe ungehindert befriedigen kann und wirkHeh
befriedigt. Wo ein Wesen einen Trieb, er sei nui^ welcher er wolle,
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— 254
wenn er nur anders ein sein Wesen indiTidualisirender, auszeieb-
nender ist, nicht befriedigen kann, da ist es unzufrieden, missmathigi
traurig, nngltlckselig, wie z. B. der Urous lotor, c^r Waschbär, wenn
er nieht genug Wasser hat, um den ihn auszeichnenden Beinlieh-
keitotrieb befriedigen zn können, obgleich er sonst an Nichts Han-
gel leidet
Jeder Trieb ist ein Glttekseligkeitstrieb, wie in jedem andern
empfindenden Wesen, so auch im Menschen, und kann daher ihn
so einnehmen, dass ihm die Befriedigung desselben für die einzige,
die ganze GlUckseh'gkeit gilt; denn jeder Gegenstand, welchen er
hegehrt, wonach er einen Trieb empfindet, ist, wiefern er diesen
Trieb befriedigt, die Begierde nach ihm stillt, ein den Menschen
i^lUckendes, and wird nur, weil es ein solches ist, begehrt und
gewollt. Die allererste Bedingung des Willens ist daher die
Empfindung. Wo keine jE^pfindong, da ist iuin Sehmerx, kein
Leid, kein Unwohlsein, keine Fein und Koth, kein Mangel, kein
Bedürfiiiss, kein Hnnger nnd Darst, ktirs kefai Un^ck, kein Uebel;
wo aber kein Uebel, da ist aaeh kein Widentreben, kein sich
Entgegensetzen, kein Trieb, kefaie Bemlihiing nnd Bestrebung, sieh
des Lebcls zu erwehren, kein Wille. Widerwille — Widerwille
gegen Noth und Pein — Abscheu ist der erste Wille, der Wille,
womit ein empfindendes Wesen sein Dasein beginnt und erhält.
Der Wille ist nicht frei, aber er will frei sein, aber frei nicht
im Sinne unbestimmter „Unendlichkeit'^ und Schrankenlosigkeit,
wie sie nnsre supranaturalistisohen, spekulativen Thilosophen dem
Willen andichten, im Sinne namenloser nnd sinnloser Freiheit,
sondern frei nnr im Sinne nnd Namen des Glttekselig-
keitstriebes, frei vom Uebd, es sei nnn weichet es wolle.
Jedes Uebel, jeder unbefriedigte Trieb, jedes ungestillte Verlangen,
jede Unbehaglichkcit, jedes GefBhl eines Mangels, jedes VenniMen
ist eine aufregende und aufreizende Verletzung oder Verneinung
des jedem lel)endigen und empfindenden Wcücn eingeborucn (TlUck-
seligkeitstriebes, und die dieser Verneinung sich mit Fiewusstsein
entgegensetzende, entjj^ejrenwirkende Bejahung des GlUckseligkeits-
triebes ist und heisst Wille. „Wille ohne Freiheit ist ein leeres
Wort^' sagt Üege4, aber vor allem ist Freiheit ohne Glückseligkeit^
Freiheit, die nicht Freiheit von den, versteht sich, auf hebbaren
Uebehi des Lebens ist, vielmehr selbst die schreiendsten Uehel-
stände nnangefoehton bestehen lilsst, wie die spekulative Freibdt
der Deutschen, deren Sein gleich Niohtsein, deren Ab Wesenheit
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nieht als ein Uebel| deren Dasein nieht als Gut empfanden wird,
ein leereSy sinnloses Wort. Wo das Uebel niebt mehr als Uebel,
der Dmek des Despotismus, er sei nnn welcher Art er wolle, nicht
mehr als Dmek empfunden wird, da wird auch die Freiheit yon
diesem Uebel, diesem Drucke nicht mehr als Glückseligkeit emptini-
den und gewollt ; wo aber ein Wesen a u t h ö r t , Glückselig-
keit zu wollen, da hört es auf überhaupt zu wollen, da
veri'ällt es dem Blöd- und Stumpfsinn.
Der Satz : „ich will, heisst, ich will nieht leiden, ich will glück-
lich sein**, in welchem ich die bisher angedeutete Unzertrennlichkeit
Yon Wille und Glückseligkeit in möglichster Kürze und Schärte
ausgesprochen habe, ist übrigens, wenn auch vielleicht seinen Wor-
ten, doch nieht seinem Sinne nach etwas Neues. „Das Verlangen
nach Yergntigen'', sagt z. B. Helyetins in seiner Schrift yom
Geiste, „ist das Prinzip aller unserer Gedanken und Handhingen;
alle Menschen streben unaufhörlich nach der Glttekseligkeit, sie sei
nun wahre oder scheinbare; alle unsre Willensakte sind daher nur
die Wirkungen dieser Bestrebung/' Dasselbe sagten schon vor ihm,
nur nicht so bestimmt und kurz, Locke und Malebranche, der
eigentlich, im Vorbeigehen gesagt, nichts ist als der religiöse oder
theologische lielvetius in seinem Hauptwerk De laliecherche
de la v6rit6. Es sei hier der Kürze wegen nur der Satz von ihm
heryorgehoben : „Bs steht nicht in der Macht des Willens, nicht zu
wflnschen glfleklich zn sein.^' Was heisst das anders als: das Ver-
langen nach Glückseligkeit ist dem Willen noth wendig, liegt im
Wesen desselben, lüsst sich nicht yon ihm hinwegnehmen. Aueh
die deutschen Popularphilosopben des yorigen Jahrhunderts, so z. B.
Feder in seinen „Untersuchungen ttber den menschlichen Willen'^,
erkannten und erklärten nach lielvetius und Locke ,,als einen we-
sentlichen und allgemeinen Trieb des menschlichen Willens den
Trieb zur Glückseligkeit", mit der an sich überflüssigen, doch
heute noch nöthigcn Bemerkung zur Abwehr grober Missverständ-
nisse: „nicht als ob irgend eine Idee von Glückseligkeit oder auch
nur von Vergnügen die ersten Aeusserungen der menschlichen
Willenskraft yerursache, oder als ob jede nachfolgende Gemüths-
bewegung oder wohl gar jede unwillktfrliche Kraftäussemng durch
diese abgezogene Idee erweckt würde. Sondern nur so yiel wird
damit behauptet, dass die nächsten Gegenstände des mensch-
Hehen Willens solche innere Zustände seien, die einzehi den Namen
des Wohlbeiindens, bei einer gewissen Menge den Namen der
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856
Glttekaelic^eit erhalteiiy dam der Wille des Mensehen so geartet
ad, daaa TermOge seiner wesenüiebeii Bichtangen und Bestrebungen
Trieb inm Vergnttgen, zur -GlUekseligkeit, Selbstliebe wenigstens
als Hanptanlagen demselben beigelegt werden mflssen/' Nnr die
grossen dentschen spekulativen Philosophen haben einen vom Glilck-
seligkcitstrieb unterscbiednen , ja unabhängigen, einen horribiie
dictu abstrakten Willen, einen blossen Gedankenwillen erdacht ; sie
haben zwar in Kant die Theologie, die Metaphysik tlberhanpt ans
der sogenannten theoretischen Vernunft — tibrigens anch nur
scheinbar — ausgemerzt, aber dafür in den Willen hineinverlegt,
den Willen zu einem metaphysischen Wesen oder Vermögen ^ zs
eincön Ding an sieb, einem Noumenon verflttchtigt; sie haben das
Wollen, das Entgegengesetzte des Denkens — denn selbst wo der
Wille Gedanken yerwirkliebt, will er eben das Gegentheil des
blossen Denkras, das Wirklicbsein, das Sinnlicbsein, das nicbt blos
Gedaebtsein derselben — , das Gegentbeil des Denkens also,
wiederhole ich, mit dem Denken und zwar in Hegel, dem Vollender
der spekulativen Philosophie, noch dazu mit dem angeblich nichts
voraussetzenden, von Allem abstrahirenden , dem „absoluten", d. h.
gegenstandlosen Denken, ja dem Absoluten selbst, „der schranken-
losen Unendlichkeit, der absoluten Abstraktion oder Allgemeinheit^'
identifizirt. Hei Hegel, der auch das Unverträglichste im Magen
seines „konkreten Begriffs" verträgt, auch das Unvereinbarste ver-
einigt, und in dieser Vereinignng des Widersprecbendsten das
Grundwesentlicbe, das bleibend und wahrhaft Allgemeine, wie bier
die Glttckseligkdt als den Gegenstand des Willens, zu einer Stufe
oder einem „Momenf ' macbt, ist zwar auob diese „absolute Mög-
liehkeit des Willens, ron jeder Bestimmung abstrabirön zn können'^
nur Eine Seite des Willens. Aber das hat eben so viel Sinn, als
wenn ich sagte: die allen Farbenunterschied auslöschende, alle
Sichtbarkeit aufhebende Finsterniss ist nur Eine Seite des Lichtes,
oder die Verworrenheit, die Konfasion ist nur Eine Seite, nur ein
Moment des deutlichen Begriffo.
Der sebeinbare Widerspruch des Selbstmordes mit dem
Glttckseligkeitstrieb.*)
Was ist es denn nun aber, was die Veranlassung und selbst,
wenigstens scheinbar, die Berechtigung gibt zur Annahme eines
*) Vergl. Bd. X, S. A\ fC.
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^57
selbständigen, vom Glttekseligkeilstriebe unterschiedenen nnd nn-
abbängigen Willens? Die allerdings nnlängbare Erfabrang, dass
der Menseb (im Unterschiede vom Thiere, welches, meines Wissens
wenigstens, das nieht kann, nicht vermag) auch das Ueble, also
das dem GlUckseligkeitstrieb Widersprechende wollen kann und
(A't wirklich will. Allein bei der Auslegung dieser Erfahrung zu
Ungunsten des GlUckseligkeitstriehes übersieht man, dass derselbe
kein einfacher und besonderer Trieb, dass vielmehr, wie bereits
gesagt, jeder Trieb ein GlUckseligkeitstrieb ist, dass daher der
Mensch nur aus CTllickseligkeitstrieb im Widerspruch mit dem Glück-
seltgkeitstrieb handelt, dass eine solche widerspruchsvolle Handlang
dämm nnr da möglich ist, wo das eine Uebel, das Uebel, wozn er
aich entschliesst, im Vergleich zu dem anderen Uebel, welches er
dadurch vermeiden oder beseitigen will, als ein Gut erscbemt, als
ein Gnt voigestellt nnd empfanden wird.
Der auffiiUendste und zugleich radikalste, stärkste Widerspruch
mit dem Glückseligkeitstrieb ist der Selbstmord — wie sich von
selbst versteht: der Selbstmord, der ins Kapitel von der Zurech-
nungsfähigkeit, der Willensfreiheit gehört oder gerechnet wird, —
denn was ist inniger eins mit dem Glückseligkeitstrieb, was we-
niger von ihm unterscheidbar, als der Lebenstrieb oder die Liebe
zum Leben ? Welche Willensstärke gehört dazu, die Bande, welche
sonst selbst auch iu den grössten Leiden nnd Uebeln noch immer
den Mensehen an das Leben fesseln, gewaltsam zu zerreissen!
Welche schreckliche Gemttthsbewegungen und Kämpfe mOgen in
dem Selbstmörder vorgehen, ehe es zu dem verbängnissvollen Ent-
scheid kommt! Und doch ist dieser Kampf zwischen Tod und
Leben nur ein Kampf des Gltiekseligkeitstriebes mit sich selbst
— des den Tod als den ärgsten Menscheni'eind verabscheuenden
(Tlüekseligkeitstriebes mit dem gleichwohl den Tod als den letzten
Freund umarmenden Glückseligkeitstriebe. Ja, auch der letzte
Wille des Menschen, womit er freiwillig vom Leben Abschied nimmt,
womit er Alles aufgibt, ist nur die letzte Aeusserung des Glück-
seligkeitstriebes; denn der Selbstmörder will nicht den Tod, weil
er ein Uebel, sondern weil er das Ende seines Uebels und Unglücks
ist; er will und wählt den Tod, das dem Glflckseligkeitstrieb Wi-
dersprechende nnr, weil es das einzige, wenn auch nur vielleicht
in seiner Vorstellung einzige Heilmittel ist wider bereits bestehende
oder auch nur befRrehtete unausstehliche, unerträgliche Wider*
Sprüche mit seinem Glückseligkeitstriebe.
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258
Heroische Ilandluii^cii , Handlungen, welche dem Glückselig-
keitetriebe widersprechen, geschehen überhaupt nicht, ohne dass
irgend ein tragischer Grund zn ihnen vorhanden ist, geschehen nur,
was man aber, auch gewöhnlich übersieht oder doch nicht gehörig
beachtet y in Zuständen, Lagen, Momenten, die selbst dem GIflck-
Seligkeitstriebe widersprechen, wo diese Handlangen nicht unter-
lassen werden können, wo Alles verloren ist, wenn nicht Alles ge-
wagt wird. Allmächtig ist der Olllckseligkeitstrieh, aber diese seine
Allmacht bew^eist er nicht im Glück, sondern im Unglück. Die
gemeinsten Lebenserfahrungen beweisen, dass der Unglückliclie
beirreift und vermag, was dem (xllicklichon unbegroillich und un-
müglich ist. Wie kann der gern Lebende, der in seiner Vorstellung
oder Einbildung selbst ewig leben Wollende sich auch nur denken,
dass man sich selbst ums Leben bringen wolle und könne ? Höch-
stens als Dichter kann er es, weil dieser eine solche Phantasie be-
sitzt, dass er auch das nicht thatsächlich £mpfandene, nioht Er-
lebte, 80 vorstellen, empfinden nnd darstellen kann, als hätte er es
wirklich erlebt
Es ist daher nichts einseitiger, ja geradezu verkehrter, als
wenn man beim Glltckseligkeitstrieb nur an den befriedigten GlUck-
seligkcitstrieb denkt, und diesen nun gar als einen dem tugend-
haften Arbeiter entgegengesetzten MüssiggUnger, als wenn nicht
auch Arbeit zur Glückseligkeit des Menschen gehörte, als einen
lionvivant, einen Gourmand sich vorstellt. Allerdings gehört auch
Essen und Trinken, und zwar sich satt und gut Essen, wesentlich
zn den Gegenständen des Glückseligkeitstriebcs , wesentlich zur
wenn auch natürlich nicht himmlischen und englischen, doch irdi-
schen, menschlichen Glückseligkeit und Gesundheit „Essen und
Trmken ist", wie der ehrliche Luther sagt, „das allerleiohteste
Werk, da die Menschen nichts lieber thun; ja das allerfröhlichste
Werk in der ganzen .Welt ist Essen und Trinken, wie man zu
sagen pflegt: Vor Essen wird kein Tanz. Aut einem vollen Bauch
steht ein fröhlich Haupt''. Aber wenn Essen und Trinken das
allerfr(»lilichste und allcrlcichtcste Werk, so ist dagegen Hungern
und Dursten das allertraui ii^stc und allerschwcrste Werk oder Ding
von der Welt, Freiheit vom Hunger daher die allerniedrigste, aber
nucli allererste und allernöthigste Freiheit, das erste Grundrecht
des Volkes, des Menschen. Wie einseitig, wie unzulänglich wäre
es nun aber, wenn ich, um zu erkennen, was der Hunger, respek-
tive der Magen ist und vermag, mir seine Kapazität, seine Lei-
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•
259
stungen, seine Kraftäusserungen bei vollbesetzten Tal'cln reicher
►Schwelger zum Muster nähme! Wie vornehm, aber eben desswegen
wie falschj Uber den wohlklingenden Toasten, den lustigen Vivats
b^m allerfröhlichsten Werke die schrecklieben Flüche und Pereats
des Hnngerfreiheitstriebes zu Überhören! Welche Karikatur zeichne
ich mir nnd Andern hin, wenn ich nnr von dem fröhlichen Hanpt,
das anf einem vollen Banche steht, nicht zagleich von dem trauri-
gen, Grausen erregenden Hanpt, das anf einem leeren Magen
steht, das Bild des Olttckseligkeitstriebes abzeichne! Ein solches
Bild reicht freilich nicht hin zur Erklärung der Erscheinungen des
menschlichen Lebens und Wesens, es bedarf zu seiner Ergänzung
erdichteter Wesen, erdachter Kräfte , „übersinnlicher Vermögen";
aber was Dir ein undurchdringliches Geheimniss bei vollem Magen
bleibt; das wird so durchsichtig wie reines Wasser bei leerem.
Gross ist allerdings die Leistungsfähigkeit der Grossen bei ihren
Mahlen — man denke nur z. B. an die gastronomischen Helden-
thaten der rtbnischen Vornehmen — , viel vermag ihr Magen, selbst
Un- nnd Uebemattirliohes, wie nach Belieben zu brechen, um
wieder zu essen, und zu essen, um zu brechen, — yomunt, ut
edant, edunt, ut vomant — aber doch nnendlich mehr erklärt
nnd vermag die Macht der Hungersnotb. Allerdings ist auch die blosse
Genusssucht selbst erfinderisch, aber wie verschwindend gering an
Zahl und Bedeutung sind ihre Erfindungen, wenn sie anders diesen
Namen verdienen, ^^egen die unendlich vielen und grossen P>fin-
dnngen und Entdeckungen der Noth, *) die doch selbst wieder nur
eine, wenn auch nicht Erfindung, doch Empfindung des verdamm*
ten Gltickseligkeitstriebes ist : denn Noth hat, Noth empfindet nur,
was keine Noth leiden will. Ja! Noth, £lend, Uebel, UnglUck
existiren nur, weil es einen Glttckseligkeitstrieb gibt 0, dass doch
der liebe Gott den Menschen ohne GlttekseKgkeitsfHeb erschaffen
hätte! Dann g^be es zwar kein Glück, aber daflir auch kein Un-
glfick, kein Uebel; kein Leben, aber daiUr reine, yon allem Bn-
dämonismus gesäuberte Moral. Wie verkehrt daher, in dem GlHck-
seli«;kcitstrieb nur den Autor des Lustspiels, nicht auch des Trauer-
Kpiels zu erkennen, bei traurigen, Uberhaupt dem GlUckseligkeits-
*) ..W ir v< r(laiik< II wahrs« li< iiili« Ii unsere Kciintniüä von der W irkung last aller
I'liaDzcu jenen Henä<:}ieii, welclic ur-^prunglich in einem barbarischen Zostando czj-
stirten und velche oft dorch harten Mangel dazu getrieben wurden, hat alles,
was sie kanen und renchlingen konnton, als XahrangsmUtel zn rcrsnchen.** S. Darwin,
das Variiren der Thier» und Pflanxen, I. Rd . S. 3H4.
17*
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- 260
trieb widcrsprecheuden Krschciniin^en sogleich zu einer uara^jaöt^
tig (ilXo yivoQj zum l ehergang zu einer wesentlich verschiedenen
Ursache^ seine Zufluclit zu nehmen, weil der wesentliche Unterschied
zwischen glücklichem, befriedigtem oder gar luxuriösem, tibereättig-
tem, blasirtem Glflekseligkeitstrieb nnd nnglttcklicbem, onbefriedig-
tem» Ternemtem, beleidigtem, yerletztem Glflekseligkeitstrieb unver-
zeihlicher Weise flbersehen wird.
Es ist freilieh etwas ganz Andres, ob ich etwas ans Zoneignng
oder Abneigung, aus Liebe oder Hass thne, ob ich vom Baume
des Lebens eine Frucht pHUeke und mit \'erlangen zu mir nehme,
oder mit Abscheu von mir werfe; aber wenn ich die Frucht zu
mir nehme, weil sie frisch, gesund, wohlschmeekend ist, und da-
gegen mit Verachtung von mir werfe, weil sie faul, schädlich, ab-
scheulich ist. so geschehen doch diese verschiedenen, ja entgegen-
gesetzten Handlungen ans einem und demselben Grunde, *^einem
und demselben Triebe, ans dem verilchtlichen Glttckseligkeitstriebe.
Was widerspricht sich mehr als Selbsterhahnng und Selbstveniieh-
tnng? Aber wenn man nicht blindlings flbersieht, dass ich das
Leben nur erhalte, wenn und weil es ein Gut ftir mich, dagegen
vernichte, wenn nnd weil es ffir mich nur noch ein Uebel, so Ißst
sich dieser Widerspruch in die schönste Einheit auf, in die mit
dem alten logischen Identitätsgesetz des gesunden Menschenver-
standes U])ereinstimmende Einheit, nicht in die mystische, konfuse
Einheit der Gegensätze der modernen Absolutisten. Wenn aber
selbst der Selbstmord, der stärkste, augenfälligste Widerspruch mit
dem GlUckseligkeitstrieb, nota bene dem glücklichen, sich ans dem
GlUckseligkeitstrieb aber, nota bene! dem nnglttcklichen, ableitet
und erklärt, wie sollen andere subtilere und untergeordnete Wider-
spräche, auf welche gleichwohl die moralischen Hypokriten und
Pedanten, die theologischen und philosophischen Supranaturalisten
das grdsste Gewicht legen, sich nicht mit dem Glflekseligkeitstrieb
in Uebereinstimmung finden lassen?
Der Unterschied zwischen Kopf und Kopflosigkeit.
Was gehttrt zur Olückseligkeit? Alles was zum Leben gehört;
denn Leben, versteht sich, mangclloses, gesundes, normales Leben
und GlUokHcligkoit ist an sich, ist ursprünglich eins Alle, wenig-
Htf*nR gCMundo, Triebe sind, wie gesagt, Glflckseligkeitstriebe; alle,
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261 —
wenigstens nothwendige, nicbt ttberfittssige oder nntzlosc Glieder
und Organe des Lebens oder Leibes Olflekseligkcitsorgane; aber
sie öiiKl nicht alle von gleicher Wichtigkeit, von gleichem Werthe.
Zur vollkommenen, vollständigen Glückseligkeit gehört allerdings
auch ein voUkommncr und vollständiger Leib, aber desswegen ist
doch auch die verstümmelte, verkrüppelte Glückseligkeit noch
imraer Glückseligkeit. Mag auch ein lebendiges Wesen noch so
elend und unglückselig sein, so lange es noch lebt und leben
will, so lange ist es noch nicht yolleuds, nicht radikal elend, so
lange gilt ihm noch das ipsam esse juonndum est, „das blosse
Sein ist angenehm 'S' wenn anch nnendlicb viel diesem Sein
fehlt, was sonst nicht fehlen dürfte, nm sich wohl zn fahlen; so
lange glimmt noch ein Funke von Glttokseligkeitstrieb. Ja auch
der Krüppel selbst rechnet sich noch, und zwar mit vollem Rechte,
zu <lcn Glücklichen, weil er trotz dem crlittncn Verluste sich noch
des Lebens crlrcut. „Es ist dir besser, dass eines deiner Glieder
verderbe und nicht der ganze Leib in die llidlc (das Grab, den
Tod) geworfen werde." So denkt und spricht der (ilückseligkeits-
trieb. Es steht geschrieben in seinem Gesetzbuch: „ärgert dich
deine rechte Hand, so haue sie ab, und ärgert dich dein rechtes
Auge, so reiss es aus'' ; es steht aber, wenigstens meines Wissens,
nirgends gesehrieben: reisse dir das Herz aus, oder haue dir den
Kopf ab. Und nur, wo der Mensch seinen Kopf verliert, verliert
er anch alle und jede Glückseligkeit, die Glückseligkeit überhaupt
Nur was und nur wo die Gränze des Lebens, nur das und nur
dort ist auch die Gränze des Glttckseligkeitstriebes. Nur was
schlechterdings sicli nicht mit dem Leben verträgt, schlechterdings
mit ihm im Widerspruch steht, steht auch mit dem GlückscligkeitH-
trieb in solchem Widerspruch. Was ich aber vortragen und ver-
dauen kann, was nicht auf mich als tödtliches Gift wirkt, das steht
nur in einem untergeordneten Widerspruch mit ihm, das lässt sich
allerdings nicht mit dem rechten Arm, der abgehauen, und dem
rechten Auge, das ausgerissen wird, aber recht wohl mit dem
Haupte des GlOokseligkeitstriebes, welches unangefochten auf dem
Rumpfe stehen bleibt, zusammenreimen. Im Widerspruch mit dem
Glftckseligkeitstrieb handeln, die Glückseligkeit aufopfern, heisst
daher wenn anders diese Selbstaufopferung nicht bis zum Selbst-
morde sich versteigt — nichts anders, als die Nebensachen der
Hauptsache, die Arten der (iattung, die niedern Güter hohem, Ent-
bebrlicbeS; wenn auch noch so Liebes und Gutes, noch so schmerz-
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263
lieh Entbehrtes, dem Uueutbehrlichcn , dem Xothwcudigen auf-
opfern'^). Aber, wie gesagt, wo die Noth wendigkeit anfängt, dm
httrt noch nicht die Glflckseligkeit aaf. Wasser ist nicht Wein,
Wasser ist nur die trinkbare Flflssigkeit schlechtweg, nnter den
Getrilnken der Repräsentant der nackten, kalten, färb-, gemch-mid
gesehmackloeen Nothwendigkeit; aber die Nothwendigkeit, die in
der Regel der Mensch nnr in der Noth kennen lernt, ist eben die
einzige wirkliche Wunderkralt; sie verwandelt Wasser in Wein,
schwarzes IJrud in feinstes Mundmehl, Strohsiieke in Eidenluncn-
betten; sie kehrt das Unterste zu olierst und, wie oft auchl das
Oberste zu unterst; sie macht das Gemeinste, das Niedrigste zum
Höchsten, das Werthloseste zum kostbaren Schatze, den sonst mit
Füssen getretenen Staub der vaterländischen Erde dem armen Ver-
bannten zum Gegenstand verehrnngsvoUer Kttsse.
Der Werth der Leben^ttter ist ja kein fixer, sondern, wie der
Barometer, bald im Stelgen, bald im Fallen begriffen. Es ist eine
triWale Wahrheit, dass wir nicht als Glttck empfinden, nicht ab
solches schätzen, was wir immer, ohne Unterbrechung geniessen,
dass wir es erst verlieren müssen, um es als ein Gut zu erkennen,
dass wir also im Besitze desselben wirklich glücklicli ;:ewesen
sind, ohne es zu wissen und zu merken. Ein solches Gut ist vor
Allem die Gesundheit; auch sie ist für den Gesunden etwas Tri-
viales, etwas sich von selbst Verstehendes, etwas Unbeachtetes und
Werthioses; auch ist sie in der Tbat nur die Voraussetzung lllr
andere Güter, ohne Vermögen, es bestehe nnn in der eigenen Ar-
beitskraft oder in Kapital, der anfgehänften Arbeitskraft Anderer,
nnr das traurige VermOgen gesunden Hungere. Aber wenn der
arme Teufel, der nichts weiter als seinen Arm oder Kopf sein
nennt, krank oder auch nur unpässlich wird, o wie steigt da so
gleich die so gering geachtete Gesundheit in der Hangordnung der
menschlichen Lebensgüter empor zum Gut über allen andern Gütern,
zum Inichsten Gute Nie will ich mehr, ruft er jetzt ül)er sieb
selbst entrüstet aus, mich beschweren über meine Armuth, über die
vielen Entbehrungen, die sie mir aut bürdet. Habe ich nur dich,
Gesundheit! und mit dir meine Arbeitskraft wieder, so habe ich
ja Alles, was ich brauche, um glücklich zu sem.
Ein solches Gut ist auch das Leben selbst „Was ist das-
*) VergL üazu den luoraiischcu üsiui^s in liciu Aul'äaiz: „teber meiue Ucüankea
aber Tod und fJusterblichkeit'S III, 373.
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■ -
Leben, wo kein Wein ist?" aagt der heilige (Jcist in der heiiigeu
Schrift, und mit ilini der Wcinliindcr und Weintrini^er. Aber im
Notbi'all, wenn es nun ciuiuai ho sein muss, wcuu cd bcisyt: den
Wein oder das Leben! so ist doch auch das Leben ohne Wein,
dieses verächtliche, crbärmlichoi beim Weingcnus» dem Tode gleich-
gesetzte Leben noch immer Leben, und als solches ein köstliches Gnt
Die Uebereinstimmnng des Huddhismus mit dem Olttck-
seligkeitstrieb.
Aber ist denn wirklich das Leben ein Gut und gar ein köst-
liches Gut? Wer spricht dieses aus? Nur der Epikuräer, der ge-
meine Materialist und Sensualist. Der wahre Weise sagt im Gc-
gentheil : das Leben ist ein IJebel oder vielmehr das Uebel schlecht-
weg, das eigentliche, das radikale Uebel; glückseliges Leben ist
so viel als ein hölzernes Eisen, denn lebendig sein nnd elendig
sein ist eins. Wenn wir dabei stehen bleiben, dass das Leben ein
Gnt, so steht freilich alles, was nicht mit dem Leben im Wider-
spruch steht, nieht dem Leben den Garaos macht, auch nicht mit
dem Glöckseligkeitstrieb im Widerspruch. Wird dagegen das Le-
ben, folglich auch der Wille zu leben, vollends der th(irichtc Wille,
glücklich zu leben, als das RatlikalUbel und Uadikalbose, denn vom
L'eheln zum Bösen ist nur ein Schritt — als das zu Verneinende
erkannt, so ist damit auch der Stab Uber die gemeine GlUckselig-
keitslebre gebrochen, bewiesen, dass es einen nicht vvcgzuliiugnen-
den, nicht wegzuerklärenden Widerspruch mit dem Glttckseligkeits-
trieb im Menschen gibt, dass dieser Trieb nicht ein unendlicher,
nnttbersteiglicher, nicht das Erste nnd Letzte in der menschlichen
Natur ist, dass es noch etwas (Iber der Glückseligkeit gibt, Uber
dem Wollen, Uber dem Leben, ttber dem Sein Überhaupt, dass also
Nichtsein dasH(tohste nnd Beste ist, was man nur sich denken
luul wünschen kann. Ein solcher eklatanter, nicht im Dunkel der
Biologie oder Fsychologie verborgener, sondern aul" der Kühne
der Geschichte ins Auge leuchtender Widerspruch ist, um andere
ähnliche, aber nicht so bedeutende Krscheinungcn mit Stillschweigen
zu Ubergehen — der Buddhismus, dessen iiöchster Gedanke
lind Wunsch, wenigstens in seiner ursprünglichen, ächten *Form,
bekanntlich nicht (ilückseligkeit oder Seligkeit, sondern geradezu
Nichts oder Nichtsein, Nirväna ist.
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264
Aber auch dieser, bei oberHäcbliclicr Ansicht ans dem Kndil-
nHiiiisnius oder dem Oliii kseligkeitstrieb unerklärliche Widerspruch
erweist sich bei näherer Einsicht im besten Einkhuig mit demsel-
ben. Der Eudämonisnms ist su eingeboren dem Menschen, dass
wir gar nicht denken und sprechen können, ohne ihn auch ohne
Wissen und Willen geltend zu machen. Sage ich: das Nichts oder
Nichtsein ist das Höchste, was ich mir denken kaniii so mass
ich aach hinzusetsen: das Höchste was ich mir wttnscheD, also
das Beste was ich mir denken kann, wenn anders dieses Höchste
nicht im höchsten Grade sinnlos nnd abgeschmackt sein soll. Den-
ken ohne Wünschen, Denken, nnd sei es selbst das llttchterDste,
Strengste, sei es selbst Mathematisches, ohne Vergnügen, ohne
Cillickseligkcit in diesem Denken zu empfinden, ist leeres, unfrucht-
bares, todtes Denken. Wer nicht, wenn auch nur momentan, Essen
und Trinken Uber der Matlieiuatik vergisst, wer als Franzose keine
Kecr^ations mathöniatiques, als Deutscher keine „niathematisclien
Erqnickungsstonden, Deliciae matheniaticae" kennt und empfindet,
der bringt es auch zu Nichts in der Mathematik; denn nur was
beglttckt, macht geschickt Wenn also auch das Nirvana an sich
und ursprünglich nur ^yVerlöschen, Auswehen'' ist, nichts weiter
als die reine Vernichtung bedeutet, so ist doch i^r mich, so lange
ich noch nicht im Nirväna bin, so lange ich noch lebe, also leide,
die Vorstellung meiner Vernichtung als der Vernichtung meiner
Leiden, Schiiicr/cii und Tcbel, Seligkeit, ersehnle WunschcrKillung.*)
Der r)U(ldhismus ist i'reilich nicht Eudiimonisnius im Sinn des
Aristoteles oder des Epikur oder des Helvetius, oder irgend eines
obskuren deutschen Philosophen, denn die Deutschen haben die
Ehre, keinen berühmten, keinen grossen Thilo^iopheu zu den j£u-
dämonisten rechnen zu können.
Wie das Land, das Volk, der Mensch, so seine Glückseligkeit.
Was Du, Europäer! bist, bin nicht ich Asiate, namentlich ich Inder
— und Inder ist ja der ursprüngliche Buddhist — , und was folg-
lich Deine Glückseligkeit, ist nicht die meinige, was Dich tntsetzt,
entzüekt mich, was fttr Dich eine Medusa, ist für mich eine Ma-
donna. Die Qualen des Daseins, zu denen ausser den Qualen
der Natur die Qualen der Politik und die Schrecknisse der
Kcligion gehören, sind bei mir so tici ins Fleisch eingedrungen,
*) 6. hieittber C. l'\ Köppen: ,J)ie Ueligiou des Bnddlia und ihie EDtstehmig**,
fierUn 1857, be^ouden S. 304—309. F.
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S65
haben mir so alle Lebenslust und Lebenskraft ansgesogen, dass
ich nur Ein Sein kenne — das Sein der Qual, und nur Ein Nicht-
sein — das Nichtsein der Qual.
Der Buddhismus ist eine Offenbarung nicht des gesunden, na-
turkräftigen, geraden, verständigen, sondern des krauklialten, iiber-
ijpannten, phantastischen, Uber dem Ueblen das (Jute übersehenden,
von den Uebehi, die mit jedem (U\ie verbunden sind, namentlich
von dem Uebel der Vergänglichkeit, dem Wechsel von Tod und
Wiedergeburt des Lebensgenusses beleidigten und verletzten GlUck-
seligkcitstriebes. ,,Wenn es das Loos aller Kreaturen ist, zn altem,
was hellen mir, mft Baddha ans, Lnst und Frende, wenn ancb
ich dem Gesetze des Alterns unterworfen bin? Wehe der Jugend,
die durch das Alter, wehe der Gesundheit, die durch alle Arten
von Krankheit zerstört wud! Wenn doch Alter, Krankheit und
Tod für immer gebunden wären!" Aber auch webe der Engher-
zigkeit und Kurzsichtigkeit, die nur in dem plumpen deutschen
Hopsasa oder Juchhe, oder gar in dem ))rutalen Hurrahgeschrei,
nicht auch in dem ^rahnruf und Klageton indischer Wehmnth
nnd Schwermulh die Stimme des Glückseligkeitstriebes vernimmt!
Auch der asketische Buddbist bat ebenso gut, wie unser eins, kein
Gefallen an Kranksein, nein ! so eifrig wie wir sucht er nach einer
Panac^, nach einer Arznei, die ihn von alleä seinen schmerzlichst
empfundnen Krankheiten nnd Uebeln heile; aber weil er mit seinem
überreizten Nervensysteme das Leben selbst als eme Krankheit
empfindet nnd ansieht, so findet er begreiflicher Weise diese Arznei
nur im Tode. Nirväna heisst daher unter Anderm ausdrücklich
„die Arznei, die alle T^eiden hebt und alle Krankheiten heilt".
NirvAna ist keine positive Glückseligkeit, die Arznei kein Gennss;
wohl dem, der keiner bedarl'I aber doch gcliJh't auch die Arznei
unter die schon erwähnten Krfindungcn des GUickseligkeitstriebes.
Kräuterkunde und Scheidekunst, die jetzt eine so grosse Rolle in
der Welt spielt, verdanken, wie die Geschichte beweist, ihren L'r-
spmng nur dem selbstsüchtigen Verlangen des Menschen, nicht zu
erkranken, und wenn er das Unglück hat zn erkranken, wieder
ZQ genesen.
Nicht der Buddhismus also, nein! nur der Katholizismos, ina-
besondere Jesnitismus, der aber jetzt ja fHr identisch mit dem
wahren Katholizismus gilt, hat Erscheinungen, hat Handlungen
hervorgebracht, die schlechterdings mit der menschlichen Natur,
dem menscblicben Verstand, dem meuscbUeheu GlUcksdigkeitstricb
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266
im Widerspruch stehen, Handlungen, die eben im höchsten Grade
widerwärtigi ja scheasslich, ekelhallt and sngleieb abgesehmaekl
nnd aibero sind
Zand Belege nar einige Beispiele and wie sie mir eben zafiülig
zar Hand sind: „Der beilige Aloysias (Gonzaga z. B. mied,
am seine Keuschheit keiner Gefahr anszusetzen, so sorgfältig den
Anblick und Umgang der Weiber, dass er selbst nicht das Ge-
sicht .seiner Mntter sich getraute anzusehen."*) Selbst nicht das
Gesicht seiner Mutter! Hat je ein Buddhist trotz seiner Keuschheits
ptiege sich auch nur einlallen lassen, dass der Anblick seiner ehr-
würdigen Matter ihm nnkeasche Gedanken nnd Begierden erwecken
könne?
„Die heilige Adelgund — allerdings keine Gebart des Jesoitis-
masy aber eine von den Jesniten als Master aafgestellte Heilige —
bat Gotty er solle ihr den fressenden Krebs in ihre jangfräoliohe
Brast schicken, and ihr Gebet ist alsobald erhöret worden. Wm
dergleichen habt ihr einmal von Gott begehret? ... Es war aber
diese heilige Jnngfrau nicht vergnügt (zufrieden), dass sie allen
Wollust des Ilot'lebens ausgeschlagen, auch nicht, dass sie an dero
statt mit 80 cmptindlichen .Schmerzen gequält wurde; sie verlaugte
noch über dies alles, Gott wolle ihr allen Geschmack, den sie
in nothweudigem Essen and Trinken empfand, ent-
ziehen, und nachdem sie, um also zu reden, Brosärolein von dem
Himmelsbrot, so ihr der heilige Petras beigebracht, gekostet, ist
ihr die Annehmlichkeit aller Speisen in lantere bittere Galle ver-
ändert worden."**)
Bei aller seiner übermässigen Mässigkeit nnd Enthaltsamkeit,
bat es je ein Bnddhist zu solcher Verkehrtheit and Abgeschmackt-
heit gebracht?
Der heilige Xaver hatte es in der Liebe zu den Armen nnd
Kranken, in der Selbstüberwindung, in der Abtrultung seiner Sinne
so weit gebracht, dass er selbst das Wasser, womit er scheussliche
und unheilbare Geschwüre gewaschen, trank, ja sogar den Eiter i
ans den venerischen Geschwttren aassog.***) Allerdings treibt ancb
•) Card. Bol. Bellarmiiii sciuio tlc IS. Aluysio p. 20. S. Aloy»ii O^crA ouim,
Col. Bon. et Brüx. 185rt.
**) Ilciligits Tag-Bach etc. vou P. Joh. St. Uroücz S. I., deutsch vou P. B. Yogi,
Au^burp: und Dill. 1755, I. Th., 85.
• ***) Allgemeine (Joschichte der Jesuiten vou Prf. Wolf, 1&03, 1. Bd., S. 2^.
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der buddhistische Schwärmer und Märtyrer seine aufopfernde
Menschenliebe , von der wir übrigens" hier unserm Gedanke iigaiif;;
zufolge* abstrahiren, bis auf dcu höchsten, fast Ubernicnschlii'hcn
Grad, „er gibt z. B. sein Fleisch und IMut hin, um Verschnuuh-
tcnde zu retten^'; aber er ist doch uiiciidlic Ii entfernt davon, die
Meuschenliebe, die Liebe zu den Armen und Kranken, bis zur Lieb-
kosung ihrer sobeusslichen Geschwüre und Beulen zu treiben. 80
was vermag nur der heilige Katholizismus. 0 heiliger Xaverius!
ich bin widerlegt, besiegt , verloren, wenn mir nicht der Himmel
beisteht, mich nicbt mit seinem allmächtigen Arm Uber diesen Abgrund
übermenschlicher und ttbernatUrlicher Schweinereien hinttberhebt.
Aber, heiliger Xaverius, und Du, beiliger Aloysius, und ihr Heiligen
der katholischen Kirche samrot und sonders, ihr bringt mich doeb
nicht aus dem Konzci)t, oder gar um n»einen Verstand, um mein
Glückseligkeitsprinzii). Auch Du, heiliger Xaver, den ich abermals
als Muster vor allen andern nenne, hast mit Wollust selbst den
Kiter aus venerischen Geschwüren ausgesogen, denn Du hast in
diesem Eiter nur das Manna hinnnlischcr Süssigkeit und Seligkeit
vorgekostet. „0 selige Ewigkeit, welche ich erwarte, wie stark
verdienest Du, dass ich Dir zu Liebe . . . etwas Beschwerliches
geduldigst ertrage!'' .... „Ich weide ewig glttckselig sein. Ihr
Wollust und Hoheit dieser Welt, wie schlecht und verächtlich scheinet
ihr, wenn ich des Himmels eingedenk bin.''*)
Lass mich auf Erden selbst dumm wie ein Esel werden nnd
mich im Kothe wie ein Schwein wälzen, wenn ich nur im Himmel
der alleinseligmachenden Kirche zum Engel werde! „Halb Thier,
halb Engel", d. h. jetzt Bestie, einst Kn<;el, aber nur um Alles
nicht Mensch! Es gilt dein ewiges Seelenheil und selbst dein Glück
in unsern weltlichen Kirchenstaaten. Vor dem Mensehen, vor der
irdischen Glückseligkeit v<irschwindet die himmlische Seligkeit, ver-
schwindet die Kirche mit ihren Bisohöi'en von Gottes Gnaden, und
verschwindet ebenso der Staat mit seinen Königen und Fürsten
von €k>tte8 Gnaden. Wo es keine Heiligen im Himmel, gibt es
bald auch keine Heiligen mehr auf Erden, keine Heiligkeit, wenig-
stens keine ausschliessliche, nur auf Einen beschränkte, im Staats-
recht. Darum wird die Zeit noch kommen, wenn wir sie auch
nicht mehr erleben, dass der oder ein neuer deutscher „Richelieu'*
und der heilige Xaverius nicbt privatim und im Gebeimen, wie
HeUiges Tag-Buch, I. Thl, S. 1539 —40.
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▼ielleiebt jetzt schon, sondern Öffentlich nnd feierlich mit einander
Brüderschaft machen werdeh.*) Was haben wir nicht schon alles
erlebt! Welche sonst mit einander nnverträgliche Gegensätze haben
wir nicht schon in lantere Harmonie Yerschwinden sehen! Was
wird aber erst die Znknnft entschleiern V Welche Masken werden
da lallen I Und wie viele! denn was alles ist hei uns nicht blosse
Maske? Besteht doch die INditik des Staats nnd besonders der
Kirche einzii:: darin, ihre ;;ränzcnl(»se Leerheit, ihre bodenlose Oe
haltlosigkeit; ihre euipüreudcn Widersprüche mit dem Wohl und
Wesen des Menschen zu verdecken, zn maskiren!
Die gemeinen Widersprüche mit dem Gltickseligkeitstrieb.
Was kümmert mich der heilige Xaverias, was der Katholizismns
Uberhaupt, was gar der Buddhismus? Das ist ja nur Wasser aul
Deine Mühle; das sind alles nur Ausgeburten des religiösen Wahn-
sinns, von denen Du mir mit leichter Mfilic nncliweisen kannst,
d.'iss sie nur verkehrte, verrückte Acnsserungcn des (ilückseligkeits-
triebes sind. Bleibe bei den gemeinen, den alltäglichen und all-
gegenwärtigen Erscheinungen der niensehlicben Natur stehen und
bringe mir ihre hinimelsehreienden Widersprüche mit diesem Triebe
in Einklang mit demselben! Sind diese nicht der Art, dass wir
eher berechtigt sind, einen Ungltickseligkeitstrieb, als einen Glfick-
Seligkeitstrieb anzunehmen? ^^Wamm plagen wir einer den andern?
Das Leben verrinnet Und es versammelt nns nnr einmal wie hente
die Zeit.'' Nnr einmal und anf so knrze Zeit! und doch plagen
wir uns oft nur aus j)urer Langeweile. Aber plagen w^r nns nur
einander? plagen wir nicht uns selbst? Ist nicht last Jeder mehr
oder weniger ein lleautontimonimcnos, ein 8elbstquäler oder Selbst-
peiniger? Ist aber der lleautontiniorumenos, den der rönnsche Lust-
spieldichter aufs Theater gebracht, nicht eine höchst beschränkte,
annselige, kläglich komische Figur gegen den Selbstpeiniger, der
im wirklichen Leben eine nichts weniger als nur komische, sondern
tragische Rolle spielt? Was smd die Mückenstiche des Terenzischen
Selbstpeinigers gegen die giftigen Schlangenbisse der alltilgKehsteB
nnd gemeinsten Leidensehaften, wie Ehrsnchty Eifersncht, Neid,
• Das war dfuualä Gegenwart, ist aber jct/t vorbei — »ic liegen ^ich in Jen
i^. U.
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Hass, Rachsucht? Wir sind Andern l)öse, wir thun mit Freuden
sogar ihuen wehe, aber thun wir uns damit nicht selbst weheV
Sind diese Leidenschaften und selbst vorübergehende Afifektei wie
Zorn, Aerger, VerdrusSy mit dem Gefühle des Wohlseins verbanden?
Wenn wir schäumen vor Wath aus Erbitterung, aus Zorn, aus Bos-
heit Uber Andere y sind wir da nicht ^zugleich Fnrien gegen uns
selbst? Vergiften wir uns nicht selbst mit dem Gifte des Hasses,
den wir gegen unsere Feinde im Herzen tragen? Ist es nicht selbst
physiologisch erwiesen, dass heftige Leidenschaften und Affekte wie
eigentliche Gifte wirken? Sliss ist allerdings die befriedigte Üacli-
sueht, aber welche llöllenpein die unbefriedigte! Ist es nicht eine
schon von den Alten, die nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben
selbst ihre Weisheit schöpften, wie z.B. in dem Spruche: Gravior
inimicu8| qui latet sab pectore, ausgesprochene Wahrheit, dass
Jeder an sich selbst seinen ärgsten Feind und Gegner hat V Wenn
aber Jeder an und in sich selbst seinen Teufel hat, wo bleibt da der
vielgertthmte Glttckseligkeitstrieb? Ist da Glttckseligkeil^ wo sieh
selbst verzehrender Ehrgeiz und Geldgeiz, wo pestilenzialische Ge-
nusssucht, wo flberhaupt unglückselige Leidenschaften, sie seien und
heissen nun wie sie wollen, das menschliche Herz und Hirn be-
herrschen? Oder ist etwa, wo die Hölle haust, da die Glückselig-
keit zu Hause?
Doch lassen wir die menschenfeindlichen Leidenschaften und
Gemlithsbewegungen! Widersprechen nicht auch die an sich un-
schädlichen, wohlwollenden dem GlUckseiigkeitstrieb? Die Furcht
z. B. meint es offenbar nur gut mit uns, sie ist aufs zärtlichste
und ängstlichste nur für unsre Existenz und Wohlfahrt besorgt, sie
nur warnt und beschtttzt uns vor ohne sie unvermeidlichen Uebeln
und Gefahren! Aber ist die Furcht nicht selbst meist ein grösseres
Uebel als das Uebel, vor dem wir uns furchten? Wie Viele hat
die blosse Furcht vor dem Tode getödtet, die Furcht vor Krank-
heiten krank, die Furcht vor der Annuth arm, zum darbenden
Geizhals gemacht!
Ja selbst die allerwohlwollendste und wohlthUtigste, die selbst
nur auf gegenseitigem Wohlwollen beruhende Leidenschaft, die
Leidenschaft, welcher der Mensch selbst sein Dasein verdankt, die
zugleich mächtigste und grösste Leidenschaft, die der Geschlechts-
liebe, ist sie nicht auch die verderblichste, die der Glückseligkeit
widersprechendste Leidenschaft? Ist es hier nicht so recht in die
Augen leuchtend, dass der Naturzweck etwas ganz Anderes ist.
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270
als der Zweck und Wille des Mensehen, dass die mensehliehe
Glückseligkeit keinen (Irund und Boden in der Natur hat, dass sie
nur ein Hirngespinst von ihm selbst ist? Der Menseh \y\\\ freilich
nur seinen Gennss, will nur seinen Trieb befriedigen ; aber die Natnr
bezweckt nur die Erhaltung, die Fortdauer der Gattung oder Art.
Die Teleologen haben daher mit besonderm Wohlgefallen den €le-
schlechtstrieb und Geschlechtsgenuss nur fttr eine List der Nator
erklHrt, fttr eine Lockspeise, womit sie den Menschen, den Tölpel
f Un^t, um ihn ohne, wie oft auch wider Wissen und Willen, ihrem
Zwecke dienstbar zn machen.
Aber was ist denn die Gattung oder Art, die Dn nur zum
Zwecke der Natnr machst, im Unterschiede von dem Individuum,
dem Du nur die eigne Glückseligkeit zum Zwecke gibst? Warnra
existirt denn in der Natur keine Gattung oder Art, die und wie Da
sie im Kopfe hast? Warum ist sie denn, wenn sie doch einmal
so pfiffig I so hinterlistig wie ein Pfaffe ist, doch wieder so nnge-
schickt, so dumm, dass sie immer und immer wieder nur ein In-
diyidnum zn Stande bringt? dass sie doch so gar nichts von Phi-
losophie und selbst Naturwissenschaft weiss? dass aus dem Ldbe
der Mutter, ans ihren Gebnrtsschmerzen , aus neunmonatlicher
Schwangerschaft, aus allen diesen Verneinungen des Gltickselig-
keitstriebes dorh immer wieder nur ein neuer Gltlckseligkeits-
trieb zum Vorschein kommt? Und steht denn wirklich der „Natur-
zweck'^ im Widerspruch mit des Menschen eignem Zwecke? Weil
in jammervollen Zuständen der menschlichen Gesellschaft, wo die
Natur zur Unnatur und die Unnatur zur Natur wird, das Dasein
von Kindern und ihre Erhaltung mit dem eignen Selbsterhaltungs-
triebe der Eltern in Widerspruch stehen, gilt dies auch von nor-
malen, natur- und yemunftgemftssen Zuständen? Gehört da nicht
vielmehr das Vater* und Muttersein zum Glttekseligsein? Wider-
streitet die Kinderliebe der Selbstliebe? Gewiss in sehr yielen
Fällen, jedoch nur aus Gründen, die an sich nichts mit ihr zn
Schäften haben, nicht zur Sache gehiu-en. Es ist aber doch un-
bestreitbar, dass wir unzählige Sorgen, Mfihen und Plagen ohne
Kinder nicht hätten. Ja, aber auch nicht unzählige Freuden. Ab-
gesehen aber auch davon, dass, was aus Liebe geschieht, gerne
geschiebt, ein Opfer aus Liebe kein Opfer ist, ist denn nicht auch
die blosse Selbstliebe, wie z. B. die Sorge ftlr die eigne Gesund-
heit, mit den grOssten Mtthen, Sorgen und Opfern verbunden? Wo
ist Liebe, ihr Gegenstand sei nun welcher er wolle, wo Aicht Qual
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271
und Pein ist? Wer ist unglückseliger als der Geizhals? (Jnddoeh
ist der eigne Geldaaek seine einzige Sorge and Liebe.
Wenn man freilich bei und yor der Gattung wie vor einem
Gespciiste gedankenstarr und steif stehen bleibt, wenn man der
heiligen Dreieinigkeit nnd logischen oder vielmehr linguistischen
Trilogie zu Liebe, wie in der Theologie, auf die Zeugung des
Sohnes durch den Vater das alle Persönlichkeit verwehende Sausen
und Brausen des heiligen Geistes, so in der Anthropologie auf die
beiden Geschlechter, auf Er und Sie als vereinigendes Drittes das
geschlechtlose Das des Kindes folgen lässt, dieses unschuldige
Ding nicht näher im Lichte der Wirklichkeit besieht und bemerkt,
dass es schon die Zeichen des bösen Buben oder der lustigen Dirne
an sieh triigt: so ist mit dem Gedanken an die Gattung der Ge-
danke an den Tod des Individuums unvermeidlich und unabtrennbar
verkntlpft. *)
In der That folgt m der Natur bei vielen niedem Thieren un-
mittelbar in oder nach dem Begattungsakt der Tod; ihr Leben ist
erschöpft, ist aus, so wie Same oder Ei aus dem Leibe heraus ist.
Aber der Zeuguugsakt ist nur ihr letzter Lebensgenuss, weil er
auch ftir sie der höchste ist, der Genuss, über den kein anderer
geht, der nichts mehr zu Verlangendes, nichts mehr zu Wünschendes
nnd Erstrebendes, folglich auch nichts mehr zu Erlebendes übrig
lässt. Je höher aber das Individuum steigt, je entwickelter und
vollkommener es wird, desto mehr tritt auoh selbst der höchste
Lebensgenuss in die Beihe fortdauernder, sich oft wiederholender
Gentfsse, zum deutlichen Beweise, dass der Begattungstrieb im in-
nigsten Einklang mit dem individuellen Glüokseligkeitstrieb steht
Aber auch selbst der Mensch kann von der Leidenschaft der Liebe
so ergriffen werden, dass er für den und mit dem Liebesgenuss
wie der Schmetterling sein Leben dahin gibt. Erglüht doch schon
in den homerischen Hymnen Anchises so sehr in Liebe zur Venus,
dass er begeistert ausruft; „Wohl ja wollt' ich sodann, o du Weib,
^ Göttinnen vergleichbar. Wann dein Lager ich theilt', in die Woh-
nung des Todes hinabgehn." Steht aber der Tod in Widersprueh
mit dem Gltlckseligkeitstrieb des Schmetterlings? Soll er nach
dem höchsten Lebensgenuss als entleerter Schmetterling oder gar
wieder als Raupe fortvegetiren? In dem unnatürlichen, dem kaiser-
liehen Rom erfolgte die Apotheose, die Vergötterung erst nach dem
*) Ergänze aiwa: ao ist die listig«; (lattuiig AUtiä, das duuiiuu Individuuiu niclit:^.
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272 —
Tode. ),Ich glaube, ich werde Gott/' d. h. ich sterbe, sagte daher
ironiseh der Kaiser Vespasian. Aber im Reiche der Natur folgt
umgekehrt aaf das Gottwerden erst das Todtwerden, das Sterben.
Was hat das Leben noch für Suin nnd Werth für den Schmetter-
ling, wenn er nnr noch ein hohler Balg ist? Wie mag ich noch
als elender Mensch fortexistiren, nachdem ich bereits Gott geworden,
die höchste Selijrkeit und höchste Ehre des Lebens genosseu habe?
So viel vom He^'attini<;strieb. Was aber die andern oben an-
fredcuteten mi^likkseligen Triebe, Leidenschaften und Affekte be-
trifft, so beweisen sie nichts weiter, als dass eben der Mensch
sammt seinem GlUckseligkeitstrieb ein Naturwesen und dass, wie
er selbst von Natur gebaut und geformt, wie seil) KOrper und Geist,
sein Kopf nnd Herz beschaffen nnd bestimmt, so anch seuie Glttek*
Seligkeit beschafibn nnd bestimmt ist Wie sollte, bei euiem fhrcht-
samen, ängstlichen Menschen der Glttckseligkeitstrieb sich anders
änssern, als in beständiger, bei jedem Tritt nnd Schritt Tom ge-
ringsten Anlass erregter Furcht vor mtiglichera Ungltick? Wie bei
einem neidischen anders, als darin, das Gut, das er nicht bat, aber
nur sich selbst gönnt, dem Besitzer desselben zu missgönnen und
durch das Vergnügen dieser Missgunst, dieser geistigen Habsucht
und Annexion, den Schmerz seiner Entbehrung sich zu erleichtern?
£ine hässliche Erscheinung der Natur ist die Kröte, eine liebliche
der Laubfrosch, am bei der Klasse der Batrachier stehen zu bleiben.
Aber warum willst Dn nnr dem Laubfrosch, nicht anch der Kröte
ihre GlQckseligkeit gönnen? Es ist wahr, sagt die KrOte, in memen
Adern pnlsirt nnr das tOdtliche Gift des Neides, der Bosheit, der
Rachsncht; aber dieses Gift ist für mich, die giftige KrOte, Am-
brosia, ich hin glücklich, wenn ich durch das Gift, womit ich mich
tödte, nur auch den Andern tüdte. Jal es gibt auch eine Glück-
seligkeit der Kröten und Schlangen, aber es ist eben auch eine
Schlaniren- und KrötenglUckseligkeit. Aber was sind Schlangen
und Kröten gegen die scheusslichen Ungeheuer, gegen die Megären
und Diuotherien, in der Geschichte der Menschheit sowolU als
der Erde?
Unverzeihliche Abschweilung vom Thema.
Gibt es nicht Erscheinungen der Natur, wo Ewern wurklich
Herz und Verstand still steht, vorausgesetzt, dass man Verstand
und Herz hat, wo Alles aufhört, was sonst sich in uns zu Gunsteu
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273
des Lebens regt und bewegt, wo das buddhistische Nichtseiu als
das einzige Wahre und Wllnsclienswerthe erscheint? Wem schaudert
nicht hei dem blossen Gedanken an die Pest, den schwarzen Tod,
die Cholera, die Venerie, kurz an alle die eben so schrecklichen als
seheusslichen Krankheiten der Menschheit? Aber beweisen sie, dass
es keine Gesundheit gibt und dass diese nicht der normale Zustand
der Natur ist? Sind denn die Krankheiten, diese grässlichen Leiden
und Qnalen der Natur, allgemeine und bleibendey endlose, wie die
Qnalen der religiOien nnd theologisehen Hölle, die allerdings in
einem nnanflösbaren Widerspruch mit dem Glttekseligkeitstrieb
stehen, natttrlieh nur der Verdammten, nicht der Begnadigten? Ist
denn in der Natnr eben so wie in der Hölle ^ar keine Hoffnung,
keine Aussicht mehr auf Besserung, sollte auch diese, leider I nicht
uns selbst, sondern erst unsern Nachkommen zu Gute kommen?
Der Zorn des Unendlichen ist freilich ein unendlicher, aber verhängt
die willenlose Natur Uber uns Tod und Krankheit aus Erbostheit,
aus Zorn und Ingrimm, wie der Gott der Theologie und Religion?
Ist denn auf dieser traurigen Erde nur das Gute und Schöne ver-
gänglich? Vergeht nicht auch das Schlechte, das Hässliche, das *
Abseheuliehe, das Entsetzliche? Warum fixirt, wardm beseufzet ihr
Poeten allein die Vergänglichkeit des SehOnen? Ist denn, im Ver-
gleich zu euren poetischen Trilumen, euren Paradiesen, diesen Be-
gionen ewiger Sch()nheit nnd Bnhe, die Erde, diese Region der
furchtbarsten Orkane und Gewitterstürme, nicht auch die Region
der Windstillen? Nur sind sie freilich in der „begrifflosen" Natur
nicht zugleich vereinigt, wie im Kopfe des Philosophen, sondern
erst, wenn der 8turm vorüber, stellt sich Friede und Ruhe ein.
0 ihr Philosophen, die ihr euch so erhaben und frei dünkt, trotz
eures Rationalismus, trotz eurer den Stockglänbigen so anstössigen
Ketzereien, trotzdem dass ihr von einem persönlichen, gar indivi-
duellen Gott nichts wissen wollt, weil Überhaupt die Individualität
nichts fttr euch gilt, — ihr habt doch in eurem Kopfe, im'Hmteigmnd
eurer Gedanken, nur das alte thdstische, zeit- und raumlose Wesen
steeken. Bei Hegel heisst und ist es der „Begriff^', bei Kant das
„Ding an sich". Nur diesem Ding zu Liebe, tot dem es keinen
Kaum und keine Zeit gibt, das aber doch das wahre, obwohl uns
unerkennbare Ding ist, liat er die Zeit, um diese besonders hen^or-
zuheben, nur dem sinnlichen Menschen aufgebürdet, zu einem un-
freiwilligen Hirngespinnst von uns gemacht, aber eben dadurch sich
tind uns um die wahre Lebens- und Naturanschauun^ ^^ebracht.
Ortta» rtmrteehs Brief»«o]u«l n. NmsUmb. II* lö
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Die Zeh ist ja in Wahiheit keine UoeM Ansehannogsfoni,
sondern wesentHebe Lebensform and Lebensbedin^oiig. Wo kein
Anf- mid NaebeinanderfolgeD, keine Bewegung, kdne Verindennig,
keine Entwicklang, da ist kein Leben nnd keine Natar; aber ron
der Eutwieklnng ist die Zeit iiDabsonderlioli. Was sich entwickelt^
das ist, al)er jetzt nicht, was es einst gewesen und einst sein wird.
Nimmst du von mir die Zeit weg — und der Mensch hat di>ch
gewiss eben so gut als irgend sonst Etwas darauf Ansprach, ein
Wesen oder Ding an sich zu sein, wenn auch nur eine Modifikatioa
des absolutea Dings an sieb, denn die Dinge an sieb rednziien
sieh, weil aller Plural, alle Vielheit und Versebiedenheit doch mr
der sinnlieben Ansebannng angehört, snletst nnr anf das IMng an
sich schlechtweg, das eine absointe Ding — nimmst Da tob mir
also die 2jeit weg, so nunmst Dn mir das Blnt aas den Adem, das
Hens ans dem Leibe, das Hin ans dem Kopfe, mid iSssest nur
schlechterdings nichts tibrig, als den Tod oder das buddhistische
Nichts. Im Gedanken ist iVeilieh die Zeit das Erste, sonderst Dn
die Zeit ab von der Entwicklung, der Veränderung, Bewegung,
setzest sie ihnen voraus; aber der Gedanke ist nicht der Herr nnd
Meister der Natur j in der Wirklichkeit ist die Zeit unzertrennlich
eins mit der Entwicklung, eins mit der Nator, eins mit den aeil>
lieben Dingen.
Aber sind denn diese Dinge die Dinge an sieb? loh weiss es
nicht, aber für mieb, der ich mieh nicht ron der Zeit ablrenMi
kann, sind diese seitlitdien Dinge aoeb Dinge an sieh, ist die Zeit
selbst y so gnt wie die Sonne, Planeten nnd Kometen, die si^ in
Raum nnd Zeit bewegen, etwas Wirkliches nnd eben desswegen
etwas an sich selbst, Etwas ohne meinen Kopf nnd ausser meinem
Kopt. Uh dulde in meinem Kopfe keinen otfenbaren Widerspruch,
keine Konfusion , sie sei nun eine Kautische oder Hegel sehe, ich
weiss nichts von einer Idealität, d. h. rnwirklicbkeit, die doch
wieder Wirklichkeit sein soll, nichts also von einer wirklichen Un-
wirklichkeit, wie die koulose Zeit der spekulativen Philosophie
Deutschlands; ich kenne keinen andern Unterscbied zwischen für
mieb und an sich, zwischen Subjektiv und ObjektiTy als den
Unterscbied swiscben Einbildong nnd Wirklichkeit, Tftosehong and
Wahrheit, Schein nnd Wesen. Aber beides: Wesen nnd Sebem,
fällt bei mir nicht jenseits, nein! diesseits Ton Zeit nnd Baom.
Und ich beklage mich nicht Uber diese meine yoUst&ndige
Diesseitigkeit Ich finde hierin keine nnerkläriicheu und uuaudös*
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275
Uehen Wideraprttcbe mit dem mensehlicheo GlflekseligkeitBtriebe,
wie in der Tlieologle und Metaphyrik. NeinI es gibt kein andres
Heilmittel gegen die nnbeilbaren Kranlüieiten, die Seblechtigketten
ond Abscbenliebkeiten der Natnr und Hensebenwelt, als die Zeit.
Wa« die Zeit mit sich bringt zu unserem Schrecken und Leidwesen,
tlan verHcnkt sie auch wieder zu unserem Tröste und Heile in ihren
Wellen. „Welch krasses Hild". Aber dafür wie cHVisclicnd, wie
wohlthuend ist diese, mit dem fliessenden, allen llnrath wegsptllen-
den Wasser in Eines zusammengedachte Zeit f^egen die tndtc, meta-
physische, nur um eine, noch dazu mathematische Linie, die be-
kanntlich ohne Breite ist, von der alten theologischen Ewigkeit
anterschiedene Zeit^ die nnr im Kopfe des abstrakten Denkers eii-
stirt? ,,0 Ewigkeit^ da Donnerwort!'' aneh da bist verbaHt, aacb
deine Sckreeknisse ond Zanber sind versehwanden and stOren ans
nieht mehr im Genasse ansrer, im Vergleich za deinen ewigen,
Obenebwän glichen Freuden armseligen, aber dafHr wirkliehen, zeit-
lichen Freuden. Bringen wir daher vor allen Dingen wieder die
Zeit zu Ehren! Nur ihr haben wir es zu verdanken, dass wir von
den geologischen Ungeheuern, den Dinotherien und Megatlierien^
den Ichthyosauren und wie weiter diese thierischen (irossmächte
heissen, befreit sind; nur ihr werden wir es, allerdings nicht ohne
onsre Mitwirkung zu verdanken haben, wenn wir einst auch von
den jetzt noch ezistirenden theologischen und anthropologischen
Ungeheaerliehkeiten and UnvertrigUohkeiten mit der menschitehen
Existenz and Wohlfahrt Arei werden.
Der moralische GiUckseligkeitstrieb.
Schon wieder abgeschweift, verirrt in das Gebiet der Geschichte,
und diesmal gar der Naturgeschichte, bis in die fernen Zeiten nus-
gestorbncr Thicrgeschlechter! Bleibe in der Gegenwart, bieihe bei
den gemeinen, den alltäglichen Erscheinungen des menschlichen
Lebens I Wer weiss nicht mit üelvetius, *) dass es genug ungl tick-
selige Mmohen gibt, welche nur dnrch solche Handlungen glück-
lich werden, die sie anfs Schaffet flthren? Und wer kennt nicht
den berlihmteni von demselben Helvetios bei derselben Gelegenheit
angeführten Aagenarzt and den Rath, den er einem an den Angen
*) De l'Espril. Diso. IV. Cli. 11.
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— 2^r(5 —
leidendea Weintrinker gibt? „Wenn Da", sagte er in liim, „mAt
Yergntlgen findest am Wohlgesehmack des Weines, als am Genns»
de Angenlichts, so ist der Wein fttr Dich ein grosses 6nt; wenn
aber das VergnOgeD, zn sehen, fllr DIeh ein grosseres ist, als das
Vergnügen, zn trinken, so ist der Wein fttr Dich ein jrrosses Uebcl."
Was ^eht aber über das Vergnügen des Sehens? was über das
Glück gesunder Augen? Wie Viele vergessen und vernachlässigen
aber gleichwohl Über dem Wohlgeschmack an Getränken nud
Speisen das Wohlsein ihrer Augen, das Wohlsein selbst ihrer
edelsten Leibes- und Lebensorgane, ihrer Denkorgane! Beweisen
aber diese Menschen, weil sie einen hohem nnd dauernden Glück-
seligkeitstiieb einem niederen und vorttbeiigehenden anfopiern, etwas
gegen den Gittekseligkeitstrieb als einen natnrbegrttndeten, nator-
bereehtigten Trieb? Beweisen die Lente, die sieh ans Trfaiksiicbt
bDse Angen zuziehen, dass die Cresnndheit, wie Oberhaupt, so aiieh
die der Augen, kein Gut für die Menschen, selbst anch der Wdn-
trinker ist; dass sie ein Verlangen haben, krank und blind zu sein,
dass sie nicht das Gegentheil wollen, wenn sie gleich das Gegen-
theil der Gesundheit thun? Oder ist der Arzt, weil er seinen
Patienten, gesetzt, dass er wieder gesund oder, wenn er schon ge-
sund, nicht krank werden will, einen Genuss beschränkt oder gar
verbietet, ihm wehe tbut, Enthaltung, Verneinung Yon Genüssen
auferlegt, desswegcn ein Misanthrop, ein Bösewicht, ein Unmensch,
ein Tyrann? Wer ist denn aber dieser bertthmte Angenant? der
alte, wohlbeluumte Gittekseligkeitstrieb, nnr mit einem neuen nnd
bisher nicht in Betracht gezogenen Pi^ldikate: der moralische
Gittekseligkeitstrieb. Die gemeinen Einwflrfe nnd Widersprüche
gegen den Gittekseligkeitstrieb beweisen nichts weiter, als dass es
für den Menschen keine Glückseligkeit ohne Vernunit und Moral
gibt. Ich habe hier und jetzt jedoch im Auge nur den Theil der
Moral, der bei den Moralisten blos von den sogenannten PÜicbteu
des Menschen gegen sich selbst handelt.
Die Moralisten haben sich von jeher darin gefallen, sich ein*
ander mit grosssprecherischen Phrasen zu überbieten, sich fttr um
80 grossere nnd bessere Moralisten zu halten, je mehr sie ttber-
triebene, transzendente, un- nnd ttbematttrliehe, nn- und ttbermenseh-
liehe Begriffe aufstellten; sie haben es fttr eine Veranrdnigung,
eine Befleckung, eine Schändung der heiligen Jnngfran Mond an-
gesehen, wenn sie anch nnr einen Blutstropfen von Egoismus, selbst
vom gesunden, naturgemftssen, nothwendigen, unerlässlichen, mit
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277
dem Leben identisehen Egoismi» ttbrig HesBen. Namentlich haben
die deutschen Moralisten es sich als ein besonderes Verdienst an-
gerechnet, dass sie, wie schon oben angedeutet, aus der Äloral allen
Eudänioni.smus, d. h. in Wahrheit allen Inhalt ausgemerzt. Und
doch reden und handeln dieselben Herren, die nichts vom Egoismus,
nichts vom Gltlckseligkeitstrieb in der Moral wissen wollen, von
Pflichten gegen sich selbst, als wären — o welche Heuchelei! —
.die Gebote, worauf sie sich stützen, nicht Gebote des eignen, indi-
vidnellen Glfickseligkeitstriebes. Anerkennt ihr Pflichten des Men-
schen gegen sich, eben so wie Pflichten gegen die Nebenmenscheni
ond stwar mit Recht, denn im Vergleich zu den Pflichten gegen
Andere nnd im Gegensatz zn den nnverschämten Forderungen, die
sie an mich stellen k($nnen, gibt es wirklich solche, und ist folg-
lich dieser Ausdruck ein berechtigter und richtiger — nun, so an-
erkennt auch offen und ehrlich den Egoismus, erhebt ihn un-
umwunden und feierlich in den Adelsstand der Moral als ein
nothwendiges Element, als einen Grundbcstandtheil derselben. Nur
keine Heuchelei, keine Verstellung, wenigstens in der Moral! Sie
ist das grösste Laster — die Giftmörderin der Tagend, während
die andern Laster nur rohen Todtschlag ansttben ~ obwohl in
tiiisrer Zeit das herrschende Laster im Staat und in der Kirche,
anf der Hoehsehnle nnd in der Dorfschnle, im Kloster nad in der
Kaaenie.
l^eigung und Pflicht sind allerdings keine Worte yon derselben
Bedeutung, keine Synonymen; sie müssen also unterschieden werden.
Was ich aus Neigung thue, thue ich aus Gltlckseligkeitstrieb, thue
ich, weil es mich unmittelbar beglückt, thue ich gerne, mit Lust
und Liebe; was ich aus Pflicht thue, das thue ich, auch wenn es
mich nicht begltickt, aber eben desswcgen auch mir so oft miss-
gliickt, ja widersteht, thue ich mit Selbstttberwindung, nur aus in-
nerin und äusserm Zwang, denn sie sind fast immer bei einander,
wenn wir nns gleich des letztem nicht bewnsst sind, oder selbst
am moraUsohem Eigendünkel nns nnr mit der Vorstellnng schmei-
cheln, dass wir nnr ans Fflichtgeftthl handeln. Aber mttssen wir
denn ans dieser Uneinigkeit des Sinnes, ans diesem Wortstreit so-
fort, wie die moralischen Puristen nnd Pedanten, die traurige Noth-
wendigkeit einer förmlichen, totalen Ehescheidung zwischen Pflicht
und Neigung folgern? Was ich heute in dieser Stimmung, in diesem
Körper- und Geisteszustand nur thue, weil ich es thun muss, also
iui( Widerstreben thue, das thue ich vielieicbt schon morgen mit
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grö88ter Leichtigkeit and Freudigkeit. Was mir in dieser Lebens-
periode nur HisBTergnOgen meeht, nnr widerHeli ist, wie der Gang
in die Schnle, nnr Sache eben der Pflicht, das gereicht mir in ap&-
tcrcn Jahren, wenn aneh nelldchl nicht unmittelbar an sieh selbst,
sondern nur in seinem Resoltat, zum grÖMten Nutzen und Ver-
gnügen, und ich erkenne jetzt mit Lächeln, da«« die Zwangsjacke
der l^flit ht nur auf Geheiss meines eignen, damals nur noch missver-
htandneu und unerkannten Gllh kseligkeitstriebes mir angelegt wurde.
Was gehört dazu, Meister auf einem Instrumente zu werden I Welche
Beharrlichkeit, welch' unermüdlicher, ach wie viele süsse Freuden
anfopfemder Fiei»»! Welche langweilige Uebungen! Welche An-
strengungen der Muskeln und Nmen! Und doch habe icli dieses
Instrument nnr ans Neigung eigriffen, und doch wie oft mit Ab-
neiguDg, nur aus Pflicht darauf gespidt! wie oft vor Umnnth es
selbst zum Teufel gewttnscht! Und doch ist dieses in Momenten
des Unwillens ttber die Entsagungen und Plagen, die es mir auf-
erlegt hat, verdammte Instrument die Quelle meines grössten \'er
gnUgens und Glückes. „0 Ewigkeit, du Duunerwort!" was hast
du nicht für Unheil in den Herzen und Köpfen der Menschheit an
gerichtet. Du nur hast es zu verantworten, dass sie die Physik
der Sittenlelire zur Metaphysik, Menschenwort su Gotteswort ^ Be-
sonderes zum Allgemeinen y Vortlbergehendes sum Bleibenden ge-
macht haben. Weil Neigungen und Pflichten — nicht zu vergessen,
dass hier immer nur Ton Pflichten gegen sieh selbst die Bede ist —
sich oftmals einander in den Haaren liegen, sich zanken und balgen,
haben die moralischen Zeitlosen sie zu Todfeinden, zu nicht mo-
mentanen und relativen, sondern absoluten, wesendidien, ewigen
Feinden gemacht, wenigstens so lange sie auf Erden weilen; denn
in der überirdif?chcn und überzeitlichen jenseitigen Weit sollen ja
die Feinde Freunde werden.
Die Pflichten gegen sich selbst sind nichts Anderes, als aus
dem Glückseligkeit.strieb entsprungene, aus der Erfahrung von ihrer
Lebereinstimmuug mit dem Wohl und Wesen des Menschen ge-
schöpfte, von glücklichen, normalen, gesunden Menschen abgezogene,
llQr Andere und für sie selbst im Fall der Erkrankung lUs Muster
hingestellte Veriialtungsregeln zur Erhaltung oder Erwerbung leib-
licher und gdstiger Gesundheit Pflicht ist nur, was gesund wH,
selbst schon in seiner blossen Ausübung Zeichen und Ausdruck von
Gesundhdl ist, oder gesund macht; denn es gibt nnch so unter-
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geordnete Pflichten oder Tugenden, die nur Mittel zum Zweck der
Gesundheit, für sich selbst ohne Werth sind.
Eine solche untergeordnete, niedrige, in den Augen des Snpra-
natnraHsteii dieses Namens nicht einmal würdige Pflicht oder Tagend
ist z. B. die Reinlichkeit. Und doch liat sie gleichwohl an sich
alle die Merkmale, die den moralischen und philosophischen Sapra-
Datnrallsten bestimmen, die Pflicht nnd den Glflekseligkeitstrieb
zu grundTersehiednen Wesen zu machen. Der Menseh hat in seinem
Hochmuth die Namen von Thieren zur Bezeichnung menschlicher
Laster, zu Schimpfnamen herabgewürdigt, so auch den Namen des
Schweins zur Bezeichnung der Unreinlichkeit. Welche Injurie gegen
die armen, leider nicht der Sprache mächtigen Thiere! Wie die
Thiere überhaupt — wenn auch nicht alle, doch die meisten, was
ich nicht weiss — mehr oder minder, ist selbst auch das Schwein
ein die Reinlichkeit liebendes und nar in ihr gedeihendes Thier.
Knr der Menseh ist nicht nur ein gebomes Schwein, wie allerdings
aneh das junge Thier, welches aber ans Mangel an Selbstthätigkeit,
aoB Unbehtllflichkeit an seinen Eltern die Stellvertreter des eignen
Glllekseligkeits- nnd Reinlichkeitstriebes hat, sondern auch ein blei-
bendes Schwein, weil, wo die Eltern sich im Kothe wälzen, es auch
die Kinder ihnen nachthun, und so sich der historische Koth von
Generation auf Generation unbeanstandet, unberührt von kritischer
Neuerungs- und Keinigungssucht, forterbt.
Die Unreinlichkeit ist ein dem Menschen angebornes, in seiner
natürlichen Trägheit, Faulheit, Gewohnheits- und Bequemlichkcits-
liebe gegrflndetes, nicht nur auf Einzelne, sondern ganze Völker
nnd Stiimme sich erstreckendes Laster. Die Snmatraner z. B.
„waschen niemals ihre Kleider, die Hottentotten niemals ihre ICdrper.
Die Unreinlichkeit ist daher so tief in ihre Haut eingedrungen,
dass man kaum unterscheiden kann, welches ihre rechte Farbe ist, .
sie sind schwarz wie Rnss.'^*) Die Hottentotten, die Einwohner
von Unalaschka, die Grönländer essen selbst ihre Läuse. Letztere
„streichen den Schweiss, damit er nicht verloren gehe, mit einem
Messer vom Gesichte und lecken ihn auf", und die Unalaschkaner
„verschlingen den Schleim aus ihren Nasen/' Die Grönländer
waschen sich zwar, aber sie waschen sich — noch dazu nicht die
*) Uistor. Nachr. zor Kenntniss des Menschen in seinem vUden und loben Zu*
»tuide von C. Bastholm. Altona, 181S. t TU., Kap. 4. Nach neueren Reise»
beediieibiingen gilit es jedoch Mob selbst onter den Hottentotten xeinliobe Stibnme.
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Mftnner, sondern die Pranenzimmer — in ihrem üriD. Welche
Gcsclimacksverirninp^! So sieht es mit der Unreinlichkeit beim
„Men8chcn in seinem wilden und rohen Zustand'^ aus. Mit Recht
bemerkt daher der dänische Schriftsteller, aus dem wir diese Bei-
spiele anführten, dass es eines Menu, eines Zoroaster, eines Moses
und Muhamed bedurfte, um den Menschen aus seinem Schmutze
zur Kultur der Reinlichkeit emporzuheben, dass er also nur durch
die Religion, durch die Oflfenbarnng Gottes Gestank und Wohl-
gemeh, Urin und Wasser, Läuse und Speise, After und Hund,
welche ja auch bei vielen niederen Thieren ein und dasselbe Organ
sind, unterscheiden lernte.
Aber so tief wie ein Eingeweidewurm steckt die Unreinlichkeit
dem Bfensehen im Fleische, dass es auch selbst unter den kultivirten
und ziyilisirten Völkern genug schmutzige gibt, und auch wieder
bei den reinlichen so viele rohe, verwahrioste, wasserscheue, mit
ihrem Unrathe verwachsene Menschen, welche sich niemals waschen,
oder hitebstens nur an den hohen Festtagen, wenn sie Stfidter, oder
nur einmal des Jahres, wenn sie Landleute sind, an dem Kircb-
weihfeste, gleichwohl aber, wenn sie we^^en ihrer Schmutzigkeit
zurecht gewiesen werden, beleidi^rt und entrüstet ausrufen : wasche
ich mich denn nicht alle Kirch weihe? gleich als hätten sie mit
dieser einmaligen, noch dazu höchst oberflächlichen Waschung ein
iiberverdienstliehes Werk vollbracht, gleich als wäre Selbütreinigung
t(ir sie asketische 8eibstpeinigung. Und sie ist es auch in der
That tUr sie.
Olcicliwolil ist die Keinliclikcit, welche für den ruhen und ver-
wilderten Mcuschcn eine saure, traurige Pflicht ist, welclio er eben
(icsswegen gar nicht erfüllt oder nur ungern, mit Unlust erfüllt, fUr
den und an dem Kultivirten eine Befriedigung und Bethätigung des
oder eines GlUekseligkcitstriebes, eine auf Neigung und Trieb ge-
gründete Tugend, deren Austtbung daher, wenn sie gleich immerhin,
namentlich , bei der Anwendung radikaler Remigungen, mit Uebw-
Windung gewisser widerstrebender Gefühle, der Gelttste der Faulheit,
Weichlichkeit und Bequemlichkeitsliebe verbunden ist, doch ihm
80 natflrlich vorkommt, wie Essen und Trinken, was, wie wir aus
Luther wissen, das allerfnihlichste und allerlcichteste Werk ist.
Was ahor von der Reinlichkeit gilt, die ich nur desswegen hervor-
gehoben, weil ich Uberall das Sinnfällige, das Unbestreitbare zum
Ausgangspunkt, zur Grundlage mache, ehe leb in höhere und
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donklere Regionen mich veiäteige, das gilt von der Tugend Uber*
haiipt, wenigstens der sieh auf das eigne Selbst beziehenden.
Wesentliche Unterschiede der Gluckseligkeit nnd
der Selbstliebe.
Die moralischen Supranatiiralistcn haben die Glückseligkeit,
die Selbstliebe überhaupt von der Moral ausgeschlossen, weil, wie
Kaut sagt, „ein Gebot, dass Jedermann sich glücklich zu machen
suchen sollte, thöricht wäre, denn man gebietet niemals Jemandem
das, was er schon unausbleiblich von selbst will^^ Dasselbe sagt
schon Seneca in Beziehung auf die Selbstliebe. Aber gibt es denn
nar Eine nnd dieselbe Selbstliebe, Eine nnd dieselbe Glflckseligkeit?
Ihr seid doch sonst so freigebig mit enem Unterscheidungen, selbst
mit scholastischen Distbktionen nnd DistinktiOnehen feinster Sorte, .
und nur, wo ihr auf die Selbstliebe und Glückseligkeit zu sprechen
kommt, da hört euer Unterscheidungsvermögen auf, da ist Alles,
auch das Verschiedenartigste, gleich und eins. Wohl ist es wahr,
auch der Hottentotte ist glücklich und liebt sich selbst eben so
gut, als der Königsberger Weise oder der römische Philosoph und
Staatsmann ; tlihlte er sich ungltlcklich, so würde er sich angetrieben
fühlen, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um ans diesem seinem
elenden Zustand herauszukommen. Die Glückseligkeit ist ja „sub-
jekliv'S wie .die Moralisten nur zu gut wissen und sagen, und sie
ist es auch in der That Meine Glückseligkeit ist unabsonderlich
von meiner Individualitilt, sie ist nur die meinige , nicht deine, so
wenig als dieliant, in der ich stecke, die deinige ist. Aber doch
ist ein grosser Unterschied zwischen der Haut des Hottentotten und der
Haut eines Königsbergers oder Römers, zwischen dreckversclilosscucu
und geöffneten, gelüfteten Hautporen, zwischen der Selbstliebe, die
eins ist mit der Liebe zum Unrath und Ungeziefer, und der den
Unrath von sich unterscheidenden und absondernden Selbstliebe, kurz
zwischen stinkender und wohlriechender Selbstliebe. Eigenlob stinktf
sagt man; aber nicht da, wo es gerecht und nothwendig ist, un|
mich selbst boshafter Tadel- und Schmähsucht gegenttber zu er-
halten und gdtend .zu machen. Dasselbe gilt von der Eigen- oder
Selbediebe, und zwar noch in weit höherem Grade; denn es* gibt
nicht nur eme geredite und relativ notbwendige, sondem 9ßch ah;
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solnt noüiwendlge, von meinem Wissen nnd Wollen ganz nnabbftngige
Selbstliebe, die man so wenig ron mir wegnehmen kann, aJs meinen
Kopf, ohne mich selbst geradezu todtznsehlagen. Nnr der Katho-
lizismus, nur der Jesuitismus hat freilich auch hier Unglaubliches,
Unmögliches geleistet; er hat dem Menschen den Ko])l" abgeschlagen,
und doch geht er, wie der heilige Dionysius, noch heute umher mit
dem abgeschlagenen Kopfe unter dem Arme starker Regierungen
und unter dem Schutze dummer, geistesschwacher Völker. Doch
kehren wir wieder von den Jesuiten zorttck zn den Hottentotten,
ihren Geistesrerwandten. Was ? Geistesverwandte — Hottentotten und
Jesuiten! Nur weg mit diesen Frage- und Ausrufhngszeiehen des
Entsetsens. leh gebe gerne einen Unteraehied zu, er besteht aber
nur darin, dass die Hottentottm von Natur shid und ihnen, was
die Jesuiten ans purer Religion, aus purer Gottesliebe tfaun, dass
jene keinen Reinigungstrieb haben und kennen, diese aber den im
Menschen bereits erwacliten Selbstreinigungstrieb wieder gewaltsam,
geflissentlich, mit ansstudirten Mitteln, als ein gotteslästerliches,
materialistisches Oclliste unterdrücken, um den Menschen wieder
zum Hottentotten, womöglich noch unter den unfläthigen und un-
wissenden Hottentotten herunterzubringCD. „Schönheit, sagt z. B.
der hochehrwürdige Pater Lechner — eine Stelle, die ich schon
vor 30 Jahren in meinem P. Bayle anführte, nm die Hässlicbkeit
des Katholizismus gegen die katholisirenden Kunstfasler ad oculos
SU demonstriien, — säiHnheil also ,4st der Tugend der Oemuth'' —
aber ist Demuth nieht die fe^ehste Tugend des Katholiken, wenn
aueh nieht des Priesters, doeh des Laien? — „sehr geffthrlieh. In
Wttrzburg hat sieh desswegen ein Jttnger von Adel nnd grossem
Vermögen das Angesicht mit Koth bespritzt und ist im Bettler-
anzug um Almosen gegangen!'* So schmutzig, so unfläthig auch der
Hottentotte ist — er beschmutzt doch nicht das menschliche An-
gesicht absichtlich mit Koth. Zwar gestattet der Jesuitismus —
wie ist er doch so human und liberall — dem Menschen die natnr-
rechtliche Freiheit, sich seines Rothes zu entledigen ; aber es muss
nur mit £rlanbnis8 des Beichtvaters, des geistlichen Oberhauptes
Überhaupt geschehen. Wenn nämlich der Jesuit so demitthig, so
gehorsam ist, dass er sich selbst nieht den Sterbeakt, wie viel weniger
also einen unteigeordneten Naturakt erlaubt, ohne vorher dazu sieh
die Erlaubniss seines Voi^esetiten sn erbitten, wenn die heilige
Brigitta, auch eins von den heiH^n Vorbildern des Jesuitismus,
aus Demuth selbst ihre Augen ohne Krlaubniss ihres Beichtvatera
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niebt anfsiisclilageii und empor za richten sieh getraute*), so ist sie
doeh gewis», wenn dies gleiob niehl ansdrtteklieh gesagt] ist in
ihrer Lebensbeschreibung, weil es zu den innersten Geheimnissen
des Jesuitismus gehört, auch nicht ohne Erlaubniss ihres Beichtvaters
auf den Abtritt gegangen. Der römische Kaiser Vespasian be-
steuerte in seiner G^ldnoth selbst den niensohlichen Urin: warum
sollte der Jesuiten-Imperator in Rom nicht den mensehlichen Koth
in geistlichen Beschlag und Verschluss nehmen? Gewiss werden
wenigstens die modernen Jesuiten, bei denen jeder Zoll ein Katholik,
der KatholizismuB nicht nor bis ins Herz, sondern bis in den Mast-
darm eingedrungen ist, g^gen diese Konsequenz niobts einzuwenden
baben.
Also ancb dem schmutzigen Hottentotten ist es wold in sdnem
Sebmntze. Dennoch ist zwischen dem Wohlbefinden des Schmutzigen
und dem Wohlbefinden des Reinlichen nicht nur ein relativer und
subjektiver, sondern auch ein objektiver, wirklicher, gegenständlich
begründeter, thatsächlicher Unterschied vorhanden. Es ist etwas
ganz Anderes, ob ich das Ueble gut finde, richtiger ausgedrückt,
niolit als Uebeles empfinde mid erkenne, weil ich es gewohnt bin
nnd nichts Besseres kenne, oder ob ich das Gute selbst geniesse ; ob
ich selbst den hässUchsten Gegenstand nicht mehr rieche, wenigstens
ak etwas mieh Belitstigendes und Beleidigendes, oder ob ich wirküdie
Wobigerttebe einatbme. Es ist ein Untersolüed, so gross , so ob-
jektiv, so ausgemacht, wie irgend dn chemischer Unterscbied, wie
etwa der Unterscbied zwischen Stickstoff und Sanerstofi^ zwischen
•Schwefelwasserstoff und Ozon. Gestank nicht mehr riechen, ist
soviel wie Uberhaupt nicht mehr riechen; aber wie viele Genüsse,
wie viele wohlthätige — freilich auch entgegengesetzte — Nerveu-
erregungen entbehrt der, der nur einen abgestumpften oder gar
keinen Geruch hat! Gönnen wir also neidlos anch dem Hottentotten
seine Glückseligkeit, aber unterlassen wir es nicht, aufs schärfste zu
nnterscheiden zwischen stumpfsinniger und scharfsinniger, zwischen
katholischer und menschlicher, dmnmer und gebildeter, kothbefleckter
und kotfagereinigter Glückseligkeit! Jede vermittelst der Sdfe der
Kultor dem Einflnss von Luft und Licht neugeöffiiete Pore unsrer
Haut ist auch eine neue Quelle von Tugend und GlOckseligkeit
Allerdings ist selbst auch Licht und Luft von gleich guter Be-
schatl'euheit nicht von gleicher Beglückungskraft fUr Menschen von
*) it«vttlatioji«s 8. Bri^ttM. Gol Bod. et Brüx. ISöl. Vit» & B. j^. 7.
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versebiedeDer Beschaffenheit und Indmdnalitftt. Es gibt nover-
besserlich und unveränderlich schmutzige Menschen, die über die
Zumuthung, sich von ihrem schon durch sein Alterthum geheiligten,
von den Urvätern ererbten Schmutz zu trennen, so entsetzt und
empört sind, als mutlietc man ihnen zu, sich die Haut vom Leibe
ziehen zu lassen. Es gibt so licht- und lut'tscheue Menschen, dass
sie schlechterdings nicht das Leben in der freien und lichten Natur
vertragen, dass sie allein selig sind in dunkeln und dumpfen Löchern,
wo Erbten und Unken bansen, dass sie das Liebt als Finstemiss
schmähen, die Finstemiss dagegen als Liebt preisen. Kurz, es
gibt nnzählige Menschen und selbst Menscbenarten, die sich für
kerngesund halten, aber nnr, weil sie schon von Mutterleib an krank
gewesen sind, und folglich auch nichts von Gesundheit wissen nnd
wissen wollen. Aber folgt aus dieser eingebildeten Gesundheit des
Kranken, dass es keine wirkliche Gesundheit gibt, und dass diese
wirkliche Gesundheit nicht ein Gut an sich selbst ist? Man kann sich
bekanntlich auch an Gifte gewöhnen, selbst an Arsenik, und so
ein Arsenikesser sieht aus so gesund und frisch wie das Lebem
selbst, gerade so wie unser jetziger, renommistischer, mit seiner-
Lebenskraft sich brüstender Katholizismus; und doch ist diese*
WangenrOthe, dieser blendende Glanz und Schon von Lebensfnsche
nur Wirkung des tödtlichen Giftes, das er im Innern seines
Leibes birgt.
Aber selbst auch an das Gute, das Gesunde muss sich erst der
Mensch gewöhnen. Auch der beste Wein schmeckt nicht, wenn
man au keinen Wein oder nur an ganz schlechten Wein gewöhnt ist.
Ich kenne bayrische „Patrioten", fUr die der Sprung Uber den
Partikularismus ,,dcs bayrischen Nationalgetränkes" ein Salto mor-
tale ist, die bei einem Glase Wein das Gesicht verziehen und sich
gebärden, als böte man ihnen den sokratischen Schierlingstrank.
Ist dcssweg^ der Weingenuss und der Biergenuss von gleichem
GehaUe, von gleichem Werthe? Erl'reut das Bier des Menschen Herz
ebenso wie der Wein? Steht etwas vom Biere in der heiligen Schrift?
Oder hat vielleicht wirklich schon der gelehrte, theologische Aber-
witz der Neuzeit ans den Rippen Adams oder den Lenden Noabs
den Gambrinus herausgeschnitten, den biblischen und christlicben
Ursprung, natürlich vor Allem des Bieres par excellence, des bayri-
schen Bieres nachgewiesen? „Aller Anfang ist schwer", heisst es
auch hier Uberall, im Grössten wie im Kleinsten, im Höchsten wie
im Gcm^inj^ten. Und, leider! gibt es unzählige Menschen und
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Völker selbflti die vor den Sebwierigkeiten und Widenrärtigkeiten
des An&ogs znrtteksehandern, oder, wenn sie anch diese mit Mtthe
nndNoth überwinden, docb niebt weiter nnd bdber sebreiten, sondern
zeitlebens erscUafft auf halbem Wege stehen bleiben, weil jeder
Fortschritt ein Abschnitt, mit jedem Abschnitt ein neuer Anfang,
und mit jedem neuen Anfang auch wieder neue bchwierigkeiten,
mar anderer Art als die allerersten, verbunden sind.
^Noth meistert alle Gesetze und hebt sie auf."
^Das Qebot: Da sollst glflekHeb sein, ist ein tbdricbtes/' Eben
ein Bolebes ist aber aneb das Gtebot : Da sollst moralisob oder tagendr
haft sein. ist eine grundverderblicbe, gcmeinsebttdlicbe Vor-
stellaDg, dass die Moral nnr vom Willen abhänge. Es ist dies
nichts als der alte, nur ins Gebiet des Moralischen, in den mensch-
lichen Willen versetzte Mirakelglaube. So gut die Glttckseligkeit
nicht allein von mir abhUngt, obgleich sie nicht ohne meine Mit-
wirkung und Selbstthiltigkeit mir zu Theil wird, so gut hängt auch
die Moralität nicht aliein von meiner willkürlichen Thätigkeit,
sondern auch von äussern Gütern, von der Natur, vom Körper ab.
iEs gibt keine Glückseligkeit ohne Tugend, ihr habt ßecht, ihr
Moralisten, ieb stimme encb von Herzen bei, ieh habe es ja sobon
eben eneb sagegeben; aber merkt es eacb, es gibt aaeb kerne
Tagend ebne Glttckseligkeit — and damit fällt die Moral ias Gebiet
dar PriFatOkonomie and Nationalökonomie. Wo nicht die Bor
dingnngen zor Glttckseligkeit gegeben sind, da fehlen auch die
Bedingungen der Tugend. Die Tugend bedarf eben so gut als der
Körper Nahrung, Kleidung, Licht, Luft, Raum. Wo die Menschen
so aufeinander gepresst sind, wie z. B. in den englischen Fabriken
und Arbeiterwohnungen, wenn man anders öchweinestUUe Wohnungen
nennen kann, wo ihnen selbst nicht der Sauerstoff der Luft in zu-
veicbender Meoge zngetheilt wird — man vergleiche hierüber die
wenigstens an anbestreitbaren Thatsachen interessantester, aber aaeb
sohaaerlicbster Art reiche Schrift von E. Marx: „das Kapital" —
da ist aneb der Moral aller Spiebraam genommen, da ist die Togend
höchstens nnr ein Monopol der Herren Fabrikbesitzer, der Kapi-
talisten. Wo das zam Leben Notbwendige fehlt, da fehlt aaeb die
sittliche Nothwendigkeit. Die Grundlage des Lehens ist auch die
Graudlage der Moral. Wo du vor Hunger, vor Elend keinen Stoff
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— m
im Leibe hast, da hast du auch in deinem Kopfe, deinem Sinne
nnd Henen keinen Qrand «nd Stoff xnr Moral Wer wird ei
leugnen wollen, diw es anoh Menschen gil»t| die lieber Hanger
leiden, oder eelbet Hangers sterben, ehe sie sieh eines rarbreehe-
riseben Sebarkenstreiehes sehnldig machen? Leider gibt es oft
genug solche Zeiten, wo die Tagend Hunger leidet, nur der Schurke
mit äussern Glttcksgütern gesegnet ist. Aber solche Menschen haben
doch in ihrer iViihern Lebensstellung, vielleicht schon von Kindheit
an, Zeit und Gelegenheit gehabt, au noch ganz andere Dinge und
Geulisse zu denken, als nur an Essen und Trinken, und in diese
andern Dinge so sich einzoleben und einzuüben, dass sie ihnen so
anentbehrlioh geworden sind, wie das t&glielie Brod« Sie haben sich
Ton Jngend an nicht an Schorkenstreiehe gewohnt^ oder nieht nar anf
solche Dinge gesonnen nnd sich dieselben einstadirt, denn noHi-
wendiges Besnltat sddie Handinngen sind, dämm begaben sie aich
selbst in der Koth keine Schnrkenstreiehe. „Gewohnheit ist das
GeheimnisB der Tugend freilich auch des Lasters; aber jener
Satz entliillt eben die stillschweigende Voraussetzung, dass man
sich auch au die Tugend gewöhnt. Solche edle Menschen mügen
wir in erbärmlichen Zeiten stets als erhebende und ermuthigende
Vorbilder uns vorhalten, aber sie sind Ausnahme von der Regel|
sie beweisen nichts gegen die Behauptung, dass die nothwendigen
Lebensmittel auch die nothwendigen Tngendmittel sind.
Nicht „der gnte Wille der Moralphilosophen'', aber aoek nicht
der hinxatretende klage, den eignen Sckwilchen and Veiiockangen
znm Verbrechen recbtaeitig begegnende „Verstand^' der Kriminalisten
h 1a A. Fenerbacb — nar die Glttckseligkeit, aber nicht die
luxuriöse, die aristokratische, S(mdem die gemeine, plebejische
Glückseligkeit, die mit dem Genüsse des Nothwendigen, was freilich
auch relativ, je nach dem Standpunkt der Menschheit verschieden
ist, nach gethaner Arbeit verbundene Glückseligkeit, nur diese ist
es, welche im Grossen und Ganzen die Menschen vom Laster und
Verbrechen abhält Wollt ihr daher der Moral Eingang verschaffen,
so schafft vor allem die ihr im Wege stehenden, materiellen Hinder>
nisse hinweg! Alles aber, was mit der nothwendigen , mit dem
menschlichen Leben identischen GlttokseUgkeit im Widenpraehe
steht, das steht aach der Tagend im Wege nnd mit ihr im ITOttv
sprach. Das delphische Orakel erkUMe im Gegensalae m dem
dämmen K9nig Gyges oder KrOsas, der sich wegen seines aner-
messlicben Reichthums fHr den glücklichsten Menschen hielt, den
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armen und tugendhaften Arkader Aglaus für den Glücklicheren.
Aber der arme nnd tugendhafte AglaoB hatte doch emen. eignen,
swar kldnen, aber za seinem Lebensunterhalt vollkommen hin-
reiehenden Aeker. Sein MoraUystem war also anf guter materieller
Grundlage anferbaut Wo aber die eigentliche Armuth, die Noth
beginnt, wo der Glttckseligkeitstrieb so herunter gesunken ist, dass
er sich nur auf die Befriedigung des Nabrungsbedürl'nisses, auf
Stillung des Hungers beschränkt, da schweigt auch das delphische
Orakel und der kategorische Imperativ. Noth kennt keiu Gebot,
heisst es schon im SprUchwort. „Von 100 iStrassendirnen Lon-
dons — lese ich eben in einem alten Exzerpt aus der Beilage
xnr Angsbnrger Allgemeinen Zeitung vom 26. April 1858 — „sind
erwiesenermassen 99 Opfer der Noth'^ Neunundnennsig Opfer der
Kotbi nieht der sinnliehen Lust, nioht des Mangels an gutem Willen
und Verstand oder gar an Glaube, welchem Hangel die geistliehen
Herren, Ihrem Interesse und Berufe gemSss, alle Laster und Verbrechen
der Welt anfbtirden , ndnl nur Opfer des Mangels an den notii-
wendigsten Lebensmitteln! Wahrlich, man kann auch von den
Londoner Strassendirnen Moral lernen — lernen, dass ihre Ver-
worfenheit nur von dem verworfnen, verneinten Glückseligkeitstrieb
abstammt, dass die Pflicht der Tugend das unumgängliche und
unumstössliche Recht, das heilige ^atorrecht des GlUckseligkeits-
triebes zur Voraassetzung hat.
Uebrigens sind wir mit dieser Unterscheidung zwischen den
Motiven schon ttber das Gebiet „der Pflichten gegen sich selbst^'
in das Gebiet der Pflicbten gegen Andere ttbergegangen, damit in
den »weiten Theil der Moral, der aber so sehr das Ganae beherrseht,
dass selbst ancb die auf das eigene Selbst sich beziehenden Pflichten
nur als Pflichten gegen Andere angesehen nnd behandelt werden
können, dass hier erst die grosse Streitfrage zwischen Pflicht und
Glückseligkeit, hier erst die Frage: was ist denn Moralisch, was
das charakteristische Merkmal und Fundament der Moral? sich
aufthut. In der That ist Moral eines für sich allein gedachten In-
dividuums eine leere Fiktion. Wo ausser dem Ich kein Da, kein
anderer Mensch ist, ist auch von Moral keine Bede, nur der gesell-
schaftlicbe Mensch ist Mensch. Ich bin Ich nur durch Dich und
mit Dir. Uih bin meiner selbst nur bewusst, weil Du meinem Be-
wusstsein als siehtbaies und greifbares leb, als anderer Mensch
gegenttberatahst Weiss idi, dass ich Mann bin und was der Mann
ist, wenn mir kein Weib gegenftbersteht? Ich bin meiner selbst
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— m —
bewnssty heisst: ich bin mir Vor Allem Anderen' bewQBSti daBS ich
ein Mann bin, wenn ich nämlich ein Mann bin. Das gleiebe, nnter-
.scliiedslose und geschloclitslose Ich ist nur eine idealistische Chimäre,
ein leerer Gedanke. Nur der ins ganze und innerste Wesen dringende
Einschnitt ins Fleisch, der Mann und Weib von einander geschnitten,
wenn wir einer platonischen Mythe einen Augenblick Zeit und Raum
gönnen, begründet oder verwirklicht und versinnlicht erst den Un-
terschied zwischen Ich und Du, auf dem unser Selbstbewusstsein
beruht Sind denn nicht aber auch die Thiere männliche und weib-
liche? Ja freilich, aber was bat denn nieht Alles der Mensch mit
den Thibren gemein? Der Unterschied ist nnr, dass das mit ihnen
Gememsame in ihm ▼ermenschlieht, yergeistigt, veredelt , leider!
aber aneb oft veranstaltet nnd versclileehtert wird.
Wie zur Entstehung des Menschen — versteht sich nach voraus-
gegan^aier Urzeugung, von der wir noch nichts Bestinuntes wissen,
nur so viel, dass der aus ihr hervorgegangene Mensch noch kein
Mensch, wenigstens in unserem Sinn — ein solcher war erst der
zweite, der vom Menschen gezeugte und enipfangne Mensch — wie
also zur physischen Entstehung des Menschen, so gehören auch
znr geistigen Entstehung^ znr Erklärung der Moral, zum allerwenig^
sten awei Mensehen — Mann und Weib. Ja, das Gesehlechtsver-
hUtniss kann man geradezu als das moralisehe Gmndverhftltniss,
als die Grundlage der Moral bezeichnen. In emem wahren Kultur-
staat, wovon fir^ieb unsre gleissenden Scheinkulturstaaten noch
unendlich entfernt sind, ist daher eine Kirebe, die ihren Priestern
die Ehelosigkeit zum Gesetz macht, eine moralische Unmöglichkeit.
Gesetzliche Ehelosigkeit ist so viel als ein gesetzliches Verbrechen.
Wo aber ein Verbrechen und zwar ein solches gegen die Natur
des Menschen anerkannt und sanktionirt ist, da ist an sich jedes
Verbrechen gegen sie geheiligt. Doch die aus dem Geschlecbts-
verhttltniss abgeleitete Moral liegt ausser dem Plan dieser Schrift;
fttr nnsem gegenwärtigen Zweck halten wir uns nicht an die ge-
heimen, sondern die offenbaren, n^nnigUeh bekannten Folgen der
Paarung.
Wie leicht ist es doch, die sogenannten Piiehten gegen sieh
in Uebereinstimmung mit dem Glttckseligkeitstriebe zu bringen.
Aber was hat die Moral mit diesen sogenannten laichten zu schaffen?
Von Moral kann nur da die Rede sein, wo das Verhältniss des
Menschen zum Menschen, des Einen zum Andern, des Ich zum
Du zur Sprache kommt. Einen moralischen Sinn und Werth haben
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die Pfliohten ge^en sich nur, wenn sie als indirekte Pflichten gegen
Andere erkannt werden, wenn anerkannt wird, dass ich nnr, weil
ieh Pflichten gegen Andere — meine Familie, meine Gemeinde,
mein Volk, mein Vaterland, — aneh Pflichten gegen mich selbst
habe. Gnt und Moralisch ist dasselbe. Gnt ist aber nur, wer
Anderen gut ist. Aber wie kommt denn ums Ilimnielswillen der
Mensch von seinem egoistischen GUickseligkeitstrieb aus zur Aner-
kennung der Pflichten gegen andere Menschen? Darauf ist zu er-
widern, dass diese Frage schon längst die Natur selbst entschieden
und gelöst hat, indem sie nicht nur einen einseitigen und auss( hliess-
lichen, sondern anch zwei- und gegenseitigen Glttckseligkeitstrieb
henrorgebracht, einen Glttckseligkeitstrieb, den man nicht an sich
selbst befriedigen kann, ohne zugleich, selbst nolens' yolens, den
Glflckseligkeitstrieb des andern IndiTidonms zn befriedigen, knrz,
einen männlichen nnd weiblichen Glttckseligkeitstrieb, also in Folge
dieses dualistischen Glttckseligkeitstriebes das Dasein des egoistischen
Menschen an das Dasein anderer Menschen, wenn auch nur seiner
Eltern, seiner Brtlder und Schwestern, seiner Familie gebunden
ist, so dass der egoistische Mensch ganz unabhängig von seinem
guten Willen, schon von Mutterleibe an die Güter des Lebens mit
seinem Nächsten tbeilen muss, schon mit der Muttermilch also, mit
den Elementen des licbcns auch die Elemente der Moi al einsaugt,
als da sind Gefühl der Zusammengehörigkeit, Verträglichkeit, Ge-
meinsehaftlichkeit, Beschrilnkung der unumschränkten Allemherr-
Schaft des eignen Glttckseligkeitstriebes. Und wenn alle diese un*
willkttrlichen, physisch-moralischen Einflttsse an dem unbeugsamen
Starrsinn des Egoisten wirkungslos scheitern, 'Zweifelt nicht! dann
werden ihn die Püffe seiner Brüder und die Knifl'e seiner Schwestern
Mores lehren — lehren, dass auch der GUickseligkeitstrieb der An-
dern ein berechtigter ist, so gut als der seinige, ja ihn vielleicht
selbst sogar zu der Ueberzeugung bringen, dass mit der Glück-
seligkeit der Seinigeu seine eigne aufs innigste verwachsen ist.
Wer aber auch auf diesem familiären Wege nicht zur Anerkennung
der Pflichten gegen Andere kommt, der wird von Rechtswegen, um
uns aus dem engen Kreise der Familie aufs Gebiet der menschlichen
Gesellschaft zu versetzen, durch Anwendung von Gewaltmassregeln
dazu gezwungen.*)
*) Vtrgl. X. 00 IC. ..dos Prinzip iler Sittenlehre'*: .Autonomie — ileterunüuiie.
(.irüii, Ki'Ucrliiti'lis ltii»-fw»M-lisfl ti. Nurlilass. Ii. l«)
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Das Recht ist auch Moral, aber Moral, deren Gebiet ein so
bestimmtes und begränztes, dass ihre Pflichten nnr beachtet werden
können, weil ihre Nichtbeachtung mit peinlichen oder bürgerlichen
Straten verbunden ist, darum, wie die Gescliichte beweist, die älteste,
aber heute noch, wenn auch nicht in der Theorie, doch im Leben
gültige und wirksame Moral. Welche eitle und unfruchtbare Be-
mühung daher, aus der modernen idealistischen, vom Bechte unter-
schiedenen Moral doch wieder das Hecht dednziren zu wollen!
Eine Deduktion, die übrigens, so verkehrt sie ist, einen gnten
historischen Grand bat; denn sie ist nnr, wie die philosophiscbe
Ableitung der Welt ans dem Ich, die legitime Nachkommenschaft
von der alten nnd geheiligten Erklärung der Welt ans Gott.
Peinliche. Zwangs- nnd Strafmittel stehen nnn allerdings im
schreiendsten Widerspruche mit dem Glflckseligkeitstriebe , aber
doch nur mit dem des Leidenden, nicht nnt dem der sie Ausübenden.
Wer aber ciumal nicht gut und freiwillig den GlUckseligkeitHtrieb
der Andern anerkennt, ja seihst geradezu verletzt, der muss es
sich auch gclallen lassen, wenn sie an ihm das Widervergeltungs-
recbt, das Eecbt des Khadamantes, des furchtbaren Höllcnrichters
anstlben, wenn sie überhaupt zur Vorsorge ihr die Zukunft ihm
nnd seines Gleichen gegenüber — nnd gegebenen Falls ist jeder
Mensch möglicher Weise seines Gleichen — ihr Gut und Blut nicht
dem wehriosen guten Willen der Moral, sondern dem bis an die
^hne bewaffheten Rechte zum Schutze anvertrauen. Die vom
Rechte abgesonderte Moral verheisst uns zwar sehr viel, unendlich
mehr, als das Recht, aber ihre Leistungen bleiben meist unendlich
weit, oft gänzlich hinter ihren Verheissungen zurück; das Recht
dagegen verheisst uns wenig, dafür aber hält es aufs strengste,
was es verspricht. Wir stellen an Dich, unverbesserlicher Egoist!
durchaus keine übermenschlichen Forderungen, wir anerkennen
sogar Deinen Egoismus, nur verlangen wir dafür von Dir, dass Du
auch unsem Egoismus anerkennst ; wir raachen gar keine Ansprüche
an Deine Grossmuth nnd Freigebigkeit, wovon Du ja nichts weisst
und wissen willst, wir verlangen nur von Dir, dass Du uns nicht
nimmst, was unser ist, dass Du uns ungeschoren im Genuss
unseres Besitzes oder Erwerbes schalten und. walten lilsst, kurz
wir verlangen von Dir nicht Moral, sondern nur Recht oder nnr
die mit dem Recht identische Moral : Rechtlichkeit, mit andern
Worten: nicht ,,Tngendj)flichten", nur „Rechtspflichten".
Was ist denn nun aber Moralisch ? Was macht unsre Gesinnung
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291
und Handlung zu einer moralischen? Müssen wir in der Moral das
direkte Gegentheil von dem, was Recht und Rechtens ist, sein und
thim? Müssen wir hier uns Alles gefallen lassen? widerstandslos
uns hier das Hemd vom Leibe ziehen lassen oder besser selbst
ziehen, nm nnsre gänztiehe Eigenthnmslosiglceit, Interesselosigkeit
.nnd Selbstlosigkeit als das wahre Muster der Moral in voller Blosse
hinzustellen? Befindet sich die Moral in der Schwebe, wie der
Geist eines Verstorbenen", wie einst ein Landpfan-er in einer Grab-
rede sagte, d. h. schwebt die Moral in der LuftV Hat sie keinen
Fuss mehr auf dem Boden des Rechts? Gilt hier nicht mehr das
Grundrecht der Selbst- und Nothwehr? nicht mehr der egoistische
Glückseligkeitstrieb? Hören wir in der Moral auf, Menschen zu sein?
sollen wir den Engeln oder irgend welchen himmlischen, körper-
und selbstlosen Phantasiewesen gleich werden? Nein! wir wollen
anch in der Moral Menschen bleiben oder vielmehr es erst recht
werden, denn das Recht fllr sich selbst ist allerdings ein einseitiger,
unvollständiger, beschränkter, engherziger Ausdruck des mensch-
lichen Wesens; wir bedürfen zu seiner Ergänzung eine Erweiterung
und Erhebung ttber den herzlosen Rechtsegoismns der Moral. Rottet
aber desswegen die Moral den Egoismus überhaupt, den vielleicht
besser mit dem nicht so verschrienen Namen der Selbstliebe be-
zeichneten ^ den, theologischen und moralischen Hypokriten gegenüber,
mit vollkommenem Rechte sogenannten Egoismus mit Stumpf und
Stiel aus? Fordert sie eine nur aus dem Himmel der Theologie
stammende und nur in diesem Himmel heimische Uneigennützigkeit?
Ganz richtig: gut ist nur, wer Andern als sich gut ist. Aber ist
von diesem Gutsein gegen Andere das Gutsein gegen . sieh seihst
ausgeschlossen? Darf ich mir selbst nichts Gutes gönnen? muss
ich mich hassen, anfeinden, verleugnen, vememen, um das Prädikat
eines moralischen Menschen zu verdienen, mich schlechterdings
unglücklich machen, um Andere zu beglücken ? Verdammt, kurzum,
die Moral den eignen Glückseligkcitstrieb oder abstraliirt wenigstens
von ihm als einem sie verunreinigenden Triebe? Mit Nichten, aber
allerdings die Moral kennt keine eigne Glückseligkeit ohne fremde
Glückseligkeit, kennt und will kein isolirtes, von dem Glück der
Andern abgesondertes und unabhängiges, oder gar mit Wissen und
Willen auf ihr Unglück gegründetes Glück, kennt nur eine gesellige,
gemeinschaftliche Gltlckseligkeit.
Die Moral verdirbt und verttbelt uns nicht, wie die katholische
Heiligkeit, wie wir schon oben an dem Beispiel der heiligen Adel-
19*
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— iü^ —
gonde sahen, den ästbetischcn Gesebmack, den Wohlgeschmack an
guter geistiger und leiblicher Nabrung; es ist also nicht nnmoraliscby
Gutes zu essen, aber es ist unmoralisch, als Familienvater, um bei
der nächsten und engsten menschlichen (Gemeinschaft stehen sn
bleiben, diesen Genuss nur mir allein mit Ausschluss der Meinigen
oder p:ar auf Kosten ihres eignen Kabrungsbedflrfnisses zu gönneo.
Was aber die Moral uns gebietet, uns zu beschränken in unsern
Lebensbedürfnissen, wenn sie nur zum Nuchthcil und Verderben
der Anderen boi'riedigt werden können, das thut der wahre, nuister-
gtihigje Familienvater von selbst, aus eignem Antrieb; denn das
mit den 8einigen getheilte Stück trocknen Brodes schmeckt und
bekommt ihm besser, als das allein für sich genossene, saftigste
BratenstUck.
Die moralischen Uyperphysiker haben dem sinnlichen Genuss
in aristokratischem GtedankendQnkel alles Recht, allen Antheil an
moralischer Gesetzgebung abgesprochen, weil er der Allgemeinheit
ermangle, nur singnlär und partikulär sei ; und doch beweist jeder
alltägliche Familientisch, jeder öffentliche Festschmanss, wo vielleicht
sogar die in ihren politischen, m( »raiischen und religiösen Meinungen
uneinigen Köpfe nur im guten Essen und Trinken einig sind, dass
es auch einen gemeinschaftliehen Geschmack gibt.
Aber gilt das nur von den Gegenständen des Geschmackssinns,
der Sinne überhaupt? Gilt dasselbe nicht auch und vielleicht noch
mehr von den abstrakten, den un- und Ubersinnlichen Gegenständen?
Alle Menschen unterscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen
Becht und Unrecht; aber was ist Recht, was Unrecht? lieber diese
allgemeinen Fragen findet keine Uebereinstimmung statt, namentlich
wenn man seine Blicke ttber die Gränzen seines Landes und Volkes
hinaus schweifen lässt. Was tibrigens den Unterschied der Ge-
schmäcker anbetrifft, so tritt dieser — und dies ist eine für die
Sache des Gliickseligkeitstriebcs höchst wichtige Bemerkung —
eigentlich erst hcMTor auf dem Ocbiete der aristokratischen Koch-
kunst, der (Tourmandisc; sie bezieht sich nicht auf die einfachen,
noth wendigen, allgemeinen, wenn auch nur, wie alles Menschliche,
relativ allgemeinen, volksthüniliehen, landessittlichen Speisen. Wie
sind im Genüsse und Preise solcher Speisen alle Zungen und Herzen
einstimmig! Nur wo der Kaviar oder sonst ein exotisches Beizmittel
des Appetites den Anfang macht, hört der Gemeingeist des Ge>
schmacks auf, wird der Geschmack und mit ihm die menschliche
Glückseligkeit überhaupt „subjektiv", „partikular** und „singuför«,
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293
wozu ibo nnsre Bpeknlativen Philosophen ohne Unterscheidung
zwischen exciuisiter table d'höte nnd gemeiner Haosmannskost ge-
macht haben.
Es ist aber desswegcii keincswegR uiHuuialiscli, Leckerbissen
zu speiisen, wenn man dazu die Mittel hat und dai liber nicht andere
PHichten und Aufgaben versäumt; aber unnioraliscli ist es, das
Gute, das man sich gönnt, Andern zu entziehen oder nicht zu
gönnen, nur den eignen, niclit auch den Gltickscligkeitstrieb der
Andern als eine berechtigte Macht theoretisch und praktisch an-
znerkennen, nicht das Ungltlck Anderer wie eine Verletzung des
eigenen Glflckseligkeitstriebes zn Herzen za nehmen. Thätige Theil-
nabme an Anderer Glfick nnd Unglttck, Glttcklichsehi mit den
Glücklichen nnd Unglttcklich mit den Unglücklichen — aber nur,
am womöglich, wie sich Übrigens von selbst versteht, dem Uebel
abzn helfen — das allein ist die Moral. Wir haben für die Pflichten
gegen Andere keine andere Quelle, aus der wir schöpfen könnten,
was gut oder böse, keinen anderen IStotf und Massstab, als für
die Pflichten gegen uns selbst. Gut ist, was dem menschlichen
Gliickseligkeitstriebe gemäss ist, böse, was ihm mit Wissen und
Willen widerspricht. Der Unterschied liegt nur im Gegenstande,
nur darin, dass es sich hier um das eigene, dort um das niulore Ich
handelt Und die Moral besteht eben nnr darin, dass ich Dasselbe,
was ich in der Beziehnng anf mich selbst anbedenklich gelten lasse,
auch in der Anwendung nnd der Beziehong anf Andere gelten
lasse, bekrftftige nnd bethätige. Die eigene Glückseligkeit ist aller-
dings nicht Zweck und Ziel der Moral, aber. ihre Grundlage, ihre
Voraussetzung. Wer ihr keinen Platz in der Moral einräumt, wer
sie hinauswirft, der öfl'nct diabolischer Willkür die Thtlre; denn
nur aus der P^l'alirung meines eigenen GlUckseligkcitstricbcs weiss
ich, was gut oder böse ist, was Leben oder Tod, was Liebe oder
Hass ist und wirkt, reiche ich daher dem Hungernden nicht statt
Bredes einen Stein, dem Durstenden nicht statt Trinkwasser Scheide-
waaser. „Derjenige,^' sagt der chinesische Weltweise Confucius,
„dessen Herz redlich ist nnd der für Andere dieselben Ge-
sinnungen hegt, als für sich, entfernt sich nicht von dem
Moralgesetze der Pflicht, welches den Menschen durch ihre ver-
nünftige Natur vorgeschrieben ist; er thut Andern nicht, was
er nicht wttnscht, dass man ihm thne.'' Und an einer
andern Stelle: „Was man nicht wünscht, dass es uns gethan werde,
das uiuäs mau auch Audern nicht thun!'' Im neuen Testament
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294
wird dieser Satz bekanntlich bo ausgesprochen: „Alka^ was ihr
wollet, dass euch die Leute than soUen, das thnt ihr ihnen.'' Er
kommt übrigens anch schon, negativ ansgedrflckt, im alten Testa-
ment vor, eben so bei den Griechen, den Körnern und vielen aiuUrn,
selbst unkultivirten Völkern. Unter den vielen moralisclicn (Irund-
sätzen und Vorsclirit'ton, die man ausgeheckt hat, ist dieser seldichtc,
populäre Grundsat/, der beste und wahrste und zuf^leieh einleuch-
tendste und überzeugendste, weil er das llerz trifft, weil er den
eigenen GlUckseligkeitstrieb zu Gewissen führt. Was Da nicht
wünschest, dass man Dir thae, wenn Du hast, was Du wünschest,
wenn Da glttcklieh bist, dass man also Dur Uebles oder BOses
thue, das thue auch Andern nicht; und was Du wttnschest, dass
sie Dir thun, wenn Du UDglttcklieh bist, dass sie Dir nämlich bei-
stehen, wenn Du Dir selbst nicht helfen kannst, dass sie Dir Gutes
thnn, das thue Da anch ihnen, wenn sie Deiner bedürfen, ^enn sie
unglücklich sind. — Was will man mehr verlangen V „Aber das ist
ja doch immer nur eine egoistische Moral V" Ja wohl, aber dafür
auch gesunde, schlichte, clirliche und redliche, menschliche, in
Fleisch und Blut dringende, nicht phantastische, gleissnerische,
scheinheilige Moral.
Der vor den übrigen deutschen spekulativen Philosophen durch
seine Unnmwundenheit, Klarheit und Bestimmtheit ausgezeichnete
.»Schopenhauer hat im Gegensatz zu den hohlen philosophischen
Moralprinzipien das Mitleid als dieGrundUge der Moral, als die
einzige Echt moralische und zugleich lebendige, im Menschen wirk-
same Triebfeder hervorgehoben. ^^Gränzenloses Mitleid sagt er
2. B. unter Anderm, „mit allen lebenden Wesen ist der festeste und
sicherste Bürge für das sittliche Wohlvcrhalten und bedarl keiner
Kasuistik. Wer (lav(»u erfüllt ist, wird zuverlässig Keinen verletzen,
Keinen beeinträchtigen, Keinem wehe thun. Jedem helfen, soviel
er vermag, und alle seine Handlungen werden das Gepräge der
fJerechtigkeit und Menschenliebe trafen.'' Ausgezeichnet durch
Wahrheit und Klarheit ist, wie er nun an einzelnen Beispielen
nachweist, dass nur der grOsste Mangel an Mitleid es ist, der einer
Tbat den Stempel der tiefsten moralischen Verworfenheit und Ab-
seheulichkeit aufdrflckt, wie er namentlich nachweist, dass anch
„der ersten und grundwesendiehen Kardinaltngend, der Gerechtig-
keit", dem Neminem laede, „Verletze Niemanden'', nicht ein All-
gemeingespenst, nicht die „Idee" oder Pflicht der Gerechtigkeit in
abstracto, sondern das Mitleid zu Grunde liegt. Aber wie ist es
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— 295
möglich, zu verkennen, dass dem Mitleid selbst wieder der Glück-
seligkeit8trieb zu (irundc liegt? Dass diese Sympathie mit dem
Leidenden nur aus Antipathie gegen das Leiden, aus dem nicht
leiden y aus dem glückselig sein Wollen entspringt, dass also das
Mitleid nur der mit den Verletzungen des fremden oder andern
Glttckseligkeitstriebes mitverletzte, mitleidende, eigne GlUekseligkeito-
trieb ist? Je gieiobgttltiger, je unempfindlicher ein Mensch gegen
eigne Schmerzen ist, nm so unempfindlicher wird er auch gegen
die Schmerzen Anderer sein. Und nur weil ihm die Schmerzen
Anderer selbst wehe thun oder wenigstens ihn in seinem Glücke
stören, weil er sich selbst unwillktlrlich , ohne alle Berechnung
wohlthut, indem er ihnen wohlthut, leistet er ihnen thiitigcn Beistand.
Macht was ihr wollt — ihr bringt ninmiermehr allen und jeden
Egoismus vom Menschen los ; aber unterscheidet, ich kann nicht oft
genug daran erinnern, zwischen bösem, unmenschlichem, herzlosem
und gutem, theiiuehmeudem , menschliehem Egoismus, zwischen
unwillkürlicher, argloser, in der Liebe zu Andern, und willkürlicher,
absichtlieher, in der Gleichgültigkeit oder gar Bosheit gegen Andere
sich befiriedigender Selbstliebe. Wer allen Eigenwillen aufhebt,
hebt damit auch das MiÜeid auf. Für wen die Glückseligkeit nur
Selbstsucht, oder nur Schein und Tand ist, tUr den ist auch die
Unglückseligkeit, die Mitleidswttrdigkeit keine Wahrheit; denn das
Oweh ! geschrei des Elends ist nicht weniger selbstsüchtig und eitel,
als der Ausruf der Lust und Freude. Wer für das Nirvana
oder sonst eine metaphysische, übersinnliche Nul-
lität oder Realität als die höchste Wahrheit für den
Menschen schwärmt, für den ist die menschliche,
irdische Glückseligkeit ein Nichts; aber eben so auch
das menschliche Leid und Elend ein Nichts, wenn er
wenigstens konsequent sein will Nur wer lUe Wahrheit
des individuellen Wesens, die Wahrheit des Glttckseligkeitstriebes
anerkennt, hat ein wohlbegrttndetes, mit seinem Prinzip, seinem
Grundwesen übereinstimmendes Mitleid. Wenn daher der Bud-
dhismns das Mitleid als die hl^ohste Tugend preist, so beweist er
damit, dass er, obgleich nur auf indirekte und negative Weise,
nichts weiter als Glückseligkeit will und bezweckt.*)
*) In dem Mit- Leid liegt der Ton anf dem Leid* der Sympathie mit dem
Elend des Ptseiui»; Mit- Freude gibt es da Jioiue. ü
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2ÜG
»
Der Einklang des Gewissens mit dem Gltteli-
seligkeitstrieb.
„Immer und immer nur Glücköcligkeit! »clbst auch in der
Moral! Wer kann das mit seinem Gewissen zusammenreimen V
Was ist das fttr eine Moral, die nur auf die Stimme des Glttck-
Seligkeitstriebes hi^rt, aber nichts vom Gewissen weiss und wissen
will? Ein sehOnes Ding — eine gewissenlose Moral! Wie leieht
ist es doehy untergeordnete Widerspruche gegen den Glttckseligkeits-
trieb zn beseitigen, wenn man den Hanptwiderspmch, das Gewissen,
unberficksicbtigt lässt! Wie viele Menschen haben, lediglich von
ihrem GcwiHsen getrieben, sicli selbst vor Gericht angeklagt, sich
selbst also dem liieliter zur Bestrafung überliefert! Beweisen
solche Handlungen nicht eine vom OlUckseligkeitstriebc unabhängig
und ihm entgegenwirkende Macht ? Hat man dcsswegen nicht mit
vollem Hechte, und in früheren Zeiten fast einstimmig, das Gewissen
als das Zeugniss eines im Menschen wirkenden, aber vom Menschen
nnterschiedenen Wesens*, eines Gesetzgebers, Richters, Gottes, an-
gesehn?" Die Stimme des Gewissens wäre also eine Stimme gegen
den Glflckseligkeitstrieb, und zwar eine solche, vor welcher er be-
schämt verstummen mttsste, wie überhaupt vor Gotteswort Menschen-
wort? Aber haben Sie, hochehrwttrdiger Herr Pastor! denn ieh
weiss, dass der Einwurf mit dem Gewissen nur ans Ihrem, nur
aus geistlichem Munde stammt, schon vergessen, was ich eben
entwickelt habe, vergessen, daSs, was Sic dem Menschen ins Ge-
wissen hineinschieben und mit demselben sagen wollen, ich schon
in dem GlUckseligkeitstriebc enthalten sehe und nicht nur sehe,
sondern als enthalten darstelle; dass es, wenn auch nicht für die
Schule und die philosophische Abstraktion, doch in Wahrheit und
Wirklichkeit keinen einfachen, sondern einen doppelten, zweifachen
Glttckseiigkeitstrieb gibt, wenigstens einen männlichen und weib-
lichen, wenn wir in Gedanken das menschliche G^ellschaftswesen
auf das Minimum beschränken; dass die Autonomie des männlichen
Glflckseligkeitstriebes, so sehr er auch von jeher den Grundsatz
des neuesten Staatsrechts: „Macht geht vor Recht'* gegen das
schwächere Geschlecht geltend gemacht hat, doch immerhin wenig-
stens in gewissen Beziehungen in die Heteruiiomie des weiblichen
Glückseligkcitstricbcs sich fügen und schmiegen niusste; dass also
das Gewisseu, dieses mj^stiscbe „Mittelding zwischen Gott and
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297
Meosob'', medinm inter Dettm et Hominem, wie es eiD Tbeolog
naonte and Andere, selbst Pbilosopben, wie Kant, der Tbat nacb,
wenn anob niebt mit denselben Worten bezeicbneten, in Wabrbeit
niebts andres ist, als die Mitte, als das Band swiseben Mann und
Weib, zwischen Ich und Du, zwischen eigner und fremder Glück-
seligkeit.
„Das Gewissen ist der alter ego, das andere Ich im Ich,"
sage ich in meiner Theogonie, und in meiner letzten Schrift hcisst
es vom Gewissen: „Das Ich ausser mir, das sinnliche Du ist der
Ursprung des ,,ttber8innUchen" Gewissens in mir. Mein Gewissen
ist nichts anderes, als mein an die Stelle des verletzten Du sich
setzendes leb, niebts anderes als der Stellvertreter der Glückseligkeit
des Andern auf Grnnd nnd Gebeiss des eigenen Glttekseligkeits-
triebes.'^ Was beisst: das andere leb im leb? Docb wobl niebt,
wie sieb fUr den Verständigen von selbst versteht, das andere leb
mit Haut und Haaren, mit Fleisch und Bein, sondern das vor-
gestellte, vergegenwärtigte, zu Geniiithe gezogene, kurz das Bild
des Andern, das mich abhält, ihm liöses zuzufdgcn, oder mich
peinigt und verfolgt, wenn ich ihm bereits Böses zugei'Ugt habe.
Das Gewissen hängt daher auts innigste mit dem Mitleid zusammen
und beruht auf der Empfindung oder Ueberzeugung von der Wahr-
heit des Satzes: was du nicht wünschest, das dir die Andern thun,
das tbue ihnen nicht! Ja es ist selbst niebts anderes als das
Mitleid, aber mit dem Stachel des Bewosstseins, der Urbeber
des Leids zu sein. Wer keinen Glttckseligkeitstrieb bat, weiss nnd
fttblt niebt, was Unglttck ist, bat also kein Mitleid mitUnglttcklicben;
nnd wer kein verdoppeltes, verschärftes, gesteigertes Mitleid em-
pfindet, wenn er sich bewusst ist, den Andern unglücklich gemacht
zu haben, der hat kein Gewissen. Nur,, weil ich mir auf Grund
meines GlUckseligkeitstriebes bewust^t bin, dass ich dem Andern
bitterböse wäre, wenn er mir das l ebel angethan liättc, das ich
ihm angethan habe, sehe ich ein, wenn ich zur Besinnung, zum
Nachdeoken Uber mein Thun komme, dass ich Unrecht gethan
habe, dass ich alle Ursache habe, mir selbst bitterböse zu sein,
mür keine Betnedigimg des eignen GlUckseligkeitstriebes mehr zn
gönnen, weil ieb den woblberecbtigten Glttckseligkeitstrieb des
Andern tbOriebter nnd frevelbafter Weise verletzt habe.
Post faetnm poenitet aetnm: Erst nach der Tbat erwacht
nnd entsteht das Gewissen; aber diese That ist keine gute, sondern
hüscj erst naeb der bösen That also erwacht duis büäc Gewissen,
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Und Diir dieses kauii man im Sinne haben, wenn njau das Gewissen
iui Widort-prucb mit dem (UUckscligkeitstrieb findet; denn dass
das gute, das !)eglückeude Gewissen mit demselben zusammen sich
reimt und stimmt, das versteht sich von selbst. In der Tbat ist
auch nur das böse Gewissen der Ursprung des Gewissens oder
das ursprüngliche, naturwüchsige, nnvertalscbte, wesenhat'te und
wahrhaitey dieses Namens würdige Gewissen. Um ttber das Ge-
wissen ins Beine zu kommen, muss man daher sich nicht Raths
erholen wollen in den Schriften nnsrer Horaltheologen oder Moral-
Philosophen, wo von einem irrenden, zweifelhaften, wahrscheinlichen»
und wer weiss noch wie vielen andern theoretischen und prohle-
matischen Gewissen die Kedc ist; man muss das Gewissen, wie
überhaupt alle Dinge, die nicht unmittelbar sinnliche Gegenstände
sind , da anpacken und aul'grcilcn , wo es aus der Region des
blossen Denkens, Meinens und Zweifels, also eben aus der Region
des irrenden und zweit'elhaiten Gewissens heraustritt , wo es aus
einem Objekt der T.ogik ein pathologisches Objekt, in der Gestalt
von Erinnyen oder Furien ein Gegenstand der Empfindung und
Anschauung, also eine nnbezweifelbare, unleugbare, sinnlich gewisse
Thatsache wird, so sinnlich gewiss, aJs das corpus delicti, das
hier vor meinen Augen als der sinnliche Beweis memer Frevelthat
dasteht. Dieses Gewissen ist aber nur das böse Gewissen. Und
das böse Gewissen ist nur der in den Eingeweiden meines eignen
Glückseligkcitstricbes wühlende, verletzte Glückseligkeitstrieb des
Andern. Was ich dem Andern angethan, das thue ich nun an
seiner 8tatt mir selbst an; was ich im Guten und in Frieden mit
ihm und mir selbst nicht anerkannt habe, dass es nämlich nur
eine gemeinschaftliche Glückseligkeit gibt, das anerkenne ich jetzt
auf umgekehrte Weise, im Bösen, im Zwiespalt mit mir selbst
So rächt sich der verletzte Andre an mir ; in meiner Gewissenspein
vollstrecke ich nur aus Sympathie, aus, leider! erst nach der That
erwachtem Mitgefühl, Mitleid, das Urtheil, das er Aber mich, seinen
Verletzer, geföllt, den Fluch, den er aus schwergekränktem Herzen,
vielleicht zugleich mit seinem letzten Seufzer, gegen mich aus-
gestossen hat. „Schafft mir doch die Bauern weg, sie hören nicht
auf, mich zu ängstigen und zu quälen!" so seufzte der „wlirtem-
bergische Alba" auf seinem Todtenbett. „Befreit mich von der
erdrosselten Schwägerin mit ihrem Kinde, die mir nicht von der
Seite weicht und mich Tag und Nacht verfolgt I'' „Üie Leichen
verfolgten mich, mir drohend im Traume", so äusserten sich ge-
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299
meine Mörder, Verbrecher, so Äussert sich Überhaupt das Gewissen,
das allein Gegenstand der tragischen Poesie und der Philosophie ist*)
Die Stimme meines Gewissens ist keine selbständige Stimme,
keine aus dem blauen Dunst des Himmels oder gar auf den»
wunderbaren Wege der Selbsterzeugung (der Generatio spontanea)
aus sich selbst entsprungene Stimme, sie ist nur das Kcbo von
dem Webegeschrei des von mir Verletzten und dem Stralurtheil
des in dieser Verletzung sich selbst verletzt i'Uhlenden Andern.
Denn ich habe, als Angehöriger dieses Gemeinwesens, Mitglied
dieses Stammes, dieses Volkes, dieses Zeitalters, in meinem Gewissen
kein besonderes, kein anderes Gesetzbuch, als der Andere ausser
mir. Ich mache mir nur darttber Vorwttrfe, worttber mir der Andere,
sei's mit Worten, sei's mit der Faust, Vorwurfe macht oder wenig
stens machen würde, wenn er es wUsste oder selbst der Gegenstand
einer vorwnrlsvollen Handlung wäre.
Das Gewissen stammt vom Wissen oder hängt mit dem Wissen
zusannnen; aber es bozeicbnct nicht das Wissen überhaupt, sondern
eine besondere Abtbeiluni: oder Art des Wissens, das Wissen,
das sich auf unser moralisches Verhalten, unsre l)(isen oder guten
Gesinnungen und Handlangen bezieht. Dieser Unterschied desselben
vom Wissen überhaupt oder vom blossen Wissen ist selbst schon
sprachlich durch die Vorsylbe angezeigt, wie unsre Moralphilosophen
und Moraltheologen richtig bemerkt haben. Aber gleichwohl haben
sie kein besonderes (Gewicht gelegt auf die Bedeutung der deutschen
Vorsilbe: ge; sie bedeutet nämlich dasselbe, was das Syn in dem
griechischen Synekdosis, was das Con in dem lateinischen
Conscientia, als das, was das deutsche ^1 i t. (Gewissen ist Mi t-
wissen. 80 sehr ist das Bild des Andern in mein Selbstbewusstsein,
mein Selbstbild eingewoben, dass selbst der Ausdruck des Aller- ,
eigensten und Allerinnerlichsten, das Gewissen ein Ausdruck des
Sozialismus, der Gemeinschal tlichkeit ist; dass ich selbst in den
geheimsten, verborgensten Winkel meines Hanses, meines Ichs mich
nicht zurückziehen und verstecken kann^ohne zugleich ein Zeugniss
von dem Dasein des Andern ausser mir abzugeben. Wenn ich
auch keinen Zeugen gegen mich habe, keinen Mitwisser, denn der
Einzige, der mich meiner Frevelthat zeihen konnte, ist nicht mehr
unter den Lebenden, und sein Leichnam von mir ins Meer versenkt
*) S. hieriiber mehr in mein»'i* „Tlu^oiroiii«" S, 175 und 166 — 167, und Id^leFt
Versuch eiuer Xheorio disa reli$iös>eu W'ülm&iuui», l> Thi. 102 — lOti.
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oder SQ Asche verbrannt worden, so habe icb docb einen Mitwisser,
einen Zeugen, einen möglichen Verrilther nnd Ankläger an mir
selbst. Das Wissen ist nur erleuchtendes Licht, aber das Gewissen
ist brcnuciidcs, kondensirtes Licht, ist bJises, empfindliches Wissen,
auf (las so gern vertilgte und doch unvertilgbare Bewnsstsein meiner
bösen Tliatcn eingeschränktes Wissen. EinschrUnkung ist Beengung,
Beklemmung. Gewissen, namentlich böses Gewissen , ist beklom»
mcnes, gewaltsam zurückgehaltenes und zusammengepresstes Wissen.
Was Niemand weiss, aber alle Andern wissen möchten und wissen
sollten, weil sie dann wiissten, was aach sie im Nothfall von mir
zn erwarten haben, was ich fttr ein Bösewicht bin, das weiss ich
allein, der Thäter, und doch darf ich es nicht sagen. Welche Last!
Welcher Widerspruch mit dem Hittheilnngstrieb , mit dem Triebe,
auszusprechen, was man weiss und denkt! Wenn sich aber aneli
zu den (Qualen des Gewissens nicht die Qual der Verschwiegenheit,
der gewaltsanion Zurtickhaltung und der Furcht vor Helbstvcrrath
gesellen, wenn kein (Icbeininiss aus den ))egangcnen Verbrechen
gemacht wird, so bleilit es doch das ursprüngliche Merk- und Brand-
mal des Gewissens, dass es im Unterschied von dem gemeinen
Tageslicht des Wissens die Blendleuchte der eigenen bösen That
nnd Gesinnung ist. Gewissen haben heisst ursprünglich ein bdses
Gewissen haben. Wer sich aus seinen bOsen Thaten nichts macht,
wer von ihnen nur ein theoretisohes oder historisches Wissen wie
von irgend einer andern gleichgültigen That oder Begebenheit,
also kein bOses Gewissen hat, der hat gar kein Gewissen, ist ein
nioralisches Monstrum. Und, ich habe ein gutes Gewissen, heisst
urspi iniglich nichts weiter, als ieh bin mir keiner Schuld, keiner
bösen That bewusst, keiner That, die das Tageslicht zu scheuen
« hätte.
Das Gewissen hat nian unterschieden in das der That vorher-
gehende, das sie begleitende, das ihr nachtbigende Gewissen. Aber
nur das letztere verdient, wie gesagt, diesen Namen; denn vor
und während der That hat der Menssh nur sein Interesse, nur die
Befriedigung seiner Leidenschaft, seiner Begierde im Auge; erst
nach vollbrachter That kommt er zur Besinnung, zur Erkenntniss,
zur moralischen Kritik. Vor und während der That schweigt das
Gewissen oder ist wenigstens seine Stimme eine so schwache und
leise, dass sie von dem Thäter überhört wird; aber wo das Ge-
wissen iiiclit so unzweideutig, so veniehnilich wie der Donner er-
schreckt und erschüttert, da kann von Gewissen keine liede sein.
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301
Wäre das nachfolgende und vorhergehende GevviHsen eines und
dasselbe — o wie glücklich wäre das Menschengeschlecht, wie
yerschont mit so vielen, grässlichen Tbatenl Aber das vorber-
gebende Gewissen ist leider nur eine doktrinäre Konsequenz von
dem nacbfolgenden. Logisch setzt freiUch dieses das erstere vorans,
aber in Wirklichkeit gebt dem Gewissen nnd der Tbat, woranf es
sich bezieht, nichts vorans als mein Wesen nnd Wissen Überhaupt.
Bin ich ein Yornehtiger, (Iberall die Folgen erwägender, be-
denklicher oder gar ängstlicher und furchtsamer Mensch, so werde
ich natürlich auch, ja um so mehr, bei einer 1 landhing, die das
Wohl und Wehe meines Nächsten und indirekt mein eigenes be-
trifft, diesen Charakter bewähren, ohne dass man berechtigt ist,
auf dieses mein Wesen das Wort Gewissen, wenigstens in dem
Sinne der Moralisten, anzuwenden. Ja, wenn ich auch einen ent-
gegengesetzten Charakter habe, so können doch vor dem Beschlüsse
zn einer entscheidenden Handlung in mir selbst die grössten Kämpfe
vorgehen, ohne dass desswegen ein Grund vorliegt, zn ihrer Er-
klärung zu einem besondern „verwnndersamen Vermögen'' meine
Zuflucht zu nehmen. Wie das Gfewissen — gedacht in der Beziehung
des Menschen auf Andere — nichts andres ist als das Wehe- und
Rachegeschrei des Andern gegen mich, so ist das Gewissen, gedacht
in der Beziehung des Menschen auf sich selbst, nichts anderes als
das Rache- und Wehegeschrei eines verletzten oder unterdrückten
Triebes gegen seinen Unterdrücker. „Du bist ein Nichtswürdiger",
ruft der Genusssüchtige sich zu, so oft das Gewissen des Thätig-
keitstriebes in ihm erwacht. Der Ausdruck Gewissen ist hier ab-
sichtlich gewählt, er bedeutet aber nichts anderes, als das mit
Tadel, mit Vorwürfen verbundene Bewusstsein. Wie der Mensch
Andere tadelt, wenn sie sich eines Fehlers oder Vergehens, besonders
gegen ihn, schuldig machen, so kann er auch, weil er seiner selbst
bewusst ist und über sich seihst nachdenken kann, natürlich sich
selbst tadeln, wenn er sich eines Vergehens oder Fehlers, ins-
besondere gegen Andere schuldig gemacht hat. Aber bekanntlich
hängt der Sack mit den Fehlern der Andern vorne unter den
Angen, der Sack mit den eigenen hinten auf dem blinden Rücken.
Und es ist hOchst schwierig, wenn nicht geradezu unmöglich, diese
natürliche Ordnung von Hinten und Vorn umzukehren, seine Fehler
so klar vor sich hinzustellen, wie die Fehler der Andern, sieh
unparteiisch zu richten und doch in einer nnd derselben Person
zugleich Partei und Richter zu sein. Aber eben um diese Hcbwierig-
302
keit zu überwinden, dieses Räthsel zu lösen, liat man das Gewissen
zu einem besondern „verwuuderfiamen'^ Wissensvermögen , einem
moralischen »Schatzkästlein, einem geheimen Vchmgericht, einem
Urim und Tunimim im Menschen gemacht. Wie man die Bibel
znm Inbegriff alles Wissens gema4»ht hat, wie man Alles, was ent
Jahrtausende nach ihrer Entstehung der Mensch im Schweiss seines
Angesichtes mtlhselig nach und nach erkannt und entdeckt hat,
selbst die geologischen und astronomischen Wahrheiten, in sie
bineingelesen hat, so bat man das Gewissen, nachdem seine nr-
si)riin*:!;lichc Ik'deiitiing verschwunden war, zu einem moralischen
Factotum und Fühlhorn gemacht, Alles im Gewissen schon im
Voraus a priori entlialten gefunden, was die Menschen erst nach
Jahrhunderten schwerer Kämpfe als Recht oder Unrecht festgestellt
haben, ja was seihst heute noch von der heiligen katholischen
Kirche als Gewissenlosigkeit bekämpft und verdammt wird. Gibt
es ja doch ein spezifisches katholisches Gewissen, und gewiss mit
demselben Rechte, wie es ein spezifisches moralisches Gewissen
im Unterschiede von dem allgemeinen Wissen und Bewusstsein
des Menschen von Recht und Unrecht gibt Ist doch das Gewissen
selbst nur eine von der geoifenbarten Theologie in den Menschen
eingeschwärzte,' von der Moralphilosophie denkgläubig in sich auf-
genommene und gewissenhaft festgclialtene natürliche Theologie.
Das Gewissen ist so sehr von der Theologie und ihrer Diener-
schaft oder, vielleicht richtiger, Herrschaft, der Geistlichkeit, in
Beschlag genommen worden, dass es besser ist, für das Gute und
Richtige, was man mit diesem Worte bezeichnet, andere unzwei-
deutige, keine bangemachenden und irremachenden Nebenvor-
stellungen mit sich bringende Worte zu gebrauchen. Das Gtowiasen
ist, kurz gesagt, als gutes nichts weiter als Freude ttber die einem
Andern gemachte Freude, als bOses nichts weiter als Schmerz,
als Leiden ttber das ihm aus Missverstand oder Fahrlässigkeit oder
Leidenschaft; zugefügte Leid. Das von den Händen der Geistlichkeit
bearbeitete und der Moral libcrlicfcrte Gewissen ist der unter den
Gehorsam des Glaubens an einen belohnenden und strateiiden,
gnädigen und zornigen Gott, d. h an Himmel und Hölle, ewi^je
Seligkeit und Verdammniss, gefangen genommene Glückseligkeits-
trieb. Der von der Herrschaft der Theologie befreite und ana Licht
der Natur gesetzte Glückseligkeitstrieb erblickt aber im Gewissen
nur ein anderes Wort für: Gemttth, Herz, Getttbl für Andere, Mit-
gefühl, Mitleid, Menschlichkeit, Humanität Was ist der Unterecbied
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308
xwiflclieD „empfindlicbem oder unempfindlichem Gewissen''^ wie man
unter Andern sonst nntenebieden hat, als llberfaanpt der Unterschied
zwischen Empfindlichkeit und Unempfindlichkeit? was der Unter-
schied zwischen „rauhem und zartem^' Gewissen, als der Unterschied
zwischen Rohheit und Zartlieit des GemUths, zwischen Brutalität
und Humanität, die sich scheut, auch nur das allergeringfUgigste
Uebel oder Unrecht einem Andern zuzufügen ? Was sind die von
den christlicheu Theologen uns so sehr empfohlenen ,,Gewi88ens-
prnfhngen^' anders, als die Belbsterkenntniss nnd Selbstprttfnngen,
die schon die heidnischen Philosophen gelehrt nnd ansgettbt haben?
Was ist Gewissenhaftigkeit andres als strenge, genane, sorgfältige
Pfliehterftinnng oder überhaupt Bechtlichkeit, Rechtsebaffenheit,
Ebiliekheit? Wenn wir im Gegensatz von nnr änsserlichem Sebeln-
wesen, von Verstellung, von Hcncbelei, das Wort Gewissen ge-
brauchen, was bedeutet es da anders, als eben Herzlichkeit, Auf-
richtigkeit, Wahrhafti^rkeit? Und wenn wir unser g:ute8 Gewissen
der Fama, dem Gerede der Leute, der irregeführten öffentlichen
Meinung, der tonangebenden Verläumdungs- und Verkleinerungs«
sncht entgegensetzen, was anders wollen wir damit aussprechen
• nnd geltend machen, als unser stolzes, aber gerechtes Selbstbewusst-
sdn? Wozu also die Geheimnissthnerei des Gewissens? Wozu
das Gewissen y^rerstricken nnd beschweren^ d. h. dem Naohtsack
eines besonderen Vermögens anfbttrden, was schon m dem Omnia
mea mecnm porto, in der Tasche meines Selbstbewnsstseins als
sonnenklares oder sonnenheisses Bewnsstsein meiner Unschuld oder
Schuld euthalten ist?
Zusätze aus zerstreuten Tapiereu.
Wenn die Glückseligkeit kein Prinzip der Moral oder gar
ein nnsittliches ist, wamm soll die Verneinung desselben in mir
eine Tngend sein, während sie doch fttr die Andern eine Bejahung
desselben nnsittliehen Prinzips ist? Wenn die Negation des
„Willens zum Leben" eine Tugend ist für mich, warum soll ich
sterben für Andere, damit sie leben, also ihren von mir verneinten
Trieb befriedigen V lleisst das niclit aus Sittlichkeit für die Unsitt-
lichkeit sterben? Wenn es eine Tugend ist, sich seines Mantels zu
entäussern, so hänge ich dem Andern mit diesem Mantel meine
Untugend an, während ich mich mit der Tugend schmttcke und
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brttste. Oder wie soll es eine Tagend sein, wenn ich trots des
eigenen Hangen niebt eBse, damit der Andere essen iLttnnei wenn
nur die Negation des Triebes die Tugend zur Tugend maebt? Ist
dies aber der Fall, no mmn ich zu den Andern sa^en: leli eB8e
nichts, al)cr nur (latdr, dasH Ihr auch nichtH esset; ieh sterhe, al»er
dazu, daHH Ihr auch sterl)et, daHS Ihr auch !)C8tätiget, die l^flicht
sei mehr als daH Lelien, daRS Ihr auch den Trieh zum Lehen nej^irt!
Aher ro ist es nicht und soll ch nicht «ein. Die Tugend, die
Pflicht, steht nicht im Widerspruch mit der eigenen Glückseligkeit,
sie steht nur im Widerspruch mit der Glückseligkeit, die auf Kosten
Anderer, zu deren Unglttok, glücklich sein will. Die Tugend ist
die eigene Glttekseligkeity die aber nur im Bande mit fremder
Glückseligkeit sich glücklich (tthlt, die selbst bereit ist, sieh anf-
znopfem, aber nur weil and wenn es das Unglück so fllgt, dass
das Glflck der Andern, die mehr sind als ich, mir mehr gelten als
ich mir seihst allein, nur von meinem eigenen Unf^lllck, das Leben
der Andern nur von meinem eij^cnen Tode a!)]iUngt, au8 tragischer,
«chmerzlich emp t u nd cn c r, aher {gleichwohl ohne W id er-
st rchcn tthcrnommener Nothwcndigkeit , aus, wenn auch nicht
eigenem GlüekHeligkeitstrich, doch aus dem mit Liehe angeeigneten
GlUckseligkeitstriebe der Andern — eine (ilUckseligkeit, die al>er
der Selbstaufopferer wenigstens in der Vorstellung nnd Hoffhang
mitgeniesst
Nicht aus Achtung vor dem Oesetz , aus Achtung vor dem
Andern, wenn auch nicht grade diesem zufälligen Menschen, vor
dem Andern^ der mit Dir Identisch ist, aus Achtung vor dem
Menschen also, ist die MentitUt der Menschen eine absolute.
Autonomie ist uinuitllriieher Selhstzwang, Sei l)stnothz ueli t.
Aclitung allerdings vor dir selbst, — die Piiicbt vertritt nur der
Andere.
Der Wunsch des Andern sei mein Wunsch; denn der Wunsch
des Andern ist mein eigener Wunsch in seinem Fall, an seiner
Stelle. Heteronomie, nicht Autonomie, die Heteronomie als
Autonomie des Ileteros, des Andern, ist mein Gesetz.
Wo kein Gefühl der Lust und Unlust, da ist auch kein Unter-
schied zwischen Gut und Btfse. Die Stimme der Empfindung ist
der erste kate^^orische Imperativ . . . Fttr die blosse rehae, von
aller Empfindung abgcs()n(lerte Vernunft gibt es weder Gott noch
Teufel, weder (Juten noch liöHCs; nur die Vernunft, auf Grund der
Empfindung und %uni Kesten derselben, macht und beobachtet diene
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805
Untenehiede. Die Moral ist so gut eine ErfahrungswiBsen-
fohaf t wie die Hedisin. Was einem Zeitalter der Bohheii nicht
für unmoralisch gilt, gilt emem Zeitalter der Bildung dafür.
Die Gegensätze der Menschen in Betreff der Moral lassen sich
immer auf zwei reduziren; Gltickseligkeitstrieb oder Selbstliebe,
oder Negation der Selbstliebe, Selbstverleugnung, wenn auch diese,
je nach den verschiedenen Zeiten und Menschen verschieden, wie
in der Kantisehen Philosophie, wo der Glüekseligkeitstrieb nicht
yerleognety sondern nur zurückgestellt, aus Ende placirt wird, nicht
an den Anfang; worin nur abstrahirt wird von ihm in der Austtbung
der Pflicht, nur kein Glttckseligkdtsmotiv, als etwas Impures, in
die Pflichtausflbung eingemischt werden soll.
Kant hat das Uebersinuliche ausser und Über dem Menschen
als Objekt der Erkenntniss aufgehoben, aber dafttr den ganzen
Apparat der ttbersinnlichen Welt in den Menschen versetzt
Naehgelassene Aphorismen.
1. Zur theoretischen Philosophie.
Die Deutschen sind, wenigstens auf dem Gebiet der l'hilosophie,
so sehr an das Obskure, Unverständliche, Schwülstige, Verworrene
gewohnt, dass ihnen gerade das Verständliche das Unverständliche,
das Klare das Dunkle, das Begreifliche das' einzig Unbegreifliche ist
Die Philosophie ist mir nicht das Primitive, wie den spekula-
tiven Philosophen, welche, wenn sie auch die Kcligiou, die Poesie
als früher und vor der Philosophie dagewesen erklären, doch ihre
BegriiTe, als die wahrhaft primitiven, voraussetzen, das Voraus-
eilende in ihrem Sinne auslegen.
Denken ohne Sinnlichkeit ist Nichts, Sinnlichkeit umgekehrt
ohne Denken Nichts — das ist doch wohl der eigentliche Kern
des Kant'sehen Systems.
O r b II , Fcui^rbaittu HtiffirfHrliMl a. Nailtlass. II. 20
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m —
Kann ich denken, wenn ioh laufe, wenn heftige KOrperbewe-
gong meinen Kopf in Bewegung setzt? Mius ioh niohl^ am OedaQr
* ken zu fixiren, zum Stehen zn bringen, selbst kOrperiioh fixirt, oder
doeh mftssig bewegt sein? GehOrt also nicht zur Ruhe des Denkens
Ruhe des Leibe»?
Den absoluten Unsinn einer Scluipfung aus Nichts, oder eines
die Welt aus Nichts schaltenden Wesens, haben unsere Piiiiosopheu
zum „absoluten Geist^^ gemacht.
Gott früher setzen, als die Natnr, ist eben so viel, als wenn
man die Kkohe frtther setzen wollte als die Steine, woraus sie
gebaut wird, oder die Arehitektur, die Kunst, welche die Steine zo
einem Gebftude zusammengesetzt hat, frtfher, als die Verbindnng
der ehemisehen Stoffe zu einem Steine, kurz als die natQrliche £nt-
Stehnng und Bildung des Steines.
Nicht denkendes Denken, nicht Denken, das nur sich zum
»Subjekt und Objekt, zum Organ und Zweck hat, sondern sehendes
Denken, hörendes, luhlcndos Denken! Oder auch umgekehrt, den-
kendes Sehen, denkendes Fühlen!
Das Uebersinnliche hinter dem Sinnlichen ist der Menseh vor
dem Sinnlichen.
Ich bin nicht unterschieden von den Dingen und Wesen ausser
nur, weil ich mich unterscheide, sondern ich unterscheide mich,
weil ich phy sisch, kör])criich, tliatsächlicli unterschieden 1) i n. Das
lievvusstsein setzt das Sein voraus, ist nur bewusstes Sein, nur das
»Seiende ab} Gewubstes, Vorgestcüte&'
Meine Philosophie kann nicht durch die Feder erschfipft wer-
den, findet nicht Platz auf dem Papier; denn für sie ist nicht das
Gedachte das Wahre, sondern das, was zwar auch gedacht, aber
auch gesehen, gehOrt und gefühlt wird.
Kant reprttsentirt die Revolution, Ilcgcl die Restauration. Was
Kant gestürzt, die Herrschaft des Uebersiunlicben, hat Hegel wieder
hergestellt.
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«
307
Mir gilt aaoli die Idee, aber nur aaf dem (Gebiete der Menfleh-
beit, der Politik, der Moral, nicbt auf dem Gebiete der Natnr, der
PhyBiologie. '
Kant hat Reebt: das Sul^ekt mnss dem Objekt in der Unte^
SQcbnng Toransgeben. Aber das Subjekt ändert sieb mit
der Zeit. Wir sind niebt mehr matbematiscbe, a priori'sche, wir
sind empirische, a posteriori'sche Menschen und Subjekte. Das der
Unterschied zwischen dem Kant'scheu, dem lö., und dem Id. Jahr-
hundert.
Der Mensch kennt und versteht von sich selbst, von der Natur,
der Welt, nur die Gegenwart, von der Vergangenheit nur so viel,
als sie eben Spuren, noch gegenwärtige Zeichen von sich in der
Gegenwart zurückgelassen bat Weisst Du etwas von Deiner frtt*
tiesten Kindheit, von den ersten — vielleicht entseheidenden —
Einflüssen auf die Bildung und Gestaltung Deines Wesens ? £rforsobe
was Du bist, und was um Dieb istl Auf diesem Wege nur kannst
Du zu dem gelangen, was niebt mebr ist; aber ein Kind bist Du,
wenn Du von dem, was binter Deinem Bewusstsein liegt, dem An-
fänglichen, dem nicht Gegebenen, dem Dunklen, anfängst, um von
hier aus das Dir doch selbst Bekannte zu erklären.
Wer meine Religionsphilosophie anerkennt, muss auch meine
Prinzipien der Philosophie anerkennen. Man denke nur an die
Bedeutung, die in meiner Religionsphilosophie dem Körper der
Gottheit gegeben wird. „Gott ist ein körperliches Wesen." Warum
ist aber in der Hegerschen Religionsphilosophie keine Spur von
einem kOrperlioben, sinnlichen Gott zu finden? weil in seinen Prin-
npien, in seiner Logik keine Spur von einer prinzipiell ontologi-
geben, ut ita dieam, szientiviseben Anerkennung des Ktfiperlieben
zu finden ist
leb bin vom Uebersinnlicben zum .Sinnlieben Übergegangen,
babe aus der Unwabrbeit und Wesenlosigkeit des Uebersinnlieben
die Wahrheit des Sinnlichen abgeleitet. Natttrlieh ist meine Stel*
lung, meine Aufgabe eine ganz andere, als die Aufgabe derjenigen,
die unmittelbar vom Sinnlichen anheben.
Materialismus ist eine durchaus uiii)ussende, falsche Vor-
stellungen mit sich führende Bezeichnung, nur insofern zu eutr
20*
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»obiildigeiii «Ii der immaterialitttt des Deukenti der Beele, die
BfaterialitUt des Denkens entgegensteht Aber es gibt fttr uns nur
ein organisches Leben, orgnnisebes Wirken, organisches Denken.
Also Orgunismns ist der rechte Ausdmek, denn der konseqnente
Spirituaiist leugnet, dass das Denken eines Organs bedürfe, während
auf dein Stuudpuukt der Naturanschannng e» keine Tliätigkeit obue
Orgau gibt.
Der Haterialismns ist (Hr mich die Grundlage des Gebftude«
de« menschlichen Wesen« und WisHcns; über er ist lUr mich nicht,
WüH er fllr den i'livsiolof^en, <leii Natui lorHchcr itn vD^anm Hinnc,
z. H. MolcKcliott iht, und /war uotbwüiidig von ihrem btaudpuukte
und Üeruio aus ist, das Gebäude selbst
KUckwHrts stimme ich den Materialisten vollkommen bei, aber
nicht vorwärts« •
„Die Heele hat keine Figur und (icHtait.^' Doch, die heelc
des Menschen hat die Figur oder Gentalt den Menschen, die der
Katze die Figur der Katze. Fben so ist die Seele sichtbar, greifbar;
die sichtbare beele ist eben der Leib. Der Unterschied swiseben
Heele nnd Leib ist nur der, dass die Heele sich selbst^ der Leib
einem Anderen sichtbar und greifbar ist
Der Mensch ist so sehr sionlicb, dass er selbst die Negation
der »Sinne — Geist — nur von den .Sinnen abgezogen hat. Gebt
— Luft, VViudj GeUt ist Wind und Wind ist Geist
Der »Streit oder Gegensatz zwiriehen MulerialihniUN und Idealis-
mus ist uicht der zwischen Materie und Geist, Leib und Seele,
sondern der zwischen Kmptinden und Denken; denn die Emptfn*
dung ist durchaus materialistisch, kOrperUch, wie schon die Alten
behaupteten. U« handelt sich also nur um die LOsung des Ver-
hältnisses von Denken und Empfindung.
£s gibt Fragen, die so absolut dumm und verkehrt gesteUi
sind, dass ihre Beantwortung absolut unm()glicb. Dies gilt beson-
ders von den Fragen, die der Gebt, d. h. der von der Katerie sieh
absondernde und gleichwohl In dieser Absonderung die Empfindung
sieh vindbsbrende Geist an die Materie stellt, d. b« an den orgaui-
sehen KOrper.
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309
Ich will nichts Anderes geschrieben haben, nichts Anderes nach
meinem Tode im Andenken der Menschheit zurücklassen , als die
,,Theogonie^', oder mit anderen Worten: „D&b Wesen der
Religion''. Und selbst Ton dieser einen Sehiift beanspmehe ieh
nur die Wahrheit nnd Richtigkeit des Grundgedankens, des Prin-
zipes ; alles Andere, Form, AnsfUhrnng, Darstellnng gebe ieh preis.
Nnr Eines will ich geleistet, nnr Einen Grundgedanken ins Licht
des Bewnsstseins der Menschheit gesetzt haben, sonst nichts. Ich
bin kein Schreiber von Profession, am wenigsten ein Viel-, Gem-
ünd SchJinscbreihcr. Ich schreibe nur aus Pflicht, nicht aus Lust;
aus Kothwendigkeit, nicht aus Liebe und schrii'tstellerischer Eitelkeit
Es war eine Zeit, wo mau glanbte, man könne und dürfe in
allen Stücken Fortschritte machen, während man in der Religion
ein Simeon Stylites sei; umgekehrt scheint man jetzt zu glauben,,
dass man das Religionsgebäude zerstören könne, ohne damit das
stille Geisterreich der Logik und Metaphysik, geschweige die Ka-
sernen des modernen Staatsgebäudes zu beunruhigen oder gar zu
erschüttern. Es gibt wohl Unzählige, bei denen der Satz: Dens
est enti singulare, eine praktische Wahrheit, bei denen die Religion
etwas gänzlich Vereinzeltes ist, was in gar keinem Zusammenhang
mit ihrem übrigen Thun und Treiben steht, in deren Kapitolium
die Religion den abgelegensten, verborgensten Winkel einnimmt,
wohin kein Strahl von dem Liebte fällt, in dem sie ausserdem
leben, einen Ort, wo es nicht geheuer ist, wo allein noch die Ge-
spenster und Geister, die aus dem öffentlichen Leben verbannt sind,
ihre Znflnehtsstätte ünden. Es gibt wieder Andere, bei denen die
Rdigion nicht eine solche obskure Rolle spielt, gleichwohl aber
etwas so Innerliches und Abgeschlossenes ist, dass auoh hier der
angeführte Satz seme Geltung hat Aber diese Fälle haben keine
allgemeine, keine das Wesen der Religion selbst erschöpfende Be-
de utunu^ Dem Satz: Dens est ens singulare, steht der Satz:
Dens e^s t ens universale entgegen ; Gott aber ist nichts An-
deres als der erste und letzte Wille, der erste and letzte Gedanke
des Menschen.
Etwas anderes ist der metaphysische Atheismus, welcher
die Gottheit in abstracto und an sich selbst betrachtet, und nun
. als ein sich widersprecbended Wesen erweist; etwas ganz anderes
der anthropologische oder psychologische, welcher 4iQ
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310
({ottbcit alH ein dem Mcoscben inuerlicheSy subjektives We^eu er-
l'asst und nachweist
Die Philosophie ist die j;eistige Heilkunst die Wiederher-
siellnng der verlorenen Gesundheit. 8ind wir gesund, so brauchen
wir den Arzt nicht mehr. Die Heilkunst weieht der LebenskoBSt.
Die PbikNwphie ist ein nothwendiges UebeL
„Der jnnge Doktor versteht niehts, denn er mnss die Leute
sehen; ich gehe zu meinem alten Arzt^ der Bezepte vendireibt
aus der Feme^S ohne sinnliehe Erkenntniss, ohne Autopsie. So
urtheilte ein unverständiges Weib, so urtheilt das gewöhnliche Ge-
lehrten-PubHkum auch Uber die neueu I'hilosopheu, die die Sinne
gebrauchen, um die Menschen von ihren IrrthUmern und Geistes-
krankheiten zu kuriren. Was Vorzug, was Nothwendigkeit, ist in
ihren Augen Mangel, Fehler.
Hegel steht auf einem die Welt konstruirenden, ich auf einem
die Welt als seiend voraussetzenden, sie als seiend erkennen wol-
lenden Standpunkte; er steigt herab, leb hinauf. Hegel stellt dmi
Mensehen auf den Kopi, ieh auf seme auf der Geologie mh^Klen
Fflsse.
Als ich ein Knabe war, glaubte ich die Melodien, die ich
' vollkommen im (iehör und im Kopfe hatte, sofort in den Fingern
und Tasten zu haben, sie daher mit derselben Leichtigkeit, mit der
ich sie pieil'en konnte, auch aut dem Klavier spielen zu können.
Gerade so macht es die spekulative Naturphilosophie mit der Ntf-
tur, namentlich mit dem organischen Körper, den sie ohne Kennt-
niss der Klaviatur oder Organisation, oder wenigstens ohne steh
darum zu kttmmem, nach dem Belieben ihrer voig^assten Begiüb-
leier spielen ISsst.
Warum ich nicht mit einem Wörtehen der grossen Entdeckung
des Tantheismus und Deismus vermittelnden „Theismus" der Herrn
Fichte, Ulrici etc. gedenke? Weil ich Uberall nur mit Quellen-
studien mich abgebe, das Wasser meiner Mühle nur aus reinen
Quellen schöpfe, das Znckerwasser dieser Leute aber unter der
Kritik, wenigstens meiner Feder i«t
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311 -
„Göttlich'' ist die iieu-schelHngschc l^hilosopliic, d. h. ^rytho-
logie; Alles ist voll CJöttcr in ihr, coucedo; nur eius fehlt in ihr
— was leider, wie ich gezeigt, das verborgene Subjekt aller GiUter
— es ist der Mensch. Herr Schellii^ weiss nur von Gott — so
schon in seinen frühesten Schriften, aber gar nichts vom Menschen.
Wahrscheinlich hat dieser aneh seiner Person gefehlt^ was ich je-
doch nicht weiss.
•
f^Wie erkennen wir die äussere Welt?" — Wie erkennen wir
die innere Welt? Wir hahen ja keine anderen Mittel für nns
als fttr Andere! Weiss ich denn etwas yon mir ohne Sinne?
Existire ich, wenn ich nicht ausser mir, d. h. ansser meiner Vor-
stellung existire? Woher weiss icl\ aber, dass ich existire, nicht
in der Vorstellung, sondern sinnlich, wirklich, wenn ich nicht durch
die Sinne mich wahrnehme?
„Die Bäume belehren mich nicht'* sagt Sokrates. Allordings
lehren sie mich nicht reden, nicht dialektische Hebammenkttnste;
aber sie lehren mich schweigen, die Natur nicht nni: nach meinem
egoistischen, teleologischen Sinne auslegen; sie stellen mir den Grund
meines Wesens, das waa hinter meinem Bewusstsein liegt, ausser
mir Tor Augen.
Unsere bisherigen Philosophen sind nichts als mediatisirte,
dnrch den abstrakten Begriff vermittelte Theologen.
Ich bin allerdings darin Philosoph, dass ich streng Wesen von
Sehein trenne. Aber das ist eben mein Unglück, denn die Herren
und Damen liebca und wollen nur das scheinbare Wesen.
Je weniger die Menschen über einen Gegenstand wissen, desto
mehr philosophiren, spekuliren und kritisiren sie darttber.
„Halbdunkel", clair-obscur, oder vielmehr obscur-clair, lieben
und verehren die Leute in der Philosophie. Es ist das, was die
Halben und Unentschiedenen Glauben, im Gegensatze zum Lichte
des Unglaubens nnd dem Dunkel des Aberglaubens, oder vieimehr
des alten und wahren Glaubens nennen. Was aber eine Tugend
der Malerei, das ist nicht desswegen auch eine Tugend der £r-
'kenntnisB.
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- 312
VÄn pliiloHopliiKchcH System ist ein PartikiilarismuH an der
htellc des Universalismus der oaturgemässen WeltaDscbauaog.
leb habe zn einem Gegenstände der empirischen Wissen-
schaft gemacht, was bisher fUr ein jenBeits des Wissens liegen-
deSi auch von den Besseren nur dem Unbestimmten, dem Glauben
Angehöriges gefasst worde. Das, was ftlr keinen C^enstand ni-
erst wirklichen, dann auch nnr möglichen ^IHsscms galt, wie die
Astronomie, zn einem Gegenstande des Wissens zn machen, ist
fiberbanpt der Gang der Wissenschaft. Znerst kommt die Physik,
dann die Pneumatik. Zuerst der Himmel des Auges, dann der
Himmel des GcmUtbs, des Wollens.
„Furcht", sagt Lucrez, „hat die Tröttcr f^escbaffen, aber wer
schuf diese allmächtige Furcht ? • (Lichtenberg, Vcrm. Sehr, VI. |
277.) Der GlUckseligkeitstrieb. Darauf kann freilich der
tbeologiscb ins 1 Unendliche Fragende wieder fragen: Aber wer
schnf den Glttckseligkeitstrieb? Ich antworte darauf, wer ancfa
nnr die Wanze, den Floh, die Lans schnf. Was lebt, liebt, wem
anch nnr Sich, Sein Glttck und Wohl
2. Zur Religionsphilosophie.
T.egc etwas in Deiner Wohn- oder Studirstube ohne Grand,
absichtslos an eine Stelle, lasse es dort eine Zeit lang liegen, und
Dn wirst Dich scheuen, es an einen anderen Ort zn legen, ans
Besorgniss, durch diese veränderte Lage Dich in Deiner Rnhe Dod
Ordnung zu sttfrenl So mächtig ist auch in ganz gleichgfllligeD
Dingen die Gewohnheit! Was einmal an diesem Ort steht, dis
soll nun ftlr immer an demselben stehen, aus keinem anderen
frrunde als weil es, obwohl zuerst ohne Grund, blos aus Zufall,
dahin gestellt worden ist. Wie sollte man sich nun wundern über
den Has« gegen religifise und politische Veränderungen, die stets
Störungen der bisherigen Ordnung und Hube sindi*
Höchst wichtig ist auch die Gewohnheit im Gebranch der
Wörter. Man sage statt Heil: ,;Wobl, Wohlsein"} wie werden die
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313
Ueilslchrer rIcIi darüber entsetzen! Und doch hat das hci1i;^c Wort
nrsprtinglich denselben profanen Sinn, nur dass durch die Abson-
dernng dieses Wortes im Grebrauch für das religiöse Wohl, welches
doch selbst aueh,. wenn auch nur im Jenseits, das körperliche
Wohlsein bedeute^ das Wort Heil einen besonderen, mystischen^
heiligen Sinn bekommen hat
Uebertricbcn nannte ein Theologe die Heliaiiptiingen im „Wesen
des Cbristenthumes^', z. B. dass das ,,Gcbet allmächtig sei''. Ja
wohl, dem modernen ungläubigen Glanben ist auch der GUiube
selbst eine Uebertreibnng, ja €rott selbst* ein Übertriebenes
Wesen.
Die Elenden ! wenn der Glaube energisch wirkt, seinem Wesen
gemäss uugehindert sich entlaltet und hethätigt, so nennen sie das
nicht mehr Glaube, sondern Fauatiismus.
£s handelt sich bei mir nicht um Zerstörung einer Illusion, als
wäre ich ein Begriffs-Fanatiker, Feind aller, also auch der poeti-
schen, auch der smnlich-optischen Illusion — nein! es handelt sich
um die Zerstörung emer Heuchelei, eines Betruges.
Nicht wider die Religion sein, aber Uber ihr sein! Die Er-
kenntniss ist mehr als der Glaube. Ist auch wenig, was wir wissen,
dieses bestimmte Wenige ist doch mehr, als das uebeihal'te Mehr,
das der Glaube vor dem Wissen voraus hat.
Gegenstand meines „Wesen des Christenthums" war nicht, die
ersten historischen Anlange und Anlässe eines religiösen Institutes
oder Dogmas zu untersuchen; mein Objekt war das fertige, aus-
gemachte, weltbeherrschende Christenthiiin, waren die dasselbe jetzt
noch zeugenden und erhaltenden, rechttertigenden, psychologischen
Gründe. Was hilft es, wenn man z. B. nachweist, das Mönebs-
leben und die Ehelosigkeit der christliehen Priester wären die Fol-
gen der Lehren der gnostischen Enkratiten (Grätz, Geschichte der
Juden). Die christliehen Klöster bevölkerten und erhielten sich, .
nachdem längst die Lehre, in der Weise der Gnostiker wenigstens,
verschwunden, bevölkerten und erhielten sieh durch die Vorstellun-
gen eines weltlosen, ttbersinnUchen Gottes und Jenseits ^ kurz, iu
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au
Folge von ünmanenteDy den Elosterfrennden innewohneBden Gpttn-
den. Der jttdisebe €k>tt erzeugt kein Kloster; denn der Jade denkt
Gott nnr in Beziehnng anf die Nation, als Gesetzgeber, Volksregen-
ton — das Ghristenthnm aber in Beziebnng anC sieb selbst (daher
Trinität); niclit nur als den Menschen und speziell das israelitiscbe
Volk iiebendeö; sondern sich selbst liebendes und denkendes Weseu.
Es ist ]i(5chst bcnicrkeuswcrth und vcrhiingnissvoll, dass das
Christcnthum, das nur von Liebe und Versöhnung spricht, mit dem
Zwiespalt zwischen Theorie and Praxis, Glaube und Werk, Paulos
nnd Petrus beginnt.
^erm Benan bat der in meinen Sobriflen berrsebende Ton
„entrttstet*^ Kern Wunder! Wen das Gloekensplel der Markos-
kirebe in Venedig so bezaubert, dass er aus dem vermeintlicben
Mangel, dass ich es nicht gehört hätte, den Mangel meiner Auf-
lassung der Keli.2:ion, natürlich der katholischen ableitet, den muss
nothwendig der Ton in nicineu Schriften vcrdutzen, ein Ton, der
allerdings gar nichts mit dem eines Glockenspiels gemein hat.
Der Mensch lernt eher den Namen des Dinges, als das Ding
kennen; daher kommt es, dass der Mensch auf den Gedanken
kommen kann : das Wort (Gott) ist eber als das Ding, der Gegen-
stand des Wortes.
Ein Mensch, dem bei der Religion der Verstand stille steht,
der die Religion von den Gesetzen der fortschreitenden Entwick-
lung ausniniuit, die Religion nicht in den Kreis seines Denkens
und Forscheus zieht, seinen Glauben, seine Religiosität dem Bediiri-
niss der Bildung enthoben glaubt, ein solcher Mensch, sei er sonst
auch noch so gebildet und gelehrt, ist ein Halbgebildeter, ein Ualb-
menseb.
Was bat man nicht Alles Aber die Seele gedacht und ge-
Bcbrieben, und doeb hatte all dies Spekuliren keinen anderen Gruad
oder Zweck, als den Wunsch der Unsterblichkeit zu befriedigen.-
. Denn der langen Rede kurzer Sinn war zuletzt immer der: also
ist die Seele unsterblich. Der Beweis: ich bin Geist, ist der Be-
weis; ich bin unsterblich.
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315
Der Mensch maoht die UnsterbUehkeU su einer mit der Naitor
der Seele nothwendig yerbnndeneoi ja identisehen fügenschafty d. h.
er identifizirt mit seinem, dem wünschenden Wesen, die Sache der
Unsterbliehkeit; er maeht das Wnnschwesen zum metaphysisch-
objektiyen, an sich seienden Wesen, welches ohne Wunsch, selbst
wider Wunsch unsterblich ist.
Ich unterscheide mich von den Theologen dadurch, das.s jene
sich nur an das Wort Gottes, ich aber an deu binu Gottes
mich halte.
„Keine Moral ohne Religion^'; d. h. im Sinne der Pfaffen:
K^e Bildong ohne Barbarei, ohne Bohbeit, oder keine Liebe ohne
Hass, kern Opfer ohne Eigennntz.
Den Glauben an böse Geister schreiben die Schmeichler und
nnd Lobhudler des Christenthunis seinem Zusammenhange mit dem
Heidenthum und Judenthuni zu, als gehöre das nicht zu ihn», nicht
zu seinem Wesen. Und doch steht nothwendig dem nur, dem Über-
trieben guten Wesen, von dem der Mensch jeden Schatten eines
"Mangels entfernte, ein übertrieben, ein nur, ein unendlich böses
Weeen gegenttber.
Die Religion ist Poesie , aber praktische, interessirtc Poesie,
die Poesie der Furcht yor Uebeln und der Hoffnung auf Gutes.
Die Katholiken und Protestanten haben, vom Staate unange^
fochten, Beligionsfreiheit, d. b. Freiheit von der Vemunfl;, von den
Gesetzen der Humanifftt, die Freiheit, durch Missionen dem Volke
den Verstand aus dem Kopfe und das Geld aus dem Beutel zu
nehmen. . *
•
„Christas ist Gott<' sehreibt der Bischof von Buch. Natürlich
wenn Christus nicht Gott, so bin ich kein Bischof, d. h. kein Stell-
vertreter Gottes, kein vergötterter, sondern ein gewöhnlicher, pro-
saischer Mensch ; Christus muss mehr sein, als ich, damit ich mehr
sein kann, als Du. _ ,
Einst war nicht nur für ddn nicht unterscheidenden Pöbel, .
sondern auch t'lir den Gebildeten Kirche und Keligiou eins« Aber
jetzt hat die Kirche keine Keligion mehr.
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316
Alle religiöse oder theologische Heiligkeit ist oor Hcheio. Was
Grand und Wahrheit hat, behauptet sieh durch sich selbst, ohne
heilig gesprochen zu werden. Je weniger etwas an sieh ist, desto
mehr machen die Menschen daraus, desto mehr httllen sie es is
heilip^e» Dunkel. Oerade das, was nicht ftlr heilig gilt, ist in
Wahrheit das Heilige.
,,I< li hin von jeher frei {^^ewcHcn, ieli hahc nie geglaubt, ich
brauche liicrüher niehts zu h'sen. We^^ also mit dem F." lelj
muthc Euch nicht zu, niieh zu Ichcu, aber die Ikmerkunir ümism
ich mir denn doeh hrd'licliHt erlauben: Ein groHser UnterHchied int
zwischen der Freiheit der Erkenntniss und der Freiheit der Indif-
ferenz und der Unwissenheit von den Gründen, die der Glaube
fttr sich hat
Die Blattlaus gibt wohl ohne Bedenken zu, dass das Bhitt,
dass die l^anze aus der Natur entsprangen ist; aber dass auch
sie selbst, die Blattlaus, ans derselben Quelle stamme, das begreift
8ie nicht, sich kann »ic nur ans einem besondern BiattlauH-Gott,
einem Ul>crnatürlichcu lilattiauswcHcn erklären.
Wie die Astronomie die sui)jeklivc, erscheinende Welt von der
objektiven, der wirkliehen, untcrHclieidet, so hat die „Athcintik",
in Wahrheit die Theononiie, welche sich ebenso von der Theo-
logie unterscheidet, wie die AHtronomit^ von der Antrologie, die Auf-
gabe, das von der Theologie fttr ein objektives Wesen gehaltene
subjektive Wesen als solches zu erkennen, den Schein vom Wesen
zu unterscheiden. Die Theonomie ist die psychologische
Astronomie.
3. Moralphilosopbie und Moralitäten.
Nur der Mennch int etwas, der innerhalb seiner Gränzen bleibt,
der nicht mehr sein*wiU, als er ist und sein kann.
In unwesentlichen y äusseren Dingen folge Andern^ in weseot-
lieben dir aelbst.
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- 317 -
Man mii88 sich ntobt auf Menschen verlassen, das keisst: Ver-
laste dieh nicht auf Andere, sondern anf dich selbst, wenigstens
in Allem, was du selbst thun kannst und daher selbst thun sollst
Das sind die tüchtigen und glücklichen Menschen, die keinen
Gegenstand angreifen, ausser den, dem »ie gewachsen sind.
Besser ist scheinbare Furcht, als scheinbarer Muth — besser
ist, du scheinst feige und bist muthig, als du scheinst muthig und
bist feige; besser ist tlberhanpt, du scheinst weniger su sein,^denn
du bist, als du scheinst mehr zu sein, denn du bist
Was mich am meisten an den Menseben irre gemacht hat, ist,
dass die wenigsten zwischen falscher und wahrer Scbönheit, an-
genommenem und eigenem ^Vcsen, Kunst und Natur, Original und
Copie zu unterscheiden wissen.
Es gibt Meuschcu, welche gerade soviel Geist haben, als nöthig
ist, um Andern, die keinen Geist haben, weiszumachen, dass sie
Geist haben«
Die moderne Sittlichkeit ist eine Sache der Polizei. Gerechtig-
keit, Bechtschafifenheit ist Sache der freien, männlichen Tugend;
Sittlichkeit haben wir im Ueberfluss, aber Tugenden sind sehr rar.
Wie kann es auch anders sein unter der Herrschaft des Polizei-
diraen und des Ghristenthums ?
^ Wer keine Verachtung, keine Geringschätzung ertragen kann,
der ist zu nichts Grossem bestimmt, und wer uicht klein begiuueu
will, der endet nicht gross.
Die Menschen sind nur da Mensehen, wo es mit ihren Interessen
Ubereinstimmt, Menschen zu sein, oder wo sie kein Interesse haben,
nicht Menschen zu sein. Wo sie aber nur. im Widerspruch mit
ihrem Eigennutz, ihrem Egoismus Mensch sein können, sind sie
lieber Bestien.
Geistreiche, thätige Naturen, versetzt in beschränkte, ihrem
Wesen niclit entsprechende oder gar widersprechende VerhHltnisse,
gerathen diulureh in eine uunalUrliehe Spannung und Irritation,
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818
die bei dem geringsten Anlasse in Heftigkeit «nsbrieht, in exnltiiien
Aensseningen aller Art sieh Lnft macht Sie nShm sieh an den
wanden ihres GeHlngnisses, ihres beschrankten LebenskrelseSy vnd
betinden sich dadurch stets in einem entzttndlicheu Zustande.
Die Freiheit im populären, d. h. aUgemeinen Sinn bedentet
nichts anderes als die Abwesenheit eines Itlhlbaren Zwanges. Was
der Mensch gezwungen tbut, das that er nnfrei, ungenii denn gern ■
uud i'rei lalli zu^ammeu.
Es ist nichts lacherlicher, als an glauben, dass die Menschen '
durch die Lehre von der Nothwendigkeit der menschlichen Willens-
handlungen unli ei , oder durch die metaphy sische Lehre von der
Freiheit nun auch frei gemacht wUrden. .
Die Freiheit wird wie alle solche allgemeine Worte in einem
so unhestimmten Sinne genommen, dass Vielen die Aufhebung der
Freiheit, d. h. der phantastischen Freiheit, identisch ist mit der
Aufhebung selbst der willkürlichen Ortshewegung, dass sie sagen:
„Der Mensch ist nicht frei'' ist eins mit dem Satze: „Der Mensch
ist nicht Mensch, nicht ein bewegliches Wesen, sondern eine Pflante,
ein Stein «
Wie rdmt sieh mit der Natomothwendigkeit der Freiheit die
Gesetzlosigkeit der Phantasie, des Irrlfaums, der Abweiehnng tob
der Nothwend^keit zusammen? Dieser Einwurf ist gerade so, als
wenn der Erkenntniss, dass die Bewegungen der Tbiere nur nach
dem Gesetze des Hebels, der Mechanik erfolgen, die aberwitzige
Frage entj^egengestellt wird: wie reimt sich denn mit dieser Gesetz-
mässigkeit das Hüpfen und Springen, das dahin uud dorthin Laufen,
das Fallen und Fehltreten der Thiere zusammen?
Die aus der Religion hervorgehende Moral ist nur Almosen,
das aus den Schätzen der Kirche und Theologie den Menscbeo,
diesen Armen, d. h. Bettlem, hingeworfen wird. Der Priester ist
nur moralischer Almosenspender.
Zu meiner Abhandlung tiber den Willen. So wenig es in
meinem „Wesen der Religion" meine Anfgahe ist, zu beweiseo,
dass kein Gott ist, freilich auch nicht, dass ein Gott ist, so wenig j
ist es hier meine Aufgabe zu beweisen, dass der Mensch keiue j
Digitizeöby
— m
li^naiuite WiUeufirnlttil bat, freUieh auch niiht, dass er eine
hat Wie ieh dort mr die Griade «Bteimehey die den Memekeii
xam GottesgUiben bcetimmen, so war hier wenigstens meine Heapt-
lofgtbe nur, die Orflnde ni ermtttela md dannistellen, die den
McDBchen besthnmen, sieh ftr liei sn bähen.
■ Die Philosophie Kant s, namenthch steine Moral, ist eine liage-
stolze Form ohne Materie; Manu ohne Weib und Kind. „Keine
Vernunft", reine Anschannng, reine Tugend — die unhetieikte
Emptangniss der heiligen Jungfrau, übersetzt in den Begriff des
hotestantismos. Dort kein Mann, hier kein Weib, keine Materie.
Dass Kant die Piieht für neb aeUrat» ohne Bttcksiebt anf Glfick-
BeUgkeit, dem Menseben aom Zwecke setzt , das bat wohl einen
riehtigen pädagogischen nnd moralischen Zweck, drückt aber keinen
metaphysischen, d. h. das Wesen des Menschen betreffenden Ge-
siehtspnnkt aus.
Kant schrieb eine Moral nicht nur tür Menschen, sondern l'lir
alle möglichen veiuünttigen Wesen. Hätte er doch lieber ausser
lUr Professoren der l'hilosophie, die allein diese ausser den Menschen
existirenden anderen Wesen sind, fUr Taglöhner und Holzhacker,
für Bauern nnd Handwerker seine Moral geschrieben! Anf wie
gaas andere Prinaipien wSre er da geraiben! Wie saner wird
diesen Menseben das Leben gemacht, wie geht alle ihre Th&tigkeit
wir darauf hinaas, sich %n emShren; wie glaeklich sind sie, wenn
sie nor etwas fUr sich nnd die Ihrigen zu essen, zu kleiden
haben! Wie sehr ist bei ihnen die Heteronomie die Autonomie,
der Empirismus das Gesetz ihrer Moral! *
Wo Sein mit Willen verbundeuj ist Wollen und Gllickseliirsciu
Wollen identisch. Sein ohne Willen ist gleichgültiges Hein, aber
Sein mit Willen, Sein, das Gegenstand des Willens, ist Wohlsein.
Wohlsein ist aber nichts anderes als dem was ist, seinem AVesen,
s^en Organen nnd Bedürfnissen, seinen Keignngen und Trieben
entsprechendes Sein.
Zum Mitleid. So offen, so populär ist der in ihm enthaltene
Crlückselii^keitstrieb, dass es selbst im Lexikon, wie im Mozin hoisst:
on se pleure soi-meme, cn pleurant les autros.
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320
Contra Scliop. : Das 3Iitleiden entspringt nnr ans dem Xiehi-
selbsl-Leideii-Wollen, setst den GlttekBeligkeitetrieb Torans.
Mitleid ist eine iVeiwillige Herablassung und Konzcssiwu ues
GlUcklii-heu gegen den Unglttcklicheuj- ich will nicht glücklich sein,
wcnu Du es nicht hist
Ich bin and war von jeher Pesaimist gegen die Gegenwart,
aber desswegen nicht gegen die Znkunü
Glückseligkeit!? Nein, Gerechtigkeit, la Jnstice! Aber Ge-
rechtigkeit ist nichts als die gegenseitige, oder beiderseitige Glück-
seligkeit, im Ctegensats an der einseitigen , egoistischen oder par-
teiischen Glflckseligkeit der alten Welt
Als ich einst in einer Gesellschaft wider meine Gewohnheit
philosophirte, und, ich weiss nicht mehr auf welche Veranlassung
hin, behauptete, dass die Glückseligkeit die eigentliche Gottheit
des Menschen, die erste und letzte Bewegnngsnrsache seines Wollens
und Thons sei, entgegnete ein in der Gesellschaft befindheher
Professor mit Lachen: j^oh habe in meinem Leben nicht nach
Glttckseligkeit gestrebt'*, nnd gbinbte natürlich damit meine Be-
hauptung YoUständig enIkrSftet zn haben. Der gnte Professor
bedachte nicht, dass ein Mensch, der nach einer Professor strebt
— und danach hatte er doch auch gestrebt — eben damit auch
nach Glückseligkeit, freilich nur nach Professoren -GlUcksehgkeit,
strebt • • .
Er hat sie gevriUilt n seiner Fraa nnd hat sich an diesem
Benife, dieser Knnst bestimmt, im G^^satze davon: er ist dam
gezwungen worden. Diese Wahl, diese Selbstbestimmung bedeutet
keineswegs die Freiheit im Sinne eines freien, grundlos sich selbst
bestimmenden Willens, sondern nur: er hat sich dazu aus Neigung,
aus Liebe bestimmt, d. h. also aus einem, dem leereu, grundlosen
Willen geradezu entgegengesetzten Grunde.
Es gibt eine im Gegenstande selbst, nicht nor in den daiaii
sich lür die Ruhmbegierde und andere egoistische Triebe ergehendeo
Digitizecj l> »^JüOgle
821
Folgen I liegende Liebe, wenn auch im Beginn, ehe der Mensch
es zu einer Fertigkeit und Mdstersehaft in der Beschäftigung mit
demselben gebracht hat, andere Triebe, wie Verlangen nach Ehre,
Vergnügen, ihn anfenem, wie das in der Jugend der Fall ist
(Contra Helyetinm.) Das Mittel wird zum Zwecke. Es wäre eine
Absurdität, einem Mathematiker, Philosophen, Naturforscher als
Triebfedern seiner Uuteisuchungeu und seines Nachdenkens nur
die Liehe zum Ruhme, zum Geld, zum Vergnügen unterzulegen,
d. h. zum Vergnügen, das nicht ein Resultat seiner Forschung ist,
das man auch ohne Mathematik, ohne Philosophie , ohne Natur-
wissenschaft haben kann ....
Man kaim gegen sich selbst nicht genug idealistisch
— idealistische Willensforderangeui „kategorische ImperaÜTe" stel-
lend — aber gegen Andere — Ausnahmen, die höchst schwierig
zu konstatiren smd, ausgenommen — nicht genug materialistisch
— gegen sich selbst nicht genug Stoiker, gegen Andere nicht genug
Epikuräer sein.
Nichts ist trostloser, nichts in seinen Folgen und Wirkungen
geistloser, als eine ununterbrochene geistige, nicht durch geistlose
Thätigkeit unterbrochene Thätigkeit zu haben. Nur Unterbrechungen
erhalten den Geist frisch| ungebrochen.
Wie ein guter Wirthschafler mit einem kleinen Vermögen,
einena kleinen Gute mehr leistet, als ein sehlechter mit einem grossen
Gute, so richtet auch der schlichte gemeine Mann mit wenigen
Begriffen und Kenntnissen — mit wenigen, oft nur ein paar Büchern
— mehr aus, als gelehrte Prasser mit ihren grossen Bibliotheken
und ihrer Vielwisserei.
Die Anzahl der Leute, die nicht belehrt werden wollen, ver- |
steht sich Uber Dinge, die ihren Interessen, Wünschen und an- >
gelernten Begriffen widersprechen, ist nicht geringer, als die Anzahl
derer, die nicht belehrt werden kennen, aus Mangel an Anlagen
und Bildung.
Die armseligen Literatenseelen, die glauben, dass der Mensch
nicht mehr ist, mehr kann und weiss, als er schreibt, die, weil sie
selbst nichts fUr sich sind, nichts haben, als was sie auf dem
O'rUn, Kenerlmcha liriertvvclHc-l ii. N«<-Iiln«x. II. 21
Digitizecj l> »^jOOgle
322 '
Büchermarkt feil bieten, nun auch dasselbe bei jedem andern
Menseben voraussetzen, die daher den papiemen Mensehen, den
Mensehen, wie er für sie ist, fttr den Menseben an sicbi den ganzen,
vollen und wahren Mensehen halten! Allerdings kann man anch
ans der Schrift den Menschen erkennen , benrtheilen; aber dazu
gebOrt der feinste Sinn und jener Blick, der aber nicht Jedermanns
Sache ist, welcher aus dem Fra^ente das Ganze, aus der Ueber-
Setzung das Original zu erkennen veruia^.
Die SelbHüindigkeit eines Menselieii und GeiHtcs zu begreifen,
dazu gehört Helbnt ein selbständiger Oeist, ein unabhängiges Ur-
tbeiL Die Unbequemlichkeit, die jeder selbständige Kopf bereitet,
beseitigen sie dadurch, dass sie ihn bei ihren bereits bequemen
Begriffen und Kategorien unterbringen; oder sie widerlegen ihn
- dadnich, dass sie ihn auf bereits, wenn anch nnr ihrer Meinung
nach, längst widerlegte Systeme und Gedanken znrflckversetzen,
antiqniren.
Meister Julian Schmidt! Weil Du selbst ein halbes Herz,
ein halber Kopt, ein halber Mensch bist, glaubst Du, dass nur
11 albgeliil d cte mir beistininien V Wer sind sie? Die noch nicht
ganz Verbildeten, ganz Verschrobenen, ganz Verstockten. Es sind
diejenigen, die noch gesunden Menschenverstand, noch »Sinn ftlr
einfache Walirheit haben. Wo hat denn das Christenthum zuerst
Boden gefasst? Waren es die ganz Gebildeten, die sich fttr das
Christenthnm entschieden? Waren es nicht die Ungebildeten nnd
Halbgebildeten? Habt denn ihr, die ihr dem Christenthnm, doch
ohne es kennen nnd ohne es zu wollen, das Wort redet, nicht
darin seine Wahrheit gefhnden, dass es ebenso dem Qebfldeten
wie dem Ungebildeten nnd Halbgebildeten zusagtV Halbgebihlct
sind gerade die Leute, wie Herr Julian Schmidt, Leute, die
halb Atheisten, halb 'l'bcisten, balb frei, hall) unfrei sind, Leute,
die zu keiner ganzen, entschiedenen, mit sich einigen Anschauung
und Ueberzengung in religiösen und politischen Dingen es bringen.
Das Urtheil eines Julian Schmidt ist das Urtheil eines
Knaben über einen Mann. Wenn ein Knabe einen Bfann benrtheilt,
wie kann sein Urtheil anders als lächerlich, schief und verkehrt
ausfallen?
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323 —
Woher kommt es, dass wir in fremden Sprachen geschriebene
Schriften höher stellen, wenn sie auch nicht dem Gehalte und Geiste
nach höher steheD, als die in unserer Sprache geschriebenen? Es
istj abgesehen von dem Beize des Fremden, das Selbstgefühl, das
mit der Ueberwindnng der Schwierigkeiten in fremden Sprachen
Terknüpft ist, das Geftthl unserer eigenen Meisterschaft, das den
ausländischen Stttmper zum Meister macht Den einheimischen
Schriftsteller kann Jeder lesen, sem Verständniss kostet nichts, ist
Sache jedes Lumps, der nichts gelernt hat; aber das Verständniss
einer fremden Sprache ist aristokratisch, kostet Mühe, Zeit und Geld.
Ich bin in der deutschen Literatur nicht nur Landraaun, son-
dern auch ein Bergmann, arbeite nicht auf der Oberfläche; mir
fehlt darum gänzlich die Routine des gewöhnlichen Schriftstellers,
welche nur die von den Bergleuten an die Oberfläche gebrachten
Erze verarbeiten und in Umlauf setzen.
Schriften, die man liest — lesenswerthe versteht sich — sind |
Einnahmen ; Schriften, die man selbst schreibt, Ausgaben. Ich liebe I
jene mehr, als diese. Wenn ich so wenig Ausgaben au Geld, als \
an Gedanken gemacht hätte, wie reich wäre ich!
Mein Kopf ist wie die spinozistische Substanz, in die, wie \
Hegel vortrefflich sagt, Alles hinein, aber aus der nichts herausgeht.
Wie oft sagt der Mensch: ja wenn ich an seiner Stelle wäre,
wenn ich auch als Prinz geboren wäre, so wollte ich ganz anders
handeln I ohne zu bedenken, dass wenn er eben an der Stelle emes
Anderen, wenn er in der Lage, dem Stande, der Umgebung des
Anderen geboren wäre, er nicht derselbe, d* h. dasselbe Ich wäre,
tlas er jetzt ist.
Sei tolerant gegen den Aberglauben, aber nur in alten, unver- i
änderlichen Individuen; dehne diese Toleranz nicht auf deine Kin- I
der aus! Licht kann man nicht genug verbreiten; was du nur '
immer beleuchten, erforschen, durchschauen kannst, da» musst du
anch klar machen, dir selbst und vor Allem deinen Kindern. £s
gibt kern anderes Gesetz, keine andere Richtschnur, das lacht in
die KOpfe zu bringen. Wer wird je zu dem gefährlichen, heim-
tttekischen Dunkel des Aberglaubens iseine Zuflucht nehmen wollen I
21*
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324
Findest du denn in dem unermesslichen Bereich des Lichtes keinen
Gegenstand, der dir den Trost, die Wärme geben kauU| die du im
Dunkel des Aberglaubens suchst?
Es hat Zeiten gegeben, wo man, wie z. 1^. in Eng^land, otTcn
und ungcscheut den Werth des Menschen nur nach dem Inhalte
seines Beutels anschlug. Aber, wenn auch verdeckter und ver-
stohlener Weise, hiingt im Allgemeinen im bürgerlichen Leben die
Wichtigkeit des Menschen nur vom Gewichte seines Geldsackes
ib. ,|Geld ist der Mann.'' Ja, in der That: was vermag der
Mensch ohne dies Instrument der Instrumente? Wer kein Ver-
mögen hat, der hat auch keinen Willen.
[ Herr Schlosser ist, wie die deutschen Gelehrten überhaupt,
' 1 reisinnig dem oflenen Obskurantismus gegenllber; aber so wie es
j zum wirklichen Liberalismus und zur That kommt, der grüsste
I Obskurant, den es gibt.
4. Politik.
(1841—47.)
Die Auflösung der Theologie in die Anthropologie auf dem
Gebiete des Denkens ist auf dem Gebiete der Praxis, des Lebens,
die Auflösung der Monarchie in die Kepublik.
Der Dualismus, der Zwiespalt ist das Wesen der Theologie —
der Zwiespalt das Wesen der Monarchie. Dort liaben wir den
Gegensatz von Gott und Welt, hier ^den Gegpensatz von Staat und
Volk. Dort wie hier steht dem Menschen sem eigenes Wesen als
ein anderes gegenüber, — dort als ein Wesen im AUgemeinen,
hier als ein wirkliches, persönliches oder individuelles Wesen. „Die
Fürsten sind G($tter'S d. h. Wesen, die etwas anderes zu sein
scheinen, als sie wirklich sind, die sieb nicht von anderen Menschen
der Tliat nach unterscheiden, der Einbildung nach aber für Weseu
anderer und höherer Art gelten.
Die Einbildungskraft ist die Stärke der Theologie, und die
Einbildungskraft die Stärke der Monarchie. Nur so lange lUsst
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_ _ 325
sich die Menschheit von Fttrsten beherrsehen, als sie sich von der
Einbildung beherrschen lässt. Fürsten herrschen nur, wo die Phan-
tasie den Menschen beherrscht Lnxns, Pomp, Glanz, Schein anf
der einen, Noth, Elend, Dürftigkeit auf der anderen Seite, sind die
nothwendigen Attribute der Monarchie. Die Einbildungskraft äussert
und gelallt sich nur in Superlativen; dem allerhöchsten Glücke ent-
spricht nur das allertiefste Unglück — dem Himmel nur die Hölle,
dem Gotte nur der Teufel.
Nicht die Zeiten nur der Revolutionen, sondern auch, ja noch
mehr, die ihnen vorhergehenden, die rIc vorbereitenden sind die
interessantesten der Geschichte; so die der französischen Bevolution
vorhergehenden, wo Ein Yorwärtsstreben alle Geister erflUlte.
(Aus den 50er Jahren.)
Die Dinge fassen sich ganz anders an mit der ])lüssen Hand,
als mit dem ledernen Handschuh der IStaudeswUrde.
Der Verstand der Standespersonen reicht insgemein nicht
über die Gränzen ihres Standes. Ihr Stand ist der Stand*
punkt, von dem aus ede alle Dinge ansehen.
Kur die „Lumpen'^ sind Revolutionäre! Natttrlieh, mit einem
schweren Geldsack auf dem Buckel kannst du kdne hohen Sprünge
machen.
Was herrscht aul" der Fürsten Thron? Ach, nur der eitle Schein.
Nur tief unten wird geschenkt der Wahrheit reiner Wein.
Alles ist Schein in dieser (politischen, bürgerlichen) Welt —
ausser ihrem Elend.
„Halbgebildet'' — eine damals von den Reaktionären gegen
alle Nichtstudirte, die sich m Religion und Politik zur Freiheit be-
kannten, gebrauchte Redensart — „ist, Herr Landrichter, nur Der,
dessen Gesichtskreis, wie der unscici Bureaukraten, sich nicht
Uber die Hälfte der Erdkugel erstreckt, der nur das für recht, wahr
und vernünftig hält, was in dem alten Europa besteht, der seine
Gedanken und Gesinnungen nicht über die Schranken der europäi*
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326 -
schcD Duodcz-Monarchieu bis zur Aneikeanimg der grofifien ameri-
kaoischen Demokratie erweitert hat'^
„Halbgebildet, Uerr Landrichter^ sind gerade die eingebildelea
yyOebUdeten'^ der höhem Stände; denn ihr charakteriatisehes Wesen
besteht gerade darin, dass sie halb gläubig, halb nngläabig, halb
obskur, halb knltivirt — kaltiyirt, was Kttnste, Lebeusgenttsse and
Uiiterhaltuugsgegenstände betrifft — halb Barbaren — Barbaren,
was Religion uud Politik betrifft. Diesen Zwicj^pult autV.uliebeii,
(las war eben die Auigabc, die Idee der freien Genieiuden, der
Deutsclikatholiken, der l)c.sj5ern Demokraten, der Freidenker. Aber
eben die Aufhebung dieses Zwiespaltes bat die Halbbildung unserer
Staaten mit allen Mitteln der Barbarei unterdrückt, und sie lebt
heute noch in dem barbarischen Dünkel, dass dieses ganz gebil-
dete, ganz ungläubige, ganz freie Wesen, weil es äusserlich
erdrttckt, das heisst nach innen getrieben, auch wirklich maus-
todt ist"
Staatenmoral I Was ein Orsini thut, das geschieht natffrlieh mit
Bewnsstsein; aber das Legat, das der Kaiser Na])oleon l. dem
Irauzcisiscben Unteroffizier, der den Wellington morden wollte, ver-
machte, das machte er im Zustande einer Geistesverwirrung!
Die rfaften und Aristokraten schreien Uber den ^laterialismus,
tiber den Eigennutz der Gegenwart. Warum? Weil man den
Herren nicht mehr allein das Kecbt des Eigennutzes einräumt, weil
auch der Bauer, der Pöbel, das gemeirie Volk Überhaupt, nicht mehr
Alles den Pfaffen und Aristokraten zur Befriedigung ihrer Herrsch-
nnd Habsucht fiberlassen, sondern selbst etwas haben und sein wiU.
Der Minister von der Pfordten äusserte unlängst in der Kam-
mer: „Die nordamerikanischen Staaten sind so sebr auf der
ersten Stufe der staatlichen Entwicklung, so sebr in einer An-
fangszeit oder in der Kindheit der staatlichen Entwicklung, daj^s
eine Vergleichung mit unsereu Kuitorzuständen und Staatseinrich-
tungen unstatthaft ist/' Diese Aeusserung ist wahrlich im höchsten
Grade sonderbar. Wo hat man je gesehen, dass ein Volk in seiner
Kindheit sich selbst regierte? Wo ein Kind ist, da muss auch ein
Papa sein. Wo ist denn aber der Papa der amerikanischen Re-
publik ? Wo ein Kind ist, da ist auch ein kindlicher Sinn, Wor-
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— 327
nach steht aber der Sinn eines Kindes? Kaeh glänzenden Unii'or-
men, nach Adelswappen, nach Orden nnd anderen Dekorationen
nnserer Üieatralischen Staaten. Wo sind aber in Amerika diese
Einderspielzeuge? Wo hat ein Volk in seiner Kindheit einen
Franklins- Kopf? Die Anfänge unserer Geschichte verlaufen sieb
wohl in die Kindermärchenwelt der Phantasie; aber Amerika be-
ginnt am hellen, lichten Tage der Geschichte, beginnt seine, nament-
lich von England unabhängige Existenz mit dem gesunden
Menschenverstände. Thomas Paine' s Sehrilt, die einen so
wesentlichen Einfluss auf die amerikanische Revolution hatte, heisst
nicht umsonst der ^^gesunde Menschenverstand^'. Amerika verdankt
seine Freiheit der unerträglichen Skhiverei Enropa's, seine Weis-
heit der nnverbesserlichen Thorheit der europäischen Politik. Eu-
ropa pocht auf sein Alter, aber Alter schützt vor Thorheit nicht.
Europa ist ein alter Sünder, der, so oft er sich auch anfirafit^ immer
wieder in das alte Laster znrtteksinkt. Haben wir nicht erst Tor
Kurzem die Dragonnaden Liulwig's XIV,, die einen grossen Theil
der Hugenotten nach Amerika vertrieben, unter uns erlebt, nur mit
dem Unterschiede, dass unsere Dragonnaden nicht gegen religiöse,
sondern politische Ketzer, gegen die Demokraten gerichtet waren?
Ist also unsere Politik, ob sie gleich um fast zwei Jahrhunderte
seitdem älter geworden ist, vernünftiger als zur Zeit Ludwig's XIV.?
Was hilft es also älter zu werden, wenn man nicht gescheidter wird?
Uebrigens ist das Alter Amerika's nicht nach enropäischen Begriffen
zu bemessen. In Amerika whrd die Menschheit nicht auf einjsm
Biittelalterlichen Frachtschiff, oder einem Thum- und Taxis'schen
Postwagen weiter befördert; Amerika macht seme Fortschritte mit
der Schnelligkeit der Dampfschiffe und Eisenbahnen, macht daher
in Stunden mehr Eriahrung, als das langweilige Pairopa in Jahren.
Die Geschichte der Vergangenheit Anierika's ist die Geschichte der
Zukunft Europa's. Amerika ist im Laute seiner Entwicklung, im
Gebrauch seiner Kraft nicht gehemmt durch das Fideikommiss einer
todten Vergangenheit. Amerika fragt nicht nach dem, was einst
war, sondern nach dem, was sein soll und sein muss. Amerika
ist längst da, wohin £uropa erst nach langen KSimpfen kommen
wird. Amerika hat Nichts hinter sich, Alles vor sich.
Der wahre staatsmännisehe Kopf glaubt nicht an die Freiheit
des Willens, sondern an die Nothwendigkeit der menschlichen
ilaudlungen, daran, dass die Menschen unter diesen und jenen
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328
Umständen und Verbältoissen so and nicht anders denken nnd
handeln werden nnd kOnnen. Der Demagoge der Verschwörer, der
Geheimbündler dagegen bant seine Sache nur anf den guten Willen,
anf die Gesinnung, die Freiheit, und ersetzt daher die Nothwendig-
keit der Natur des Menschen und der Dinge durch willkürliche
Ndthigung, durch terroristischen Zwang, durch die Faust, den Dolch
oder die Guillotine.
(1857 — 1860.)
Unsere „Konkordate" sind nichts anderes, als Konkordate der
Wissenschaft mit der Unwissenheit, der Kultur mit der Unkultur,
der Gegenwart mit der Vergangenheit
I^e Freiheit ist allerdings das Höchste, aber sie ist ebenso
wenig wie die Idee Anfang, sondern Ziel, kein physisches, ange-
borenes Vermögen — der Mensch ist nicht Ireigeboren sie ist
Resultat der Bildung, ireüicb auch auf Grund angeborener, ent-
sprechender Anlagen,
Ich begreife nicht, wie ein Idealist oder Öpiritualist, wenn er
wenigstens konsequent ist, politische üusserliche Freiheit zum Ziele
seiner ThStigkeit machen kann. Dem Spiritualisten genügt ja die
geistige Freiheit; je grosser der Druck aussen, desto mehr hat er
Veranlassung, die geistige Freiheit dagegen geltend zu machen.
Politische Freiheit ist im Sinne des Spiritualisten der Materialismus
aul dem Gehicte der Politik. Zur wirklichen Freiheit gehört in
der That auch materielle, körperliche. l'resslVciheit macht nicht
nur meinem Kopfe, sondern auch meinem Herzen, meiner Lunge,
meiner Galle Luft und Haum. Dem Spiritualisten genügt die ge-
dachte Freiheit.
„Ich habe Becht'^ ist so viel, als ich habe Gewalt, wenn
auch nicht in nnd durch meinen eigenen, doch durch den Arm der
Obrigkeit
0, Sie PfifSkus! „F. hat sich tlbei)ebt!<< — Aber gleichwohl
lebt noch der heilige Vater, und ich sage Ihnen, Herr Superklug,
so lange noch der Papst, die Bischöfe, noch Konsistorialräthe, noch
Geistliche, noch Theologen, noch die Kirche überhaupt, noch Könige
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von GotteBgoaden n. b. w. existiren, so lange hat sich auch noch
F. nicht überlebt Nur wenn diese- nicht mehr existiren, dann, aber
anoh nur dann, existirt, lebt auch F. nicht mehr, nnd dann mit
Freuden singt er sieb selbst ein: „Gate Nacht| ihr Herrn, lasst
eneb sagen'' etc.
Ans Castelar's Rede gegen eine spanische Monarchie:
„Die Geschichte der Menschheit ist ein steter Kampf zwischen
den Ideen und Interessen; für den Augenblick siegen immer
die letzteren, auf die Dauer immer die Ideen."
Welch' ein Gegensatz ! Sind denn Ideen nicht auch Interessen,
nicht auch, jedoch für den Augenblick nnr verkannte, verachtete,
verfolgte, noch nicht wirkliche, gesetzlicb anerkannte, den besonderen
Interessen einzelner jetzt herrsebender Stände oder Klassen wider-
sprechende, &ir jetzt nnr in der Idee existirende Interessen, allge-
meine, menschheitlicbe Interessen? Ist Gerechtigkeit nicht ein all-
gemeines Interesse, nicht ein Interesse der mit Ungerechtigkeit
behandelten, wenn gleich nicht, wie sich von selbst versteht, der
diese Ungerechtigkeit ausübenden, der nur in Vorrechten ihr In-
teresse findenden Stünde und Klassen? — Kurz der Kampf zwischen
Ideen und Interessen ist nur der Kampf zwischen Altem und
Neaem.
Nicht umsonst habe ich in der 2. Ausgabe meiner „Geschichte
der Philosophie'^ von Spinoza die Aeusserung hervorgehoben: je
suis hon R^publicain, wie anderwärts, so auch hier unter dem
Namen Spinoza meine eigene Gesinnung nnd Ueberzeugung aus-
gesprochen. Von Gesinnung bin ich unbedingter Republikaner, als
Demokrat von Kopf aber freilich bedingter, d. h. für die Republik
nur da, wo Zeit und Platz flir sie ist, wo die Menschen auf dem
dieser Staatsverfassung entsprecheudeu iStaudpunkte stehen.
Es gibt nur zwei Erzfeinde für uns, — geistig das Papst-
thum, weltlich das Kussenthum.
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5. N a t u r.
„AoB einer onriehtbaren Ordnung der Dinge sind wir entsprangen.^
So konnte man aof dem frtthem Standpnnkte der NatnrwiasenBoliaft
alienfalte reden. Aber jetzt heisst es: ans einer sichtbaren Ordr
nong der Dinge sind wir entsprangen.
Das Leben besteht ans denselben Stoßen wie die äussern so-
genannten leblosen Körper. Aber es ist eine so besondere, so
innige, so (»rii;inelle Verl)induu^' derselben, dass sie die Begrifte
tibersteigt, die wir von den äussern, der menschlichen Willkür und
chemisehen Fabrikationstiiätigkeit unterworfenen Körpern nnd Stoffen
abgezogen haben.
Wie viele glückliehe Umstftnde müssen sich yereinigen, dass
die FrOchte auf dem Felde nnd an den Bänmen znr gehörigen
Reife kommen! 80 selten ein Genie, so selten ist ein glückliches
Jahr. Wie viele Versuche, wie viele Ansätze der Natur niiss-
lingen! — Warum gibt es denn nicht jedes Jahr Obst, Wein, gutes
Getreide? So war es auch nur unter der Gunst glücklich zusammen-
treffender Umstände, dass der Mensch auf und aus der Erde entstand.
Die Laufbahn der Geschichte der Menschheit ist allerdings
eine ihr vorgezeichnetey weil der Mensch dem Laufe der Katar
folgt, wie ersichtlich am Lauf der Ströme. Die Menschen ziehen
dahin, wo sie Platz finden, nnd zwar einen ihnen entsprechenden
Platz. Die Menschen lokaÜsiren sich, sie werden bestimmt darch
den Ort, wo sie sind. Das Wesen Indiens ist das Wesen des
Inders. Er ist, was er ist, was er geworden, nur das Produkt der
indischen iSonne, der indischen Luit, des indischen Wassers, der
indischen Pflanzen und Thicre. Wie sollte also der Mensch nicht
ursprünglich aus der Natur cntspnniiron sein? Die Menschen, die
sich in alle Natur schicken, sind entsprungen aus einer ^atur, die
keinem Extrem baldigte.
Populäre Ausgangspunkte, um die Menschen Aber die Esels-
brücke der Teleologie hinweg in die Natur einznfUhren, sind die
merkwtirdigen Bildungen mancher Felsen, zum Beispiel die Katar-
brücke in Virginien, die Basalt -Säulen, woraus man konsequent
vom Standpunkte der Ideologie aus schlicsscu uitisstCi dass aie
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ein Brückenbaumeisterl ein Maurermeister o. 8. w. so gemacht
haben mtisse. Wenn man Leuten, die nichts von der Naturwissen-
sohafty der Mineralogie verstehen , Krystalle zeigt, so werden sie
ungläubig stutzen oder lächeln, wenn man ihnen sagt, dass diese
so in der Natur vorkommen, dass sie nicht von menschJicher Kunst
so geschaffen seien. Ist aber der Schluss auf einen teleologiseben
Verstand überhaupt nicht derselbe, wenn auch abstrakter, der
sinnlichen Augenfilliigkeit entblösstcr, als der Schluss, dass diese
glatten Ebenen, diese spitzigen Ecken und Kanten von Instrumenten
der Kunst so gemacht sein müssten? 80 macht der Menscli in der
Telcologie sein auf dem bewussten Gegensatz von Öul)jckt und
Objekt beruhendes Verhalten zu dem ursprünglichen schaffenden
Wesen der Natur!
„Sie haben ja noch gar nichts über Politik geschrieben"! —
Nein. — Auch noch nichts Uber Naturphilosophie und Rechts-
philosophie. Aber, mein Bester, wie man durch Schreiben sehr
häufig nur Beweise von semer Unwissenheit und Tölpelhaftigkeit
gibt, so kann man auch durch Nichtsohreiben Beweise von seinem
richtigen Takt und Verstand geben, indem man dadurch eben aus
Sachkenntniss zu erkennen gibt, dass zu dieser Sache, wie z. B.
zur Naturphilosophie, jetzt noch keine Zeit ist.
Ueber die Thiere.
Das Thier lial niclit nur ,,Zustandsbewusstsein es hat auch
Bewusstsein seiner Handiunj;cn. Man sehe nur, wie das l^c-
wusstseiu einer vollbrachten Handlung, einer Handlung, deren Voll-
bringung Muth und Geschicklichkeit oder besondere Kraft erfordert,
das Thier, z. B. den Jagdhund, der einen Fuchs attaquirt und be-
siegt hat, erbebt, stolz macht
Auch das Thier verlegt den „Sitz der Seele'' in den Kopf,
weiss, dass der Kopf erst der Mensch ist Wenn der Hund zu
Dir gesprungen ist, um Dich zu bcgrüssen. Dir die Honneurs zu
machen, so ruht er nicht, ist nicht gewiss, ol) seine Sehnieicheleien
vcrnonmicn und angenommen worden, als bis Du ihm den Kopf
zuwendest, ihm Auge in Auge die \'crsicherung gibst, dass Du
"weisst, dass er nicht einem köpf- und sinnlosen Theile von Dir
seine Ergebenheit und Verehrung bezeugt hat und bezeugen wollte,
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Aach im Thiere finden schon psychologische oder mo-^
raiische Kämpfe. statt. Nllhere Dich nnr einem V<^elne8te ond
siehe den Streit zwischen Egoismus, Selbsterhaltungstrieb, Furcht
yor dem Feinde ond der Liebe, der Sorge fttr die Kleinen, siehe,
wie der Vogel kommt nnd flieht nnd wieder kommt
Waram gibt es denn jetzt keine Urzengung mehr? Wamm
wiederholt sich denn nicht, was einst die Nalnr konnte? Ich frage,
warnm wiederholt sich denn nicht die Zengnng eines und desselben
lndi\ iduunis V Wanini bin ich denn nur einmal in der Welt? Warum
kann dieses Individuum nur dieses Mal, nicht öftere Male ent-
stehen? ^
Worin besteht die Kunst, eine uns an sich selbst unbegreifliche
Sache, wie den Anfang des organischen Lebens, begreiflich an
machen, wenigstens aproximativ? Darin, dass wir Dinge, deren
Anfang nnd Ursprung uns nicht bekannt ist, wenigstens nicht so,
wie wir es wflnschen, die nns gleichwohl aber fUr nichts weniger als
miraknlös gelten, zum Ausgangs- nnd Vergleicbungspnnkt nehmen,
wie z. B. die Entstehung der neueren Sprachen bei der Frage nach
der Entstehung der »Sprache überhaupt.
Welche Verkehrtheit, die rein theoretische Frage nach der
Entstehung des organiischcn und bewussten Lebens zu verwirren,
zu vermengen mit der theologischen , rein positiv religiösen Frage
nach der Existenz eines die Kirche und allen Plunder mit sich
führenden Gottes!
Es ist viel interessanter und gewinnreicher (auch im gemeinea
Sinn) sich natarwissenschaftlich mit den Länsen nnd Flöhen der
Mönche nnd Nonnen, als sieh historisch, anthropologisch mit den
Mönchen nnd Nonnen zn beschäftigen. Aber gehören denn die
Mönche nnd Nonnen, so widerlich, so hässUch sie auch sind, nieht
doch auch in die Naturgeschichte des Menschengeschlechts?
Wie der Mensch ttberall zuerst an sich denkt, nur sieb in
der Natur erblickt, beweist selbst anch die Geschichte der Ver-
eteiueruDgslehrc. In den grandiosen, fossilen Knochen erblickt er
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Koerst die Ueberreste riesenartiger Menschenracen, ehe er sie er-
kennt als von ihm unterschiedenen Wesen angeh()rige.
Der Mensch ist bisher nur ein Accessor, ein Accidenz, ein
Zafali der Ptiilosophie gewesen. «Auch die Naturwissenschaft hat
den Menschen über der Natur vergessen, oder doch zu sehr gegen
sie zarttckgesetzt. Auch der Naturwissenschaft -ist daher eine Kur
oder eine Ergänzung nSthig.
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CMmkt bet E. Ptolz In T^t^gr*
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